Werner Merzbacher

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Werner Merzbacher (geboren 1928 in Öhringen) ist ein Schweizer Pelzhändler und Kunstsammler deutscher Herkunft.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werner Merzbacher ist der zweite Sohn des Arztes Julius Merzbacher (1890–1943) und seiner Frau Hilde, geb. Haymann (1898–1943). Er ist der jüngere Bruder von Rolf Merzbacher und wuchs in Öhringen auf.[1] Sein Vater war Jude, nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 und dem Berufsverbot für Ärzte oder Rechtsanwälte durfte der Vater als Weltkriegsteilnehmer und Ordensträger des Ritterkreuzes des Friedrichs-Ordens seine Arztpraxis zunächst noch fortführen. Ende 1937 wurde der Vater in Heilbronn zu einer zweimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem er auf eine antisemitische Provokation eines HJ-Pimpfes mit Ohrfeigen und Stockschlägen reagiert hatte.[2] Rolf und Werner wurden bei den Grosseltern Ida und Jakob Haymann in Konstanz untergebracht. Die Eltern gaben die Arztpraxis in Öhringen auf und zogen nach Konstanz. Julius Merzbacher wurde dort nach der Reichspogromnacht 1938 verhaftet und einen Monat lang im Konzentrationslager Dachau festgehalten.

Die Eltern bereiteten in Konstanz die Auswanderung der Familie in die Vereinigten Staaten vor und bemühten sich um die dafür erforderlichen Einreisepapiere. Das war ihnen bis 1940 aber noch nicht gelungen. Als nun die Deutschen das eroberte Elsass-Lothringen und den Reichsgau Badenjudenfrei“ machten und die dort lebenden Juden in der Wagner-Bürckel-Aktion am 22. Oktober 1940 in das Camp de Gurs in Südfrankreich deportierten, war darunter neben den Eltern auch die Konstanzer Grossmutter, während den Geschwistern der Mutter die Flucht über die Schweiz gelang. Merzbachers Eltern wurden im September 1942 in das Camp de Rivesaltes und im Oktober 1942 in das Sammellager Drancy verlegt. Mit dem 51. Transport wurden sie am 6. März 1943 von dort in das KZ Majdanek transportiert und wurden dort Opfer des Holocaust. Es verliert sich von da an jede Spur, ihr Tod wird später auf den 31. März 1943 amtlich festgesetzt.[3]

Stolperstein in Konstanz

Rolf Merzbacher besuchte seit 1937 in der Schweizer Nachbarstadt Kreuzlingen die Primarschule und war dort bei einer Schweizer Familie untergebracht. Werner Merzbacher durfte am 16. Februar 1939 mit einer Gruppe jüdischer Kinder in die Schweiz einreisen und wurde in Zürich von zwei Damen christlich erzogen.[1] Er bekam ein Stipendium für die Mittelschule, jobbte als Statist und Stühleaufsteller beim Schauspielhaus Zürich und träumte von einer Karriere als Filmregisseur.

Da die Schweiz ihm und seinem erkrankten Bruder auch nach Kriegsende die Einbürgerung verweigerte, emigrierte er 1949 in die USA. Er heiratete 1951 Gabrielle Mayer und arbeitete, nachdem er seinen Militärdienst in Alaska abgeleistet hatte, im Lederhäutehandel. Er wechselte bald in den Pelzhandel und entdeckte dort sein Talent für Finanzgeschäfte. 1964 zog das Paar mit seinen drei Kindern nach Zürich, wo er Partner in der Firma Mayer & Cie. wurde, die im Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegsjahre zu einer der führenden Adressen im internationalen Pelzgeschäft avancierte.[1] Merzbacher wurde 1989 Alleininhaber der Gesellschaft.[4]

Werner Merzbacher und Gabrielle Merzbacher-Mayer begannen in den 1960er Jahren, eine Kunstsammlung nach eigenen Vorlieben aufzubauen, beim Ankauf spielte für Merzbacher die Anmutung durch Farbe die Hauptrolle. Ein Teil der gemeinsamen Kunstsammlung stammt aus dem Erbe des Pelzkaufmanns Bernhard Mayer (1866–1946), dem Grossvater Gabrielle Mayers, der 1941 den Grossteil seiner Sammlung bei der Flucht vor der deutschen Judenverfolgung in die USA retten konnte.[1] Bernhard Mayer hatte in den 1920er Jahren angefangen, eine Sammlung aus der Gegenwartskunst aufzubauen.[5][6]

Merzbacher war auch ehrenamtlich in der Sammlungskommission des Kunsthauses Zürich tätig und im Vorstand der Vereinigung Zürcher Kunstfreunde.[1] Das Ehepaar stiftete 1986 dem Israel Museum in Jerusalem die „Dr. Julius and Hilde Merzbacher Gallery for Israeli Art“.[7]

Hinweis:Es hier können nur gemeinfreie Bilder gezeigt werden, also vor Ablauf der Schutzfrist nicht Bilder von Pablo Picasso, Arthur Segal und anderen.

„Die Werner-und-Gabrielle-Merzbacher-Sammlung“ enthält weit mehr als 100 Werke[8], darunter Werke von Max Beckmann, Umberto Boccioni, Georges Braque, Alexander Calder, Paul Cezanne, Sonja Delaunay-Terk, André Derain, Alexandra Exter, Sam Francis, Vincent van Gogh, Natalia Gontscharowa, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, František Kupka, Fernand Léger, Kasimir Malewitsch, Henri Matisse, Gabriele Münter, Ernst Wilhelm Nay, Pablo Picasso, Emil Nolde, Ljubow Popova, Olga Rozanova, Maurice de Vlaminck.[1]

Gabrielle und Werner Merzbacher zeigten Bilder aus ihrer Sammlung erstmals 1999 anlässlich der Fünfzig-Jahr-Feier des Staates Israel öffentlich in Jerusalem im Israel Museum unter dem Titel The joy of color. Die Sammlung wurde 2001 in vier japanischen Städten, 2002 in der Royal Academy of Arts in London unter dem Titel Masters of Colour, 2006 im Kunsthaus Zürich unter dem Titel Fest der Farbe und 2012 unter dem Titel le mythe de la couleur von der Fondation Pierre Gianadda in Martigny vorgestellt. Für die Ausstellungen konnte Merzbacher hervorragende Kuratoren gewinnen. 2013 gingen die Merzbachers mit einer Auswahl ihrer Fauvisten erneut nach Israel. [7]

Merzbacher, der ohne Agenten sammelt und selbst bei Kunstauktionen kauft, wurde 2013 mangelnde Sorgfalt bei der Feststellung der Provenienz beim Erwerb des Bildes Diener mit Samowar (1914) von Kasimir Malewitsch vorgeworfen.[9][10][11]

In Deutschland zeigt Merzbacher seine Sammlung aus historischen Gründen nicht, er verlieh allerdings in wenigen Einzelfällen einzelne Bilder für Ausstellungen.[6]

In Öhringen wurde 1991 eine Strasse nach seinem Vater benannt, Merzbacher besuchte aus diesem Anlass seine Vaterstadt, unter deren Bewohnern allerdings Misstöne aufkamen.[6] In Konstanz in der Schottenstrasse 75 wurden 2011 für Mitglieder der Familien Haymann und Merzbacher Stolpersteine verlegt.

Ausstellungskataloge (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stephanie Rachum; Ziva Amishai-Maisels (Hrsg.): The joy of color: the Merzbacher collection. Köln : DuMont ; Jerusalem : Israel Museum, 1998.
  • Tobia Bezzola; Linda Schädler (Hrsg.): Fest der Farbe. Die Sammlung Merzbacher-Mayer. Dumont, Köln 2006, ISBN 3-8321-7683-7.
  • Stephanie Rachum; John Gage (Hrsg.): Masters of Colour: Derain to Kandinsky; masterpieces from The Merzbacher Collection. Royal Academy of Arts, London 2002.
  • Jean-Louis Prat (Hrsg.): Van Gogh, Picasso, Kandinsky: collection Merzbacher, le mythe de la couleur. Fondation Pierre Gianadda, Martigny 2012. dossier de presse

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gregor Spuhler: Gerettet – zerbrochen. Das Leben des jüdischen Flüchtlings Rolf Merzbacher zwischen Verfolgung, Psychiatrie und Wiedergutmachung. Chronos, Zürich 2011, ISBN 978-3-0340-1064-1 (Veröffentlichungen des Archivs für Zeitgeschichte ETH Zürich. Band 7).
  • Ein Öhringer Schicksal. Das Lebensbild des Öhringer Arztes Dr. Julius Merzbacher. Stadt Öhringen, Öhringen 1991.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Werner-und-Gabrielle-Merzbacher-Sammlung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Gerhard Mack: Im Feuerwerk der Farben, NZZ, 25. August 2002
  2. Im Jahr 1996 lebte doch z. B. jener, jetzt darüber unglückliche Pimpf noch, der einmal Anlass zu Dr. Merzbachers Verurteilung war und den seine Kindersünde immer wieder einholte, weil sein voller Name anlässlich des Merzbacher-Prozesses damals in der Zeitung stand. Walter Meister, Vortrag am 8. November 1998 in Öhringen
  3. Der Fall Dr. Merzbacher: der "anständige Jude", bei alemannia-judaica
  4. Stephanie Rachum: Eine Geschichte aus zwei Sammlungen: Bernhard und Auguste Mayer / Werner und Gabriele Merzbacher, in: Bezzola; Schädler: Fest der Farbe, 2006, S. 14–28
  5. Christian Klemm (Hrsg.): Die Sammlung Bernhard Mayer : Ausstellung im Kunsthaus Zürich, 19. Juni bis 23. August 1998. Mit einer Einleitung von Harald Szeemann. Zürich : Kunsthaus 1998
  6. a b c Ulrike Schleicher: Sammlung Merzbacher: Später Triumph über die Nazis, bei Deutsche Welle, 22. August 2013
  7. a b Adina Kamien-Kazhdan (Kuratorin): Color Gone Wild: Fauve and Expressionist Masterworks from the Merzbacher Collection, bei Israel Museum
  8. Ulrike Schleicher: Werner Merzbacher zeigt seine Sammlung in Israel, Südwestpresse, 1. August 2013
  9. Brigitte Hürlimann: Gutgläubiger Kunstsammler. Merzbacher behält Malewitsch, NZZ, 14. Mai 2012
  10. Merzbacher muss Malewitsch zurückgeben, Bündner Tagblatt, 26. Juni 2013 (sda)
  11. Raubkunst gekauft? Urteil 5A_372/2012 vom 18. April 2013; BGE-Publikation., NZZ, 26. Juni 2013