Walter Reder

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Walter Reder, hier SS-Obersturmführer

Walter Reder (* 4. Februar 1915 in Freiwaldau; † 26. April 1991 in Wien) war ein österreichischer SS-Sturmbannführer im Dritten Reich sowie Träger des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes.[1] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er als Kriegsverbrecher verurteilt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reder entstammte einer bürgerlich konservativen Familie. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie zog die Familie aus dem schlesischen Freiwaldau nach Garsten bei Steyr, dem Heimatort der Familie Reder. Sein Vater Rudolf arbeitete zunächst in der Brotfabrik Reders Söhne in Garsten und gründete 1925 eine Rechenmaschinenfabrik. Das Unternehmen erwies sich laut damaliger Presse als „Luftschloss“ und ging 1928 bankrott, woraufhin Rudolf Reder wegen fahrlässiger Krida eine kurze Freiheitsstrafe abbüßen musste.[2][3][4][5]

Für Walter Reder war der Bankrott seines Vaters eine einschneidende Wende. Er musste das Elternhaus verlassen und zu seiner Tante nach Wien ziehen. In Wien besuchte er das Bundesrealgymnasium in der Diefenbachgasse. 1932 zog er nach Linz und ging dort auf die Handelsakademie. Im gleichen Jahr schloss er sich der Hitlerjugend an.[6]

Zeit des Nationalsozialismus und militärische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum 8. Februar 1933 trat er der SS bei (SS-Nummer 58.074) und wurde der 37. SS-Standarte eingereiht.[7] Aus seiner SS-Zugehörigkeit machte er keinen Hehl, so dass er bald wegen seiner Mitgliedschaft und wegen anderer politisch motivierter Vergehen festgenommen wurde und in Untersuchungshaft geriet. 1934 wurde er wegen seiner Betätigung für den Nationalsozialismus kurz vor der Abschlussprüfung der Schule verwiesen. Im Juni 1934 kam er der Internierung in das Anhaltelager Kaisersteinbruch durch Flucht nach Deutschland zuvor. In Deutschland schloss er sich zunächst der österreichischen Legion an. Noch 1934 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an und das Jahr darauf begann er eine Ausbildung zum SS-Offizier in der SS-Junkerschule in Braunschweig. 1936 wurde Reder als SS-Untersturmführer zur SS-Totenkopfstandarte „Oberbayern“ in die Wachmannschaft des KL Dachau versetzt.[8][9] Offenbar am 1. Mai 1937 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 5.020.869).[10]

Kommandeur der SS-Totenkopfstandarte „Oberbayern“ war Max Simon, dem Reder als Kommandeur auch später unterstehen sollte. Der sich selbst in einem Interview mit dem italienischen Journalisten Enzo Biagi 1969 als „einer der Besten in der SS“ bezeichnete Reder stieg bald die Karriereleiter aufwärts. Draufgängertum und Rücksichtslosigkeit zeichneten ihn aus.[11][12][13] 1938 nahm er mit der SS-Totenkopfstandarte „Oberbayern“ am Einmarsch deutscher Truppen nach Österreich und 1939 in die Tschechoslowakei teil. Mit der gleichen Einheit war er bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am Überfall auf Polen beteiligt.

Nach Abschluss des Überfalls auf Polen wurde er als Verbindungsoffizier der SS-Division Totenkopf bei Heinrich Himmler eingesetzt und nach Berlin abkommandiert. Im Frühjahr 1940 wurde Reder als Stabsoffizier dem SS-Totenkopf-Infanterie-Regiment 2 zugewiesen und nahm am Frankreichfeldzug teil. 1941 war er mit der Totenkopf-Division an der Ostfront zunächst als Kompaniechef, dann als Bataillonskommandeur eingesetzt. Im September 1941 wurde er auf den Waldaihöhen nordwestlich von Moskau verwundet. Nach seiner Genesung kehrte er im Januar 1942 zu seiner Einheit zurück und nahm an der Kesselschlacht von Demjansk teil, bis die Reste der aufgeriebenen Division im Oktober 1942 nach Frankreich abgezogen wurden. Nach der Besetzung der Südzone Frankreichs im Unternehmen Anton im November 1942 und einem anschließenden Fortbildungskurs in Paris war Reder ab Februar 1943 mit der neu aufgefrischten Totenkopf Division erneut an der Ostfront eingesetzt und nahm an der Schlacht bei Charkow teil. Anfang März wurde er bei Charkow durch Granatsplitter schwer verwundet, dabei verlor Reder den linken Arm, während der rechte teilweise gelähmt blieb. In der Folge wurde er mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet und zum SS-Sturmbannführer befördert. Nach seiner Verwundung wurde er dem SS-Panzergrenadier-Ausbildungs- und Ersatz-Bataillon 3 zugewiesen. Nach seiner Genesung meldete er sich im Dezember 1943 bei Max Simon, der den Befehl über die 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ übernommen hatte.[14]

Simon übertrug ihm das Kommando über die SS-Panzer-Aufklärungsabteilung 16 der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“. Mit dieser Einheit war er im Sommer 1944 erneut an Fronteinsätzen in Italien bei Grosseto und Livorno in der Toskana beteiligt. Anschließend war die von Reder geführte "SS-Panzer-Aufklärungsabteilung" 16 zwischen August und September 1944 in der sogenannten Bandenbekämpfung im Apennin nördlich von Florenz eingesetzt und an den Massakern von Fivizzano und Marzabotto beteiligt, bei denen mehrere hundert Zivilisten ermordet wurden.[15][16]

Nach Kriegsende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reder geriet 1945 in einem österreichischen Lazarett in Gefangenschaft, wurde anschließend im Kriegsgefangenenlager Wolfsberg in Kärnten interniert und 1948 von Großbritannien an Italien ausgeliefert. 1951 stand er vor einem Militärgericht in Bologna. Seine Verteidiger waren der italienische Anwalt Giuseppe Schirò und dessen deutscher Kollege Claus-Joachim von Heydebreck, später Landesminister in Schleswig-Holstein. Die Vorwürfe gegen Reder lauteten auf

Reder wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, von der er 33 Jahre verbüßte. Im Bewusstsein der italienischen Öffentlichkeit wurde sein Name – wie der des zweiten in Italien inhaftierten NS-Täters Herbert Kappler – zum „Symbol des Kriegsverbrechers schlechthin“ und prägte wesentlich das Bild der deutschen Besatzung.[17]

Seit der Fertigstellung der Anklage gegen Reder betrachtete sich Österreich als Schutzmacht für den Kriegsverbrecher, obwohl dieser schon 1934 die österreichische Staatsbürgerschaft zugunsten der deutschen aufgegeben hatte. So stellte sich das Land Oberösterreich (auf Intervention des ehemaligen Gauinspektors von Oberösterreich) auf den Rechtsstandpunkt, dass Reder Österreicher sei. Anfechtungen durch Beamte des Innenministeriums wurden durch eine Weisung des SPÖ-Innenministers Helmer unterbunden, Reder somit 1956[18] wieder österreichischer Staatsbürger. Anfang der sechziger Jahre stellte das Außenministerium schließlich fest, dass Reder der Status und die Behandlung eines Kriegsgefangenen im Sinn der Genfer Kriegsgefangenen-Konvention zukomme.

Einige österreichische Zeitungen, zum Beispiel die Kronen Zeitung („Keine Hoffnung für Walter Reder?“), und Medien der rechtsextremen Szene (z. B. Die Kameradschaft, Die Aula) thematisierten den Verbleib Reders in „Kriegsgefangenschaft“ gerne. Daneben setzten sich vor allem die FPÖ, aber auch prominente Politiker anderer Parteien sowie Persönlichkeiten aus der Zivilgesellschaft für seine Freilassung ein. Auch deutsche seriöse Presseorgane bezogen Stellung für Walter Reder; so Die ZEIT 1955 und die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Jahre 1985.[19]

1984 drückte Reder in einem Brief an die Bürger von Marzabotto „seine tiefe Reue“ aus. Er wurde am 24. Januar 1985 aus dem Gefängnis entlassen. Danach widerrief Reder alle Reuebekundungen.

Bei der Einreise nach Österreich wurde Reder durch den damals amtierenden FPÖ-Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager mit einem Handschlag in Empfang genommen, was einen Skandal auslöste.[20] Oftmals wird behauptet, dass es gerade mit der Diskussion um den „Reder-Skandal“ zum ersten Mal zu einer breiteren Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit vieler Österreicher kam.[21]

In Österreich angekommen, wurde Reder vom ÖVP-Politiker und Großgrundbesitzer Wilhelm Gorton aufgenommen, was einige Kritik auslöste.[22][23]

1991 starb Walter Reder in Wien.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Carlo Gentile: I crimini di guerra tedeschi in Italia: 1943–1945. Einaudi, Turin 2015 ISBN 978-88-06-21721-1. Deutscher Originaltitel: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943 – 1945. Schöningh, Paderborn 2012 ISBN 978-3-506-76520-8.
  • Carlo Gentile: Marzabotto. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, ISBN 978-3-89678-232-8, S. 136–146.
  • Carlo Gentile: Politische Soldaten. Die 16. SS-Panzer-Grenadier-Division „Reichsführer-SS“ in Italien 1944. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken. 81, 2001, S. 529–561. Online
  • Carlo Gentile: Walter Reder – ein politischer Soldat im „Bandenkampf“. In: Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul (Hrsg.): Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien. (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart. Band 2.) Darmstadt 2004, ISBN 978-3-534-16654-1, S. 188–195.
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-16048-8.
  • Christian Ortner: Am Beispiel Walter Reder. Die SS-Verbrechen in Marzabotto und ihre „Bewältigung“. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien, ca. 1985.
  • Christian Reder: Deformierte Bürgerlichkeit. Mandelbaum Verlag, Wien-Berlin 2016 ISBN 978-3-85476-495-3.
  • Barbara Tóth: Der Handschlag. Die Affäre Frischenschlager-Reder. Dissertation an der Universität Wien, Wien 2010 (Volltext [PDF; 1,5 MB], 10. Juni 2010).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Veit Scherzer: Ritterkreuzträger 1939–1945. Die Inhaber des Eisernen Kreuzes von Heer, Luftwaffe, Kriegsmarine, Waffen-SS, Volkssturm sowie mit Deutschland verbündete Streitkräfte nach den Unterlagen des Bundesarchivs. 2. Auflage. Scherzers Militaer-Verlag, Ranis/Jena 2007, ISBN 978-3-938845-17-2, S. 616.
  2. Christian Reder: Deformierte Bürgerlichkeit. S. 287
  3. Reisser und Reder. In: rechenmaschinenlexikon.de. Abgerufen am 22. Oktober 2019.
  4. Ein zusammengebrochenes Luftschloß. In: Linzer Volksblatt. Band 64, Nr. 14. Linz 19. Januar 1932, S. 8 (Online auf ANNO – AustriaN Newspapers Online).
  5. Rechenmaschinenfabrik Reisser und Reder. In: Tagblatt. Band 17, Nr. 16. Linz 21. Januar 1932, S. 9 (Online auf ANNO – AustriaN Newspapers Online).
  6. Barbara Tóth: Der Handschlag. Die Affäre Frischenschlager-Reder. S. 24–25
  7. Bundesarchiv R 9361-III/549431
  8. Barbara Tóth: Der Handschlag. Die Affäre Frischenschlager-Reder. S. 25–28
  9. Carlo Gentile: I crimini di guerra tedeschi in Italia 1943–1945. S. 314
  10. Bundesarchiv R 9361-III/549431
  11. Barbara Tóth: Der Handschlag. Die Affäre Frischenschlager-Reder. S. 28
  12. Carlo Gentile: I crimini di guerra tedeschi in Italia 1943–1945. S. 314
  13. Enzo Biagi: Il boia Reder: “Nelle SS fui subito il migliore.” In:Associazione Nazionale Partigiani d’Italia (Hrsg.): Patria indipendente n. 4 2012, Rom 2012 S. 16–21 (Online PDF)
  14. Carlo Gentile: I crimini di guerra tedeschi in Italia 1943–1945. S. 315
  15. Hans-Jürgen Schlamp: Verbrechen der Wehrmacht in Italien: 165 Morde pro Tag, Spiegel Online, 19. Dezember 2012
  16. Carlo Gentile: I crimini di guerra tedeschi in Italia 1943–1945. S. 316
  17. Carlo Gentile: Marzabotto 1944. In: Gerd R. Uerberschär: Orte des Grauens. Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-232-0, S. 143.
  18. Tóth: Der Handschlag. Die Affäre Frischenschlager-Reder. 2010, S. 7 u. a., insb. S. 46 mit Fußnote 137
  19. DIE Zeit vom 2. Juni 1955; die FAZ vom 14. Januar 1985 - Carlo Gentile: Marzabotto 1944. In: Gerd R. Uerberschär: Orte des Grauens. Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-232-0, S. 143+146.
  20. Verlorener Sohn. Wiens Verteidigungsminister begrüßte einen entlassenen Kriegsverbrecher mit großem Verständnis. Nun kriselt es in der Koalition, Spiegel Online, 5/1985, 28. Januar 1985
  21. zum Beispiel hier: www.demokratiezentrum.org
  22. „Von meinem politischen Leben bleibt die Affäre Reder“, Gespräch von Florian Wenninger mit Verteidigungsminister a. D. Friedhelm Frischenschlager über die FPÖ, den Krieg und das Händeschütteln. Auf der Website des Gedenkdienstes, Ausgabe 1/08, Interview vom 14. Dezember 2007. Abgerufen am 27. November 2010.
  23. Ich bin für Toleranz und Objektivität, abgerufen am 29. Februar 2016