Vollgeld-System

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Vollgeld-System regelt umfassend Geld als gesetzliches Zahlungsmittel eines Währungsraums.

Vollgeld umfasst neben Bargeld (Münzen und Banknoten) auch das Buchgeld, welches in einem Vollgeld-System ebenfalls von der Zentralbank in Umlauf gebracht wird. Im Gegensatz dazu ist gegenwärtig das Buchgeld auf Konten von Bankkunden, das sog. Giralgeld, kein vollwertiges und gesetzliches Zahlungsmittel, sondern nur ein Anspruch auf solches.[1]

Geldschöpfung jeder Art wäre in einer reinen Vollgeldordnung der entsprechenden Zentralbank vorbehalten, insbesondere auch in Form von Vollgeldkonten für den allgemeinen Zahlungsverkehr sowie in Form von digitalem Blockchain-basiertem Zentralbankgeld, das nicht an herkömmliche Konten gebunden ist und eine moderne Form von Bargeld darstellt.[2][3] Buchgeldschöpfung durch Kreditinstitute wie Geschäftsbanken wäre ausgeschlossen. Es gibt jedoch auch Ansätze, die das Weiterbestehen von Giralgeld parallel zur schrittweisen Einführung von unbarem Vollgeld vorsehen.[4]

Früher entwickelte entsprechende Konzepte wurden nach der Finanzkrise ab 2007 aufgegriffen und in der Schweiz als Eidgenössische Volksinitiative Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative) konkretisiert.[5][6]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

US-Ökonomen wie Irving Fisher analysierten die Weltwirtschaftskrise ab 1929. Die zu hohe Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken während des vorgängigen Wirtschaftsaufschwungs wurde als auslösende Hauptursache erkannt. Fisher veröffentlichte daraufhin seine Vorstellungen zum sogenannten 100-%-Geld. Nach diesem Ansatz sollte die Kreditvergabe der Geschäftsbanken ausschließlich mit hinterlegtem Zentralbankgeld erfolgen dürfen.[7] Auch Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman war von der Idee überzeugt, dass der Staat den Geschäftsbanken verbieten sollte, im Zuge ihrer Kreditvergabe einfach neues Geld in Umlauf zu bringen. Ein Geldinstitut dürfe nur dann ein neues Darlehen vergeben, wenn es im gleichen Ausmaß über Bargeldreserven verfüge.[8][9] Der deutsche Wirtschaftswissenschafter und Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank Rolf Gocht schlug 1975 eine neue Geldordnung vor, welche die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken verhindern würde.[10] Im Gegensatz zu Fisher und Friedman handelte es sich bei den Vorschlägen von Gocht um ein System, bei welchem alles Geld nur von der Zentralbank ausgegeben werden soll. Dieses System wurde durch Professor Joseph Huber auf dem Lehrstuhl für Wirtschafts- und Umweltsoziologie an der Martin-Luther-Universität in Halle weiterentwickelt und in der Folge als Vollgeld-System bezeichnet.[11][12]

Richard A. Werner, Professor für internationales Bankwesen an der Universität Southampton in England, entwickelte verwandte Vorschläge für ein weniger krisenanfälliges Geldsystem. Er stellte ebenfalls fest, dass die Kreditvergabe durch Geschäftsbanken für spekulative Zwecke jeweils vor Ausbruch von Krisen stark anstieg. Ob die Kreditgewährung übertrieben und spekulativ ist oder nicht, verrät nach seinen Untersuchungen die Mittelverwendung. Falls die Kredite hauptsächlich unproduktiven Zielen dienten, liegt eine Fehlentwicklung vor. Deshalb wünscht Werner, dass die zuständige Zentralbank entscheidet, wie groß das Kreditvolumen insgesamt sein darf und wem die neugeschaffenen Mittel überlassen werden sollen.[13]

Allen genannten Vorschlägen ist gemeinsam, dass Geldschöpfung der Geschäftsbanken durch die Zentralbank entweder eingeschränkt oder ganz abgeschafft werden soll.

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die zuständige Zentralbank Vollgeld im von der Wirtschaft eines Währungsraumes notwendigen Umfang ausgegeben hat, finanzieren Geschäftsbanken mit zirkulierendem Geld wirtschaftliche Aktivitäten wie durch das Vergeben von Krediten nach eigenem Ermessen, durch das Platzieren von Wertpapieren oder durch das Vermitteln von Kapitalbeteiligungen. Die Banken erbringen auch Dienstleistungen wie Geldwechseln, Abwicklung des Zahlungsverkehrs und Vermögensverwaltung. Jedoch zirkuliert Vollgeld auf Girokonten außerhalb der Bankbilanzen. Es entsteht und existiert nicht als Kundenforderung an die Bank beziehungsweise als Bankverbindlichkeit gegenüber dem Kunden. Zahlungsverkehr stellt nicht mehr Verrechnungen von Bankverbindlichkeiten dar, sondern einen tatsächlichen Fluss von liquiden Aktiva. Die Banken werden zu reinen Intermediären (Kreditvermittlern).[14]

Einlagen bei Banken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesicherte zinslose Kundeneinlagen auf Girokonten bei Geschäftsbanken werden durch diese treuhänderisch verwaltet. Bei Ausfall einer Bank sind diese Kundengelder nicht gefährdet, weil ein entsprechendes Kundenguthaben bei der Zentralbank besteht. Alternativ können Kunden wie bisher der Bank Geld zu einem durch die Geschäftsbank definierten Zins auf einem Sparkonto überlassen. Die Bank kann diese Gelder für Ausleihungen nutzen. In diesem Fall besteht das Gegenparteirisiko bei der entsprechenden Geschäftsbank.[15]

Kreditvergabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kredite können von Geschäftsbanken nur mit Geld vergeben werden, welches sie sich bei der Zentralbank ausgeliehen haben, ihnen auf verzinsten Kundenkonten überlassen wurde oder ihnen durch Aufnahme am Kapitalmarkt zugeflossen ist. Jede Bank entscheidet unabhängig, an wen sie zu welchen Bedingungen Kredite erteilt. Dafür trägt die Bank das alleinige Risiko. Falls ein Kreditinstitut durch ungeeignete Kreditvergabe in Schwierigkeiten gerät, ist eine Abwicklung einfacher. Girokonten außerhalb der Bankbilanz und Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs lassen den Ausfall eines Instituts verkraften.

Kontrolle der Geldmenge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zentralbank hat in diesem System Kontrolle über die zur Verfügung gestellte gesamte Geldmenge. Antizyklische Steuerung ist möglich, um konjunkturelle Schwankungen auszugleichen. Damit Wirtschaftswachstum möglich bleibt, wird nach Bedarf zusätzliches Geld in die Wirtschaft eingespeist, entweder durch Abgabe an staatliche Organe[5], Verteilen an alle Einwohner („Helikoptergeld“)[16][17] oder durch zusätzliche verzinsliche Darlehen der Zentralbank an die Geschäftsbanken.

Systemwechsel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Umstellung von einem Mindestreserve-System auf ein Vollgeld-System kann durch einmaliges Ersetzen des vorhandenen Buchgeldes mit Vollgeld geschehen, welches die Zentralbank schuldet. Dabei werden die bisherigen Verbindlichkeiten der Geschäftsbanken gegenüber ihren Kunden in eine Verbindlichkeit der Zentralbank gegenüber den Bankkunden umgewandelt und erscheinen nicht mehr in der Bilanz der Geschäftsbanken – sie werden beispielsweise von den Geschäftsbanken auf Treuhandkonten im Auftrag der Zentralbank geführt. Bei der Rückzahlung ausstehender Bankkredite nach dem Systemwechsel werden Tilgungszahlungen ihrer Kunden von den Banken an die Zentralbank weitergeleitet, was zunächst zu einer Reduktion der Geldmenge führt. Dadurch kann die bisher aufgeblähte Geldmenge verringert oder alternativ durch die Zentralbank Vollgeld neu geschöpft werden. Diese Umtauschgeldschöpfung könnte zur Schuldenverringerung des Staates genutzt werden.[18]

Unterschied zu Mindestreserve- und Vollreserve-System[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein vollständig implementiertes Vollgeld-System unterscheidet sich von Reserve-Systemen dadurch, dass real- und finanzwirtschaftlich nur noch Vollgeld zirkuliert anstatt virtuelles Giralgeld, welches beim Mindestreserve-System lediglich durch eine kleine Reserve an Zentralbankgeld unterlegt ist. Der Unterschied zwischen Giralgeld (Bankengeld) und Reserven (Zentralbankgeld) wird damit aufgehoben. Es gibt nur noch Vollgeld von der Zentralbank, das unter allen Wirtschaftsteilnehmern in prinzipiell gleicher Weise umläuft, obschon in unterschiedlichen Gebrauchsformen (Bargeld, Kontogeld, digitales Geld).[19][14]

Einführungsbestrebungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schweiz – Vollgeldinitiative[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Vollgeldinitiative

In der Schweiz möchte der 2011 gegründete[20] Verein Monetäre Modernisierung[21] mittels einer Volksinitiative Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative)[5][6] eine Verfassungsänderung erreichen, die — wenn von den Stimmberechtigten in einer der Volksabstimmungen angenommen — den Anstoss zu einem Umsetzungsprozess der Schweizer Politik geben würde, dessen Resultat dazu führen sollte, dass nur noch die Schweizerische Nationalbank für die Versorgung der Gesellschaft mit Geld (Bargeld und Buchgeld, siehe auch Geldschöpfung) zuständig wäre.[22]

Island[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2012, nachdem das isländische Bankensystem infolge der Finanzkrise Islands 2008–2011 beinahe zusammenbrach, verlangte eine parlamentarische Motion mit darauffolgenden Eingaben (neun unterstützend, drei kritisch) eine Prüfung der Vollgeld-Idee. Ende März 2015 legte der Fortschrittspartei-Abgeordnete und Vorsitzende des Wirtschafts- und Handelsausschusses Frosti Sigurjónsson einen, im Auftrag des Premierministers ausgearbeiteten, Bericht – mit Titel Monetary reform: A better monetary system for Iceland[23] – zur möglichen Einführung von Vollgeld vor.[24][25][26][27][28]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(de)

(englisch)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Initianten, Quellen Vollgeld, Monetative[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland

Österreich

Schweiz

International (en)

Videos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Medien, Zeitungsartikel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland

Schweiz

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael McLeay, Amar Radia, Ryland Thomas: Money creation in the modern economy. In: Bank of England Quarterly Bulletin. London 2014 Q1, S. 14–27. Deutsche Bundesbank (Hrsg.): Geld und Geldpolitik. Frankfurt, Stand Frühjahr 2015, S. 57–83.
  2. Gerald Hosp: Die UBS erhält neue Projektmitglieder für ihr digitales Bargeld. In: NZZ. 1. September 2017. Abgerufen am 3. September 2017.
  3. Mattias Benz: Kann der Bitcoin die Notenbanken in Bedrängnis bringen? In: NZZ. 7. September 2017. Abgerufen am 8. September 2017.
  4. John Barrdear, Michael Kumhof: The macroeconomics of central bank issued digital currencies. Bank of England Staff Working Paper, No. 605, Juli 2016, London. - Bank for International Settlements: CPMI report on digital currencies. Basel, 23. November 2015.
  5. a b c Vollgeldinitiative Schweiz: Initiativtext, Verein MoMo Monetäre Modernisierung, auf Web der Initianten (vollgeld-initiative.ch)
  6. a b Eidgenössische Volksinitiative 'Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative)'. auf: admin.ch
  7. Thomas Fuster: Vollgeldinitiative: Ein heikles Vorbild. In: NZZ. 28. Juni 2017. Abgerufen am 28. Juni 2017.
  8. Olaf Storbeck: IWF-Forscher spielen radikale Bankreform durch. In: Handelsblatt online. 16. August 2012.
  9. Jaromir Benes, Michael Kumhof: The Chicago Plan Revisited. IMF-Working Paper, WP 12/202, International Monetary Fund, Washington 2012 (engl.).
  10. Rolf Gocht: Kritische Betrachtungen zur nationalen und internationalen Geldordnung. 2. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 2011, ISBN 978-3-428-13651-3.
  11. Joseph Huber, James Robertson: Geldschöpfung in öffentlicher Hand. Weg zu einer gerechten Geldordnung im Informationszeitalter. Gauke, Kiel 2008, ISBN 978-3-87998-454-1 (überarbeitete deutsche Ausgabe von Creating New Money. A monetary reform for the information age).
  12. Das Ende der monetären Fata Morgana. Interview mit Joseph Huber. auf: n-tv, 14. Juni 2010, abgerufen am 4. März 2017.
  13. Richard A. Werner: Neue Wirtschaftspolitik. Vahlen Verlag, München 2007, ISBN 978-3-8006-3247-3.
  14. a b Verein Monetäre Modernisierung (Hrsg.): Die Vollgeld-Reform – wie Staatsschulden abgebaut und Finanzkrisen verhindert werden können. 3. Auflage. Edition Zeitpunkt, 2013, ISBN 978-3-9523955-0-9, S. 27–53.
  15. Helge Peukert: Neues Geldsystem für Europa. In: Deutschlandradio Kultur. 21. November 2011.
  16. Michael Malquarti: Bares für Bürger. In: Neue Zürcher Zeitung. 16. Februar 2015.
  17. Michael Malquarti: Mit Geldrationen gegen die Krise. (Ausschütten von neuem Zentralbankgeld an die Bevölkerung). In: Handelszeitung. 3. März 2016, S. 23.
  18. Paul Schreyer: Eine neue Geldordnung. (Memento vom 27. Februar 2016 im Webarchiv archive.is) In: Telepolis. 1. Februar 2012.
  19. Joseph Huber: Vollgeld und 100%-Reserve (Chicago Plan). abgerufen am 23. Februar 2016.
  20. vollgeld.ch auf nic.ch
  21. Verein MoMo – Monetäre Modernisierung / Modernisation Monétaire / Modernizzazione Monetaria auf Web der Initianten (vollgeld.ch)
  22. 3-Minuten-Info – Pro-Argumente der Initianten, Kurzinformation zur Vollgeldinitiative auf Web der Initianten (vollgeld-initiative.ch)
  23. (en) Frosti Sigurjónsson: Monetary reform: A better monetary system for Iceland. with foreword by Adair Turner, Edition 1.0, March 20th 2015, Reykjavik - Iceland (PDF auf Web der isländischen Regierung, eng.forsaetisraduneyti.is)
  24. (en) Icelandic Parliament investigating Full Reserve Banking. Positive Money (positivemoney.org), 5. Dezember 2012.
  25. (en) Fundamental reform of the monetary system must be considered, says head of Iceland Parliament’s Committee for Economic Affairs, News and Articles, Iceland Prime Minister’s Office, 31. März 2015.
  26. (en) (afp): Iceland looks at ending boom and bust with radical money plan – Icelandic government suggests removing the power of commercial banks to create money and handing it to the central bank, The Telegraph, 31. März 2015.
  27. Peter Mühlbauer: Isländische Regierung prüft Vollgeld-Vorschlag – Schweizerische Volksinitiative hat Hälfte der notwendigen Stimmen. In: Telepolis. (heise.de), 8. April 2015.
  28. Simon Schmid: Island liebäugelt mit der Geldrevolution – Die Wikingerinsel hat bereits alles erlebt: Hyperinflationen, Finanzcrashs, Bankenpleiten. Jetzt steht mit dem Vollgeldsystem eine radikale Reform zur Debatte, die auch in der Schweiz Anhänger hat. (Newsnet/TA-Media: Basler Zeitung (BAZ)/Der Bund/Tagesanzeiger (TA)), 10. April 2015 – Artikel auf BAZ, Der Bund, TA