Amerikanisierung

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US-Getränkewerbung in Indien

Amerikanisierung bezeichnet einerseits den Integrationsprozess von Einwanderern in die US-amerikanische Kultur, andererseits den Wandel einer Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur oder Person in Richtung der vorherrschenden Gegebenheiten in den USA, beziehungsweise hin zum Leitbild des so genannten „American Way of Life“.

Amerikanisierung von fremden Nationen[Bearbeiten]

Die so genannten Amerikanismen werden in ein bestehendes System integriert und verändern eine Gesellschaft hinsichtlich ihrer Einrichtungen, Werte, Traditionen, Verhaltensweisen und Vorgehensweisen (z. B. in Industrie und Wirtschaft). Dieser Trend ist keine transatlantische Wechselwirkung, sondern eine einseitige Beeinflussung, die zum Teil von den USA selbst ausgeht, zum Teil auch freiwillig übernommen wird. Der Prozess der Amerikanisierung, der sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat, ist an den Status der Vereinigten Staaten von Amerika als Supermacht gebunden. Besondere Dynamik entwickelte sie nach dem Zweiten Weltkrieg im faktisch geteilten Europa, als die USA Westeuropa als ihre Einflusssphäre betrachteten.

Phänomene[Bearbeiten]

Übergreifend[Bearbeiten]

  • Verwendung von Anglizismen
  • Privatisierung von hoheitlichen und gesellschaftlichen Aufgaben und Eigentum in allen Bereichen.
  • Werbefinanzierung durch private Firmen
  • Konsummentalität
  • Gewinnorientierung auch in ehemals nicht-wirtschaftlichen Bereichen (z.B. in der Bildung, Gesundheitsbranche)

Medien[Bearbeiten]

  • Englischsprachige Popmusik
  • Hollywood-Produktionen in Kinos und Fernsehen
  • Englische Slogans in der Werbung
  • Werbefinanziertes Privatfernsehen
  • Einfluss auf die deutsche Fernsehkultur wie etwa durch Sendungen über das Pokerspiel
  • Unkritische Übernahme amerikanischer Fernsehberichte (Vietnam-Krieg, Golf-Krieg)

Arbeit & Soziales[Bearbeiten]

  • Abbau von Sozialleistungen[1]
  • Kapitalkonzentration, Zunehmende Verarmung der Mittelschicht
  • Bandenbildung auf den Straßen
  • Zunahme der Kriminalität durch soziale Ungerechtigkeit
  • Amerikanische Mode und Kleidung
  • Anglisierung der Sprache
  • Nachahmung von Festen wie Halloween oder Thanksgiving
  • Verwendung amerikanischer Wörter und Namen
  • Einschränkung von Gewerkschaften und Arbeitnehmermitbestimmung
  • Übernahme amerikanischer Essgewohnheiten und Gerichten (Fast Food)
  • Elitenbildung an Schulen und Universitäten
  • Kein Kündigungsschutz bzw. keine Kündigungsfrist
  • Keine oder nur wenig Arbeitnehmerrechte
  • Übernahme amerikanischer Trends

Sport[Bearbeiten]

Wirtschaftsleben[Bearbeiten]

  • Englisch als Leitsprache auch in nicht-amerikanischen Konzernen
  • Übernahme englischer Bezeichnungen für Funktionen in Unternehmen (z. B. „CEO“ statt Vorstandsvorsitzender), auch wenn dies aufgrund des abweichenden Handelsrechts eher zu Verwirrung führt,
  • Eher kompetitiv statt kooperativ[2]
  • Stärkeres bzw. reines Profitdenken
  • Aggressiveres Marketing
  • Stärker auf die Zentrale ausgerichtet, eher militärischer Führungsstil
  • Hire and Fire-Mentalität, hohe Fluktuation
  • Amerikanische Bachelor und Master-Titel an ausländischen Universitäten[3]
  • Bonitätsbewertung (Rating) von Unternehmen nach amerikanischen Maßstäben[3]

Politik und Wahlkampf[Bearbeiten]

Der Begriff Amerikanisierung ist in den letzten zehn Jahren in der Politikwissenschaft und Medienwissenschaft sehr populär für die Beschreibung der Modernisierung der Politischen Kommunikation geworden. In diesem Bereich konnte sich der Begriff der Amerikanisierungsthese etablieren, der sich insbesondere auf die Veränderung und Entwicklung des Wahlkampfes bezieht. (Stärkere Nutzung des Fernsehens, damit einhergehend die Wichtigkeit, dass ein Kandidat „medientauglich“ und fotogen ist; Willy Brandt als „deutscher Kennedy“; TV-Duelle)

Unter Amerikanisierung in der Politik kann auch die Übernahme des in den USA gepflegten aggressiven Antikommunismus bzw. Antisozialismus verstanden werden.

Gegenbewegung[Bearbeiten]

Spätestens seit dem Regierungsantritt des in Europa allgemein nicht sehr populären George W. Bush als amerikanischem Präsident ist zu beobachten, dass eine gegenläufige Strömung auftritt: viele Menschen versuchen bewusst, „Amerikanisches“ zu meiden. Ausdruck dieser Haltung sind bewusste Distanz zur Politik der USA, der Boykott bestimmter amerikanischer Waren und z. B. die Rückkehr zu altdeutschen Vornamen für Kinder. Bedeutende Ereignisse, die das Ansehen der Amerikaner in Deutschland verschlechterten waren in jüngster Vergangenheit der dritte Golfkrieg (Bush) und die NSA-Affäre (Obama).

Amerikanisierung von Einwanderern[Bearbeiten]

Auch in anderen Zusammenhängen wird der Begriff gebraucht: Vor- und Familiennamen wurden bei Einwanderern amerikanisiert. Die oft für Amerikaner schwer aussprechbaren Namen wurden schon von den Einwanderungsbehörden willkürlich oder in Absprache mit dem Einwanderer verändert. (Manche dieser Änderungen geschahen aber auch später – während des Ersten Weltkrieges änderten viele Deutschamerikaner ihre Nachnamen.)

Historischer Vergleich[Bearbeiten]

In der Geschichte ist es keine Ausnahme, dass Werte, Sprache etc. von der jeweiligen Führungsmacht übernommen werden: Ähnliche Entwicklungen gab es bereits

Die Entwicklung kann ausgelöst werden von der Faszination einer Bevölkerung an den Errungenschaften der Führungsmacht oder der vorherrschenden Kultur in einem Staatsgebilde, sie kann aber auch direkt von der Führungsmacht forciert sein (siehe auch „Kolonialismus“ und „Assimilation“).

Quellen[Bearbeiten]

  1. Vgl. z. B. Max Otte: Der Crash kommt, S. 52: „Die Globalisierung folgt amerikanischen Regeln. Europa wehrt sich noch bei seinen Sozialsystemen, aber auch hier werden bald amerikanische Verhältnisse herrschen.“
  2. Nach US-Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler, der das angelsächsische Wirtschaftsmodell mit dem kontinentaleuropäischen verglich.
  3. a b Max Otte: „Der Crash kommt“, S. 52.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heide Fehrenbach, Uta G. Poiger (Hrsg.): Transactions, Transgressions, Transformations: American Culture in Western Europe and Japan. Berghahn, New York/Oxford 2000, ISBN 978-1-57181-108-0.
  • Konrad H. Jarausch, Hannes Siegrist (Hrsg.): Amerikanisierung und Sowjetisierung in Deutschland 1945–1970. Campus-Verlag, Frankfurt a. M./New York 1997, ISBN 978-3-593-35761-4.
  • Gustav W. Meyer: Die Amerikanisierung Europas. Kritische Beobachtungen und Betrachtungen. Technischer Verlag, Bodenbach a. Elbe 1920.
  • Heinz-Günter Schmitz: Die Amerikanisierung und Internationalisierung der deutschen Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg. Unser Land – Wissenschaftliche Stiftung für Deutschland e. V., Starnberg 1999.
  • Susanne Hilger: „Amerikanisierung“ deutscher Unternehmen. Wettbewerbsstrategien und Unternehmenspolitik bei Henkel, Siemens und Daimler-Benz (1945/49–1975). Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08283-2 (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte: Beihefte; Nr. 173).
  • Alexander Stephan (Hrsg.): The Americanization Of Europe: Culture, Diplomacy, and Anti-Americanism after 1945, Berghahn, 2013 (online)
  • Alexander Stephan, Jochen Vogt (Hrsg.): America on my mind. Zur Amerikanisierung der deutschen Kultur seit 1945. Fink, Paderborn 2006, ISBN 978-3-7705-4329-8.
  • Frank Becker, Elke Reinhardt-Becker (Hrsg.): Mythos USA. „Amerikanisierung“ in Deutschland seit 1900. Campus-Verlag, Frankfurt a. M./New York 2006, ISBN 978-3-593-37994-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]