Bettina Wegner

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Bettina Wegner (1974)

Bettina Wegner (* 4. November 1947 in Berlin-Lichterfelde) ist eine deutsche Liedermacherin und Lyrikerin. Ihr bekanntestes Lied ist Kinder (Sind so kleine Hände…) aus dem Jahre 1978.

Leben[Bearbeiten]

Bettina Wegner wurde in West-Berlin geboren. Nach der Gründung der DDR übersiedelten ihre Eltern – überzeugte Kommunisten – mit ihr nach Ost-Berlin. Sie erlernte den Beruf einer Bibliotheksfacharbeiterin und begann 1966 ein Studium an der Schauspielschule Berlin. 1966 war sie Mitbegründerin des Hootenanny-Klubs. Da das ursprüngliche Prinzip, jeder könne unzensiert auf der Bühne seine Texte und Lieder bringen, bereits im ersten Jahr aufgegeben wurde, verließ sie die Gruppe jedoch bald wieder. Kurz darauf wurde der Hootenanny-Klub in Oktoberklub umbenannt und der FDJ unterstellt.

Nachdem sie 1968 Flugblätter gegen die Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei (Prager Frühling) geschrieben und verteilt hatte („Es lebe das rote Prag!“, „Hoch Dubcek!“), wurde sie exmatrikuliert, verhaftet und wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten auf Bewährung verurteilt.[1] Die Erfahrungen der Zensur und der Untersuchungshaft (ihr erstes Kind – mit Thomas Brasch – war gerade geboren worden), sollten fortan ihre Haltung und vor allem ihre Lieder prägen. Nach „Bewährung in der Produktion“ besuchte sie die Abendschule, holte ihr Abitur nach und absolvierte 1971/72 eine Ausbildung als Sängerin am Zentralen Studio für Unterhaltungskunst. Seitdem lebt sie freischaffend.

Eigene Veranstaltungsreihen (Eintopp, Kramladen) gemeinsam mit Klaus Schlesinger, mit dem Bettina Wegner von 1970 bis 1982 verheiratet war, wurden von staatlichen Stellen verboten. Nach öffentlichem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 wurden ihre Auftrittsmöglichkeiten immer weiter beschnitten; sie wurde bespitzelt und unter Druck gesetzt. Ihre damalige Managerin Katharina Harich, die gleichzeitig Managerin der humoristischen Songgruppe MTS war, ermöglichte ihr in dieser Zeit noch Auftritte als Geheimtipp, denn auf den Plakaten stand nun: „MTS und Sängerin“. Ebenso half Werner Sellhorn, mit dem sie ein „unverfänglich“ klingendes Programm hatte: „Kurt Tucholsky und Songs von heute“. Die Konzerte waren trotzdem überfüllt, denn Mundpropaganda war in der DDR sehr wirkungsvoll, wenn es um verbotene Literatur oder Musik ging. Auch in einigen Kirchen konnte sie noch Konzerte geben, zum Beispiel in der für oppositionelle Veranstaltungen bekannten Samariterkirche in Ost-Berlin.

Als sie durch eine „Kennzeichen D“-Sendung von Dirk Sager 1978 auch im Westen schlagartig bekannt wurde, ergab sich für sie die Möglichkeit, ihre erste Langspielplatte (im Westen bei CBS) zu veröffentlichen, den Mitschnitt eines Konzertes im Künstlerhaus Bethanien. Auf ihrer ersten Studio-LP bei CBS wurde sie von Musikern der Rockband Nervous Germans begleitet; so ergaben sich Möglichkeiten, an die in der DDR nicht zu denken waren. Sie konnte ihr Berufsverbot in der DDR nun mit Auftritten in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Belgien und der Schweiz kompensieren, da sie als „Devisenbringerin“ in den Westen reisen durfte. Das war jedoch eine übliche Methode der DDR-Regierung, bekannte, aber unliebsame Künstler loszuwerden: nach Einleitung eines Ermittlungsverfahrens „wegen Verdachts auf Zoll- und Devisenvergehen“ sah sich Bettina Wegner 1983 als DDR-Bürgerin vor die Wahl gestellt, ins Gefängnis zu gehen oder ausgebürgert zu werden. Daraufhin verließ sie die DDR in Richtung West-Berlin. Dieser Verlust der Heimat und der kommunistischen Ideale wurden zu den wichtigsten Themen ihrer Lieder in den 1980er Jahren.

Ab 1974 bis zu ihrer Flucht wurde sie vom Ministerium für Staatssicherheit als „feindlich-negative“ Person im operativen Vorgang „Schreiberling“ wegen staatsfeindlicher Hetze nach § 106 des Strafgesetzbuchs der DDR beobachtet.[2]

Bettina Wegner 2008, Foto: Gabi Reichert

1988 hatte Bettina Wegner eine Affäre mit Oskar Lafontaine.[3] Als Liedermacherin trat sie unter anderem gemeinsam mit Joan Baez, Konstantin Wecker und Angelo Branduardi auf. Von den 1990er Jahren bis heute gab sie weiter regelmäßig erfolgreiche Konzerte mit ihrem neuen Begleit-Trio von L’art de passage und vor allem zusammen mit Karsten Troyke. 1996 bekam Bettina Wegner in Meiningen für ihr Programm „Sie hat’s gewusst“ als erste Preisträgerin den Thüringer Kleinkunstpreis verliehen. Sie veröffentlichte mehrere CDs, verschwand aber langsam aus den Medien wie Fernsehen und Hörfunk.

Nach über 30 Jahren Tourneen und Plattenveröffentlichungen verabschiedete sich Bettina Wegner 2007 mit einer Abschiedstournee vorläufig von ihrem Publikum. Anlass dafür waren gesundheitliche Gründe, aber nicht nur diese: „Es wird gefeilscht wie um eine alternde Hure. Natürlich habe ich meinen Preis (...) Es muss ein Ende haben, Sängerin ist dann nicht mehr mein Beruf, auch wenn ich weiter singe – Benefiz oder besondere Anlässe zum Beispiel (...)“ (aus der Berliner Zeitung vom 27. Januar 2007).

Bettina Wegner hat drei Kinder.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Singles[Bearbeiten]

  • 1982: Jesus / No Woman No Cry

LPs[Bearbeiten]

  • 1975: Mitwirkung auf der DDR-LP Lied aus dem neuen Tag
  • 1979: Sind so kleine Hände (CBS)
  • 1980: Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen
  • 1982: Traurig bin ich sowieso
  • 1983: Weine nicht, aber schrei (mit Konstantin Wecker)
  • 1985: Heimweh nach Heimat
  • 1987: Von Deutschland nach Deutschland ein Katzensprung

CDs[Bearbeiten]

  • 1992: Sie hat's gewußt
  • 1997: Die Lieder Vol.1, Vol.2, Vol.3 (3 CDs)
  • 1998: Wege (mit Karsten Troyke)
  • 2000: Die Leute aus meiner Straße (mit Inge Heym)
  • 2001: Alles was ich wünsche (mit Karsten Troyke)
  • 2003: Mein Bruder ... Jüdische Lieder (mit Karsten Troyke)
  • 2004: Liebeslieder (Doppel-CD)
  • 2007: Die Abschiedstournee (mit Karsten Troyke, Doppel-CD)

Bücher[Bearbeiten]

  • Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen. Mit einem Vorwort von Sarah Kirsch, Rowohlt, Reinbek 1979
  • Traurig bin ich sowieso. Lieder und Gedichte, Rowohlt, Reinbek 1982
  • Weine nicht, aber schrei. Lieder und Gedichte (zusammen mit Claudia Hennes), Büchergilde Gutenberg, Frankfurt 1982
  • Als ich grade zwanzig war. Lieder und Gedichte aus Ost und West in Nachdichtungen, Rowohlt, Reinbek 1986
  • Von Deutschland nach Deutschland ein Katzensprung. Lieder und Gedichte, Rowohlt, Reinbek 1986
  • Es ist so wenig. Lieder, Texte, Noten (mit Peter Meier und Rainer Lindner), Selbstverlag, Gemünden 1991
  • In Niemandshaus hab ich ein Zimmer. Lieder und Gedichte, Aufbau, Berlin 1997

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bettina Wegner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bettina Wegner
  2. Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Links-Verlag, 1998, S. 371
  3. Berliner Zeitung vom 27. Januar 2007: Das letzte Lied