Antiamerikanismus

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Antiamerikanische Demonstration in Brasilien
Demonstration gegen den US-Präsidenten George W. Bush in London.

Unter Antiamerikanismus wird im Allgemeinen eine „ablehnende Haltung gegenüber der Politik und Kultur der USA“ verstanden.[1] Das Random House Unabridged Dictionary definiert Antiamerikanismus als „den Vereinigten Staaten von Amerika, ihrer Bevölkerung, ihren Prinzipien oder ihrer Politik entgegengestellt oder feindlich gesinnt.“[2]

Ursprung[Bearbeiten]

Obschon der Begriff des Antiamerikanismus erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgekommen ist (eine Untersuchung über den Antiamerikanismus in Frankreich nennt 1948 als erste dokumentierte Verwendung[3]), wurden Kultur und Politik der Vereinigten Staaten seit ihrem Bestehen immer wieder grundsätzlich kritisiert oder angegriffen. Da dies jedoch aus unterschiedlichen Anlässen und mit unterschiedlichen weltanschaulichen Hintergründen geschah und geschieht, kann nicht von einem einheitlichen antiamerikanischen Weltbild gesprochen werden, das von Gegnern der Vereinigten Staaten vertreten würde.[4]

Gründe[Bearbeiten]

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung wird seit Beginn des 21. Jahrhunderts der moderne Antiamerikanismus vornehmlich mit der Politik der Vereinigten Staaten seit dem 11. September 2001 begründet. Darunter zählen die mit Verweis auf die Selbstverteidigungsklausel in der Resolution 1368 des UN-Sicherheitsrates höchst umstrittene militärische Interventionen in Afghanistan[5][6][7], der als völkerrechtswidriger Angriffskrieg geltende Irakkrieg, die Nichtunterzeichnung des Kyoto-Protokolls sowie die Beibehaltung der Todesstrafe und die Nichtachtung des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag.[8]

Laut einer Umfrage aus dem Jahre 2009 des Meinungsforschungsinstituts Allensbach bejahen 72 % der befragten Deutschen die Aussage, die US-Amerikaner seien „als Konsum- und Wegwerfgesellschaft ein abschreckendes Beispiel für den Rest der Welt“. Bei der Frage „Wenn jemand sagt, kein Land tritt immer wieder so für die Demokratie ein, ist ein so starker Verfechter von Freiheit und Menschenrechten wie die Vereinigten Staaten. Würden Sie da zustimmen oder nicht zustimmen?“ würden dies nur 31 % bejahen.[9]

Auch der deutsche Publizist Jakob Augstein kritisiert in einer Kolumne verschiedene Menschenrechtsverletzungen der USA, darunter die völkerrechtswidrigen Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base, die Drohnenangriffe in Pakistan, die Foltermethoden amerikanischer Geheimdienste wie das Waterboarding in den CIA-Gefängnissen oder die Überwachungs- und Spionageaffäre 2013. Im Debattenmagazin The European wurde in einem Beitrag die These aufgestellt, dass es sich bei dieser Kritik ebenfalls um Antiamerikanismus handle.[10][11]

Bewertungen[Bearbeiten]

Der britische Publizist Christopher Hitchens bezeichnete Folgendes als eine „lockere Arbeitsdefinition“ des Antiamerikanismus:

„Jemand ist anti-amerikanisch, wenn er oder sie andauernd Verachtung für die amerikanische Kultur zeigt und darüber hinaus jeden Gegner der US-Politik unterstützt, wer immer es auch sein mag.[12]

Verschiedene Stimmen vertreten die Ansicht, der Antiamerikanismus müsse als Auswuchs des Neids gegenüber der Rolle der Vereinigten Staaten als vorherrschende Weltmacht gesehen werden. Timothy Garton Ash beschreibt das Leitmotiv des Antiamerikanismus als „mit Neid durchsetzter Groll“;[13] der Historiker Dan Diner spricht vom „projektiven Vorwurf an die USA, für alle Übel der Welt ursächlich zu sein“ und einer „Überdosis an jener im Antiamerikanismus sich verschränkenden und nur schwer zu goutierenden Mischung von Neid und Angst“. Auch in Ländern mit ausgeprägtem Antiamerikanismus besteht große Nachfrage nach Einwanderungsvisa für die Vereinigten Staaten; eine gegengesetzte Strömung der Emigration aus den Vereinigten Staaten ist jedoch nicht erkennbar.[14]

Der Journalist und Kommunikationswissenschaftler Tobias Jaecker sieht im Antiamerikanismus ein "ideologisches Welterklärungsmuster"[15], das er folgendermaßen definiert:

„Die narrative Form des antiamerikanischen Welterklärungsmusters wird durch vier grundlegende Strukturprinzipien bestimmt – Dualismus, Projektion, Selbstaufwertung und Verschwörungsdenken. Erst innerhalb dieser spezifischen Struktur erhalten die einzelnen Stereotype einen antiamerikanischen ›Sinn‹. Dabei korrespondiert die projektive Zuschreibung negativer politischer, wirtschaftlicher und kultureller Vorgänge zu Amerika mit einer kollektiven moralischen Selbstaufwertung, so dass ein dualistisches Bild entsteht: ›Amerika‹ gegen ›uns‹. Im Extremfall kann sich dies zur Verschwörungstheorie ausweiten – in einer derartigen wahnhaften Vorstellung regiert Amerika dann die ganze Welt. Es ist dieses Zusammenspiel von Dualismus, Projektion, Selbstaufwertung und – zugespitzt – Verschwörungsdenken, das die Kritik zum Antiamerikanismus gerinnen lässt.[16]

Dem Soziologen Andrei S. Markovits zufolge besteht eine enge Verbindung zwischen europäischem Antiamerikanismus und dem Antisemitismus: Beide verhielten sich, bildlich gesprochen, zueinander wie „Zwillingsbrüder“[17], denn „Amerika und die Juden waren der europäischen Rechten und den Konservativen immer als Repräsentanten einer unaufhaltsamen Moderne suspekt und verhaßt.“[18] Aber auch bei weiten Teilen der politischen Linken gehe der „neue, auf Israelfeindschaft gründende Antisemitismus Hand in Hand mit ihrem Antiamerikanismus“ [19] Wurde von der Linken lange Zeit Israel als unterdrückerischer Statthalter der imperialistischen USA im Nahen Osten verstanden, habe sich inzwischen in zahlreichen Diskursen gar das Sprechen über eine angebliche jüdisch-israelische Einflussnahme auf die US-Administration etabliert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Anti-Americanism – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Antiamerikanismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stichwort Antiamerikanismus, in: Gerhard Wahrig: Deutsches Wörterbuch. Jubiläumsausgabe. Gütersloh : Bertelsmann, 1991. ISBN 3-570-03648-0
  2. Anti-Americanism im Random House Unabridged Dictionary, abgerufen am 16. Oktober 2007. Im Original: „opposed or hostile to the United States of America, its people, its principles, or its policies.“
  3. Roger, Phillipe. The American Enemy: The History of French Anti-Americanism, einführender Auszug (englisch), University of Chicago Press, 2005.
  4. Katzenstein, Peter; Keohane, Robert. Conclusion: Anti-Americanisms and the Polyvalence of America (PDF; 96 kB), in: Anti-Americanisms in World Politics,, Ithaca: Cornell University Press, 2006 (englisch).
  5. Chantal de Jounge Oudraat 2004: The Role of the Security Council, in: Jane Boulden, Weiss, Thomas G. (Hrsg.): Terrorism and the UN, Bloomington, S. 160.
  6. Geir Ulfstein: Terrorism and the Use of Force, in: Security Dialogue 34:2, S. 155.
  7. Stefan Talmon: The Security Council as World Legislature, in: The American Journal of International Law, Vol. 99, No. 1 (Jan. 2005), S. 180.
  8. Bundeszentrale für politische Bildung: Europäischer Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert, vom 18. Januar 2008
  9. Cicero: Die USA sind das Böse!, vom 19. Juni 2013
  10. Der Spiegel: Besuch des Allmächtigen, vom 17. Juni 2013
  11. The European: Im Zweifel antiamerikanisch, vom 21. Juni 2013
  12. „My own working definition of it, admittedly a slack one also, is that a person is anti-American if he or she is consistently contemptuous of American culture and furthermore supports any opponent of U.S. policy, whoever this may be.“ Christopher Hitchens: I'll be damned The Atlantic Magazine, März 2005
  13. Die Zeit, 06/2003
  14. FOCUS Nr. 43, 10/2001
  15. Interview mit Tobias Jaecker: "Amerikaner sind gefährlich und profitgierig", in: Cicero, 27. Februar 2014
  16. Tobias Jaecker: Hass, Neid, Wahn. Antiamerikanismus in den deutschen Medien, Frankfurt/M. 2014, S. 372.
  17. Andrei S. Markovits: Amerika, dich haßt sich's besser, Hamburg 2004, S. 173.
  18. Andrei S. Markovits: Amerika, dich haßt sich's besser, Hamburg 2004, S. 188.
  19. Andrei S. Markovits: Amerika, dich haßt sich's besser, Hamburg 2004, S. 189.
  20. Zur ideengeschichtlichen Herleitung und theoretischen Bestimmung beider Auffassungen. Ihre Typologie vor einem demokratietheoretischen Hintergrund; die Gründe für soziale Gruppen als Träger von Antikommunismus und Antiamerikanismus. Darstellung des politischen Bewusstseins nach 1945. Empirische Erhebungen