Unterlinden-Museum

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Musée Unterlinden
Musée d'Unterlinden Colmar.jpg
Außenansicht des Museums vor dem Umbau 2012–2015
Daten
Ort Colmar
Art
Kunstmuseum, Historisches Museum, Archäologisches Museum
Architekt Herzog & de Meuron (Neu- und Umbau 2012–15)
Eröffnung 3. April 1853
Besucheranzahl (jährlich) 196.614 (2018)[1]
Betreiber
Stadt Colmar
Leitung
Pantxika Béguerie-de Paepe
Website

Das Unterlinden-Museum (französisch: Musée Unterlinden, früher: Musée d’Unterlinden) ist ein Kunstmuseum im elsässischen Colmar. Es verfügt über eine große Sammlung von Objekten vom Neolithikum bis hin zur Gegenwart, besonders auch von oberrheinischer Sakralkunst vom Mittelalter bis zur Renaissance. Das Museum nutzt die Gebäude des ehemaligen Dominikanerinnen-Klosters Unter den Linden, das in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet worden war. Nach dessen Auflösung während der Französischen Revolution wurde in der Folgezeit ein Großteil der Gebäude abgerissen. 1853 konnte das Museum in den noch erhaltenen Teilen der Klosteranlage eröffnet werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im ersten Jahr der Französischen Revolution wurden die Kirchengüter verstaatlicht und so kam es auch zur Auflösung des Colmarer Unterlindenklosters. Dagegen setzten sich Bürger der Stadt zur Wehr. Sie engagierten sich für die Erhaltung der Gebäude und Kunstwerke und ließen das bewegliche Kulturgut zur Aufbewahrung ins Collège national (heute Lycée Bartholdi) bringen.[2] Die Klostergebäude selbst gingen 1792 endgültig in den Besitz der Stadt Colmar über und wurden zuerst als Militärkaserne genutzt; im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden dann das südliche Seitenschiff der Kirche und fast alle Klausurbauten abgerissen. Erst 1847 konnte der Colmarer Archivar und Bibliothekar Louis Hugot (1805–1864) das Ende des Abbruchs bewirken und die Kirche mit dem angrenzenden Kreuzgang vor der Zerstörung retten. Hugot gründete dafür die Société Schongauer (= Schongauer-Gesellschaft), um eine neue Nutzung der restlichen Klosteranlagen als Museum durchzusetzen. Die Entdeckung eines gallo-römischen Mosaiks im nahegelegenen Bergheim, das in der Kirche des Unterlinden-Klosters gelagert wurde, beförderte diese Pläne. Am 3. April 1853 konnte schließlich das neue Museum in den noch erhaltenen Bauten des alten Dominikanerinnenkonvents eröffnet werden. Schon bald darauf erhielt die gesamte Anlage 1854 die Klassifizierung als Monument historique.

2012 wurde eine Erweiterung des Museums durch die Basler Architekten Herzog & de Meuron unternommen, um den umfangreichen Sammlungsbestand des Museums vollständiger und in moderner ausstellungsdidaktischer Konzeption zeigen zu können. Dabei wurde auch die angrenzende ehemalige städtische Badeanstalt einbezogen, ein ebenfalls architektonisch bemerkenswerter Bau von 1906 mit Stilelementen des Art nouveau und einer imposanten neo-barocken Fassade. Eine unterirdische Galerie mit drei Ausstellungsräumen verläuft unter der Rue des Unterlinden und dem Mühlbach. Sie führt zum neuen Gebäude, dem Ackerhof, so genannt nach dem alten Bauernhof des Klosters. Nach der umfassenden Neugestaltung des gesamten Museumskomplexes wurde das Museum am 12. Dezember 2015 neu eröffnet. Die Gesamtkosten für das Projekt beliefen sich auf 44 Mio. €.[3]

Sammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Museum hat einen internationalen Ruf, vor allem wegen seines wichtigsten Exponats, dem weltberühmten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, Anfang des 16. Jahrhunderts erschaffen. Als hervorragend gilt auch die Sammlung von Gemälden und Skulpturen des späten Mittelalters und der Renaissance, u. a. mit Werken von Martin Schongauer, dessen Meister Caspar Isenmann, Cranach dem Älteren und Holbein dem Älteren.

Die enzyklopädische Dimension des Museums erweist sich in einer Sammlung archäologischer Fundstücke vom Neolithikum bis hin zur Merowingerzeit, ebenso wie in der Sammlung von Kunstgewerbe und Volkskunst vom 16. bis zum 19. Jahrhundert und in einer vielfältigen Kollektion von Gemälden des 19. Jahrhunderts. Weiterhin eine Sammlung fernöstlicher Kunst von Florine Langweil. Der sehr reiche Fundus an moderner und zeitgenössischer Kunst wurde aufgrund von Platzmangel bis 2012 nur unregelmäßig zur Schau gestellt, ist aber seit der Wiedereröffnung der auf 8.000 m² erweiterten Ausstellungsfläche Ende 2015 fester Bestandteil der Dauerausstellung. Die Erweiterung des Museums besteht aus dem angrenzenden ehemaligen Schwimmbad mit einer neobarocken Fassade und einem schmucklosen Neubau („Ackerhof“) mit einer Ziegelsteinfassade[4][5] und Satteldach (Herzog & de Meuron).[6]

Das Unterlinden-Museum ist als ein Musée de France ausgezeichnet. Mit jährlich ca. 200 000 Besuchern nimmt es unter den meistbesuchten Kunstmuseen den ersten Platz im Elsass ein.[7]

Das Museum liegt in der Colmarer Innenstadt, Rue d’Unterlinden Nr. 1.

Ehemaliges Dominikanerinnenkloster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historisch und baugeschichtlich von Bedeutung ist das ehemalige Dominikanerinnenkloster, in dessen erhaltenen Gebäuden sich heute das Museum befindet. 1232 hatten zwei adelige Witwen aus Colmar, Agnes von Mittelheim und Agnes von Hergheim (Herenkheim), mit Unterstützung von Dominikanern aus Straßburg ein Kloster Unter den Linden („sub tilia“) gegründet. Das Kloster wurde dann 1245 in den Dominikanerorden inkorporiert. Im Laufe des 13. Jahrhunderts baute man eine umfangreiche Klosteranlage; die 1252 begonnene und 1269 durch Albertus Magnus geweihte Kirche wurde auch für andere Klöster vorbildlich. 1289 konnte der Kreuzgang fertiggestellt werden.[8][9] Religions- und literaturgeschichtlich bedeutend ist das wahrscheinlich Anfang des 14. Jahrhunderts von der Priorin Katharina von Gebersweiler († 1330/45)[10] in lateinischer Sprache verfasste Schwesternbuch von Unterlinden; von mystischer Spiritualität beeinflusst,[11] berichtet es, hagiographisch überhöht, vom Tugendstreben, der harten asketischen Praxis und den Gnadenerfahrungen verstorbener Nonnen.[12] Im 15. Jahrhundert schloss sich das Kloster schon 1419 der klösterlichen Reformbewegung an und beteiligte sich in der Folgezeit geistig und personell auch an der Reform anderer Klöster;[13] dazu erweiterte es beträchtlich seine Bibliothek.[14]

Trotz wechselvoller geschichtlicher Ereignisse in den folgenden Jahrhunderten der Neuzeit erlebte das Kloster bis zu seiner erzwungenen Aufhebung keinen Niedergang.

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2016/2017: Otto Dix – der Isenheimer Altar
  • 2017: Jean-Jacques Karpff – Visitez au sublime. Katalog
  • 2017: Rodtschenko – Sammlung Puschkin. Katalog
  • 2018: Corpus Baselitz
  • 2020: Colmar ville rêvée [Colmar, geträumte Stadt]
  • 2021/2022: Têtes à têtes. Lucas Cranach der Jüngere / Elèves du Collège Molière de Colmar

Ausgestellte Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter den Meisterwerken der Sammlungen des Unterlinden-Museums befinden sich viele Werke des Colmarer Künstlers Martin Schongauer (15. Jahrhundert), der für seine bereits von Albrecht Dürer bewunderten Stiche bekannt ist.

Malerei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der internationale Ruf des Museums gründet auf dem Meisterwerk des Isenheimer Altars, das Matthias Grünewald zwischen 1512 und 1516 gemalt hatte für den Antoniter-Orden in Isenheim, einem etwa zwanzig Kilometer von Colmar entfernten Dorf. Der bildhauerische Teil stammt von Nicolas de Haguenau (um 1515). Das Altarbild wurde 1852 in die Kirche des ehemaligen Dominikanerklosters Unterlinden überführt und war das Juwel des damals dort gegründeten Museums.

Das Museum zeigt insbesondere auch:

  • Die Kreuzigung (zwischen 1410 und 1415, Öl auf Tanne) von Hermann Schadeberg, geprägt von den Merkmalen der internationalen Gotik;
  • Porträt einer Frau (um 1510, Öl auf Holz) von Hans Holbein d. Ä.; das einzige Gemälde dieses Künstlers in einem französischen Museum im spätgotischen Stil, das bereits von den Neuheiten der Renaissance durchdrungen ist;
  • Das Altarbild der Stiftskirche Saint-Martin (Martinsmünster) mit „Der Einzug Christi in Jerusalem“ und „Das letzte Abendmahl“ (1465, Öl auf Tanne) von Caspar Isenmann, ausgestellt bis 1720 in der Stiftskirche Saint-Martin in der Stadt;
  • Das Orlier-Altarbild zum Thema „Die Verkündigung“ (zwischen 1470 und 1475, Öl auf Tanne) von Martin Schongauer von der Komturei des Antoniter-Ordens von Isenheim;
  • Noli me tangere (Dominikanisches Altarbild) (um 1480, Öl auf Tanne) von Martin Schongauer, Triptychon mit der Passion Christi (auf 16 Tafeln innen) und den sieben Freuden der Jungfrau[15] (in acht Außengemälden);
  • Melancholie (1532, Öl auf Holz) von Lucas Cranach dem Älteren, inspiriert von Dürers Stich Melencolia I;
  • Das Tempelhof-Altarbild (um 1445–1450) von Jost Haller, das sich ursprünglich in Bergheim befand;
  • Das Altarbild des Heiligen Johannes des Täufers (1526);
  • Das Wunder der Wiederauferstehung von Brathähnchen (um 1470), Galgenwunderszene.

Skulpturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Jungfrau mit dem Papagei (1470–1475, Kupferstich) von Martin Schongauer, der sich wahrscheinlich von „flämischen Primitiven“ wie denen von Dierick Bouts inspirieren ließ;
  • Die Versuchung des Heiligen Antonius (1470–1475, Kupferstich) von Martin Schongauer, erinnert an Werke von Bosch oder Grünewald;
  • Ecce homo (1475–1480, Kupferstich) von Martin Schongauer, Szene aus der Passion Christi;
  • Zwei Männer in Gesellschaft (1480–1485, auf Kupfer graviert) von Martin Schongauer;
  • Die Flucht nach Ägypten (um 1470–1475) von Martin Schongauer;
  • Erste verrückte Jungfrau (um 1480–1485) von Martin Schongauer.

Galerien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemälde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altarbilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Skulpturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Kunstgegenstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sylvie Lecoq-Ramond & Pantxika Béguerie: Le Musée Unterlinden de Colmar. Éditions Albin Michel, Paris 1991, ISBN 2-226-05411-1.
  • Jeanne Ancelet-Hustache (Hrsg.): Les „Vitae Sororum“ d'Unterlinden. Édition critique du manuscrit 508 de la bibliothèque de Colmar. In: Archives d'histoire doctrinale et littéraire du Moyen Âge 5 (1931), S. 317–513.[16]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Unterlinden-Museum in Colmar. Fernseh-Reportage, Deutschland, 2015, 4:22 Min., Buch: Verena Knümann, Kamera: Thomas Schäfer, Siegfried Maier, Produktion: SWR, Reihe: Kunscht!, Erstsendung: 3. Dezember 2015 bei SWR, Inhaltsangabe von ARD.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Unterlinden-Museum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Faltblatt: Les chiffres 2019 #Culture • Musées 2018. (PDF; 1,06 MB) In: Stadt Colmar, 25. Januar 2019, aufgerufen am 25. April 2022.
  2. Hier und im Folgenden im Wesentlichen: Historischer Überblick. (Memento vom 10. Juni 2015 im Internet Archive). In: Musée Unterlinden.
  3. Karin Leydecker: Einfühlsames Gesamtkunstwerk. In: NZZ, 19. Dezember 2015.
  4. Julia Wolter: Herzog & de Meuron brechen den Klinker. Musée d’Unterlinden in Colmar, Frankreich. In: gima-ziegel.de, Dezember 2015, (PDF; 865 kB), mit Gebäudefotos.
  5. Museum Unterlinden in Colmar erweitert – Raue Ziegelfassade spiegelt den historischen Kontext. In: tubag.de, aufgerufen am 25. April 2022.
  6. Architektur. In: Musée Unterlinden, (deutsch), aufgerufen am 25. April 2022.
  7. Broschüre: Le Département en chiffres. In: haut-rhin.fr (Conseil départemental du Haut-Rhin), 2020, S. 9, aufgerufen am 25. April 2022.
  8. Ancelet-Hustache, Les „Vitae Sororum“ d'Unterlinden, S. 329 f.
  9. Unterlinden-Museum. In: archINFORM; abgerufen am 1. März 2010.
  10. Peter Dinzelbacher: Katharina von Gebersweiler. In: ²VL Bd. 4 (1983) Sp. 1073–1075; s. auch Karl-Ernst Geith: Kempf, Elisabeth. In: ²VL Bd. 4 (1983), Sp. 1115–1117 und Bd. 11 (2004), Sp. 836f.
  11. Monastère Saint Jean Baptiste d’Unterlinden. (Memento vom 14. November 2013 im Webarchiv archive.today). In: monialesdominicaines.net, (frz.).
  12. Unterlindener Schwesternbuch. In: Wikisource.
  13. Vgl. Matthias Untermann: Dominikanerinnenkloster Steinheim im Kreis Ludwigsburg. In: kloester-bw.de und Roger Jean Rebmann: Steinenkloster Basel. In: altbasel.ch, 6. Dezember 2016.
  14. Siehe dazu auch: Unterlinden, jardin clos de l’âme rhenane. (Memento vom 4. August 2011 im Internet Archive). In: bibliotheque.colmar.fr, (frz.).
  15. Sieben Freuden der Jungfrau. In: wiki.edu.vn, 30. Dezember 2020.
  16. Les „Vitae Sororum“ d'Unterlinden. Publikationen in der bibliografischen Datenbank der Regesta Imperii.

Koordinaten: 48° 4′ 47″ N, 7° 21′ 20″ O