Ämter und Titel im byzantinischen Reich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Byzantinische Reich hatte ein komplexes aristokratisches und bürokratisches System, bei dem jedoch viele Ämter und Titel nur ehrenamtlich waren, da der Kaiser letzten Endes der alleinige Herrscher war. In der mehr als tausendjährigen Geschichte des Reichs wurde eine Reihe von Titeln angenommen oder abgelegt, viele gewannen oder verloren an Ansehen. Anfangs waren die byzantinischen Titel die gleichen wie im späten Römischen Reich, zumal Byzanz seine Wurzeln ja in der römischen Spätantike hatte. Dies änderte sich in der Zeit des Kaisers Herakleios (regierte 610–641); damals waren aufgrund der inneren wie äußeren Krise des spätrömischen Staates viele dieser Titel überflüssig geworden. Seit dem 7. Jahrhundert änderte sich der Staatsaufbau daher grundlegend, und in der Zeit des Kaisers Alexios I. (regierte 1081–1118) waren die meisten Positionen neu geschaffen oder drastisch verändert worden, blieben danach aber im Grund die gleichen bis zum Fall Konstantinopels im Jahr 1453. Einige der Titeln wurde von den benachbarten Bulgaren und Serben übernommen.

Für die mittelbyzantinische Zeit vermittelt das Werk des Philotheos wichtige Informationen.

Aristokratische Titel[Bearbeiten]

Höhere aristokratische Titel[Bearbeiten]

  • Basileus – das griechische Wort für König schon in mykenischer Zeit (siehe Hauptartikel Basileus), bezeichnete zur Zeitenwende jeden König in den griechisch sprechenden Ländern des Römischen Reichs, zum Beispiel Herodes den Großen in Judäa. Der Begriff wurde auch auf die Herrscher Persiens angewandt. Kaiser Herakleios benutzte ihn 629, um den alten lateinischen Titel Augustus (gr. Sebastos) bzw. Imperator zu ersetzen - es wurde daraufhin das griechische Wort für Kaiser - darüber hinaus die Titel Autokrator (Selbstherrscher) und Kyrios (Herr). Unter den christlichen Herrschern wandten die Byzantiner das Wort Basileus ausschließlich auf den Kaiser in Konstantinopel an, und bezeichneten die westeuropäischen Könige mit Rigas, einer hellenisierten Form des lateinischen Wortes Rex (König). Kaiser, die die Legitimität ihrer Thronbesteigung betonen wollten, hängten an ihren Namen den Titel Porphyrogennetos (purpurgeboren) an, um darauf hinzuweisen, dass sie im Kreißsaal des kaiserlichen Palastes zur Welt gekommen seien, der aufgrund seiner purpurfarbenen Marmorvertäfelung Porphyra genannt wurde. Die weibliche Form Basilissa bezeichnet die Kaiserin, die als Eusebestati Augousta (frömmste Augusta), Kyria (Herrin) oder Despoina (die weibliche Form von despotes, siehe unten) genannt wurden. Basileopator war der Ehrentitel des (nicht notwendigerweise leiblichen) „Vaters“ eines Kaisers. Der erste Basileopator war Zautzes, ein Adliger zur Zeit des Kaisers Leo VI. (regierte 886–912); Romanos I. Lekapenos benutzte den Begriff für sich, als er Regent für Konstantin VII. war.
  • Despotes – Der Titel Despot wurde von Manuel I. Komnenos (regierte 1143-1180) als höchster Titel nach dem des Kaisers geschaffen. Ein Despot konnte der Inhaber einer Despotie sein, war aber auch ab 1261 der Titel des Thronfolgers, der gleichzeitig der Herrscher im Despotat Morea war. Die weibliche Form Despoina bezeichnet einen weiblichen Despoten oder die Ehefrau eines Despoten.

  • Sebastokrator – Der „Ehrwürdige Regent“ war ein Titel, der von Alexios I. als Kombination von Autokrator und Sebastos geschaffen wurde. Der erste Sebastokrator war Alexios' Bruder Isaak; der Titel war inhaltsleer und wies lediglich auf die enge Verwandtschaft zum Kaiser hin. Die weibliche Form war Sebastokratorissa.
  • KaisarCaesar war seit dem späten Prinzipat und bis weit in die Spätantike hinein der Titel eines untergeordneten Mitkaisers und offensichtlichen Erben. Als Alexios I. den Sebastokrator erfand, fiel Kaisar an die dritte Position zurück, und dann sogar an die vierte, als Manuel I. den Despotes kreierte. Die weibliche Form war Kaisarissa.
  • NobelissimosNobilissimus war seit der Spätantike bis ins 11. Jahrhundert der Titel eines dem Thronerben direkt nachgeordneten Angehörigen der Kaiserfamilie oder die direkte Vorstufe zur Erhebung zum Caesar. Die weibliche Form war Nobelissima.
  • Panhypersebastos und Protosebastos – entwickelt aus Sebastos: Alexios und spätere Kaiser schufen eine große Zahl von Titeln, indem sie Pan („All“), Hyper („Über“), Proto („Erster“) und andere Präfixe zu den eigentlichen Titeln hinzufügten.

Despotes, Sebastokrator, Kaisar, Panhypersebastos und Protosebastos waren üblicherweise für Mitglieder der kaiserlichen Familie reservierte Titel. Sie unterschieden sich optisch durch unterschiedliche Kleidung und Kronen voneinander. Diese Titel konnten aber auch an Fremde vergeben werden. Der erste Despotes war Béla III. von Ungarn (regierte 1172–1196), was aber nur verdeutlichen sollte, dass Ungarn als byzantinischer Vasall betrachtet wurde. Der erste Fremde, der Sebastokrator genannt wurde, war Stefan Nemanjić von Serbien (regierte 1196–1227), der den Titel 1191 bekam. Justinian II. (regierte 685–695 und 705–711) nannte Terwel, Khan der Bulgaren (regierte etwa 700–720), 705 Kaisar, was in den slawischen Sprachen zu Zar wurde. Andronikos II. (regierte 1282-1328) nannte 1304 Roger de Flor, den Anführer der Katalanischen Kompanie, ebenfalls Kaisar. Protosebastos wurde an Enrico Dandolo verliehen, den Dogen von Venedig, bevor er in den Vierten Kreuzzug verwickelt wurde.

In den späteren Jahrhunderten des Reichs wurden byzantinische Kaiser auch als Chronokrator und Kosmokrator tituliert, in wörtliche Übersetzung „Regent der Zeit“ und „Regent der Welt“.

Niedere aristokratische Titel[Bearbeiten]

  • Sebastos – „Majestät“, ein Titel, der ursprünglich dem Augustus oder Augoustos gleichwertig war und von den Kaisern getragen wurde. Unter Alexios I. wurde er nach der Schaffung des Protosebastos weniger wichtig. Die weibliche Form war Sebaste.
  • Pansebastohypertatos, Panoikeiotatos und Protoproedros sind Beispiele für die Verlängerung von Titeln durch die Anfügen von Vorsilben. Diese Titel trugen Mitglieder der kaiserlichen Familie ab Alexios I. und wiesen lediglich auf die nahe Verwandtschaft zum Kaiser hin, ohne wirkliche Macht zu beinhalten.
  • Protovestiarios – üblicherweise ein geringerer Angehöriger des Kaisers, der sich um des Kaisers persönliche Garderobe kümmerte, insbesondere auf Feldzügen. Er war manchmal auch für die anderen Mitglieder des kaiserlichen Haushalts verantwortlich, sowie für die persönlichen Finanzen des Kaisers. Der ältere Begriff gleichen Inhalts aus der Zeit von Justinian I. (regierte 527–565) war Curopalata (oder Kuropalates auf Griechisch), abgeleitet von Kourator (Curator), dem für die Finanzen verantwortlichen Beamten. Der Vestiarios war ein untergeordneter Beamter. Die Protovestiaria und Vestiaria gab es in gleicher Weise auch für die Kaiserin.

Die Byzantiner hatten auch aristokratische Titel für die geringeren Mitglieder der kaiserlichen Familie und den niederen Adel, die sie aus lateinischen Begriffen abgeleitet hatten und die in Westeuropa aus der gleichen Quelle stammend üblich wurden: Prinkeps (Prince, Principe – Fürst), doux (Duc, Duca, Duke – Herzog) und komes (Comte, Conte, Count – Graf). Auch gab es Titel wie Kleisourarka, Apokomes und Akrita, was in etwas dem Markgraf (Marquis), Vizegraf (Vicomte) und Freiherr (Baron) entspricht.

Verschiedene niedere Adlige trugen in der kaiserlichen Residenz Titel wie Parakoimomenos (ein Leibwächter), Pankernes (ein Mundschenk) und Megas konostaulos („Großer Konstabler“), der für den kaiserlichen Marstall zuständig war.

Militärische Titel[Bearbeiten]

Armee[Bearbeiten]

  • Domestikos – als Domestikoi wurden zahlreiche hohe militärische (etwa die jeweiligen Kommandeure der Tagmata), zivile und auch kirchliche Würdenträger bezeichnet, darunter unter anderem:
    • Megas domestikos – der Oberbefehlshaber der Armee (seit der Komnenenzeit).
    • Domestikos ton scholon – der Kommandeur der Tagma der Scholai, eines schlagkräftigen Eliteverbandes, belegt seit dem 8. Jahrhundert. Seit dem späten 10. Jahrhundert wurden zwei Domestikoi ernannt, einer für den Westen, ein anderer für den Osten des Reiches, wovon später jeweils einer wiederum zum Megas domestikos aufstieg. Ein angesehener Titel mit großer Machtfülle.
  • Strategos – allg. "General", in der Zeit ab ca. 650 der militärische Befehlshaber eines Themas, der seit dem späten 10. Jh. auch den Titel doux trug.
  • Protospatharios (griech.: Erster Schwertträger)– anfangs der Kommandeur der kaiserlichen Wachtruppen der spatharioi, später ein Titel
  • Protostrator – anfangs Leiter der kaiserlichen Stallknechte, später eine Bezeichnung für den Armeekommandeur.
  • Stratopedarches – ein Armeekommandeur im Feld, der möglicherweise auch rechtliche Befugnisse hatte.
  • Protokentarchos und Kentarchos - Kommandeure kleiner Armeeeinheiten im Feld. Der Name leitet sich vom lateinischen Centurio ab.
  • Merarches – ein Kommandeur der Kavallerie.
  • Manglabites - kaiserliche Leibgarde, mit der Bewachung des Palastes beauftragt. Bekannter Träger dieses Titels war der Wikinger und spätere König Harald Hardråde.
  • Kuropalates - War einer der höchsten Titel, an verwandten des Kaisers und fremden Prinzen vergeben
  • Spatharokandidatos - Offizier der kaiserlichen Leibgarde, später ein Titel

Marine[Bearbeiten]

  • Megas doux – seit der Komnenenzeit oberster Befehlshaber der byzantinischen Marine. Er war vermutlich einer der wenigen, die das Geheimnis des griechischen Feuers kannten. Am Ende der Herrschaft der Palaiologen war er das Oberhaupt der Regierung und der Verwaltung.
    • Megas drungarios – ein Untergebener des Megas doux, der für die Marineoffiziere verantwortlich war.
    • Drungarios – ein unterer Offiziersrang in der Marine. Ein höherer Drungarios war der Drungarokomes.
  • Katepano – ab dem 10. Jahrhundert der Kommandeur eines Seethemas.

Andere militärische Titel[Bearbeiten]

  • Konostaulos – die griechische Form des Konstablers, der Befehlshaber der fränkischen Söldner
  • Hetairiarch – der Befehlshaber der barbarischen Söldner
  • Akolouthos - der Befehlshaber der Warägergarde
  • Spatharokandidatos und Manglavites – weitere Titel bei der Warägergarde

Administrative Titel[Bearbeiten]

Die ausgedehnte byzantinische Bürokratie erzeugte viele Titel, die auch stärker als die aristokratischen oder militärischen variierten. In Konstantinopel gab es davon Hunderte, wenn nicht Tausende zu jeder Zeit. Hier die wichtigsten:

  • Protoasekretes – ein früher Titel des Vorstehers der Kanzlei, der für die Regierungsakten verantwortlich war. Die Asekretai waren seine Untergebenen. Weitere Mitarbeiter der Kanzler waren der Chartoularios (der für die kaiserlichen Dokumente verantwortlich war) und der Eidikos (ein Beamter des Staatsschatzes).
  • Prätorianerpräfekt – ein alter römischer Titel, der anfangs den Leiter der Prätorianergarde bezeichnete, ab 312 – nach seiner militärischen Entmachtung – den obersten Beamten der Präfekturen. Der Titel wurde abgeschafft, als das byzantinische Reich in Themen umorganisiert wurde.
  • Logothetes – ein Sekretär innerhalb der Bürokratie, für verschiedene Aufgaben in Abhängigkeit von der genauen Beschreibung zuständig. Die Logothetai waren unter den wichtigsten Bürokraten. Zu ihnen gehören:
    • Megas logothetes – der Vorsteher der Logothetai, der persönlich für das Rechtssystem und den Staatsschatz verantwortlich war, etwa mit einem Kanzler vergleichbar.
    • Logothetes tou dromou – der Vorsteher der Diplomatie und der Post.
    • Logothetes ton oikeiakon – für innere Angelegenheiten zuständig, wie zum Beispiel die Sicherheit der Hauptstadt und die lokale Wirtschaft.
    • Logothetes tou genikou – zuständig für die Steuereintreibung.
    • Logothetes tou stratiotikou – ein Zivilist, der die Besoldung der Armee organisierte.

Die Logothetai hatten anfangs Einfluss auf den Kaiser, wurden aber bald zu Amtsinhabern ehrenhalber. Im späten Reich wurde aus dem Megas logothetes der Mesazon (wörtlich "Mittelmann", heutzutage ein "Manager").

Andere Ämter in der Verwaltung sind:

  • ArchonArchon war ein Amtstitel während der gesamten byzantinischen Zeit, dessen Bedeutung und Kompetenzen jedoch sehr unterschiedlich war. Allgemein wurden als Archon unter anderem Inhaber bestimmter weltlicher wie kirchlicher Verwaltungsstellen, hohe Würdenträger sowie Gouverneure bezeichnet.
  • Präfekt – ein unteres Amt in Konstantinopel in der städtischen Behörde.
  • Quästor – ursprünglich ein juristischer Beamter oder Finanzbeamter, der mit der Einführung des Logothetes seine Macht verlor.
  • Tribounos – entspricht dem römischen Tribun; er war für den Zustand der Straßen, Monumente und Gebäude in Konstantinopel zuständig.
  • Magister (Magister officiorum, Magister Militum, "Maistor" auf Griechisch) – ein alter römischer Begriff in der Verwaltung und der Armee; zur Zeit des Kaisers Herakleios wurden diese Titel ehrenamtlich und vermutlich sogar abgeschafft.
  • Sakellarios – unter Herakleios ein ehrenamtlicher Aufseher über die anderen Beamten des Palastes, Logothetes, etc.
  • Prätor – ursprünglich ein Steuerbeamter in Konstantinopel, nach Alexios der Zivilgouverneur eines Themas.
  • Kephale - "Kopf", der Zivilgouverneur einer byzantinischen Stadt
  • Horeiarios – für die Verteilung des Getreides aus den staatlichen Kornspeichern zuständig.

Der Protoasekretes, Logothetes, Präfekt, Prätor, Quästor, Magister und Sakellarios, sie alle waren Mitglieder des byzantinischen Senats, bis dieser – nach Herakleios – im Reich immer mehr in den Hintergrund trat.

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Angold: The Byzantine Aristocracy. IX to XIII Centuries (British Archeological Reports/International Series; Bd. 221). B.A.R., Oxford 1984, ISBN 0-8605-4283-1.
  • Hans-Georg Beck: Der byzantinische Ministerpräsident. In: Byzantinische Zeitschrift, Bd. 48 (1955), S. 309–338, ISSN 0007-7704.
  • Jean-Claude Cheynet: The Byzantine Aristocracy and Its Military Function. Ashgate Books, Aldershot 2006, ISBN 978-0-7546-5902-0.
  • Deno John Geanakoplos: Emperor Michael Palaeologus and the West, 1258-1282. A Study in Byzantine-Latin Relations. Archon Books, Hamden, Conn. 1973. ISBN 0-2080-1310-5 (Nachdr. d. Ausg. London 1959).
  • Ralph-Johannes Lilie: Einführung in die byzantinische Geschichte (Kohlhammer-Urban-Taschenbücher; 617). Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-018840-2.
  • Warren T. Treadgold: A History of the Byzantine State and Society. Stanford University Press, Stanford 1997. ISBN 0-8047-2630-2.

Weblinks[Bearbeiten]