al-Azhar-Universität

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جامعة الأزهر
al-Azhar-Universität
Logo
Gründung 975
Trägerschaft staatlich
Ort Kairo, Ägypten
Studenten ca. 375.000 (2004)
Mitarbeiter ca. 16.000 Lehrende
Website www.azhar.edu.eg
al-Azhar-Moschee
al-Azhar-Moschee

Die Azhar-Universität (arabisch ‏جامعة الأزهر‎ dschāmiʿat al-Azhar) in Kairo ist eine der angesehensten Bildungsinstitutionen der islamischen Welt und nach der Universität Al-Qarawiyyin von Fès – gegründet im Jahre 859 – die zweitälteste Madrasa der Welt. Ihr Name ist von az-Zahrā' abgeleitet, einem Beinamen von Fatima, der jüngsten Tochter des Propheten Mohammed. Die Bedeutung der Universität lässt sich auch an der Zahl der Studierenden ablesen, die völlig außerhalb dessen steht, was an amerikanischen oder europäischen Universitäten üblich ist: Im Jahr 2004 waren an der Azhar etwa 375.000 Studenten eingeschrieben, darunter 150.000 Frauen. Die Aufgaben der Azhar sind im ägyptischen Azhar-Gesetz von 1961 festgelegt.[1]

Struktur[Bearbeiten]

Das geistige und geistliche Oberhaupt der Universität ist der Scheich al-Azhar, der auch den westlichen Titel eines „Grand Imam“ führt. Scheich Muhammad Sayyid Tantawi war bis zu seinem Tod am 10. März 2010 Oberster Geistlicher der Azhar. Der jetzige Großscheich ist Ahmad Muhammad at-Tayyib, der seit 28. September 2003 auch Rektor bzw. Präsident der Universität und zuvor zwei Jahre lang Groß-Mufti der Arabischen Republik Ägypten war.[2] Darüber hinaus unterhält al-Azhar u. a. eine Kommission von Ulema (islamischen Gelehrten), um über individuelle islamische Fragen zu urteilen.

Der Lehrkörper besteht aus rund 16.000 Lehrenden. Seit dem Frühjahr 2006 werden öffentlich Pläne diskutiert, die Universität in drei Hochschulen aufzuteilen. Die Universität steht bis heute nur muslimischen Studierenden aus aller Welt offen. Eine Koedukation, wie an den weltlichen Universitäten in Ägypten, zum Beispiel der Universität Kairo, ist untersagt, die Fakultäten (u. a. Medizin) sind nach Geschlechtern getrennt organisiert.

Aktivitäten[Bearbeiten]

Daʿwa[Bearbeiten]

Nach dem Azhar-Gesetz von 1961 hat die Azhar die Aufgabe, "das der Azhar anvertraute Gut, die islamische Botschaft, an alle Völker weiterzugeben".[3] Die Azhar nimmt diese missionarische Aufgabe vor allem durch Ausbildung von Predigern wahr. Studierende aus vielen islamischen Ländern kommen nach Ägypten, um sich hier mit der azharitischen Form des sunnitischen Islams vertraut zu machen. Sie leben in Kairo auf einem eigenen Campus, der "Stadt der islamischen (Studenten)missionen" (Madīnat al-buʿūṯ al-islāmīya).[4]

Medien[Bearbeiten]

Die Azhar-Universität verfügt über eine Druckerei für das Drucken des Korans sowie seit den 1930er Jahren über eine eigene Zeitschrift, die Maǧallat al-Azhar ("Azhar-Zeitschrift"). Letztere erscheint heute auch digital.[5] 2005 wurde das Al-Azhar-Online-Archiv eröffnet. Es handelt sich um ein Joint Venture zwischen der Universität und „IT Education Project (ITEP)“ von Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum in Dubai. Ziel ist es, alle 42.000 Manuskripte (ca. 7 Mio. Seiten) der Azhar-Bibliothek eingeschriebenen Nutzern über das Internet zur Verfügung zu stellen. Ende 2006 waren für Abonnenten etwa 1,5 Millionen Seiten zu erhalten.

Interreligiöser Dialog[Bearbeiten]

Die al-Azhar-Universität hat ihren Dialog mit der Katholischen Kirche am 20. Januar 2011 wegen angeblichen „islamkritischen Äußerungen von Papst Benedikt XVI. in jüngster Zeit“ „eingefroren“.[6]

Geschichte[Bearbeiten]

Anfänge und frühe Entwicklung[Bearbeiten]

Nachdem die Azhar-Moschee 972 nach zweijähriger Bauzeit fertiggestellt worden war, begannen die Studien bereits im Oktober 975, nach islamischer Zeitrechnung im Monat Ramadan 365 A.H. (nach der Hidschra). Oberrichter Abul Hasan Ali ibn an-Nu'man dozierte in seinen Vorlesungen über ein wichtiges Werk der schiitischen Jurisprudenz. Die eigentliche theologische Hochschule (Madrasa) wurde 988 während der Herrschaft der Fatimiden durch den Großwesir Yaqub ibn Killis (979-991) in Kairo gegründet. Sie entstand als Bildungszentrum, Schwerpunkt der Lehre waren die Theologie und die Rechtswissenschaft (Fiqh). Im 10. Jahrhundert wurden zudem wegweisende anatomische Studien durch Ali Nimer Ibn Ali Nu'man, einem Neffen des berühmten Oberrichters Abul Hasan Ali ibn an-Nu'man, durchgeführt. Diese Grundlagenstudien zur Methodik der Sektion haben maßgeblichen Einfluss auf Avicennas medizinische Studie gehabt.[7] Die Azhar entstand als Einrichtung der ismailitischen Schia und wurde 1171 sunnitisch.

Für die Studenten und das Lehrpersonal wurde Unterkunft und Verpflegung gestellt. Die Universität stieg spätestens mit der Zerstörung Bagdads durch die Mongolen unter Hülegü zum bedeutendsten islamischen Bildungszentrum auf, welches vor allem von Studenten aus Nordafrika, Nubien und dem Nahen Osten besucht wurde. Heute gibt es auch viele europäische und nordamerikanische „Azhari“, viele von ihnen sind Konvertiten. Sie werden in der Regel auf einem eigenen Universitätscampus untergebracht.

Moderner Reformprozess[Bearbeiten]

Eine erste neuzeitliche Reform fand unter dem Khediven Ismail Pascha statt, der 1872 als neues Abschlussdiplom die ʿālimīya (von ʿālim "Gelehrter") einführte, die die traditionelle Autorisierung durch Idschāza ablöste. Eine weitere Reform, die 1911 in Kraft trat, legte fest, dass der Rektor der Azhar durch den Khediven nominiert wurde, vergrößerte den Beirat, der jetzt aus Rektor, den Scheichen der vier Rechtsschulen, dem Generaldirektor der Stiftungen und drei vom Ministerrat ernannten Mitgliedern bestand, und schuf ein Tribunal von 30 erstrangigen Gelehrten, aus denen auch der Rektor gewählt wurde.[8] Die Universität entwickelte sich in dieser Zeit zu einem der bedeutendsten Zentren islamischer Gelehrsamkeit und zog Studierende aus allen Ländern an. Gleichzeitig öffnete sie sich auch gegenüber Nicht-Muslimen und Schiiten. Als erster europäischer Student wurde um 1873 der Orientalist Ignaz Goldziher zum Studium an der Azhar zugelassen.[9] 1910 traf der damalige Schaich al-Azhar Salīm al-Bischrī mit dem irakischen zwölfer-schiitischen Gelehrten Muhammad al-Husain Āl Kāschif al-Ghitāʾ zusammen.[10]

Ein Gesetz, das am 16. November 1930 verabschiedet wurde, brachte eine weitere Reform. Die Universität wurde nun in drei Fakultäten gegliedert: Islamische Jurisprudenz (Fiqh), Theologie und arabische Sprache. Dem Tribunal der erstrangigen Gelehrten wurde die Kompetenz zugesprochen, darüber zu urteilen, ob Gelehrte sich einer Handlung schuldig gemacht hatten, die gegen die Würde ihres Amtes verstieß. Die Zusammensetzung des Beirats wurde verändert: Die Scheiche der vier Rechtsschulen wurden durch die Scheiche der drei Fakultäten ersetzt, und der Rat durch den Großmufti vervollständigt. Weiterhin wurde festgelegt, dass neue Studierende bei Aufnahme des Studiums nicht älter als 16 Jahren sein durften.[11]

Im Jahre 1955, nach der Revolution der freien Offiziere und der Machtergreifung von Gamal Abdel Nasser, machte der ehemalige Erziehungsminister Tāhā Husain den Vorschlag, die Azhar-Universität in eine theologische Fakultät umzuwandeln, die in eine moderne Universität integriert werden sollte.[12] Im Juli 1961 fand unter Scheich Mahmud Schaltut eine umfassende Reform der Azhar statt, die die Ideen Husains aufgriff, ihre Richtung jedoch umkehrte. Anstatt die Azhar in eine moderne Hochschule zu integrieren, wurde das moderne Bildungssystem in die Azhar integriert. So wurden z. B. technische, pädagogische und medizinische Fakultäten eröffnet und zahlreiche Niederlassungen inner- und außerhalb Ägyptens eröffnet. Organisatorisch wurde die Azhar der Aufsicht des ägyptischen Religionsministeriums (Awqaf) unterstellt. Dieses wurde von Oktober 1996 bis zum 27. Januar 2011 von dem Theologen Mahmoud Zakzouk geleitet, der in München in Philosophie promovierte.

Bekannte Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Zu den bekanntesten ehemaligen Studenten und Dozenten der Universität gehören Mohammed Amin al-Husseini, Yusuf al-Qaradawi, Jakup Hasipi, Mahmud Schaltut, Muhammad Sayyid Tantawi und Ezzat Abou Aouf.

Literatur[Bearbeiten]

  • Abdallah Chanfi Ahmed: "Entre da`wa et diplomatie: al-Azhar et l'Afrique au sud du Sahara d'après la revue Maǧallat al-Azhar dans les années 1960 et 1970" in Islam et sociétés au sud du Sahara: revue; le cahiers annuel pluridisciplinaire 14-15 (2000-2001) 58-80.
  • Rainer Brunner: Annäherung und Distanz. Schia, Azhar und die islamische Ökumene im 20. Jahrhundert. Berlin 1996.
  • A. Chris Eccel: Egypt, Islam and social change: Al-Azhar in conflict and accommodation. Berlin: Schwarz 1984. [Hier] online verfügbar.
  • J. Jomier: Art. "al-Azhar" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. I, S. 813b-821b.
  • Wolf-Dieter Lemke: Maḥmūd Šaltūt (1893-1963) und die Reform der Azhar: Untersuchungen zu Erneuerungsbestrebungen im ägyptisch-islamischen Erziehungssystem. Frankfurt a.M. [u.a.]: Lang, 1980.
  • Malika Zeghal: "Religion and politics in Egypt: The ulema of al-Azhar, radical Islam, and the state (1952–94)" in International Journal of Middle East Studies 31 (1999) 371-399. Hier online verfügbar.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: al-Azhar-Universität – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. dazu Lemke 168-173.
  2. Neuer Großscheich an der Azhar-Universität: Mit Anzug und Krawatte gegen Extremismus, Qantara.de
  3. Vgl. Lemke 170.
  4. Vgl. dazu Abdallah Chanfi Ahmed: Ngoma et mission islamique (Daʿwa) aux Comores et en Afrique orientale. Une approche anthropologique. Paris 2002. S. 210.
  5. Vgl. hier die Website.
  6. Radio Vatikan: Ägypten: Dialog wird „eingefroren“, ansa/rv 20. Januar 2011 sk
  7. Plinio Prioreschi: A History of Medicine. Volume 4: Byzantine and Islamic Medicine. Horatius Press, Omaha NE 2001, ISBN 1-888456-04-3, S. 215f.
  8. Vgl. dazu Jomier 817b-818a.
  9. Martin Kramer: The Jewish Discovery of Islam
  10. Vgl. Brunner 43.
  11. Vgl. dazu Jomier 818a-818b.
  12. Vgl. Zeghal 376.

Siehe auch[Bearbeiten]

30.04583333333331.2625Koordinaten: 30° 2′ 45″ N, 31° 15′ 45″ O