Varakļāni

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Varakļāni (dt.: Warkelen)
Wappen von Varakļāni
Varakļāni (Lettland)
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Basisdaten
Staat: Lettland
Landschaft: Lettgallen (lettisch: Latgale)
Verwaltungsbezirk: Varakļānu novads
Koordinaten: 56° 37′ N, 26° 45′ O56.61027777777826.7525Koordinaten: 56° 36′ 37″ N, 26° 45′ 9″ O
Einwohner: 1.990 (14. Aug. 2015)
Fläche: 5,33 km²
Bevölkerungsdichte: 373,36 Einwohner je km²
Höhe:
Stadtrecht: seit 1928
Webseite: www.varaklani.lv
Postleitzahl: 4838
ISO-Code:

Varakļāni (deutsch: Warkland oder Warkelen) ist eine Kleinstadt in Lettgallen, im Osten Lettlands. Im Jahre 2015 zählte sie 1.990 Einwohner.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

In geschichtlichen Quellen wird Varakļāni das erste Mal im Jahre 1483 erwähnt. Damals erwarb Bernt von der Borch, der in diesem Jahr von seinem Amt als Landmeister in Livland zurücktreten musste,[2] den Ort und das Gut Warkland.

Wie Lettgallen insgesamt, gelangte Varakļāni durch den Vertrag von Altmark 1629 unter polnisch-litauische Oberhoheit.[3] Infolge der Ersten Teilung Polens fiel Lettgallen 1772 an das Russische Kaiserreich.

Seit 1918 gehört Varakļāni zum unabhängigen Lettland. Den Status einer Stadt erlangte Varakļāni im Jahre 1928.

Während des Zweiten Weltkriegs ließ der Befehlshaber des Rückwärtigen Heeresgebietes Nord (Berück Nord), Franz von Roques, durch Befehl vom 28. August 1941 in Varakļāni eines der 18 Ghettos für die lettischen Juden einrichten.[4] Der Großteil der jüdischen Bürger Varakļānis war bereits am 3. August 1941, einen Monat nach der Eroberung durch die 6. Panzer-Division am 1. Juli 1941, zusammengetrieben und erschossen worden.[5]

Bei der Eroberung durch die Rote Armee 1944 wurde Varakļāni stark beschädigt.

Bauwerke[Bearbeiten]

Das Schloss von Varakļāni
Der Mittelbau des Schlosses von der Südseite

Schloss[Bearbeiten]

In den Jahren von 1783 bis 1789 ließ Graf Michael von der Borch im Osten des Ortes ein bis heute als „Schloss“ (lettisch: pils) bezeichnetes Herrenhaus nach einem Entwurf des italienischen Architekten Vincenzo de Mazotti (1756–1798) errichten.[6] Das Schloss von Varakļāni gilt als einer der herausragenden Bauten des frühen Klassizismus in Lettland.[7] An der Fassade des dreigliedrigen Mittelbaus der gut 100 m langen Südseite ließ der Bauherr in lateinischer Sprache sein Leitwort anbringen: „Virtute duce – Deo favente – Comite fortuna“ (Von Tugend geleitet – mit Gott Gunst – vom Glück begleitet). Die Inschrift ist zugleich ein Wortspiel und eine kleine Verneigung des Grafen (comes) vor dem Herzog (dux) von Kurland, dessen Familie die Familie von der Borch über Generationen verbunden war.[8]

Die Familie von der Borch bewohnte das Schloss bis 1920. Bei der Renovierung in den 1990er Jahren wurden Teile der ursprünglichen Wandmalereien aus den 1780er Jahren freigelegt und restauriert.[9] Seit 1997 ist im Schloss das Heimatmuseum untergebracht.

Das Schloss ist von weitläufigen, von der Kažava durchflossenen Parkanlagen sowie Teichen umgeben.[10] Ein literarisches Denkmal setzte Graf Michael von der Borch seinem Park mit einem 1791 dem polnischen König übereigneten, 1795 in überarbeiteter Fassung veröffentlichten Langgedicht: „Jardin sentimental du château de Warkland dans le Comté de Borch en Russie Blanche“.[11]

St.-Viktor-Kapelle[Bearbeiten]

Als Grablege derer von der Borch ließ die Witwe von Graf Michael von der Borch, Gräfin Eleonore Christina von Browne of Camas (1766–1844), die Tochter des Generalgouverneurs von Livland, Georg Browne, 1814 auf einer kleine Anhöhe im Westen des Ortes eine Rotunde, die St.-Viktor-Kapelle, errichten.

Kirchen[Bearbeiten]

Graf Karl von der Borch ließ für die katholische Kirchengemeinde die große, dreischiffige Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt im klassizistischen Stil bauen; sie wurde nach dreijähriger Bauzeit 1854 geweiht.

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Varakļāni eine evangelisch-lutherische Kirche errichtet. Beim Angriff der sowjetischen Truppen 1944 brannte sie nieder. Anfang des 21. Jahrhunderts wurde sie erneuert und wird heute wieder für Gottesdienste genutzt.

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

  • Michael Johann von der Borch (1753–1810), deutsch-baltischer Schriftsteller und Naturwissenschaftler, königlich-polnischer Generalleutnant und Generalquartiermeister im Großherzogtum Litauen
  • Antons Justs (* 22. November 1931), seit 1995 Bischof von Jelgava
  • Anton(s) Kokars (* 1922; † 2006 in Northeim), Journalist und Schriftsteller, Gedichtband „Svešumā“ (In der Fremde) 1958

Varakļānu novads[Bearbeiten]

Seit 2009 besteht eine Verwaltungsgemeinschaft mit zwei angrenzenden Landgemeinden. (Siehe auch: Verwaltungsgliederung Lettlands). 2015 waren 3590 Einwohner gemeldet.[1]

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Feldmann, Heinz von zur Mühlen (Hrsg.): Baltisches historisches Ortslexikon, Teil 2: Lettland (Südlivland und Kurland). Böhlau, Köln 1990, ISBN 3-412-06889-6, S. #.
  • Astrīda Iltnere (Red.): Latvijas Pagasti, Enciklopēdija. Preses Nams, Riga 2002, ISBN 9984-00-436-8.
  • Konrads Sondors: Varakļāni un Varakļāniesi. Latgales Kulturas centra izdevnieciba, 2002.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. a b Tabelle der Latvijas iedzivotaju skaits pašvaldibas = Einwohnerzahlen der Selbstverwaltungsbezirke (lettisch)
  2. Albert Bauer (Red.): Akten und Rezesse der livländischen Ständetage, Bd. 2: 1460–1494, herausgegeben von der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde zu Riga. Verlag E. Bruhns, Riga 1938, S. 105.
  3. Reinhard Wittram: Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180–1918. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1973. ISBN 3-534-06475-5. S. 87.
  4. Karl Heinz Gräfe: Vom Donnerkreuz zum Hakenkreuz. Die baltischen Staaten zwischen Diktatur und Okkupation. Edition Organon, Berlin 2010, ISBN 978-3-931034-11-5, S. 256.
  5. Gedenkstein in jiddischer Sprache auf dem jüdischen Friedhof in Varakļāni.
  6. Jolanta Polanowska: Michał Jan Borch and His Residence in Varakļāni: Genesis and ideological programme. In: Mākslas Vēsture un Teorija, Jg. 16 (2013), S. 18–32.
  7. Apskates objekti Varakļānu pilsētā (Sehenswertes in der Stadt Varakļāni, lettisch), abgerufen am 14. August 2015.
  8. Sitzungsberichte der Kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst aus den Jahren 1864 bis 1871. Mitau 1884, S. 172.
  9. Jānis Zilgalvis: Varakļāni – muiža un tas saimnieki gadsimtu gaitā (Übersetzung des lettischen Titels: Varakļāni – Das Herrenhaus und seine Besitzer im Lauf der Jahrhunderte). In: Mākslas Vēsture un Teorija, Jg. 16 (2013), S. 33–36 (lettisch).
  10. Jolanta Polanowska: The Palace Garden in Warklany. Work of the Owner Michał Jan Borch and Architect Vincenzo de Mazotti. In: Biuletyn Historii Sztuki, Jg. 74 (2012), Heft 3/4, S. 3–5.
  11. Johann Friedrich von Recke, Karl Eduard Napiersky, Theodor Beise: Allgemeines Schriftsteller- und Gelehrten-Lexicon der Provinzen Livland, Esthland und Kurland, Bd. 1: A–F. Johann Friedrich Steffenhagen und Sohn, Mitau 1827, S. 219–223, hier S. 223 (online).