Herzog & de Meuron

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Sitz des Architekturbüros in Basel (2013)

Herzog & de Meuron ist ein 1978 von den Architekten Jacques Herzog (* 19. April 1950 in Basel) und Pierre de Meuron (* 8. Mai 1950 in Basel) gegründetes, international bedeutendes Architekturbüro mit Sitz in Basel.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die sich bereits seit der Primarschule kannten,[1] studierten von 1970 bis 1975 Architektur an der ETH Zürich bei den Architekten Aldo Rossi, Luigi Snozzi und Dolf Schnebeli. Nach erworbenem Architekturdiplom gründeten sie im Jahr 1978 eine Bürogemeinschaft an der Rheinschanze 6 in Basel.[2]

Seit 1994 haben De Meuron und Herzog eine Gastprofessur an der Harvard University, seit 1999 lehren sie ebenfalls an der ETH Zürich.

Neben diesem Hauptsitz unterhalten sie fünf weitere Niederlassungen in London, Hamburg, Madrid, New York City und Hongkong. Insgesamt beschäftigt das Architekturbüro rund 420 Mitarbeiter.[3] Partner von Herzog & de Meuron sind: Christine Binswanger (* 1964), Ascan Mergenthaler (* 1969), Stefan Marbach (* 1970), Michael Fischer (* 1969), Jason Frantzen (* 1977), Andreas Fries (* 1976), Robert Hösl (* 1965), Wim Walschap (* 1969) und Esther Zumsteg (* 1964).[4]

Bauprojekte (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herzog & de Meuron waren wegführend in der Verwendung von Gabionen als gestalterischem Element bei Gebäudefassaden. Bei dem Dominus Weingut im kalifornischen Napa Valley, dem ersten aussereuropäischen Projekt des Architekturbüros im Jahr 1997, wurden Gabionen als hinterlüftete Fassade angeordnet, zum Teil statt Bruchsteins mit Glasbruch gefüllt und somit lichtdurchlässig.[5][6]

International bekannt wurden Herzog & de Meuron mit dem Umbau der Tate Gallery of Modern Art in London, deren Aussenraumgestaltung die Architekten – wie in vielen anderen Projekten – zusammen mit dem Zürcher Landschaftsarchitekten Dieter Kienast entwickelten. Die Kunstgalerie wurde in die alte Bankside Powerstation, einem ehemaligen Ölkraftwerk, eingebaut und im Jahr 2000 eröffnet. Aufgrund des unerwartet großen Besucheransturms wurde in den Jahren 2010 bis 2016 ein Erweiterungsbau errichtet.[7] Zudem entwarfen Herzog und de Meuron die beiden Stadionbauten St. Jakob-Park in Basel (2001) und Allianz Arena in München (2005). Für die Olympischen Spiele 2008 planten und bauten sie das Nationalstadion in Peking. Sie befassten sich ebenso mit der Planung eines großen, neuen Stadtteils in derselben Stadt, um neue Akzente in die gleichförmige chinesische Städtebau-Architektur zu bringen. Wie beim Stadionbau wurde versucht, Geschichte, Tradition und heutige Ansprüche zusammen zu denken und in die Bauten einfließen zu lassen. Das Städtebauprojekt stieß bei Fachleuten auf Begeisterung, weil es eine Identifizierung seiner Bewohner mit ihrem Stadtteil versprach.

Ihre Arbeit in der Volksrepublik China löste eine Welle an Kritik aus. Chinesische Fachleute werfen den Architekten „Effekthascherei“ und „einen Missbrauch Chinas als Experimentierfeld“ vor,[8] während Menschenrechtler die Zusammenarbeit mit China aufgrund der Menschenrechtsverletzungen durch das Regime kritisieren.[9][10] Ein weiterer Kritikpunkt sind die hohen Kosten der Bauprojekte.

Elbphilharmonie in der HafenCity in Hamburg fertiggestellt am 1. November 2016

Im Jahr 2005 stimmte der Hamburger Senat dem Bau der Elbphilharmonie zu. Oberhalb der mehrstöckigen Backsteinfassade (Architekt: Werner Kallmorgen) des Kaispeicher A in der Elbe ist eine mächtige Glaswelle entstanden, die unter anderem drei Konzertsäle, ein Tagungszentrum, Wohnungen und ein Hotel beherbergt, der Raum hinter der Fassade des alten Speichers wird unter anderem als Parkhaus genutzt. Ähnlich wie bei der Tate Modern entstand durch Aus- und Umbau eines alten Gebäudes ein neues. Die Elbphilharmonie wurde teilweise schon während der Bauzeit zum neuen Wahrzeichen der Hansestadt hochstilisiert. Auch hier werden Herzog und de Meuron laut Untersuchungsbericht für die stark gestiegenen Kosten als mitverantwortlich bezeichnet, z. B. wegen mehrfach nicht eingehaltener Fristen.[11]

Für den Pharmaziekonzern Roche entwarfen Herzog & de Meuron in Basel ein Hochhaus von 154 Metern. Dessen Gebäudeform sollte an die Doppelhelix erinnern. Das Projekt wurde von Roche zurückgezogen.[12] Ein neuer Entwurf für das Bürogebäude, das nunmehr 178 Meter erreichen sollte, wurde am 17. Dezember 2009 von Roche bekanntgegeben. Dieser sogenannte Roche-Turm wurde 2015 fertiggestellt. Es ist vor dem Prime Tower in Zürich das höchste Gebäude der Schweiz.[13][14] Ein zweiter, 205 Meter hoher Roche-Turm befindet sich seit 2017 im Bau und wird voraussichtlich 2022 fertiggestellt.[15]

Im Februar 2020 wurde ein Vorprojekt der ersten Autobahnkirche der Schweiz bei Andeer vorgestellt. Es orientiert sich äusserlich an den mittelalterlichen Wegkapellen und verbirgt die weit grösseren drei geplanten Räume unter dem Boden. Diese Kirche war der erste Kirchenentwurf des Architekturbüros. Man habe „nach einer Architektur gesucht, welche die sinnliche Wahrnehmung des Menschen schärfe“ und zwar «Im Bezug auf den Ort, die Natur und sich selbst», so Jacques Herzog.[16]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen erhielten die beiden Architekten 1993 den Deutschen Kritikerpreis. Im Jahre 2001 wurde ihnen der Pritzker-Architektur-Preis verliehen. Die Jury lobte ihren leidenschaftlichen Umgang mit einer ganzen Palette von Baumaterialien, mit Hilfe derer sie die Architekturkunst vorantreiben würden. Fünf Jahre darauf erhielten sie den British Design Award des Royal Institute of British Architects, im Folgejahr den Praemium Imperiale und die Große Nike des Bundes Deutscher Architekten (BDA).

Liste der Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fertiggestellte Bauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allianz Arena München (2002–2005)
Tenerife Espacio de las Artes Santa Cruz de Tenerife, 2007
Das Nationalstadion Peking
Prada Aoyama Epicenter, Tokio, 2001–2003
IKMZ in Cottbus (2004)
Erweiterung der Tate Gallery – Tate Gallery of Modern Art, London; 1995–1999
Zentrales Stellwerk der SBB Basel (1994–1998)
ICT und Apotheke des Universitätsspitals, Basel (1995–1997)
Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde (1993–1996)

Laufende Projekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nicht-architektonische Projekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 2006 gestalteten Herzog & de Meuron das Bühnenbild für die Neuinszenierung der Oper Tristan und Isolde von Richard Wagner an der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Herzog & de Meuron – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marcel Rohr, Martin Furrer: «Das Meret-Oppenheim-Hochhaus ist kein liebliches Gebäude». In: Basler Zeitung (online). 2. Juni 2019, abgerufen am 2. Juni 2019.
  2. Herzog & de Meuron. In: Vitra. Abgerufen am 28. April 2020.
  3. Herzog & de Meuron planen Zukunft. In: Basler Zeitung. 18. März 2009.
  4. Luis Fernández-Galiano: Herzog & de Meuron. 2013–2017. Hrsg.: Mar Rodriguez. Architectura Viva SL, Madrid 2017, ISBN 978-84-617-6498-3, S. 276.
  5. https://web.archive.org/web/20090807000736/http://www.baunetzwissen.de:80/standardartikel/Glas-Gabionen-mit-Glasbruch_806799.html
  6. Dominus Architecture: Winery features.
  7. Marion Löhndorf: Der neu eröffnete Erweiterungsbau der Tate Modern. In der Welt verankert. In: Neue Zürcher Zeitung. 17. Juni 2016 ([1] [abgerufen am 25. Juli 2017]).
  8. dasmagazin.ch (Memento vom 23. November 2010 im Internet Archive)
  9. Hanno Rauterberg: Wie viel Moral braucht Architektur? In: Die Zeit. 27. März 2008.
  10. Nur ein Idiot hätte nein gesagt. In: Der Spiegel. online.
  11. Christian Rickens: Untersuchungsbericht zur Elbphilharmonie: Die Chaostruppe vom Hafenrand. In: Spiegel Online. 7. Januar 2014, abgerufen am 7. Januar 2014.
  12. nzz-Online: Roche verzichtet auf geplanten Turmbau zu Basel.
  13. Badische Zeitung: Roche stellt neues Bürohochhaus vor.
  14. www.baunetz.de
  15. Basel wächst weiter. In: bz-Zeitung. Abgerufen am 26. April 2020.
  16. Stille Oase neben lärmiger Strasse, pöschtli, 27. Februar 2020
  17. Kulturquartier In: FAZ. 3. Juli 2013, S. 28.
  18. Ralph Schindel: Eine Perle für Riehen. In: Jahrbuch z’Rieche. 2014, S. 86–89 (online).
  19. M wie Minimalismus. In: FAZ. 30. November 2012, S. 33.