Vollgeld-Initiative

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Mit der Eidgenössischen Volksinitiative «Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative)»[1] möchten die Initianten erreichen, dass nur noch die Schweizerische Nationalbank (SNB) für die Versorgung der Gesellschaft mit Geld (Geldschöpfung) ausschliesslich zuständig ist.[2]

Initiative

Die Initianten verweisen darauf, dass gegenwärtig das Buchgeld auf Konten von Bankkunden (Sichtgeld wie Privatkonten und Kontokorrent, aber auch Termineinlagen (Festgeld) sowie Anlage- und Sparkonten) kein gesetzliches Zahlungsmittel ist wie Bargeld, sondern nur ein Anspruch auf solches.[3] Buchgeld ist heute weitverbreitet, weil Buchungen von einem Konto auf ein anderes bargeldlos elektronisch vorgenommen werden können. (siehe auch: Vollgeld-System, im weiteren auch elektronisches Geld)

Welche Umwälzung des bestehenden Systems sie anvisieren belegt die Tatsache, dass gegenwärtig in der Schweiz etwa 90 % der gesamten vorhandenen Geldmenge Buchgeld ist.[4]

Initiativkomitee und Zustandekommen

Im Oktober 2011 gründeten die Initianten den Verein MoMo – Monetäre Modernisierung / Modernisation Monétaire / Modernizzazione Monetaria, um ihr Anliegen zu lancieren.[5] Am 1. Dezember 2015 reichten sie die Initiative mit 110'955 gültigen Unterschriften ein.[6][7]

Ziele der Initiative

[1][2]

Die Initianten argumentieren, das die Annahme der Initiative zu, aus ihrer Sicht, grundlegenden Verbesserungen des Geld-/Finanzsystems der Schweiz führen würde:

  • Buchgeld dürfte nur noch von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) herausgegeben werden und nicht mehr wie bisher durch Finanzdienstleister/Geschäftsbanken. Dadurch würde neues Buchgeld (elektronisches Geld) in Schweizer Franken ebenso gesetzliches Zahlungsmittel wie bisher das Bargeld (Banknoten und Münzen). Dabei handelt es sich jedoch nicht um sogenanntes «100 % Money» wie im früheren «Chicago-Plan» (Vollgeld > Geschichte), weil bei Vollgeld keine 100 %-Deckung mit Nationalbankgeld nötig ist. Vollgeld ist ein direkter Anspruch auf Nationalbankgeld wie heute schon das Bargeld.
  • Die SNB würde ein direkteres Mittel erhalten, um die Geldmenge zu steuern und damit das Wirtschaftswachstum oder Fehlentwicklungen zu beeinflussen.
  • Der SNB wäre es freigestellt, neu herausgegebenes Geld direkt an Bund, Kantone oder Bürger zuzuteilen. Dadurch könnte eine Entschuldung ermöglicht werden. Es könnte dafür gesorgt werden, dass neu geschaffenes Geld vorwiegend der Realwirtschaft zukommt.
  • Das Schweizer Finanzsystem soll stabiler gemacht werden, indem Bank Runs in Krisenzeiten vermieden werden. Bei Verunsicherung der Anleger würde kein Grund mehr bestehen, Sichteinlagen in Bargeld umzuwandeln, weil beide Geldarten dieselbe, durch die SNB garantierte Sicherheit aufweisen würden. Somit würde bei Sichteinlagen/Zahlungsverkehrskonten das Gegenparteirisiko durch allfällig zahlungsunfähige Banken entfallen. Zudem würde der Zahlungsverkehr so organisiert, dass während einer Finanzsystemkrise bei Ausfall von Finanzdienstleistern die Weiterführung des Zahlungsverkehrs ermöglicht würde. Dies würde dazu beitragen, dass des Too-big-to-fail-Problem entschärft würde.
  • Allfällige Seigniorage-Erlöse (Geldschöpfungserlöse) kämen über die SNB der Allgemeinheit zugute und nicht mehr wie bisher vorwiegend den Schweizer Grossbanken.

Wortlaut der Initiative

[1]

Die Bundesverfassung1 wird wie folgt geändert:

Art. 99   Geld- und Finanzmarktordnung

1 Der Bund gewährleistet die Versorgung der Wirtschaft mit Geld und Finanzdienstleistungen. Er kann dabei vom Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit abweichen.
2 Der Bund allein schafft Münzen, Banknoten und Buchgeld als gesetzliche Zahlungsmittel.
3 Die Schaffung und Verwendung anderer Zahlungsmittel sind zulässig, soweit dies mit dem gesetzlichen Auftrag der Schweizerischen Nationalbank vereinbar ist.
4 Das Gesetz ordnet den Finanzmarkt im Gesamtinteresse des Landes. Es regelt insbesondere:
a. die Treuhandpflichten der Finanzdienstleister;
b. die Aufsicht über die Geschäftsbedingungen der Finanzdienstleister;
c. die Bewilligung und die Beaufsichtigung von Finanzprodukten;
d. die Anforderungen an die Eigenmittel;
e. die Begrenzung des Eigenhandels.
5 Die Finanzdienstleister führen Zahlungsverkehrskonten der Kundinnen und Kunden ausserhalb ihrer Bilanz. Diese Konten fallen nicht in die Konkursmasse.

Art. 99a   Schweizerische Nationalbank

1 Die Schweizerische Nationalbank führt als unabhängige Zentralbank eine Geld- und Währungspolitik, die dem Gesamtinteresse des Landes dient; sie steuert die Geldmenge und gewährleistet das Funktionieren des Zahlungsverkehrs sowie die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten durch die Finanzdienstleister.
2 Sie kann Mindesthaltefristen für Finanzanlagen setzen.
3 Sie bringt im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrages neu geschaffenes Geld schuldfrei in Umlauf, und zwar über den Bund oder über die Kantone oder, indem sie es direkt den Bürgerinnen und Bürgern zuteilt. Sie kann den Banken befristete Darlehen gewähren.
4 Sie bildet aus ihren Erträgen ausreichende Währungsreserven; ein Teil dieser Reserven wird in Gold gehalten.
5 Der Reingewinn der Schweizerischen Nationalbank geht zu mindestens zwei Dritteln an die Kantone.
6 Die Schweizerische Nationalbank ist in der Erfüllung ihrer Aufgaben nur dem Gesetz verpflichtet.

Art. 197 Ziff. 12 2

12. Übergangsbestimmungen zu den Art. 99 (Geld- und Finanzmarktordnung) und 99a (Schweizerische Nationalbank)
1 Die Ausführungsbestimmungen sehen vor, dass am Stichtag ihres Inkrafttretens alles Buchgeld auf Zahlungsverkehrskonten zu einem gesetzlichen Zahlungsmittel wird. Damit werden entsprechende Verbindlichkeiten der Finanzdienstleister gegenüber der Schweizerischen Nationalbank begründet. Diese sorgt dafür, dass die Verbindlichkeiten aus der Buchgeld-Umstellung innerhalb einer zumutbaren Übergangsphase getilgt werden. Bestehende Kreditverträge bleiben unberührt.
2 Insbesondere in der Übergangsphase sorgt die Schweizerische Nationalbank dafür, dass weder Geldknappheit noch Geldschwemme entsteht. Während dieser Zeit kann sie den Finanzdienstleistern erleichterten Zugang zu Darlehen gewähren.
3 Tritt die entsprechende Bundesgesetzgebung nicht innerhalb von zwei Jahren nach Annahme der Artikel 99 und 99a in Kraft, so erlässt der Bundesrat die nötigen Ausführungsbestimmungen innerhalb eines Jahres auf dem Verordnungsweg.

1 SR 101[8]
2 Die endgültige Ziffer dieser Übergangsbestimmung wird nach der Volksabstimmung von der Bundeskanzlei festgelegt.

Kommentare der Initianten zum Bankenwesen in der Schweiz

  • Die Initianten führen an, dass insbesondere die Grossbanken bisher durch die Möglichkeit zur eigenen Geldschöpfung von Seigniorage (Geldherstellungserlösen) erheblich profitiert haben. Sie könnten, nur durch die Mindestreservenanforderungen begrenzt, selbst viel neues Buchgeld ohne nennenswerte Kosten schaffen.[9] Allerdings sind diese Geldherstellungserlöse seit 2014 nicht mehr bedeutend, weil die Banken seither von der Nationalbank zinslos Geld beziehen können.[10]
  • Geschäftsbanken würden nach Annahme dieser Initiative zu Intermediären (Kreditvermittlern).[11] Die meisten Schweizer Kantonalbanken, die Raiffeisenbanken wie auch kleinere Geschäfts- und Privatbanken arbeiten bisher ohnehin hauptsächlich als Finanzintermediäre, Abwickler des Zahlungsverkehrs und Vermögensverwalter ohne selbst Buchgeld im Ausmass der Grossbanken UBS und Credit Suisse zu schöpfen.[10]

Stellungnahmen

Bundesrätliche Beratung

Der Schweizerische Bundesrat überreichte im November 2016[7] dem Parlament seine Botschaft zur Initiative, in der er den eidgenössischen Räten beantragt, die Vollgeld-Initiative abzulehnen.[12]

Argumente des Bundesrates in Übersicht

[12]
  • Die Schweiz würde zum Experimentierfall für unerprobte Finanzreformen.
  • Diese Reform würde es der SNB erschweren, eine Geldpolitik zur Erhaltung der Preisstabilität zu verfolgen.
  • Die schuldfreie Schaffung von Geld durch Transfers an Bund, Kantone oder private Haushalte würde ohne Gegenleistung und ohne Erwerb von Vermögenswerten durch die SNB erfolgen. Deshalb wäre eine zukünftige Reduktion der Geldmenge durch Verkauf solcher Vermögenswerte eingeschränkt.
  • Die SNB wäre vermehrtem politischen Druck ausgesetzt.
  • Der Finanzsektor dürfte geschwächt werden, weil dessen Gewinnpotential abnehmen würde.
  • Bankkrisen wären immer noch möglich. Sparkonten und Termineinlagen wären nach wie vor Liquiditätskrisen ausgesetzt. Auch bestünde kein vollständiger Schutz gegen Finanzkrisen im Ausland.

Parlamentarische Beratungen

Ständerat

Die vorbereitende ständerätliche Wirtschaftskommission (WAK) führte Anhörungen der Initianten, der Nationalbank und von Wirtschaftswissenschaftern (Mathias Binswanger, Hans Geiger, Philippe Bacchetta und Thomas Jordan der SNB) während 2017 durch. Anfang September beantragte sie, mit 11 zu 0 Stimmen bei 2 Enthaltungen, den Ständerat, die Initiative zur Ablehnung zu empfehlen.[13] Nach Beratungen und Debatte gab der Ständerat Ende September bekannt, dass er, ohne Gegenstimme, dem Volk die Ablehnung empfiehlt.[14][15][16]

Die wesentlichen Punkte der Ratsdebatte:[14][15][16][17]

  • Kein Land der Welt hat ein Vollgeld-System. Die Folgen wären höchst ungewiss. Die Schweiz würde auf eigene Kosten Versuchskaninchen in einem riskanten Experiment spielen und würde genau das machen, was die Initianten an den Finanzmärkten kritisieren: eine Hochrisiko-Spekulation.
  • Das Vollgeld hätte die letzte Finanzkrise nicht verhindert. Bei jener Krise war eine Bankschalter-Panik in der Schweiz nicht das Thema. Der Systemwechsel könnte per saldo die Risiken sogar noch erhöhen, da Kundengelder in weniger regulierte (und verzinsliche) Kanäle ausweichen dürften.
  • Für die Kreditversorgung ist mit Problemen zu rechnen, wenn sie zentral durch die SNB statt dezentral durch die Geschäftsbanken getrieben ist.
  • Wenn die SNB Geldschöpfungsgewinne direkt an Fiskus und Bürger verteilt, sind politische Einflussnahmen auf die Notenbank zu befürchten.
  • Die Vollgeld-Initiative ist ein interessantes Gedankenexperiment. Es gehört aber in ein wissenschaftliches Seminar und nicht in die Bundesverfassung.
  • Die Schweiz hat in den letzten Jahren schon viel gemacht, um die Stabilität des Finanzsektors zu erhöhen.

In der Debatte warnte Ruedi Noser (FDP/ZH), namens der Wirtschaftskommission, dass die Initiative für den Gesetzgeber riesigen Spielraum lasse. Problematisch nannte er auch die vorgeschlagene Umsetzung: «Die Schweiz wäre das einzige Land, das eine Währungsreform zwei Jahre im Voraus ankündigt.» SP-Vertreter wollten die Vorlage an den Bundesrat zurückweisen mit dem Auftrag für einen indirekten Gegenvorschlag, unterlagen aber mit 29 zu 11 Stimmen. Sie wollen systemrelevanten Banken eine Eigenkapitalquote von zehn Prozent vorschreiben. Die Drei-Prozent-Vorgabe der Banken sei erfüllt, sei aber zu wenig für den nächsten Finanzsturm, begründete Anita Fetz (SP/BS) den Antrag. Es sei zwar einiges getan worden in dieser Richtung, sagte auch ihr Fraktionskollege Paul Rechsteiner (SP/SG): «Aber den Druck für eine genügende Eigenkapital-Ausstattung zu erhöhen, ist richtig.»[15]

Nationalrat

Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) des Nationalrates (NR) tagt am 23. Oktober 2017.[4][18] Die Beratungen und Debatten im Nationalrat folgen 2017/18.

Wissenschaft

Die Anliegen der Initiative diskutierte auch die wissenschaftlicher Gemeinschaft – wie an den Universitäten Basel (Aleksander Berentsen), Bern (Dirk Niepelt), Freiburg/Fribourg (Sergio Rossi), Lausanne (Philippe Bacchetta), Zürich (Urs Birchler, Jean-Charles Rochet) und, in Deutschland, Siegen (Helge Peukert,[19] ) und Institut für Vermögensentwicklung (Max Otte,[19] früher Hochschule Worms).

Uni Basel, Uni Bern

Juni 2016 – Wirtschaftswissenschafter der Unis Basel und Bern brachten alternative Vorschläge in die Diskussion ein (siehe: Alternative Vorschläge).

Uni Lausanne

Juni 2017 – Philippe Bacchetta analysierte die Vorschläge der Initianten, in einem für die SBV geschriebenen[20] und von ihr finanziell unterstützten Bericht.[21] Zusammenfassung seiner Folgerungen:

  • Die SNB kann die Grösse der Sichteinlagen und damit auch der Geldmenge nach Umsetzung der Initiative nicht wirkungsvoll regulieren.
  • Durch die schuldfreie Ausgabe von Geld an Bund, Kantone oder Private Haushalte würde die Glaubwürdigkeit der SNB leiden und zusätzliche Instabilität des Finanzsystems entstehen.
  • Frühere wissenschaftliche Arbeiten und Vorschläge und wie der Chicago Plan sind nicht direkt auf diese Initiative übertragbar, da wesentliche Unterschiede bestehen.
  • Einleger von Sichtguthaben erhalten keinen Zins und müssen im Gegenteil mit Zusatzkosten rechnen. Nach Schätzung von Bacchetta würde die Einführung der Initiativforderungen zu einer Verminderung des Schweizer Bruttoinlandproduktes (BIP) um etwa 0,8 Prozent führen.
  • Finanzkrisen könnten trotzdem grosse Auswirkungen haben.

Die darauf folgende Kritik der Initianten[22] lehnte Barcchetta ab, als oberflächlich, da bloss auf Stichworte der Präsentationsfolien gestützt, und wirtschafts-wissenschaftlich unfundiert.[23]

Uni Zürich – Leitfaden

[4][24][25]

Oktober 2017 – In Hinblick auf die unmittelbar bevorstehenden Beratungen der nationalrätlichen WAK (Ende Oktober), die kommenden Debatten in Nationalrat und auch die Volksabstimmung haben die Wirtschaftswissenschafter Urs Birchler (em.) und Jean-Charles Rochet (Institut für Banking und Finance, IBF, der Uni Zürich) einen Leitfaden verfasst (Die Vollgeld-Initiative – ein Leitfaden für jedermann).

Sie stellen die Vorschläge der Initianten in historischen Kontext – Konzepte «Chicago Plan», «100% Money» aus Krisenzeiten der dreissiger Jahre, welche nach der Finanzkrise 2007/08 als «Sovereign Money», «Positive Money» und, auf deutsch, als «Vollgeld» in zahlreichen Ländern wieder aufgenommen wurden und v.a. in Island, den Niederlanden und auch in der Schweiz diskutiert werden (siehe auch Vollgeld : Geschichte).

Die Autoren geben keine Empfehlungen ab, dafür diverse Erklärungen, Überlegungen, Berechnungen – zu Geldarten, zweistufigem Bankensystem, Makro-Stabilität, Krisen, Geldpolitik, Kreditversorgung und Gewährung, Rolle der SNB, Bankenregulierung, Einlegerschutz, öffentlichen Finanzen, Geldschöpfung – und Vergleichen die übliche Praxis und Theorie mit Vorschlägen der Initianten. Sie führen auch der Initiative verwandte Reformen und Alternativen auf – digitales Bargeld (central bank digital currency), Krypto-Währungen und free banking.

Auf die Frage, ob die Annahme der Initiative das Finanzsystem stabiler machen würde, sagen sie, dass es aus wissenschaftlicher Sicht kein eindeutiges Fazit gibt.

Sie berichtigen aber das Versprechen der Initianten auf eine schuldfreie Ausschüttung eines SNB-Vermögens von geschätzten CHF 300 Mrd. Sie belegen, dass in der Tat ein Transfer des SNB-Vermögens auf Bund und Kantone eine Vermögensverschiebung innerhalb des öffentlichen Sektors darstellen würde. Denkt man sich die öffentliche Hand und SNB als Einheit, geschieht bei einer Übertragung nichts. Der einzige Unterschied liegt in der Verfügungsmacht über die Vermögenswerte – sie ginge von der SNB zum Bund und den Kantonen über.

Wie auch ein Teil der Vollgeld-Befürworter, stellen die Autoren fest, dass «Vollgeld» derzeit, vorübergehend, «quasi Praxis» ist. Per Ende 2016 waren die Sichteinlagen der Banken voll durch deren flüssige Mittel gedeckt, was an den massiven Interventionen der SNB zur Schwächung des CHFs liegt und sich durch enorm hohe Guthaben der Geschäftsbanken bei der Nationalbank spiegelt. Die flüssigen Mittel der Geschäftsbanken (namentlich Kontoguthaben bei der SNB) betragen derzeit etwa das Zehnfache vom Bestand in «normalen» Zeiten.

Den Lesern schlagen sie zwei «Kernfragen» vor: (1) «Wer kann besser beurteilen, wieviel Geld die Schweiz braucht – die SNB dank ihrer Unabhängigkeit und Fachkenntnis oder die Geschäftsbanken dank ihrer Kontakte zu Haushalten und Wirtschaft?» und (2) «Wer verwaltet das Schweizer Nationalvermögen besser – die SNB dank ihrer Unabhängigkeit und Fachkenntnis oder der Bund und die Kantone dank ihrer direktdemokratischen Verantwortung?»

Geschäftsbanken

Die meisten Geschäftsbanken lehnen die Initiative ab. So erklärte die Schweizerische Bankiervereinigung, Dachverband der Banken und Finanzinstitute:

«Die Vollgeldinitiative will das Geldsystem der Schweiz radikal umbauen: Banken müssten alle Sichteinlagen vollständig durch Notenbankgeld decken, die Schweizerische Nationalbank (SNB) würde die Menge an Sichteinlagen vollständig kontrollieren und sie könnte Geld schuldfrei direkt an die Bürger oder über Bund und Kantone in Umlauf bringen.»

Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg), Medienmitteilung, 27. Juni 2017[26]

Sergio Ermotti, CEO von UBS, behauptete in einem Gespräch mit Sergio Rossi der Universität Freiburg/Fribourg, dass eine Geschäftsbank nur in dem Umfang Kredite gewähren kann als zuvor Einlagen gemacht wurden. Damit negierte er die Möglichkeit von Geschäftsbanken, selbst Geld zu schöpfen.[27]

Repliken der Initianten

Auf die ablehnende Botschaft des Bundesrats (vom 9. September 2016) haben die Initianten mit einer Medienmitteilung reagiert, welche eine detaillierte Gegenüberstellung der bundesrätlichen Botschaft und ihrer Argumente enthält.[28][29]

Die Initianten haben Philippe Bacchettas Analyse "The Sovereign Money Initiative in Switzerland"[21] hart kritisiert. Bacchetta hat relevante Literatur anderer Wissenschafter nicht berücksichtigt, um für den Auftraggeber (Schweizerische Bankiervereinigung) einseitige Gegenargumente zur Initiative zu liefern. Die Initianten haben ihre Kritik veröffentlicht.[22][30]

Die Initianten haben zur Medienmitteilung der Schweizerischen Bankiervereinigung vom 27. Juni 2017 und zur zugrunde liegenden, von der Bankiervereinigung in Auftrag gegebenen Studie von Philippe Bacchetta[21] Stellung genommen. Sie bezeichnen fünf Aussagen der Bankiervereinigung als Falschaussagen und erklären weshalb:[10]

  • Sparer würden nicht schlechter gestellt als heute: Auf Privatkonten gibt es seit längerer Zeit bereits keinen Zins mehr. Zudem könnten Sparer im Vollgeldsystem vom zinslosen Zahlungsverkehrskonto (anstelle eines Privatkontos) nach wie vor auf ein zinstragendes Sparkonto wechseln.
  • Die Kreditvermittlung durch Geschäftsbanken würde durch die Umstellung weder teurer noch komplizierter: Die Vergabe von Krediten durch die Banken würde identisch zu heute verlaufen.
  • Das Vollgeldsystem würde die Geschäftsbanken im internationalen Geschäft nicht behindern: Der internationale Devisenmarkt wird schon heute mit Zentralbankgeld (Vollgeld) abgewickelt.

Der Sprecher der Initianten, Reinhold Harringer, bezog Stellung zu Voten von Ständeräten und Bundesrat Maurer vor der entsprechenden Abstimmung im Ständerat.[31]

Alternative Vorschläge

Berentsen, Setlik und Niepelt, Unis Basel und Bern

[32][33]

Juni 2016 – Aleksander Berentsen (mit Joachim Setlik) und Dirk Niepelt, Wirtschaftswissenschafter der Unis Basel und Bern, schlugen einen direkten Zugang zu den Reserven der SNB durch Zahlungskonten (mit elektronischem Geld) für jedermann als Einzelmassnahme ohne die weiteren Forderungen der Initiative vor. Die Vorteile gemäss diesen Wissenschafter sind:

  • Bedürfnis nach Sicherheit wird abgedeckt
  • beste Alternative zum Bargeld
  • Ergänzung der bestehenden Geldordnung, keine Verbote wie von Initiative vorgesehen
  • erhöhte Systemstabilität
  • vereinfacht die Geldpolitik, macht sie gerechter und transparenter
  • geringer administrativer Aufwand für die SNB.

Vor- und Nachteile dieses Alternativvorschlags werden im Leitfaden zur Vollgeld-Initiative durch andere Fachleute dargestellt.[4]

Volksabstimmung

Nach der parlamentarischen Beratung, in einer der Abstimmungen[34] 2018 oder 2019,[21] werden die Stimmberechtigten (Volk und Stände) über die Initiative entscheiden.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c Eidgenössische Volksinitiative. Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative) – Die Initiative im Wortlaut Schweizerische Bundeskanzlei (admin.ch)
  2. a b 3-Minuten-Info – Pro-Argumente der Initianten, Kurzinformation zur Vollgeldinitiative auf Web der Initianten (vollgeld-initiative.ch)
  3. Michael McLeay, Amar Radia, Ryland Thomas: Money creation in the modern economy, Bank of England Quarterly Bulletin, London 2014 Q1, S. 14–27. Deutsche Bundesbank (Hg), Geld und Geldpolitik, Frankfurt: Stand Frühjahr 2015, S. 57–83.
  4. a b c d Urs Birchler, Jean-Charles Rochet: Die Vollgeld-Initiative – ein Leitfaden für jedermann (PDF), Das Forum für Schweizer Wirtschaftspolitik, Entwurf, 6. Oktober 2017 (batz.ch)
  5. MoMo – Verein Monetäre Modernisierung (CH), Web von Monneta (monneta.org, abgerufen am 9. September 2017)
  6. Eidgenössische Volksinitiative. Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative) – Unterschriften, Schweizerische Bundeskanzlei (admin.ch)
  7. a b Eidgenössische Volksinitiative. Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative) – Übersicht, Schweizerische Bundeskanzlei (admin.ch)
  8. SR = Systematische Rechtssammlung, SR 101 = Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft
  9. Mathias Binswanger: Geld aus dem Nichts. Wie Banken Wachstum ermöglichen und Krisen verursachen. Wiley, Weinheim, 2015. ISBN 978-3527508174
  10. a b c Vollgeld: Ja zum Bankenplatz Schweiz. Verein Monetäre Modernisierung, September 2017, S. 8–11, 18–19 (auf vollgeld-initiative.ch, abgerufen am 11. September 2017)
  11. Verein Monetäre Modernisierung (Hrsg.): Die Vollgeld-Reform – wie Staatsschulden abgebaut und Finanzkrisen verhindert werden können, Edition Zeitpunkt, 3. Auflage 2013, S. 27–53, ISBN 978-3-9523955-0-9
  12. a b Schweizerischer Bundesrat: Botschaft zur Volksinitiative 'Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative)' 9. November 2016 (PDF auf admin.ch)
  13. Keine Unterstützung für die Vollgeld-Initiative – Die Kommission ist aufgrund von Anhörungen zum Schluss gekommen, dass die Initiative (16.074) einen zu risikoreichen Systemwechsel einleiten würde und beantragt mit 11 zu 0 Stimmen bei 2 Enthaltungen, die Initiative zur Ablehnung zu empfehlen, Medienmitteilung, Das Schweizer Parlament, 1. September 2017 (auf parlament.ch)
  14. a b Amtliches Bulletin der Verhandlungen zur Vollgeld-Initiative. Voten im Detail. Parlamentsdienste, 28. September 2017, abgerufen am 8. Oktober 2017
  15. a b c Ständerat Warnt vor Experimenten mit der Vollgeld-Initiative – (sda) Der Ständerat lehnt die Vollgeld-Initiative ab. Auch von einem Gegenvorschlag, mit dem die Minderheit für systemrelevante Banken die Eigenkapitalquote erhöhen wollte, wollte die Mehrheit der kleinen Kammer nichts wissen. Medienmitteilung, Das Schweizer Parlament/sda, 28. September 2017 (auf parlament.ch)
  16. a b Hansueli Schöchli: Der Ständerat will kein 300-Milliarden-Geschenk – Die Vollgeld-Initiative gehört in ein wissenschaftliches Seminar, aber nicht in die Bundesverfassung. Kein einziger Ständerat empfiehlt ein Ja zur Vorlage, NZZ, 28. September 2017
  17. Ständerat gegen die Vollgeld-Initiative. SRF-Sendung vom 28. September 2017, mit 27 Kommentaren. Abgerufen am 7. Oktober 2017
  18. WAK – kommende Termine: Kommissionen für Wirtschaft und Abgaben WAK > Sitzungsplanung > WAK-N, auf parlament.ch
  19. a b Die grosse Geldflut. SWR-Sendungsausschnitt (9 Min.) vom 5. Juli 2017 (auf vimeo.com, abgerufen am 20. September 2017)
  20. Initiative Vollgeld - Sovereign Money - Monnaie pleine - Vollgeld: A Swiss initiative, Philippe Bacchetas Webseite bei Uni Lausanne (people.unil.ch)
  21. a b c d Philippe Bacchetta: The Sovereign Money Initiative in Switzerland: An Assessment. (Vollgeldinitiative in der Schweiz: Eine Einschätzung/Bewertung.) (32 Seiten, PDF auf unil.ch, Zitat-Übersetzung wiki-vr.mp), Swiss Finance Institute, CEPR, 27. Juni 2017
  22. a b Harte Kritik an bezahlter Studie über das Vollgeld. Vollgeld-Initiative, Juni 2017 (vollgeld-initiative.ch)
  23. Philippe Bacchetta: Response to defamation. Press release. (PDF) auf Web der Uni Lausanne (people.unil.ch)
  24. Urs Birchler: Vollgeld-Leitfaden, Das Forum für Schweizer Wirtschaftspolitik, 6. Oktober 2017, batz.ch
  25. Hansueli Schöchli: Vollgeld für Einsteiger – Die Vollgeld-Initiative ist schwierig zu verstehen. Zwei Zürcher Finanzprofessoren offerieren nun eine nützliche Lesehilfe, NZZ, 10. Oktober 2017
  26. Vollgeldinitiative: Studie zeigt Folgen für die Schweiz, Medienmitteilung, Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg), 27. Juni 2017 (swissbanking.org)
  27. I conti in tasca – Un patto di paese per il Ticino, Sergio Ermotti (CEO UBS) im Gespräch mit Sergio Rossi (Uni Freiburg/Fribourg), TeleTicino, 15. Februar 2017 (Ausschnitt auf terraherz.wordpress.com, übernommen von Uncut-News Schweiz (uncut-news.ch) auf YouTube, abgerufen am 12. September 2017)
  28. Gegenüberstellung: Übersicht des Bundesrates und Erläuterungen der Initianten. Vollgeld-Initiative (vollgeld-initiative.ch), 19. Dezember 2016, S. 23–26
  29. Stellungnahme der Initianten zur Bundesratsbotschaft. Vollgeld-Initiative (vollgeld-initiative.ch)
  30. Joseph Huber: Stellungnahmen: Braucht die Finanzwirtschaft kein Geld mehr? Vollgeld-Initiative, 17. August 2017 (vollgeld-initiative.ch)
  31. Reinhold Harringer: Ständerat unterstützt Privatisierung des Schweizer Frankens. Medienmitteilung der Vollgeld-Initiative, 29. September 2017, abgerufen am 8. Oktober 2017
  32. Aleksander Berentsen, Joachim Setlik (Universität Basel): Die Alternative., Juni 2016 (auf vollgeld-initiative.com)
  33. Dirk Niepelt, Ron Rimkus (CFA): Contemplating the End of Fractional Reserve Banking in Switzerland, Videoaufzeichnung (01:09:22, auf livestream.com/livecfa) der Präsentation der (gleichnamigen) Veranstaltung, CFA Society Switzerland, 21. Juni 2016 (auf swiss.cfa)
  34. Blanko-Abstimmungstermine, Übersicht vorgesehener Abstimmungstermine für die nächsten Jahre (admin.ch)