Athenia (Schiff, 1923)

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Athenia
Im Hafen von Montreal, 1933

Im Hafen von Montreal, 1933

p1
Schiffsdaten
Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich (Handelsflagge) Vereinigtes Königreich
Schiffstyp Passagierschiff
Rufzeichen KNRT
Heimathafen Glasgow
Reederei Anchor-Donaldson Limited
Bauwerft Fairfield Shipbuilders, Govan
Baunummer 596
Stapellauf 28. Januar 1922
Indienststellung 19. April 1923
Verbleib 4. September 1939 gesunken
Schiffsmaße und Besatzung
Länge
160,4 m (Lüa)
Breite 20,2 m
Tiefgang max. 8,44 m
Vermessung 13.465 BRT
Maschine
Maschine 6 × Dampfturbine von Brown-Curtiss
Maschinen-
leistung
9.000 PS (6.619 kW)
Geschwindigkeit max. 15 kn (28 km/h)
Propeller 2
Transportkapazitäten
Zugelassene Passagierzahl Kabinenklasse: 516
Dritte Klasse: 1000
Sonstiges
Registrier-
nummern

Registernummer: 146330

Die Athenia (II) war ein 1923 in Dienst gestelltes Passagierschiff der britischen Reederei Anchor-Donaldson Limited, das im Passagier- und Postverkehr zwischen Großbritannien und Kanada eingesetzt wurde. Sie wurde am 3. September 1939 etwa 60 Seemeilen südlich des Rockall-Felsens von einem deutschen U-Boot torpediert und sank am folgenden Tag. Sie war das erste unter britischer Flagge fahrende Schiff, das im Zweiten Weltkrieg von einem deutschen U-Boot versenkt wurde. 112 Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.

Passagierschiff[Bearbeiten]

Am Heck wird neue Farbe aufgetragen, 1937

Das 13.465 BRT große Dampfturbinenschiff Athenia wurde auf der Werft Fairfield Shipbuilding and Engineering Company in Govan bei Glasgow gebaut. Sie war das baugleiche Schwesterschiff der Letitia (13.475 BRT), die zwei Jahre später bei der gleichen Werft vom Stapel lief. Beide Schiffe waren 163 Meter lang, 20 Meter breit und hatten je einen Schornstein, zwei Masten und zwei Propeller. Sie waren die beiden größten Schiffe, die Anchor-Donaldson (ein Gemeinschaftsunternehmen der Reedereien Anchor Line und Donaldson Brothers) je in Dienst stellte. Die Athenia war das zweite Schiff der Reederei, das diesen Namen trug. Die erste Athenia war 1904 in Dienst gestellt und am 16. August 1917 nördlich von Inishtrahull Island von einem deutschen U-Boot versenkt worden, wobei es 15 Tote gegeben hatte. Bereedert wurde das Schiff durch die Henderson Line.

Die zweite Athenia wurde von sechs Dampfturbinen der Marke Brown-Curtiss angetrieben, die eine Leistung von 9000 Wellen-PS (WPS) hatten und eine Höchstgeschwindigkeit von 15 Knoten ermöglichten. Sie hatte zwei Doppelender- und drei Einender-Kessel. Die Passagierunterkünfte waren für 516 Reisende der Kabinenklasse und 1000 in der Dritten Klasse ausgelegt. Wie bei der Letitia war der Rumpf schwarz und die Decksaufbauten Weiß gestrichen. Das Schiff lief am 28. Januar 1922 vom Stapel und legte am 19. April 1923 in Glasgow zu seiner Jungfernfahrt über Liverpool nach Quebec und Montreal ab.

Die Athenia fuhr fortan zusammen mit der Letitia in den Sommermonaten von Liverpool nach Quebec und Montreal und in der Wintersaison, wenn der Sankt-Lorenz-Strom zugefroren war, nach Halifax und Saint John. Dies war ein Joint Venture in Zusammenarbeit mit der Cunard Line. Im Jahr 1927 wurde das Schiff modernisiert und den sich ändernden Bedingungen angepasst. Es wurden die neuen Preisklassen Cabin Class, Tourist Class und Third Class eingeführt. Die Athenia war mit 26 hölzernen Rettungsbooten mit insgesamt 1828 Plätzen ausgestattet, davon 13 auf jeder Seite. Hinzu kamen 21 faltbare Rettungsinseln mit weiteren 462 Plätzen sowie 1.600 Schwimmwesten.

Untergang[Bearbeiten]

Am Freitag, dem 1. September 1939 gegen 12.00 Uhr mittags legte die Athenia unter dem Kommando von Kapitän James Cook in Glasgow zu ihrer letzten Fahrt in Friedenszeiten ab. Am Vormittag des nächsten Tages lief sie in Liverpool ein und nahm dort weitere Passagiere auf. Um 16.30 Uhr am 2. September wurden mit dreieinhalb Stunden Verspätung die Leinen gelöst. Die Athenia verließ Liverpool ohne Geleitschutz. Ziel war wieder Quebec und Montreal.

An Bord befanden sich 315 Besatzungsmitglieder und 1.102 Passagiere. Wegen einer Sondergenehmigung durfte das Schiff 200 Personen mehr aufnehmen, als offiziell zugelassen waren. Aufgrund des drohenden Kriegszustands flohen tausende Menschen aus Europa, darunter ausländische Touristen und Studenten, US-amerikanische Geschäftsleute und vom NS-Regime Verfolgte. Dies hatte in Großbritannien einen Ansturm auf die Ticketbüros der Reedereien ausgelöst. Auf der Athenia befanden sich größtenteils Kanadier und US-Amerikaner, aber auch 77 Polen und 39 hauptsächlich jüdische Reisende aus Deutschland und dem annektierten Österreich.

Ein Rettungsboot der Athenia neben der City of Flint

In den frühen Morgenstunden des 3. September 1939 passierte der Dampfer die Insel Inishtrahull an der Nordküste Irlands. Am Abend des 3. September entdeckte der Kommandant des deutschen U-Boots U 30, Kapitänleutnant Fritz-Julius Lemp, das abgeblendet und im Zickzack-Kurs fahrende Schiff. In der Dunkelheit hatte er Schwierigkeiten, das Schiff eindeutig zu erkennen. Zudem war kurz vorher ein Befehl vom Oberkommando der Kriegsmarine empfangen worden, der vor bewaffneten Handelsschiffen („Armed Merchant Cruisers“) warnte. Daher hielt Lemp das Schiff für einen Truppentransporter und schoss um 19.40 Uhr drei Torpedos, von denen nur einer traf.

Als U 30 eine halbe Stunde später auftauchte, bemerkte Lemp anhand der Notrufe der Athenia, dass er ein unbewaffnetes Passagierschiff torpediert hatte. Lemp erkannte seinen Fehler, lief sofort von der Unglücksstelle ab, ohne Hilfe zu leisten, und setzte auch keinen Funkspruch ab. Er ließ „seine Männer schwören, nichts über den Angriff zu sagen, zu niemandem. Nicht einmal durch Mimik oder Gestik dürfen sie etwas verraten, sollten sie je den Namen Athenia hören.“[1] Erst nach der Rückkehr meldete er die Versenkung der Athenia. Die Athenia sank gegen 10.40 Uhr am darauf folgenden Morgen. 112 Menschen kamen durch die Versenkung ums Leben, darunter 27 Männer, 69 Frauen und 16 Kinder. Neben Briten und Kanadiern starben vier deutsche und 28 amerikanische Staatsangehörige. Die meisten Toten waren durch die Explosion nach dem Torpedoeinschlag und durch mehrere verunglückte Rettungsboote zu beklagen. Andere starben kurze Zeit später an Erschöpfung oder erlagen ihren Verletzungen. An der Rettung der Schiffbrüchigen beteiligten sich der norwegische Tanker Knute Nelson, der amerikanische Frachter City of Flint, der britische Zerstörer Escort und die Yacht des schwedischen Millionärs Axel Wenner-Gren, die Southern Cross.

Aus Furcht vor einer Wiederholung der Ereignisse um die Lusitania im Ersten Weltkrieg und den späteren Kriegseintritt der Vereinigten Staaten wurde die Versenkung vom Oberkommando der Kriegsmarine, die den Zwischenfall bis dahin geleugnet hatte, weiterhin geheim gehalten und das Kriegstagebuch von U 30 entsprechend verfälscht, denn unter den Opfern der Athenia hatten sich auch amerikanische Passagiere befunden.

Lemp musste auf Befehl von Karl Dönitz die Seite des 3. September aus seinem Kriegstagebuch entfernen und eine neue einfügen, in der die Position von U 30 200 Seemeilen weiter westlich von der Angriffstelle der Athenia angegeben wurde.[2] Erst als ein 1940 in Kriegsgefangenschaft geratenes Mitglied der Besatzung nach dem Ende des Krieges aussagte, kam die Wahrheit zutage. Dieser Fall war auch Teil der Anklage gegen Erich Raeder und Karl Dönitz im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher.

Passagiere[Bearbeiten]

Während der letzten Fahrt befanden sich einige bekannte Persönlichkeiten an Bord des Schiffs, darunter:

  • Andrew Allan, kanadischer Rundfunkpionier und Chef des CBC Radio-Programms, Verlobter von Judith Evelyn
  • Rudolf Altschul, deutsch-tschechischer Arzt und Emigrant, mit Ehefrau
  • Barbara Cass-Beggs, britisch-kanadische Musikwissenschaftlerin, Lehrerin und Autorin, später Vizepräsidentin der Canadian Society for Traditional Music
  • Judith Evelyn, US-amerikanische Bühnen- und Filmschauspielerin (Das Fenster zum Hof)
  • James A. Goodson, hochdekorierter Kampfflieger
  • Richard Stuart Lake, ehemaliger Vizegouverneur der Provinz Saskatchewan, mit Ehefrau
  • Prof. John H. Lawrence, US-amerikanischer Physiker und Nuklearmediziner, Bruder von Ernest Lawrence
  • Nicola Lubitsch, zehn Monate alte Tochter von Ernst Lubitsch, mit Kindermädchen
  • Charles Wharton Stork, US-amerikanischer Autor und Essayist (Day Dreams of Greece)

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Cay Rademacher: Drei Tage im September. Die letzte Fahrt der Athenia 1939. mareverlag, Hamburg 2009, S. 180.
  2. Vgl. Cay Rademacher: Drei Tage im September. Die letzte Fahrt der Athenia 1939. mareverlag, Hamburg 2009, S. 290.