Window Dressing

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Window Dressing (englisch für „Fenster dekorieren“) ist ein Anglizismus für alle Maßnahmen im Rahmen der Bilanzpolitik, die der optischen und kurzfristigen Gestaltung des Bilanzbildes vor dem Bilanzstichtag dienen und dem Bilanzleser einen möglichst günstigen Eindruck von der wirtschaftlichen Lage eines Unternehmens verschaffen sollen.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Handels- und Bilanzrecht lässt den bilanzierenden Unternehmen weltweit mehr oder weniger große Spielräume bei der Bilanzierung. Diese Spielräume bestehen einerseits aus Wahlrechten (Ansatzwahlrechte: Aktivierungs-/Passivierungswahlrechte und Bewertungswahlrechte: Wertansatz- und Methodenwahlrechte) und andererseits aus Ermessensspielräumen (Verfahrensspielräume). Sie können zwecks Gestaltung der Jahresabschlüsse durch die Unternehmen legal ausgenutzt werden. Ziel der Bilanzpolitik allgemein und des Window Dressing speziell ist die Präsentation eines Jahresabschlusses, den die interessierte Öffentlichkeit positiv bewertet. Dabei zielt das Window Dressing auf die äußere Aufmachung,[1] also das optische Erscheinungsbild eines Abschlusses. Diese erfolgs- und finanzwirtschaftlichen Dispositionen, die kurzfristig vor dem Bilanzstichtag mit Blick auf den Bilanzausweis getroffen werden, gehören zum Window Dressing.

Das englische Window Dressing tauchte 1895 erstmals als „Kunst der Schaufensterdekoration“ auf, seine später hinzugekommene zweite Bedeutung steht zwar ursprünglich wertneutral für Schaufensterdekoration, jedoch hat es auch dort eine negative Konnotation in dem Sinne, dass etwas günstiger erscheinen soll, als es in der Realität ist; durchaus mit einer unredlichen, betrügerischen Absicht.[2] Im angelsächsischen Raum kursieren auch Begriffe wie „Creative accounting“ (kreative Bilanzierung) oder „earnings management“ (Ertragsgestaltung).

Gestaltungsmöglichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während die Bilanzpolitik allgemein zwischen Sachverhalts- und Darstellungsgestaltung unterscheidet, konzentriert sich das Window Dressing auf die Sachverhaltsgestaltung. Diese zielt auf alle Maßnahmen ab, die im Wesentlichen vor dem Bilanzstichtag durchgeführt werden und auf die Gestaltung des Mengengerüsts abzielen.[3] Das Window Dressing knüpft an diese Sachverhaltsgestaltung an. Die Darstellungsgestaltung indes greift gegebene Sachverhalte nach dem Bilanzstichtag auf und beeinflusst die Darstellung im Jahresabschluss.

Zum Window Dressing gehören insbesondere:

Verkäufe führen zur Verbesserung der Liquidität, die Auflösung stiller Reserven wirkt ergebnisverbessernd, die zeitliche Beeinflussung von Geschäftsvorfällen lässt den Jahresabschluss positiv erscheinen. Diese Gestaltungsformen führen zu Umschichtungen im horizontalen und vertikalen Fristengefüge der Bilanz.[5] Maßnahmen innerhalb des Window Dressings sind für die außenstehenden Bilanzanalysten kaum oder gar nicht erkennbar.[6]

Betroffene Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Window Dressing ist international bei Nichtbanken weit verbreitet. Es handelt sich um eine „Bilanzfrisur vor der Veröffentlichung zwecks Demonstrierung größerer Liquidität“.[7] Insbesondere Kreditinstitute, Versicherungen oder Investmentfonds betreiben Window Dressing. Am Jahresende kommen bei Banken zum Zwecke des Window Dressings vorgenommene Geldmarktoperationen vor,[8] insbesondere Pensionsgeschäfte als Mittel der Geldbeschaffung ohne echten Geldbedarf.[9] „Window Dressing bedeutet, dass die Kreditinstitute aus Gründen der Bilanzoptik möglichst hohe Bestände an Zentralbankguthaben … auszuweisen versuchen, um auf diese Weise eine hohe Liquidität vorzeigen zu können“.[10] Eine Untersuchung der Bankenstatistiken zwischen 1963 und 1968 ergab beim Zentralbankgeld, dass die Bestände aller Bankengruppen im Dezember zwischen 25,1 % und 39,9 % höher lagen als der Durchschnitt Januar-November jeden Jahres.[11] Dieser empirische Beweis brachte die Bestätigung der Hypothese vom Window Dressing. Versicherungen sortieren traditionell zum Jahresende hin ihre Vermögensanlagen und legen sich Wertpapiere mit guter bisheriger Jahresperformance ins Depot, um so vor ihren Kunden optisch besser dazustehen.[12] Fonds-Manager betreiben Window Dressing, um ihre Portfolio-Zusammensetzung besser dastehen zu lassen.[13] Investmentfonds fügen kurz vor Ultimo die Gewinner-Aktien des Jahres ihrem Portfolio hinzu. So entsteht der Eindruck, dass die Fondsmanager im ganzen Jahr das richtige Gespür für erfolgreiche Aktien hatten. Wertpapierfonds kaufen kurz vor dem Bewertungsstichtag marktenge Wertpapiere, die schon im Fonds enthalten sind. Hierdurch steigen die Kurse dieser Aktien erheblich.[14] Die Aktivitäten wegen des Window Dressings können auf den Geld- und Kapitalmärkten insbesondere zum Jahresultimo zu Volatilitäten führen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ulrich Harder, Bilanzpolitik: Wesen und Methoden der taktischen Beeinflussung von handels- und steuerrechtlichen Jahresabschlüssen, 1962, S. 106
  2. Concise Oxford English Dictionary, 2002, Oxford University Press, New York
  3. Karlheinz Küting/Thomas Kaiser, Bilanzpolitik in der Unternehmenskrise, in BB 1994, Beilage zu Heft 3, S. 10
  4. Volker Preemöller, Bilanzanalyse und Bilanzpolitik, 1993, S. 186
  5. Willi Albers, HdWW, Band 1, 1977, S. 661
  6. Michaela Lembke, Bilanzpolitik im Einzelabschluss, 2009, S. 31
  7. Enzyklopädisches Lexikon Geld-, Bank-, Börsenwesen, Band II, 1958, S. 1835
  8. Hans E. Büschgen, Bankbetriebslehre: Bankgeschäfte und Bankmanagement, 1989, S. 87
  9. Manfred Ferber, Die Pensionsgeschäfte der Kreditinstitute, 1968, S. 124 FN 440
  10. Deutsche Sparakssenzeitung Nr. 70 vom 9. September 1966, S. 1
  11. Jan Wittstock, Eine Theorie der Geldpolitik von Kreditinstituten, 1971, S. 247
  12. Thomas Claer, Auf eigene Faust: Aktiensparen für Kleinanleger, 2012, S. 90
  13. Richard W. Sias, Window-dressing, Tax-loss Selling And Momentum Profit Seasonality, 2006, S. 2
  14. Ann-Kristin Achleitner/Oliver Everling/Karl A. Niggemann (Hrsg.), Finanzrating: Gestaltungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Bonität, 2007, S. 177