Diakonie Stetten

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Die Diakonie Stetten e. V. (ehemals Anstalt Stetten) ist eine Einrichtung der Diakonie der evangelischen Kirchen mit Sitz in dem bei Stuttgart gelegenen Ort Stetten im Remstal (Teil der Gemeinde Kernen im Remstal).

Im Jahr 2010 beschäftigte die Unternehmensgruppe Diakonie Stetten, zu der neben Stetten weitere Standorte gehören, insgesamt 4.072 Mitarbeiter (in Stetten selbst mehr als 2.200 Angestellte), darunter auch Diakonische Jahrhelfer, Zivildienstleistende, Praktikanten und Auszubildende, die insgesamt 7.700 Menschen mit Behinderungen, Lernbehinderte, psychisch Kranke, Arbeitslose und Senioren versorgten. Der Umsatz der Unternehmensgruppe lag 2009 bei über 190 Millionen Euro und 2010 bei ca. 204 Millionen Euro, wovon 2009 ca. 110 Millionen Euro und 2010 ca. 118 Millionen Euro am Standort Stetten (Diakonie Stetten e. V.) erwirtschaftet wurden.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Hauptverwaltungsgebäude der Diakonie Stetten e.V. (Landenbergerhaus), mit Haupteinfahrt in den Schlosshof.

Die Diakonie Stetten entstand aus der mit drei behinderten Kindern von dem Tübinger Arzt Georg Friedrich Müller 1849 in Riet bei Vaihingen/Enz gegründeten Heil- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder. 1851 erfolgte aus Platzgründen ein Umzug nach Winterbach. Nachdem auch dort der Platz aufgrund von steigenden Heimbewohnerzahlen zu knapp wurde, vermittelte Müllers Schwiegersohn Johannes Landenberger 1863 den Kauf des leerstehenden Schlosses Stetten vom württembergischen Königshaus.[2] 1864 öffnete die Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische und Schwachsinnige im Stettener Schloss.

Die Anstalt Stetten expandierte immer mehr, baute neue Gebäude und kaufte Gelände auch im benachbarten Rommelshausen. Der anstaltseigene Schulbetrieb beschäftigte 1864 bereits zehn Lehrkräfte. Da im Jahre 1875 schon 250 Pfleglinge versorgt wurden, musste ein eigener Friedhof angelegt werden. Im Jahre 1892 arbeiteten die Betreuten in Werkstätten, Bäckerei, Buchbinderei, Schuhmacherei, Holzdreherei, Bürstenbinderei und einem landwirtschaftlichen Betrieb. Im gleichen Jahr besuchte Hermann Hesse aufgrund einer "Gemütsstörung" für drei Monate die Schule für Schwachsinnige.[3] Die heutige Theodor-Dierlamm-Schule für schwerstbehinderte Kinder (Private Schule für Geistigbehinderte und teilweise zugleich Körperbehinderte am Heim der Diakonie Stetten e.V.), zu der auch ein Schulkindergarten gehört, ist nach dem Rektor der Schule von 1951 bis 1980, Theodor Dierlamm (1912-2004), benannt.

Von 1930 bis 1965 wurde die Heil- und Pflegeanstalt von Ludwig Schlaich geleitet, der 1958 auch die erste Berufsfachschule für Heilerziehungspflege begründete. Die Ludwig Schlaich Schule Stetten wurde 1985 gegründet und zog 1994 nach Waiblingen um, wo die Ludwig Schlaich Akademie GmbH bis heute ihren Sitz hat.

1940 wurden 328 Bewohner der Anstalt im Rahmen der auf der NS-Rassenhygiene basierenden Euthanasie-Bewegung systematisch getötet; die Mehrheit in der NS-Tötungsanstalt Grafeneck und 11 Heimbewohner in der NS-Tötungsanstalt Hadamar. Seit 1999 erinnert ein Denkmal, das der Bildhauer Markus Wolf gestaltet hat, auf dem Gelände der Diakonie Stetten an diese Opfer des Naziregimes.[4][5]

Von Juli 2005 bis Februar 2006 war der damalige Vorstandsvorsitzende Klaus-Dieter Kottnik gleichzeitig Direktor des Evangelischen Diakoniewerks Schwäbisch Hall. Eine weitreichende Kooperation der beiden Einrichtungen wurde angestrebt, konnte aber nicht umgesetzt werden. Der derzeitige Vorstandsvorsitzende der Diakonie Stetten e.V. ist seit Oktober 2008 der Pfarrer Rainer Hinzen (*26. April 1959 in Duisburg).[6] Der Vorsitzende des Verwaltungsrats ist der Stadtdekan des evangelischen Kirchenkreises Stuttgart Hans-Peter Ehrlich.

Strategische Entwicklung[Bearbeiten]

1971 wurden die remstal werkstätten gegründet, welche Ende der 2000er Jahre in neun Werkstätten an den Standorten Stetten, Rommelshausen, Waiblingen, Schorndorf und Waldhausen (Lorch) ca. 1.500 Menschen mit und ohne Behinderung beschäftigten, die für über 100 Firmen aus der Region Aufträge in verschiedenen Arbeitsbereichen übernahmen.

Von 1999 bis 2013 gehörte das Reha-Kurhaus in Bad Boll zu 75 % zur Unternehmensgruppe Diakonie Stetten (im Oktober 2013 an das Christophsbad Göppingen verkauft)[7]. Seit 2008 sind 90 % des Alexander-Stifts in Großerlach, der 16 Gemeindepflegehäuser in den Landkreisen Rems-Murr, Göppingen, Ludwigsburg und Heilbronn betreibt, Teil der Unternehmensgruppe.

Die Diakonie Stetten hält 25 Prozent des Gesellschaftskapitals der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein in Thüringen. Darüber hinaus bestanden zum Stand 2010 Beteiligungen am Stadtteilbauernhof Bad Cannstatt (seit 1998), an der Klinik für Kindereurologie in Maulbronn, an der Evangelischen Fachschule für Heilerziehungspflege in Schwäbisch Hall, an der Führungsakademie für Kirche und Diakonie in Berlin sowie an weiteren Einrichtungen. Zur Unternehmensgruppe gehören unter anderem mit der Viko GmbH auch eine Arbeitsvermittlung, mit der Diakonie Stetten Service GmbH eine Servicegesellschaft, mit dem Kinderhaus Bachwiesenstraße in Stuttgart-Heslach ein Kindergarten und mit dem Gesundheitszentrum Kernen in Stetten eine medizinische Einrichtung für geistig Behinderte.

Im Zuge ihrer Umstrukturierungsbemühungen, hin zu einer dezentralisierten Einrichtung, bezog die Diakonie Stetten im Jahr 2012 einen neuen Wohnverbund im Landkreis Esslingen[8] mit 36, sowie 2013 drei weitere dezentrale Wohneinheiten im Rems-Murr-Kreis mit jeweils 24 Wohnplätzen für Menschen mit geistiger Behinderung.

Pädagogische Ausrichtung[Bearbeiten]

Die Diakonie Stetten orientiert sich im Bereich der Behindertenhilfe seit 1994 am Heilpädagogischen Denkmodell des GBM-Verfahrens (Gestaltung der Betreuung von Menschen mit Behinderung) und führt seit 2005 zunehmend das auf ein selbstbestimmtes Leben von Behinderten ausgerichtete Assistenz-Modell des Niederländers Willem Kleine-Schaars (WKS) ein [9] .

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kennzahlen der Diakonie Stetten Unternehmensgruppe bei stetten.de; abgerufen: 3. Juni 2012
  2. Theodor-Dierlamm-Schule: Geschichtliches bei theodor-dierlamm-schule.de; abgerufen: 2. Juni 2012
  3. Theodor-Dierlamm-Schule: Geschichtliches bei theodor-dierlamm-schule.de; abgerufen: 2. Juni 2012
  4. Anpassung und Widerstand bei stuttgarter-zeitung.de vom 13. Januar 2012
  5. Drei Gedenksteine für die Euthanasie-Opfer von Stetten. bei monumentum.net vom 6. November 2011.
  6. Wechsel an der Beschützenden Werkstätte Heilbronn bei Beschützende Werkstätte Heilbronn vom 24. April 2009
  7. Homepage Christophsbad, Gute Nachricht aus Bad Boll / Christophsbad und Rehaklinik Bad Boll gehen jetzt einen gemeinsamen Weg (Stand: 12. August 2014).
  8. Broschüre "Sichtweisen" Heft 14/2013, Landkreis ES, S. 10-13.Download;(Stand: 15. Mai 2014)
  9. Kief, M: "Selbständig denken,sprechen, handeln", Fachvortrag zum Vergleich von GBM mit WKS anlässlich der 12. internationalen POB&A/GBM-Anwendertagung 2008 in der Diakonie Stetten.Download;(Stand: 15. Mai 2014)