Diogenes von Sinope
Diogenes von Sinope (altgriechisch Διογένης ὁ Σινωπεύς Diogénēs hò Sinōpeús, latinisiert Diogenes Sinopeus; * vermutlich um 405 v. Chr. in Sinope; † vermutlich um 320 v. Chr. in Korinth) war ein griechischer antiker Philosoph. Er zählt zur Strömung des Kynismus.
Über den historischen Diogenes sind kaum gesicherte Daten erhalten. Fast alle Informationen wurden in Form von Anekdoten überliefert, deren Wahrheitsgehalt Gegenstand wissenschaftlicher Spekulationen ist.
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Überlieferung [Bearbeiten]
Die früheste Quelle zu Diogenes ist eine kurze Stelle bei Aristoteles. Die mit Abstand wichtigste, der allerdings erst im 3. Jahrhundert tätige Doxograph Diogenes Laertios, dessen Bericht sich wiederum auf zahlreiche ältere Autoren stützt - deren Angaben sich schon damals widersprachen. Insgesamt sind die antiken Berichte zu Diogenes überdurchschnittlich zahlreich, besonders in popularphilosophischen Schriften und der Buntschriftstellerei. Die Verlässlichkeit sämtlicher Zeugnisse zu Diogenes umstritten; vermutlich bildeten sich bereits zu Lebzeiten Legenden und es ist zu vermuten, dass seit seinem Tod etliche Anekdoten dazuerfunden worden sind.[1]
Leben [Bearbeiten]
Die Lebensdaten Diogenes’ sind unbekannt, es liegen dazu verschiedene, teils widersprüchliche Angaben[2] vor. Nach Auswertung der betreffenden Zeugnisse, geht man davon aus, dass Diogenes gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr., möglicherweise um das Jahr 405 v. Chr. geboren wurde und gegen Ende der 320er Jahre v. Chr. gestorben ist.[3]
Trotz anderslautender Thesen[4] muss Diogenes spätestens in den frühen 360er Jahren v. Chr. nach Athen übersiedelt sein, vielleicht auch noch früher. Die Gründe für die Übersiedlung von Sinope nach Athen sind unklar, auch wenn dazu verschiedenste Anekdoten und Geschichten überliefert sind. So berichten Diogenes Laertios[5] und einige andere Autoren die Legende, dass er geflohen oder verbannt worden sei, weil er selbst oder sein Vater als Bankier oder Vorsteher der Münze von Sinope, Münzen gefälscht hätten. In Athen wurde er Schüler Antisthenes’ und machte Bekanntschaft mit den berühmten Philosophen seiner Zeit: mit Platon, Aischines von Sphettos, Euklid von Megara, erfunden ist hingegen möglicherweise die Begegnung mit Aristippos von Kyrene.[6]
In den antiken Berichten ist des Öfteren davon die Rede, dass sich Diogenes in Korinth aufgehalten habe. Wie oft und wie lange ist unklar, jedenfalls soll er dort auch gestorben sein (nach anderen Versionen allerdings in Athen). Auch um diese Übersiedelung ranken sich Legenden. Eine der Geschichten[7] ist die, dass Diogenes während einer Schiffsreise von Piraten entführt worden und auf Kreta als Sklave verkauft worden sei, wo ihn ein Korinther als Hausverwalter und Erzieher seiner Söhne erwarb. In Korinth soll Diogenes dem Tyrannen Dionysios II. von Syrakus und nach der bekanntesten der Anekdoten auch Alexander dem Großen begegnet sein. Ob diese Begegnung tatsächlich und auch in dieser Form stattgefunden hat, ist umstritten. Die Anekdote taucht bei zahlreichen antiken Autoren in oft unterschiedlichen Variationen auf und wurde ein beliebtes Motiv der bildenden Kunst; die älteste erhaltene Version stammt von Cicero[8], ausführlicher berichtet Plutarch:
„Die Griechen [...] beschlossen, mit Alexander gegen die Perser einen Kriegszug zu unternehmen, wobei er auch zum Oberfeldherrn ernannt worden war. Da bei dieser Gelegenheit viele Staatsmänner und Philosophen ihm die Aufwartung machten und Glück wünschten, dachte er, daß auch Diogenes von Sinope, der sich eben in Korinth aufhielt, ein Gleiches tun würde. Aber dieser blieb ungestört in seiner Ruhe im Kraneion [Platz in Korinth], ohne sich im geringsten um Alexander zu kümmern; daher begab der sich zu Diogenes hin. Diogenes lag eben an der Sonne. Als aber so viele Leute auf ihn zukamen, reckte er sich ein wenig in die Höhe und sah Alexander starr an. Dieser grüßte ihn freundlich und fragte, womit er ihm dienen könnte. ‚Geh mir nur‘, versetzte er, ‚ein wenig aus der Sonne!‘ Davon soll Alexander so sehr betroffen gewesen sein und, ungeachtet der ihm bewiesenen Verachtung, den Stolz und die Seelengröße des Mannes so sehr bewundert haben, daß er, als seine Begleiter beim Weggehen darüber scherzten und lachten, ausrief: ‚Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein.‘“
– Plutarch: Alexandros 14
Hündische Lebensweise [Bearbeiten]
Sein Beiname „der Hund“ (kýōn) war ursprünglich vermutlich als auf seine Schamlosigkeit bezogenes Schimpfwort gemeint, Diogenes aber fand ihn passend und hat sich seither selbst so bezeichnet.[9] Eine von vielen Anekdoten die diesen Beinamen betreffen ist die, dass sich Alexander der Große bei Diogenes so vorgestellt haben soll: „Ich bin Alexander, der grosse König.“ Worauf Diogenes gesagt haben soll: „Und ich Diogenes, der Hund.“[10]
Diogenes soll freiwillig das Leben der Armen geführt und dies öffentlich zur Schau gestellt haben. Angeblich hatte er keinen festen Wohnsitz und verbrachte die Nächte an verschiedenen Orten, wie etwa öffentlichen Säulengängen. Als Schlafstätte soll ihm dabei gelegentlich ein Fass (píthos) gedient haben.[11] Zu Diogenes’ Ausstattung gehörte laut Diogenes Laertios ein einfacher Wollmantel (tríbōn), ein Rucksack (pḗra) mit Proviant und einigen Utensilien sowie ein Stock (baktēría), den er benutzt haben soll. Nach einer Anekdote soll er sogar seinen Trinkbecher und seine Essschüssel weggeworfen haben, als er Kinder aus den Hände trinken und Linsenbrei in einem ausgehöhlten Brot aufbewahren sah.[12] Ernährt habe er sich von Wasser, rohem Gemüse, wildgewachsenen Kräutern, Bohnen, Linsen, Oliven, Feigen, einfachem Gerstenbrot und Ähnlichem.
Zu Diogenes’ Zeit galt es in Griechenland als unanständig, in der Öffentlichkeit zu essen. Er tat aber nicht nur dies, sondern - was weit schlimmer war - befriedigte auch seine sexuellen Triebe vor aller Augen. Da ihm dies als einfachster Weg galt, erledigte er Letzteres durch Masturbation. Nach einer Anekdote soll er dazu gesagt haben: „Könnte man so durch Reiben des Bauches doch auch seinen Hunger stillen!“[13]
Auf die Frage, wie er die Bezeichnung Hund verstehe, soll er geantwortet haben: „Die mir geben, umwedle ich; die mir nichts geben, belle ich an; die Bösen beiße ich.“ Als ihm bei einer Einladung einige Leute wie einem Hund Knochen hinwarfen, soll er das Gewand gehoben und diese Menschen wie ein Hund anuriniert haben. Als er einmal gefragt wurde, was für ein Hund er sei, meinte er: „Wenn ich Hunger habe, ein Malteser, wenn ich aber satt bin, ein Molosser. Diese loben ja viele Leute, wagen es aber nicht, sie auf die Jagd mitzunehmen, weil das Mühe macht. So könnt ihr mit mir nicht zusammenleben, weil ihr Angst habt vor Widerwärtigkeiten.“ Diogenes vertrat, dass seine Nachahmung eines wilden Hundes die Menschen zu Vernunft und Erkenntnis brachte: „Die anderen Hunde beißen ihre Feinde, ich aber meine Freunde, um sie zu retten.“
Schriften [Bearbeiten]
Diogenes Laertios hat zwei unterschiedliche zu seiner Zeit kursierende Listen überliefert, in denen Titel von Schriften Diogenes’ verzeichnet waren. Die erste umfasst 13 Dialoge, 7 Tragödien und Briefe, die zweite, von Sotion von Alexandria stammende, umfasst 12 Dialoge, Chrien und Briefe. Laut Sosikrates von Rhodos und Satyros, so Diogenes Laertios, habe Diogenes allerdings überhaupt keine Schriften verfasst.[14]
Lehre [Bearbeiten]
Da seine Schriften verloren sind und Berichte zu philosophischen Positionen, die Diogenes vertreten hat, weit seltener sind als die zahlreich überlieferten Anekdoten, sind seine philosophischen Ansichten nur in groben Umrissen bekannt. Es ist davon auszugehen, dass Diogenes (wie sein Lehrer Antisthenes) die grundsätzliche Ansicht vertreten hat, dass richtig glücklich nur der sein kann, der sich erstens von überflüssigen Bedürfnissen freimacht und zweitens unabhängig von äußeren Zwängen ist. Ein zentraler Begriff ist dabei auch die daraus resultierende Selbstgenügsamkeit (autárkeia):[15] „es sei göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben.“[16]
Bedürfnislosigkeit [Bearbeiten]
Diogenes anerkannte ausschließlich die Elementarbedürfnisse nach Essen, Trinken, Kleidung, Behausung und Sex. Alle darüber hinausgehenden Bedürfnissen solle man ablegen, so soll er sogar gegen die verzichtbaren Bedürfnisse trainiert haben: um sich körperlich abzuhärten, hat er sich im Sommer in glühend heissem Sand gewälzt und im Winter schneebedeckte Statuen umarmt.[17] Und um sich geistig abzuhärten, trainierte er es, Wünsche nicht erfüllt zu bekommen, indem er steinerne Statuen um Gaben anbettelte.[18] Dieses naturgemäße Sichplagen (pónoi) unterschied Diogenes von dem öfter vorkommenden unnützen Sichplagen, dessen Ziel die Erlangung von Scheingütern sei.[19] Etlichen Anekdoten ist schließlich auch zu entnehmen, dass Diogenes Bequemheit nicht nur ablehnte, sondern wohl auch als Ursache vieler Übel seiner Zeit ansah.
Lust [Bearbeiten]
Lust (hēdonḗ) und Lustempfindungen scheint Diogenes nicht als besonders wertvoll und auch nicht als unbedingt notwendig angesehen zu haben,[20] er nahm aber beispielsweise die Lust, die man bei sexueller Betätigung empfindet, als zumindest als unvermeidlich hin.[21] Sexuelle Betätigung (wie etwa Masturbation) sei jedenfalls der Natur gemäß und ein elementares Bedürfnis.
Unabhängigkeit von äußeren Zwängen [Bearbeiten]
Sexual- und Ehepartner [Bearbeiten]
Als ein Beispiel für Abhängigkeit von anderen Personen galt Diogenes Sex mit Frauen, so wird ihm in etlichen Anekdoten eine gewisse Frauenfeindlichkeit nachgesagt. Trotzdem anerkannte er die Notwendigkeit des Geschlechtsverkehrs zum Überleben des Menschen. An der Ehe, einer seiner Ansicht nach zu engen Bindung, hat Diogenes deshalb aber nicht festgehalten - wie Platon trat er hingegen für die Einrichtung der Frauen- und Kindergemeinschaft ein.[22]
Gesellschaftliche Konventionen, Staatsordnung und Religion [Bearbeiten]
Als äußeren Zwang erachtete Diogenes gesellschaftliche Konventionen, die er teils auf radikale Art und Weise ablehnte. Von Dingen wie der öffentlichen Masturbation und anderen provokativen Verstößen gegen den guten Ton war schon die Rede. Diogenes soll in seinen Schriften aber noch andere, äußerst anstößige Standpunkte vertreten haben. In einer seiner Schriften, der Politeia, soll er etwa geäußert haben, dass nichts gegen das Essen von verstorbenen Menschen und als Opfer geschlachteten Kindern spreche[23] und dass sexuelle Beziehungen zu Müttern, Schwestern, Brüdern und Söhnen erlaubt seien.[24] Bereits Herodot berichtete an einigen Stellen von menschenfressenden Völkern, Stämmen, die Frauengemeinschaft gewohnt waren, anderen, bei denen es Brauch war, die verstorbenen Eltern zu essen und wieder anderen, bei denen Menschen geopfert wurden. Auch war bekannt, dass (ob wahr oder nicht) bei den Persern sexueller Verkehr zwischen Söhnen und Müttern üblich war. Diese Tatsachen veranlassten ihn, die betreffenden gesellschaftlichen Verbote und Konventionen als bloßes Produkt verschiedener eingeübter Gewohnheiten zu betrachten, die sich als Gesetze (nómoi), Sitten und Bräuche verfestigt hätten. Aus ihnen resultierende Zwänge seien also nicht von Natur aus richtig, sondern hindern vielmehr daran, ein glückliches Leben zu führen. Wie Herakles müsse man sich über diese Zwänge hinwegsetzen. Ob Diogenes allen Ernstes auffordern wollte, die eigenen Eltern zu essen und mit Geschwistern sexuell zu verkehren oder ob er mit seinen Ausführungen lediglich allgemein auf die Nichtigkeit äußerer Zwänge hinweisen wollte, die den Einzelnen an seinem Glück hindern, kann heute nicht mehr geklärt werden. Zu vermuten ist, dass es auch in den nicht erhaltenen Tragödien um ähnliche Tabubrüche ging.[25]
Ebenfalls in der Politeia soll er die Abschaffung aller seinerzeit bekannten Staatsformen gefordert haben,[26] da „die einzige wahre Staatsordnung die Ordnung im Kosmos sei.“[27] So soll sich Diogenes selbst als einer der ersten als Weltbürger (kosmopolítēs) bezeichnet und somit einen Kosmopolitismus vertreten haben.[28] Diogenes’ religiöse Ansichten sind unbekannt, anzunehmen ist aufgrund einiger Anekdoten eine spöttisch-ironische Distanz zu religiösen Fragen.[29]
Bildung, Dialektik und Philosophie [Bearbeiten]
Die Disziplinen der traditionellen Bildung (wie Grammatik, Rhetorik, Mathematik, Astronomie und Musiktheorie) hielt Diogenes für unnütz und überflüssig.[30]Im Gegensatz zu seinem Lehrer Antisthenes hielt er sogar die Beschäftigung mit Fragen der Dialektik (heute in etwa die Disziplin Logik) für sinnlos und setzte ihr den gesunden Menschenverstand entgegen. An einigen Stellen sind logische Argumentationen in Form von Schlüssen überliefert, die aber weniger als ernsthafte Beschäftigung mit Logik, sondern mehr als vielleicht sogar spottendes Spiel mit logischen Operationen und rein logischen Rechtfertigungen gewisser Ansichten aufgefasst werden können:
| Alles gehört den Göttern. | |
| Die Götter sind Freunde der Weisen. | |
| Freunden ist alles gemeinsam. | |
| Es folgt: | Alles gehört den Weisen.[31] |
| Wenn Frühstücken als solches nichts Absonderliches ist, dann ist es auch auf dem Marktplatz nichts absonderliches. | |
| Nun ist aber das Frühstücken nichts Absonderliches. | |
| Es folgt: | Also ist es auch auf dem Marktplatz nichts Absonderliches.[32] |
Von anderen Philosophen dachte Diogenes gering.[33] Die Lehren seines Lehrers Antisthenes hat er zwar hoch geschätzt und daran angeknüpft, über die Person Antisthenes’ hingegen und seine Umsetzung seiner Lehren war er anderer Meinung. Er soll ihn als weich bezeichnet und mit einer Trompete verglichen haben, die zwar laute Töne von sich gibt, sich selbst aber nicht hören kann.[34]
Diogenes und Platon [Bearbeiten]
Nach Diogenes Laertios dürfte das Verhältnis Diogenes’ zu Platon nicht das beste gewesen sein. Dessen Ideenlehre habe Diogenes folgendermaßen ins Lächerliche zu ziehen versucht: „Als Platon sich über seine Ideen vernehmen ließ und von einer Tischheit und einer Becherheit redete, meinte Diogenes: 'Was mich anbelangt, Platon, so sehe ich wohl einen Tisch und einen Becher, aber eine Tischheit und Becherheit nun und nimmermehr.' Darauf Platon: 'Sehr begreiflich; denn Augen, mit denen man Becher und Tisch sieht, hast du allerdings; aber Verstand, mit dem man Tischheit und Becherheit erschaut, hast du nicht.“[35] Auch Platons Bemühungen um Definitionen verschiedener Begriffe, scheint er nicht ganz ernst genommen zu haben: „Als Platon die Definition aufstellte, der Mensch ist ein federloses zweifüßiges Tier, und damit Beifall fand, rupfte Diogenes einem Hahn die Federn aus und brachte ihn in dessen Schule mit den Worten: 'Das ist Platons Mensch;' infolgedessen ward der Zusatz gemacht 'mit platten Nägeln'.“[36]
Anekdoten und Zitate [Bearbeiten]
„Oft schärfte er mit lauter Stimme den Menschen die Lehre ein, daß ihnen das Leben von den Göttern an sich nicht schwer gemacht sei, aber über dem Suchen nach Leckerbissen, Wohlgerüchen und was dem ähnlich, sei das in Vergessenheit geraten. In diesem Sinne sagte er auch zu einem, der sich von einem Diener seine Schuhe anziehen ließ: 'Noch hast du nicht den Gipfel der Glückseligkeit erstiegen, solange du dich nicht auch nicht schnäuzen läßt; das wird dann der Fall sein, wenn du an den Händen gelähmt bist.'“
– Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen[37]
„Die Sklaven […] dienen ihren Herren, und die Nichtsnutze ihren Begierden.“
– Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen[38]
„Auf der Jagd nach Vergnügungen um jeden Preis werde ihr Leben immer freudloser und mühsamer, und während sie glaubten, für sich selbst vorzusorgen, kämen sie vor Sorge und Voraussicht erbärmlich um.“
– Dion Chrysostomos VI, 29.
„Als er einst einen weibischen Jüngling sah, sagte er: 'Schämst du dich nicht, schlechter für dich zu sorgen als die Natur? Diese hat dich zum Manne gemacht, du aber machst dich mit aller Gewalt zum Weibe.“
– Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, VI, 65.
„Als ihm einer seine Verbannung vorrückte, sagte er: 'Eben deshalb, du Elender, bin ich Philosoph geworden.' Und als wieder einer zu ihm sagte: 'Die Sinopeer haben die Verbannung über dich verhängt,' entgegnete er: 'Und ich habe das Verbleiben über sie verhängt.'“
– Diogenes Laertios: Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,49
„Als man ihm riet, seinen entlaufenen Sklaven wiederzusuchen, sagte er: 'Es wäre doch lächerlich, wenn Manes ohne Diogenes, Diogenes aber nicht ohne Manes leben könnte.'“
– Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen[39]
„Zu Knaben, die ihn umstanden und sagten: 'Wir trauen dir nicht, du könntest uns beißen,' sagte er: 'Nur keine Angst, meine Kinder, ein Hund frißt kein Grünzeug.'“
– Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen[40]
„Er zündete bei Tage ein Licht an und sagte: 'Ich suche einen Menschen.'“
– Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen[41]
Einmal auf einem Marktplatz rief er laut: „Kommt herbei, Menschen!“ Die Leute aber, die auf seinen Ausruf hin kamen, verscheuchte er mit den Worten: „Menschen habe ich zu mir gerufen, nicht Abschaum!“ (Ἄνθρώπους ἐκάλεσα, οὐ καθάρματα.)
„Auf die Frage, warum die Leute den Bettlern Gaben verabreichten, den Philosophen aber nicht, erwiderte er: 'Weil sie sich vorstellen, sie könnten wohl dereinst lahm oder blind werden, niemals aber, sie könnten Philosophen werden.'“
– Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen[42]
Rezeption [Bearbeiten]
Philosophiehistorikern gilt Diogenes meist als derjenige, der nicht - wie etwa sein Lehrer Antisthenes - in erster Linie Thesen aufstellte, sondern seine Ansichten in die Tat umsetzte und lebte. Gelegentlich wurde in diesem Zusammenhang der Begriff Aktionsphilosoph verwendet.
Bildnisse [Bearbeiten]
Etwa in der Mitte eines Mosaiks aus Köln aus dem 2. Jahrhundert befindet sich ein Medaillon mit einer Darstellung des Diogenes. Unter Diogenes, der sich in seinem Fass befindet ist sein Name zu lesen. Das Mosaik befindet sich heute im Römisch-Germanischen Museum in Köln.[43]
Es sind drei nur in Teilen erhaltene Statuetten des gleichen Typs erhalten, von denen man annimmt, dass sie Diogenes darstellen. Sie zeigen einen nackten, bärtigen Mann in vornübergebeugter Haltung und hervortretendem Bauch. Eine der Statuetten wurde in der Villa Albani in Rom gefunden. Original sind jedoch nur Kopf, Rumpf, mit Schultern und der rechte Oberschenkel der Statuette; der Rest wurde später dazuergänzt. Von den anderen beiden Statuetten sind nur Teile der Beine erhalten; man fand bei diesen jedoch auch Reste eines Hundes und eines Rucksacks, also typische Attribute des Diogenes.[44]
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Diogenes von Sinope, Detailansicht aus „Die Schule von Athen“, Raphael Santi, 1510/11, Stanzen des Vatikans, Rom
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Diogenes sucht einen Menschen – Darstellung wahrscheinlich von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1780er)
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Philosophie als radikale Lebensform: Diogenes in der Tonne – Darstellung von Jean-Léon Gérôme (1860)
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John William Waterhouse: Diogenes, neben ihm seine Lampe und Zwiebeln (1882)
Quellensammlungen [Bearbeiten]
- Gabriele Giannantoni: Socratis et Socraticorum Reliquiae. Collegit, disposuit, apparatibus notisque instruxit G. Giannantoni, 2. Band, Bibliopolis, Neapel 1990, Abschnitt V-B (online)
- Bruno Snell (Hrsg.): Tragicorum Graecorum Fragmenta, 2. Auflage, Band 1, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986 (unter der Nummer 88: Diogenes Sinopensis finden sich sämtliche die Tragödien Diogenes’ betreffende Zeugnisse)
Literatur [Bearbeiten]
Übersichtsdarstellungen
- Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, ISBN 3-7965-1036-1, S. 280–295
- Heinrich Niehues-Pröbsting: Diogenes von Sinope. In: Franco Volpi (Hrsg.): Großes Werklexikon der Philosophie. Band 1. Stuttgart: Körner, 2004. S. 400–401.
- Karlhans Abel, Michael Erler: Diogenes aus Sinope. In: Lexikon des Hellenismus. Hrsg. von Hatto H. Schmitt und Ernst Vogt. Wiesbaden 2005, S. 251.
Untersuchungen
- Klaus Döring: Die Kyniker. C.C. Buchners Verlag, Bamberg 2006. ISBN 3-7661-6661-1.
- Niklaus Largier: Diogenes der Kyniker. Exempel, Erzählung, Geschichte in Mittelalter und Früher Neuzeit. De Gruyter, Tübingen 1997. ISBN 3-484-36536-6.
- Oliver Overwien: Die Sprüche des Kynikers Diogenes in der griechischen und arabischen Überlieferung, Steiner, Stuttgart 2005. ISBN 3-515-08655-2
Sonstige
- Karl-Wilhelm Weeber: Diogenes. Die Botschaft aus der Tonne. Nymphenburger Verlag, München 1987. ISBN 3-485-00552-5.
- Karl-Wilhelm Weeber: Diogenes. Die Gedanken und Taten des frechsten und ungewöhnlichsten aller griechischen Philosophen. Nymphenburger Verlag, München, 4. Aufl. 2003. ISBN 3-485-00890-7.
- Christoph Martin Wieland: Nachlaß des Diogenes von Sinope. 1769. In: Gesammelte Schriften, 1. Abteilung: Werke, Band V (7, 8/2), Waidmannsche Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1986.
Weblinks [Bearbeiten]
- Literatur von und über Diogenes von Sinope im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Julie Piering: Diogenes in der Internet Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)
- Die jüngeren Zyniker: Diogenes, Krates u. a. (Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie, 1902 – Online-Version)
- Diogenes aus Sinope – einige Zitate
- Wilhelm Busch über Diogenes
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 280–281.
- ↑ Zur Zeit der 113. Olympiade (328 bis 325 v. Chr.) sei er ein alter Mann gewesen (Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,79).
Er sei am selben Tag (13. Juni 323) wie Alexander der Große gestorben (Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,79).
Er sei 81 Jahre alt geworden (Censorinus, De die natali 15,2).
Er sei etwa 90 Jahre alt geworden (Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,76).
Er sei im Jahr des Sturzes der Dreissig Tyrannen (403 v. Chr.) geboren (Suda, Artikel Diogenes).
Seine geistige Blütezeit sei 396 (Eusebius von Caesarea, Chronik Ol. 96,1) bzw. 392 (Chronicon Paschale, a.u.c. 362,1) gewesen. - ↑ Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 282.
- ↑ Donald Dudley und Charles Seltman haben zu zeigen versucht, dass Diogenes frühestens kurz vor 340 v. Chr. nach Athen kam und somit kein Schüler Antisthenes’ sein konnte. Siehe: Donald Dudley: A history of Cynicism, London 1937 (online); Charles Seltman: Diogenes of Sinope, son of the banker Hikesias. In: Proceedings of the Cambridge Philological Society 142-144, 1930, S. 7; Charles Seltman: Diogenes. The original Cynic. In: Ch. T. Seltman: Riot in Ephesus, London 1958, S. 135–143.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,20-6,21.
- ↑ Dieser Abschnitt folgt Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 281–285.
- ↑ Beispielsweise bei Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,29-6,31.
- ↑ Cicero, Tusculanae disputationes (Gespräche in Tusculum) 5,92.
- ↑ Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 289.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,60.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,22-6,23 und 6,105; Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 90,14.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,37.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,69.
- ↑ Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 285–287.
- ↑ Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 287–288.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,105.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,23.
- ↑ Plutarch, De vitioso pudore 531f; Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,49.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,71.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,71.
- ↑ Galenos, De locis affectis 6,15.
- ↑ Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 290.
- ↑ Herculaneum Papyri, 155/339 col. XVI 20-24; vgl. Theophilus, Apologia ad Autolycum 3,5.
- ↑ Herculaneum Papyri, 155/339 col. XVIII 17-23.
- ↑ Der Abschnitt über die gesellschaftlichen Konventionen folgt Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: 290-292.
- ↑ Herculaneum Papyri, 155/339 col. XX 4-6.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,72.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,63.
- ↑ Der Abschnitt über die gesellschaftlichen Konventionen folgt Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: 292-293.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,73 und 6,103-6,104.
- ↑ Nach Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,37 und 6,72.
- ↑ Nach Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,69.
- ↑ Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 294.
- ↑ Dion Chrysostomos, Reden 8,1-8,2.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,53.
- ↑ Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,40.
- ↑ DL VI, 44.
- ↑ DL VI, 66.
- ↑ DL VI, 55.
- ↑ DL VI, 45.
- ↑ DL VI, 41.
- ↑ DL VI, 56.
- ↑ Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 281.
- ↑ Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295, hier: S. 280–281.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Diogenes von Sinope |
| KURZBESCHREIBUNG | griechischer Philosoph, Schüler des Antisthenes |
| GEBURTSDATUM | um 400 v. Chr. |
| GEBURTSORT | Sinope |
| STERBEDATUM | 324 v. Chr. oder 323 v. Chr. |
| STERBEORT | Korinth |