Lebensmittelwirtschaft

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Die Lebensmittelwirtschaft bzw. Ernährungswirtschaft umfasst als Wirtschaftszweig die Wirtschaftsbereiche, die sich mit Produktion, Verarbeitung und Handel von Lebensmitteln bzw. Nahrungsmitteln befassen. Der Begriff umfasst dabei die gesamte Wertschöpfungskette, die sogenannte Food-Value-Chain, das heißt die Landwirtschaft, Unternehmen der Erstverarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe, das Ernährungshandwerk, Weiterverarbeiter (Lebensmittelindustrie bzw. Lebensmittelgewerbe im eigentlichen Sinne), Lebensmittel-Großhandel, Lebensmitteleinzelhandel, Großverbraucher, Zuliefer-Unternehmen, Dienstleistungsunternehmen und öffentlich-rechtliche Einrichtungen.

Ausgehend von der Landwirtschaft (Urporduktion) wird das Gesamtsystem auch mit dem Anglizismus Agribusiness oder auch Agrobusiness bezeichnet (aus dem englischen „agriculture“ und „business“).[1] Weitere Begriffe sind Agrar- und Ernährungswirtschaft, seltener auch Nahrungsmittelwirtschaft oder Nahrungswirtschaft[2].

Der Begriff „Agribusiness“[Bearbeiten]

Gelegentlich wird mit Agribusiness auch nur der Bereich der Landwirtschaft und die unmittelbar vorgelagerten Bereiche (Input-Industrien) und die unmittelbar nachgelagerten Bereiche (Erfassungs- und Großhandel) bezeichnet. In der vorherrschenden Bedeutung ist der Begriff des Agribusiness weiter gefasst und umfasst alle Bereiche der Wertschöpfungskette bis zum Vertrieb an den Endverbraucher. Die Bedeutung des Agribusiness reicht damit auch weiter als die umgangssprachliche aus dem englischen übernommene Formulierung „from farm to fork“, da das Agribusiness als Wertschöpfungskette für Lebensmittel auch den gesamten der Landwirtschaft vorgelagerten Bereich mit einschließt. Besondere Bedeutung erlangt dieses Gesamtsystem im Zusammenhang mit Lebensmittelsicherheit und der Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln bis zu ihrem Ursprung.

Seltener wird der Begriff im englischen und im deutschen Sprachgebrauch mit negativer Konnotation als eine Bezeichnung für eine industrielle Landwirtschaft verwendet.

Bestandteile[Bearbeiten]

Das Gesamtsystem Lebensmittelwirtschaft

Zum Gesamtsystem Lebensmittelwirtschaft gehören folgende Wirtschaftssektoren:

  • Sektoren in dem der Landwirtschaft nachgelagerten Bereich der Erfassungs- und Großhandelsstufe:
    • Getreidehandel, Viehhandel, Obst- und Gemüsegroßhandel, Importeure, Exporteure sowie private und genossenschaftliche Landhandelsorganisationen, die sowohl den landwirtschaftlichen Bezug als auch Absatz betreiben;
  • Sektoren in der sogenannten ersten Verarbeitungsstufe (Verarbeitung des landwirtschaftlichen Rohproduktes):
  • Sektoren in der zweiten Verarbeitungsstufe:
    • Brot und Backwaren, Bäckerhandwerk, Nährmittel und Teigwaren, Fleischwaren, Fleischerhandwerk, Süßwaren, Alkoholfreie Getränke, Alkoholische Getränke, Essig, sonstige Verarbeitungsprodukte und Fertiggerichte in unterschiedlichen Produktions- und Erscheinungsformen;
  • Sektoren in der Stufe der Lebensmittelzubereitung als Großverbraucher:
    • Klassische Gastronomie, Systemgastronomie und Hotellerie, Gemeinschaftsverpflegung (Betriebe, Krankenhäuser, Schulen etc.), Dienstleistungsunternehmen (Catering)
  • Auch zum System der Lebensmittelwirtschaft gehören noch die vielfältigen Dienstleistungen, die innerhalb der aufgeführten Sektoren erbracht werden, zum Beispiel Beratungsleistungen, Finanzierungs-, Transport- und Laborleistungen, Versicherungen, Gutachten etc. bis hin zu Verbandstätigkeiten und staatlichen Aktivitäten.
  • Die Sektoren der ersten und zweiten Verarbeitungsstufe werden in der amtlichen Statistik als produzierendes Ernährungsgewerbe bezeichnet. Dazu gehört die Ernährungs- beziehungsweise Lebensmittelindustrie und das Ernährungshandwerk.

Sonderfall nachwachsende Rohstoffe[Bearbeiten]

Im Rahmen der Energieerzeugung aus nachwachsenden Rohstoffen ebenso wie der sonstigen wirtschaftlichen Nutzung (Phytopharmaka, Bio-Kunststoffe etc.) erfährt auf der Verarbeitungsstufe auch der Non-Food-Bereich zunehmende Bedeutung. Dabei werden landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Erzeugnisse unter anderem energetisch verwertet. Beispiele dazu bieten Holz- oder Getreideverbrennung, Biogas, Biodiesel, Bioethanol etc.

Die Forstwirtschaft als Holzlieferant wird üblicherweise nicht dem System des Agribusiness zugeordnet, da sie klassischerweise nicht der Nahrungsmittelproduktion dient. Wenn sich die Landwirtschaft von der Nahrungsmittelversorgung zumindest teilweise zur Energieversorgung wandelt und die Forstwirtschaft ebenfalls eine wichtige Rolle in der Energieversorgung durch erneuerbare Energie erhält, kann dies überdacht werden.

Marktdaten und Beschäftigte[Bearbeiten]

Insgesamt sind in der Lebensmittelwirtschaft in Deutschland rund 5,4 Millionen Menschen beschäftigt (entspricht 13 Prozent aller Beschäftigten). Die Bruttowertschöpfung dieses Sektors in Deutschland liegt bei rund 157 Milliarden Euro (entspricht sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (2012)).[3]

Beschäftigte:

Bereich Teilbereich Beschäftigte ca.
Inputsektoren der Landwirtschaft[4] Landtechnik-Industrie 26.000
Landmaschinenhandel und -handwerk 45.000
Pflanzenzucht 10.000
Tierzucht (Tiergenetik) 8.000
Futtermittel 15.000
landwirtschaftliche Beratungsringe: z.B. Obstbauversuchsanstalt, Staatliches Weinbauinstitut Freiburg 15.000
Landwirtschaftskammern, Agrarverwaltung 15.000
Düngemittel, Pflanzenschutzmittel, Tiergesundheit k.A.
Großhandel (Bezugsgeschäft) Landhandel 64.050
Landwirtschaft Ackerbau, Gartenbau, Weinbau, Tierhaltung 668.000
Groß- und Erfassungshandel nur teilweise erhebbar (zum Teil bei Großhandel mit ldw. Grundstoffen) k.A.
Produzierendes Gewerbe Lebensmittelindustrie 555.000
Ernährungshandwerk 564.000
Lebensmittelhandel Lebensmitteleinzelhandel (LEH) 1.300.000
Lebensmittelgroßhandel 269.800
Außer-Haus-Markt Gastronomie, Gaststättengewerbe, Kantinen und Catering etc. 2.100.000

Kritik[Bearbeiten]

Kritiker des Wirtschaftszweiges verfolgen neben allgemeinen industriekritischen oder kapitalismuskritischen Zielen auch einige, die spezifisch mit dem Thema Agribusiness und der Lebensmittelproduktion verknüpft sind. Entlang aller Zieldimensionen haben sich Nichtregierungsorganisationen gebildet, die die Stärkung der von ihr vertretenen Schutzgüter politisch einfordern. Viele der Schutzkategorien haben - in unterschiedlichem Ausmaß - Eingang in staatliche Regulierungen gefunden. Zu den wichtigsten Schutzkategorien gehören:

  • Tierschutz: Der größte und wirtschaftlich wichtigste Teil der Lebensmittelindustrie befasst sich mit der Verarbeitung tierischer Produkte. Die in der Food-Value-Chain der Lebensmittelproduktion vorgelagerte Tierhaltung steht häufig in der Kritik, in besonderem Maße in Bezug auf Haltungsbedingungen in der Legehennenhaltung, bei Mastgeflügel und Mastschweinen. Vertreter ist z. B. der Tierschutzverband.
  • Umwelt und Naturschutz: Eng mit dem Thema Tierschutz verknüpft, zielt diese Motivlage auf die Schonung und den Erhalt begrenzter natürlicher Ressourcen allgemein, z. B. auf die Vermeidung langer Transportwege oder die Vermeidung von Einwegverpackungen. Dazu gehört letztlich auch die Kritik am Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft, da dadurch andere Arten bedroht werden. Vertreter sind z. B. diverse Umweltschutzorganisationen.
  • Gesundheitlicher Verbraucherschutz: Diese Motivation zielt auf den Schutz vor Gesundheitsbedrohungen durch den übermäßigen alltäglichen Genuss von Zucker, Fett, Salz etc. ebenso wie auf den Schutz vor Lebensmittelskandalen. Das betrifft sowohl Hygiene als auch Fragen von erlaubten und verbotenen Zutaten der Lebensmittel und ihrer Vorprodukte (z. B. eingesetztes Futter, Tiermedikamente, Pflanzenschutzmittel). Vertreter sind z. B. Foodwatch.
  • Wirtschaftlicher Verbraucherschutz: Dabei geht es um die Abwehr von wirtschaftlichem Schaden vom Verbraucher, zum Beispiel durch die Vermeidung von Täuschung über Inhaltsstoffe und Gewicht oder eingehaltene Normen/Güteklassen oder Vorschriften. Wirtschaftlicher Verbraucherschutz hat insofern immer auch eine wettbewerbsrechtliche Dimension, als er den Unternehmen ein Agieren zu überwachten Marktregeln erlaubt. Vertreter sind z. B. die Verbraucherverbände.
  • Schutz vor unfairen Globalisierungsfolgen: Gegen Benachteiligung von Erzeugern in Entwicklungsländern gegenüber stärkeren Handelspartnern in den Industrieländern setzten sich entsprechend orientierte Schutz-Organisationen ein. Zum Teil werden Gütesiegel entwickelt, um positive Beispiele als Vorbilder kenntlich machen zu können. In diese Kategorie fallen letztlich auch alle anderen Schutzinteressen, die sich auf unfaire Globalisierungsfolgen beziehen, wie z. B. Sozialstandards, Kinderarbeit etc. Vertreter ist z. B. Transfair.
  • Selbstorganisation von Bauern in den Entwicklungsländern: In zahlreichen Ländern sind Bauernbewegungen entstanden, die sich die Verteidigung der kleinbäuerlichen Lebensweise und die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft zum Ziel gesetzt haben. Sie und ähnliche Bewegungen in den Industriestaaten sind in der Via Campesina organisiert.
  • Schließlich gibt es noch als Sonderfall das Schutzgut „Geschmack“. Als Gegenbewegung zu einer immer stärker industriell geprägten Konsumkultur finden Vereine und Organisationen starken Zuspruch, die sich mit der Entdeckung des Genusses nicht-industriell erzeugter Lebensmittel beschäftigen. Anders als in den übrigen Schutzkategorien findet naturgemäß über den Geschmack keine politische Auseinandersetzung statt. Vertreter sind z. B. Vereine wie Slowfood.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Otto Strecker et. al.: Marketing in der Agrar- und Ernährungswirtschaft, Frankfurt, 1996, ISBN 3-7690-0539-2
  2. Heinz Ulrich Thimm und Michael Besch: Die Nahrungswirtschaft, Hamburg, 1971, ISBN 3-490-18315-0
  3. Unsere Lebensmittelwirtschaft. Abgerufen am 31. Juli 2014.
  4. Wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft (Bauernverband auf Basis Statistisches Bundesamt). Abgerufen am 2. Mai 2014.