Thomas Heberer (Politikwissenschaftler)

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Thomas Heberer (* 13. November 1947 in Offenbach am Main) ist ein deutscher Politik- und Ostasienwissenschaftler mit dem Schwerpunkt China.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heberer studierte Ethnologie, Politikwissenschaft, Philosophie und Sinologie in Frankfurt am Main, Göttingen, Mainz und Heidelberg. 1977 promovierte er im Fach Sozialwissenschaften an der Universität Bremen. Von 1977 bis 1981 arbeitete er als Lektor und Übersetzer am Verlag für Fremdsprachige Literatur in Peking, wo er den Wandlungsprozess von der kulturrevolutionären Phase zur Reformpolitik erlebte.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war er zunächst als vereidigter Dolmetscher tätig. Nach Stationen am Bremer Überseemuseum (Aufbau der ständigen Chinaausstellung), an der Universität Bremen (Habilitation über den Individualsektor in China) und an der Universität Duisburg-Essen (Vertretung des Lehrstuhls für Politik Ostasiens) wurde er 1991 Professor für Wirtschaftssinologie an der Hochschule Bremen. Bereits 1989 hatte er an der Universität Bremen die Lehrberechtigung (Venia legendi) für das Fach Politikwissenschaft erhalten. Von 1992 bis 1998 hatte er den Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Ostasien an der Universität Trier inne, seit 1998 einen Lehrstuhl gleichen Namens an den Instituten für Politikwissenschaft und für Ostasienwissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Seit 2010 ist er zugleich Ko-Direktor des Konfuzius-Instituts Metropole Ruhr an der Universität Duisburg-Essen. Zudem ist er permanent visiting professor an der Zhejiang-Universität, der Renmin-Universität, sowie der Nankai-Universität. 2013 wurde er emeritiert. Unmittelbar danach verlieh ihm die Universität Duisburg-Essen eine Seniorprofessur, durch die er weiter für und an der Universität tätig ist, vor allem in der Grundlagenforschung.

Heberer hatte zahlreiche Gastprofessuren an ausländischen Einrichtungen inne wie an der Seoul National University; an der University of Washington; am China Center for Comparative Politics and Economics in Peking; an der National Taiwan University und an der National Sun Yat-sen University in Taiwan; an der Zhejiang University sowie an der Peking University in China.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heberers Denken wurde von Sozialwissenschaftlern wie James C. Scott, Pierre Bourdieu, Theodor Adorno, Norbert Elias, Lucian W. Pye und Michel Foucault beeinflusst. Als Ergebnis seiner sozialwissenschaftlichen Studien gewinnt er wichtige Erkenntnisse über den Forschungsgegenstand China aus seinen regelmäßigen Feldforschungen. Feldforschung – so Heberer – ist das wichtigste Instrument für das Verständnis von Gesellschaften von innen her. In diesem Sinne schrieb er einmal in einem Aufsatz über den „Wissenschaftler als Reisenden“: „Durch die Entdeckung des Anderen entdecken wir uns selbst, bestätigen wir unsere Überlegenheit oder stellen wir uns grundsätzlich in Frage. Auch Forschung benötigt sinnhafte Anreize, und das Abtauchen in die dionysische Welt der Forschung ist ein solcher Anreiz, der die Transaktionskosten der Reise in entlegene Gebiete gewaltig senkt“.[1]

Seine erste Feldforschung über Nationalitätenpolitik und Entwicklungspolitik in Gebieten ethnischer Minderheiten führte er 1981 im Autonomen Bezirk Liangshan der Yi (Provinz Sichuan) durch. Über die Yi (Nuosu), eine der größten ethnischen Gruppen in China, hat er seitdem immer wieder geforscht, ob über den Privatsektor, ethnische Unternehmer oder Umwelt-Governance.[2] Zudem hat er sich aktiv für die Verbreitung von Kenntnissen über die Yi, auch über den akademischen Raum hinaus, eingesetzt. 1998 organisierte er die zweite internationale Konferenz über Yi-Studien an der Universität Trier, 2006 eine große Ausstellung über die Geschichte, Gesellschaft und das Brauchtum der Yi im Stadthistorischen Museum Duisburg. 2001 hat er überdies 250.000 DM gesammelt (vom Land Nordrhein-Westfalen, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und der Stiftung Mercator) für die Errichtung einer Yi-Minderheitenschule im chinesischen Kreis Meigu. Heberer führt regelmäßig Feldforschung zu verschiedenen politikwissenschaftlichen Themen und in unterschiedlichen Regionen Chinas durch. Unter anderem befasste er sich mit der Entwicklung des Individual- und Privatsektors (1986–88), der ländlichen Urbanisierung und dem sozialen Wandel im ländlichen Raum (1993–95), mit der politischen und sozialen Rolle von Privatunternehmern in China und Vietnam (1996–98), der Rolle von Ideen und Intellektuellen in der Politikgestaltung (1998–2000), mit der Rolle ethnischer Unternehmer und deren Wirtschaftsdenken und Sozialhaltung (Yi-Nationalität, 1999–2003), mit Nachbarschaftsvierteln, Partizipation und kommunitären Ansätzen in urbanen Räumen (2003–2005), mit Umweltverwaltung (2005–2009), Governance im ländlichen Raum (2008–2011) und der Interaktion zwischen lokalen Regierungen und privaten Unternehmern (2012–2016). Gemeinsam mit Gunter Schubert (Tübingen) entwickelte er zudem den soziologischen Ansatz der „strategischen Gruppen“ weiter und analysierte das Verhalten lokaler Kader sowie privater Unternehmer als strategische Gruppen in lokalen Entwicklungsprozessen. In jüngerer Zeit befasste er sich auch mit dem Thema der politischen Repräsentation sozialer Gruppen in China,[3] unter anderem über das Medium des Internets. Ferner arbeitet er über politische und soziale Innovation in China, den chinesischen Entwicklungsstaat (developmental state) sowie „critical junctures“ des autoritären Staates. Seit 2020 befasst er sich mit der Thematik Sozialdisziplinierung und Zivilisierung in China.

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heberer ist unter anderem Mitglied der Editorial Committees bzw. Advisory Boards verschiedener internationaler Zeitschriften (wie: The China Quarterly, dem Journal of China in Comparative Perspective, dem European Journal of East Asian Studies, dem Journal of Current Chinese Affairs, dem Journal of Chinese Governance, der Chinese Political Science Review, der Zeitschrift International Quarterly for Asian Studies, dem Internationalen Asienforum, dem International Journal of Political Science & Diplomacy, der Zeitschrift 国外理论动态/Foreign Theoretical Trends u. a.). Er ist Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Sozialwissenschaftlicher Chinaforschung (ASC) und war mehrere Jahre lang Mitglied des Advisory Board des Europe-China Academic Network (ECAN) der Europäischen Kommission.

Politiker auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene haben ihn immer wieder in beratender Funktion auf ihre Chinareisen mitgenommen (unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck, die Ministerpräsidenten Johannes Rau und Jürgen Rüttgers oder der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link).

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heberer ist Autor oder Koautor von über 40 Buchpublikationen sowie (Ko-)Herausgeber von 23 weiteren Buchpublikationen in deutscher, englischer und chinesischer Sprache sowie einer großen Zahl von Aufsätzen in internationalen wissenschaftlichen Fachzeitschriften in insgesamt zehn Sprachen. Zu den wichtigsten jüngeren Publikationen zählen:

  • Private Entrepreneurs in China and Vietnam. Social and Political Functioning of Strategic Groups. China Studies published for the Institute for Chinese Studies, University of Oxford, Leiden (Brill) 2003.[4]
  • mit Fan Jie und W.Taubmann: Rural China Economic and Social Change in the Late Twentieth Century. Armonk, London (Sharpe) 2006 [Reprint: Routledge, 2015].
  • Doing Business in Rural China. Liangshan’s New Ethnic Entrepreneurs, Seattle/London (University of Washington Press) 2007[5];
  • mit G. Schubert: Politische Partizipation und Regimelegitimität in der Volksrepublik China, Bd. 1. In: Der urbane Raum, Wiesbaden 2008.[6]
  • mit G. Schubert: Politische Partizipation und Regimelegitimität in der Volksrepublik China, Bd. 2. In: Der ländliche Raum, Wiesbaden 2009.[7]
  • mit Christian Göbel: The Politics of Community Building in Urban China. London, New York (Routledge) 2011, Paperback 2013.[8]
  • mit Claudia Derichs: Die Politischen Systeme Ostasiens. Eine Einführung, 3. Aktualisierte und überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2014.[9]
  • Neu bearbeitete Wiederherausgabe von Lin Yutangs Mein Land und mein Volk. Drachenhaus-Verlag, Esslingen 2015.[10]
  • mit G. Schubert, Weapons of the Rich. Strategic Action of Private Entrepreneurs in Contemporary China, Singapore, London, New York et al. (World Scientific) 2020.
  • Ostpreußen und China: Nachzeichnung einer wundersamen Beziehung. Husum: Husumer Verlagsgruppe 2020. [Eine Untersuchung über Erinnerungskulturen, ausgehend von Heberers familiärem Hintergrund.]
  • mit Armin Müller, Entwicklungsstaat China. Politik, Wirtschaft sozialer Zusammenhalt und Ideologie. Hrsg. Friedrich-Ebert-Stiftung. Berlin 2000.[11]
  • Thomas Heberer: Disciplining of a Society – Social Disciplining and Civilizing Processes in Contemporary China. Harvard Kennedy School, 2020 (englisch, ash.harvard.edu [PDF; 4,0 MB]).

Besonderen Wert legt Thomas Heberer auf die Herausgabe seiner Schriften in chinesischer Sprache, um seine Forschungsergebnisse auch einem größeren Kreis von chinesischen Wissenschaftlern erschließen zu können.[12]

Anlässlich seines 70. Geburtstages 2017 erschien im Verlag der renommierten Zhejiang-Universität eine größere Auswahl seiner Schriften zur Chinaforschung (托马斯∙海贝勒中国研究文选), herausgegeben von dem Politikwissenschaftler Professor Yu Jianxing.

In chinesischer Sprache sind u. a. folgende weitere Buchpublikationen erschienen:

  • 作为战略群体的企业家. 中国私营企业家的社会与政治功能研究(Unternehmer als strategische Gruppen. Die soziale und politische Funktion von Privatunternehmern in China), Beijing (Zhongyang bianyi chubanshe) 2003.
  • 凉山彝族企业家. 社会与制度变迁的承载着 (Yi-Unternehmer im Liangshan. Träger gesellschaftlichen und institutionellen Wandels), Beijing (Minzu chubanshe) 2005.
  • 从群众到公民. 中国的政治参与 (Von Massen zu Bürgern. Politische Partizipation in China), Beijing (Zhongyang bianyi chubanshe) 2009.
  • Mitherausgeber D. Grunow und Li Huibin, 中国与德国的环境治理比较的视角 (Umwelt-Governance in China und Deutschland aus vergleichender Perspektive), Beijing (Zhongyang Bianyi Chubanshe) 2012.
  • Mitherausgeber Gunter Schubert und Yang Xuedong, 主动的地方政治。作为战略群体的县乡干部 (Proaktive lokale Politik: Kreis- und Gemeindekader als Strategische Gruppen), Beijing, Zhongyang Bianyi Chubanshe, Dezember 2013.
  • Mitherausgeber Yu Keping und Björn Alpermann, 中共的治理与适应:比较的视野 (Governance und Adaption der KP Chinas: eine vergleichende Perspektive), Beijing (Zhongyang Bianyi Chubanshe) 2015.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zitiert nach Thomas Heberer: Der Wissenschaftler als Reisender – Ein Essay zum wissenschaftlichen Reisetrieb, seinem Nutzen und Erkenntniswert, in: T. Fues/J. Hippler (Hrsg.), Globale Politik. Entwicklung und Frieden in der weltgesellschaft. Festschrift für Franz Nuscheler, Bonn 2003: 358.
  2. Thomas Heberer: The Contention Between Han ‘Civilisers’ and Yi ‘Civilisees’ over Environmental Governance: A Case Study of Liangshan Prefecture in Sichuan. In: The China Quarterly. September 2014, S. 736–759.
  3. Thomas Heberer & Anna Shpakovskaya (Mitherausgeber): Reappraisal of Political Representation across Political Orders: New Conceptual and Analytic Tools. In: Journal of Chinese Governance. Nr. 4, 2019.
  4. Thomas Heberer - Private Entrepreneurs in China and Vietnam. Researchgate. Abgerufen am 8. Januar 2016.
  5. Thomas Heberer - Doing Business in Rural China. Website University of Washington Press. Abgerufen am 8. Januar 2016.
  6. Thomas Heberer & Gunter Schubert - Politische Partizipation und Regimelegitimität in der Volksrepublik China (Band 1 - Der urbane Raum). Website des Springer Verlags. Abgerufen am 8. Januar 2016.
  7. Thomas Heberer & Gunter Schubert - Politische Partizipation und Regimelegitimität in der Volksrepublik China (Band 2 - Der ländliche Raum). Website des Springer Verlags. Abgerufen am 8. Januar 2016.
  8. Thomas Heberer & Christian Göbel - The Politics of Community Building in Urban China. Website Routledge Taylor & Francis Group. Abgerufen am 8. Januar 2016.
  9. Thomas Heberer & Claudia Derichs - Die Politischen Systeme Ostasiens. Eine Einführung. Website des Springer Verlags. Abgerufen am 8. Januar 2016.
  10. Lin Yutang - Mein Land und mein Volk. Leseprobe des Drachenhaus-Verlags. Abgerufen am 8. Januar 2016.
  11. Thomas Heberer & Armin Müller: Entwicklungsstaat China - Politik, Wirtschaft, sozialer Zusammenhalt und Ideologie. Friedrich-Ebert-Stiftung, März 2020, abgerufen am 24. März 2020.
  12. U. a. sind folgende Buchpublikationen in Chinesisch erschienen: 托马斯•海贝勒, 俞可平,安晓波 (主编):中共的治理与适应。 比较的视野。北京,中央编译出版社,2015; 托马斯•海贝勒,杨雪冬,舒耕德共同主编: “主动的”地方政治:作为战略群体的县乡干部“。北京 (中央编译出版社), 2013年; 托马斯•海贝勒,迪特•格鲁诺,李惠彬共同主编:中国与德国的环境治理(比较的视角) (中文)。 北京 (中央编译出版社), 2012年; 托马斯•海贝勒,舒耕德: 从群众到公民——中国的政治参与。北京 (中央编译出版社), 2009年; 托马斯•海贝勒,何增科,舒耕德: 城乡公民参与和政治合法性,北京 (中央编译出版社),2007; 托马斯•海贝勒:凉山彝族企业家。 社会和制度变迁的承载者。 北京(民族出版社),2005; 托马斯•海贝勒:作为战略群体的企业家。中国私营企业家的社会与政治功能研究。北京(中央编译出版社) 2003.