Melencolia I

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Melencolia I

Melencolia I (24 × 18.8 cm, aus dem Jahre 1514) ist einer der drei Meisterstiche Albrecht Dürers (vgl.: Ritter, Tod und Teufel und Der heilige Hieronymus im Gehäus). Er gilt als das rätselhafteste Werk Dürers und zeichnet sich – wie viele seiner Werke – durch eine komplexe Ikonographie und Symbolik aus.

Bildinhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die das Bild beherrschende Figur ist eine bekleidete, engelhaft geflügelte, menschliche Gestalt, die auf einer Stufe sitzt und in ihrem Schoß einen Zirkel und ein mit einer sichtbaren Schließe verschlossenes Buch hält, zu ihren Füßen ein Hund.
  • An ihrer Seite sitzt auf einem Mühlstein (häufig gedeutet als Lebensrad) ein Knabe oder Putto, dessen linker Stummelflügel ihren rechten Flügel berührt. Er hält ein Täfelchen (Cartolino) gestützt auf einen Gravierstichel, an dessen anderem Ende ein Radierschaber ist.
  • Auf dem Boden liegen Gegenstände verstreut herum: Hammer, Zange, Nägel, Säge, Hobel, Richtscheit. All diese Gegenstände sind Werkzeuge des Künstlers und Handwerkers (vorwiegend des Zimmermanns). Das siebente Werkzeug ist ein Streichmaß (engl. Gauge), mit dem parallele Linien entlang einer Kante angerissen werden können. Über der Kugel links eine zweiteilige Schlagschnur-Gerätschaft (Schlagband-Werkzeug): auf der Seite liegend der Behälter des Schlagbandes, das durchgezogen ist durch das aufrecht daneben stehende gedeckelte Tinten- bzw. Farbpulver-Fässchen.
  • Eine Kugel und ein Polyeder (ein an zwei Ecken abgestumpftes Parallelepiped). Die Seitenflächen oben und unten sind zwei gleichseitige Dreiecke (die in der Projektion von oben den Hexagramm-Grundriss des Ecksteins erkennen lassen) und sechs nicht-reguläre Fünfecke; die zwölf Ecken gehören zwei Typen an: in sechs Ecken stoßen je ein gleichseitiges Dreieck und zwei Fünfecke zusammen, in sechs Ecken je drei Fünfecke.
  • Alchimie: Zwischen Polyeder und Meer befindet sich ein Becken voll brennender Kohlen, darauf ein Schmelztiegel mit Guss-Nase, daneben eine Pinzette.
  • Am Gebäude hinter den beiden Figuren hängen eine Waage im Gleichgewicht, eine Sanduhr und darauf eine Sonnenuhr-Skala mit nur acht Ziffern und der Vier (IIII) als der letzten Stunde (Tod und Vergänglichkeit) – der Schattenstab zeigt bei Mondlicht keine Zeit an – sowie eine Glocke, deren Strang aus dem Bild herausführt; man sieht nicht, wer ihn in Händen hält. An der Wand lehnt mit sieben sichtbaren Sprossen eine Leiter.
  • Unterhalb der Glocke ist ein magisches Quadrat, auf eine Metallplatte graviert, in die fugenlose Südwand des Turmes bzw. Pfeilers eingelassen. Die Quersumme aller Reihen, Spalten, Diagonalen, Quadranten und der Ecken ergeben jeweils 34. Es enthält die Zahl 1514, das Jahr, in dem das Kunstwerk geschaffen wurde (wiederholt zusammen mit dem üblichen AD-Signet auf der Stufe am rechten Bildrand) und zudem das Todesjahr von Dürers Mutter am 17. Mai. Um die Jahreszahl 1514 befinden sich die Zahlen 4 und 1, die für Dürers Initialen nach ihrer Position im Alphabet stehen könnten. Wie die geometrischen Figuren und der Zirkel in der Hand der engelhaften Gestalt ein Symbol für die Geometrie und Mathematik, mit denen sich Dürer intensiv beschäftigte.
  • Im Bildhintergrund befinden sich in der linken Hälfte Meer, Land und eine Stadt. Der dunkle Himmel darüber wird von einem strahlenden Gestirn erhellt und von einem seltenen (Mond-)Regenbogen überspannt. In der rechten Bildhälfte weisen Leiter und Gebäude in die Höhe. Der Lichteinfall von rechts und oben hinter dem Betrachter korrespondiert mit Dunkelheit auf der linken Seite. Die Stunde bleibt unbestimmt. Das Gestirn ist unterschiedlich gedeutet worden, als Saturn für Melancholie, Komet für Zeitenwende oder als abstürzender Meteor.

Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das rätselhafte Werk verschließt sich einer vollständigen Interpretation. Dieser Ambiguität wegen und nicht nur wegen der großen Kunstfertigkeit wird es zu den „Meisterstichen“ gezählt.

Ein Deutungsansatz besteht darin, es als eine Allegorie der Melancholie oder Depression zu sehen. Der Stich ist im Übergang vom Mittelalter zur (deutschen) Renaissance entstanden. Das herumliegende Werkzeug und der mit einem Stichel an einer Platte arbeitende Putto trägt der mittelalterlichen Verbindung von Kunst und Handwerk Rechnung, Polyeder und magisches Quadrat verweisen auf die Verbindung von Wissenschaft und Kunst in der Renaissance. Dementsprechend sah Erwin Panofsky in dem Bild einen Ausdruck für die „Melancholia artificialis“, eine Künstlermelancholie, die nicht depressiv und unfruchtbar, sondern Zeichen des Genies ist, und deren Verständnis von der neuplatonischen Umdeutung der Melancholie durch Marsilio Ficino (1433–1499) herrührt. [1]

Dürer kannte von seinen Italienreisen die Renaissance, die nördlich der Alpen erst ca. 100 Jahre später einsetzte. Ihr könnte die sinnende Frauengestalt entgegensehen. Das Mittelalter geht zu Ende (Stundenglas), eine neue Zeit wird bald eingeläutet (Glocke), es geht aufwärts (siebensprossige Leiter), Licht (Erkenntnis) verbreitet seine Strahlen am Himmel, überwölbt von einem Regenbogen (Segen). Das Gewohnte ist bald dahin (Abschied und Melancholie). Für die künftigen Aufschwünge (Flügel) in Wissenschaft und Kunst ist die noch reglos sitzende Frauengestalt bereits mit frischen Zweigen bekränzt. Das hässliche kleine Flugtier und Fabelwesen, das das Spruchband trägt (Bei genauer Betrachtung dürfte das Spruchband aus der Innenseite der Bauchhaut des Wesens bestehen, die gleichsam am Himmel aufgespannt ist.), steht für die Gefahr, im Sinnen stecken zu bleiben, sich nicht aufzuraffen.

Dürer, der auch wissenschaftliche Werke (über Mathematik, zur Perspektive und über menschliche Körperproportionen) verfasst hat, scheint viel von seinem Selbstverständnis in das Bild eingearbeitet zu haben. So könnten Polyeder und Kugel (als die den Polyeder umschreibende Hilfskonstruktion) auf die von ihm erfundene zeichnerische Konstruktionsmethode von Polyedern hindeuten.

Das Gestirn im Hintergrund des Bildes hat Ursula Marvin (Smithsonian Astrophysical Observatory) als der Meteorit von Ensisheim vom 7. November 1492 gedeutet.[2] Dürer hatte sich zu der Zeit im 38 Kilometer von Ensisheim entfernten Basel aufgehalten und die Explosion des Meteoriten auf die Rückseite einer kleinen Holztafel gemalt, mit seinem Gemälde des Hieronymus (Kirchenvater) als Büßer auf der Vorderseite. Der Kunsthistoriker David Carritt ordnete das Werk 1956 Dürer zu.[3]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gottfried Keller inspirierte Dürers Blatt zu dem Gedicht Melancholie (1848). In dessen letzter Strophe deutet der Dichter die Engelsgestalt im Sinne der Romantik als Verkörperung der künstlerischen Phantasie.

Edvard Munch stellt sich mit seinen in den 1890er Jahren entstandenen Gemälden Melancholie in die Tradition des Bildes.

Der ursprüngliche Titel von Jean-Paul Sartres Roman Der Ekel (1938) sollte, nach Dürers Kupferstich, Melancholia sein. Der endgültige Titel (französisch La nausée), wurde ihm erst von Sartres Verleger verliehen.[4]

Thomas Mann beschreibt das „magische Quadrat“ und dessen „fatale Stimmigkeit“ in seinem Roman Doktor Faustus (1943) in Kapitel 12. Eine Reproduktion des Dürerstichs hängt „an prominentem Platz“ über dem Pianino des Komponisten Adrian Leverkühn in seiner Studentenwohnung in Halle. Sie könnte für ein zentrales Motiv dieses Romans stehen, für die stimmige Bezogenheit der Motive untereinander im Roman als Kunstgattung („Beziehung ist alles. Und willst du sie näher bei Namen nennen, so ist ihr Name «Zweideutigkeit»“, 7. Kapitel) und in der Musik (strenger Satz). Eine ganz andere Interpretation liefert Ehrhard Bahr. Als in den USA die Nachrichten von den deutschen Shoa-Verbrechen bekannt wurden, habe Mann in der Melancholie die erforderliche Trauerarbeit eines jeden Deutschen gesehen, den notwendigen Abschied von der deutschen Innerlichkeit, von der Romantik, die von 1933 bis 1945 ins Teuflische umgeschlagen war.[5]

In Günter Grass' Aus dem Tagebuch einer Schnecke ist die Melencolia das einzige Bild, das der vor den Nationalsozialisten fliehende Lehrer Zweifel mitnimmt.

In der Ästhetik des Widerstands (1981) von Peter Weiss erfährt das Bild eine ausführliche Interpretation im Hinblick auf das Verstummen zweier weiblicher Protagonisten des Romans, die die Gräuel im Dritten Reich erleben und hinterfragen, sie aber nicht mehr artikulieren können.[6]

Auch in dem Roman Das verlorene Symbol (2009) (Originaltitel: The Lost Symbol) von Dan Brown wird auf das magische Quadrat in Melencolia I von Albrecht Dürer Bezug genommen. Es dient dort zur Entschlüsselung einer geheimen Botschaft, genau wie im sieben Jahre zuvor veröffentlichten Roman Das Jesusfragment von Henri Loevenbruck.

Jean Firges verwendet Melencolia I als Coverbild seines Buchs über die psychische Entwicklung Paul Celans, hin zur Krankheit und zum Suizid.[7]

Lars von Trier nimmt in seinem Spielfilm Melancholia aus dem Jahr 2011 das Motiv des niederstürzenden Himmelskörpers auf. Die Vergeblichkeit menschlichen Handelns wird angesichts eines gleichgültigen Universums offenbar, wenn ein auf Kollisionskurs geratener Exoplanet auf die Erde zurast und den Planeten auslöscht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Giehlow: Dürers Stich Melencolia I und der maximilianische Humanistenkreis. In: Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Bd. 26, 1903, Nr. 2, S. 29–41; 27 (1904), Nr. 3, S. 6–18, Nr. 4, S. 57–78.
  • Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels (1928). In: ders.: Gesammelte Schriften. Band I.1. Frankfurt am Main 1991, S. 203–430 (zu den Sinnbildern Hund, Kugel und Stein und zu Dürer S. 326 ff.).
  • Hartmut Böhme: Zur literarischen Wirkungsgeschichte von Dürers Kupferstich „Melencolia I“. In: Jörg Schönert, Harro Segeberg (Hrsg.): Polyperspektivik in der literarischen Moderne. Studien zur Theorie, Geschichte und Wirkung der Literatur. Festschrift Karl Robert Mandelkow. Frankfurt am Main 1988, S. 0–123 (PDF; 261 kB).
  • Hartmut Böhme: Albrecht Dürer, Melencolia I. Im Labyrinth der Deutung. Fischer, 1989, ISBN 3-596-23958-3.
  • Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-518-57981-9.
  • Peter-Klaus Schuster: Melencolia I: Dürers Denkbild. 2 Bde., Berlin 1991, ISBN 3-7861-1188-X.
  • Ewald Lassnig: Dürers „Melencolia-I“ und die Erkenntnistheorie bei Ulrich Pinder. In: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte. Bd. 57, 2008, S. 51–95 (Vorschau).
  • Martin Büchsel: Albrecht Dürers Stich Melencolia, I. Zeichen und Emotion. Die Logik einer kunsthistorischen Debatte. Paderborn 2010, ISBN 3-7705-4962-7.
  • Rainer Hoffmann: Im Zwielicht. Zu Albrecht Dürers Meisterstich Melencolia I. Böhlau, Wien Köln Weimar 2014, ISBN 978-3-412-22433-2 (Vorschau).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Melencolia I by Albrecht Dürer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johann Konrad Eberlein „Albrecht Dürer“, rororo Monographie, Reinbek bei Hamburg, 2003, S.119
  2. Ursula B. Marvin: The meteorite of Ensisheim – 1492 to 1992. In: Meteoritics. Bd. 27, 1992, S. 28–72; Christopher Cokinos: The Fallen Sky: An Intimate History of Shooting Stars. Tarcher/Penguin, New York 2009.
  3. H. J. F. Jones: Carritt, (Hugh) David Graham (1927–1982), art historian and picture dealer. In: Oxford Dictionary of National Biography (englisch).
  4. Jean-Paul Sartre: „Der Ekel“; Rowohlt Taschenbuch; Reinbek 2003
  5. Bahr, Th. Manns Vortrag: Deutschland und die Deutschen: Vergangenheitsbewältigung und deutsche Einheit. in Michael Braun & Birgit Lermen, Hgg.: "man erzählt Geschichten, formt die Wahrheit." Th. Mann: Deutscher, Europäer, Weltbürger. Peter Lang, Frankfurt 2003 ISBN 3631380461 S. 65 - 80, hier S. 73. Die genannte Rede von 1945 gehört zu den Vorarbeiten des Faustus
  6. Hartmut Böhme: Zur literarischen Rezeption von Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia I“. In: Jörg Schönert / Harro Segeberg (Hg.): Polyperspektivik in der literarischen Moderne. Studien zur Theorie, Geschichte und Wirkung der Literatur. Frankfurt a. M. 1988, ISBN 978-3-8204-0173-8, S. 16–19. Siehe auch Manon Delisle: Weltuntergang ohne Ende – Ikonographie und Inszenierung der Katastrophe bei Christa Wolf, Peter Weiss und Hans Magnus Enzensberger. Königshausen & Neumann, Würzburg 2001, ISBN 978-3-8260-1966-1, S. 163–166. Vgl. dazu auch den Eintrag „Melencolia I“ im Artikel Kunstwerke in der „Ästhetik des Widerstands“.
  7. Schwarze Sonne Schwermut: Die Melancholie als kreative und destruktive Kraft in Leben und Dichtung Paul Celans. Sonnenberg, Annweiler 2011 ISBN 3933264677