Elisabeth Abegg

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Berliner Gedenktafel am Haus Tempelhofer Damm 56, in Berlin-Tempelhof

Elisabeth Abegg (* 3. März 1882 (nach anderen Angaben 3. Mai 1882) in Straßburg; † 8. August 1974 in Berlin) war eine deutsche Pädagogin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus.

Leben[Bearbeiten]

Die Tochter des deutschen Juristen, Offiziers und Schriftstellers Friedrich Abegg (* 1847, † 1923) wuchs im elsässischen Straßburg auf. Die Cousine des bekannten Politikers Wilhelm Abegg (* 1876, † 1951) nahm nach dem Lehrerinnenseminar eine Hochschulausbildung auf. Zu dieser Zeit wurden Frauen gerade erst an den Universitäten zugelassen. Sie studierte ab 1912 in Straßburg Geschichte, Klassische Philologie sowie Romanistik und promovierte 1916 in Leipzig mit dem Thema Die Politik Mailands in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts. Ab 1924 war sie Studienrätin für Geschichte am Luisen-Oberlyzeum in Berlin-Moabit, der 1838 gegründeten ersten städtischen höheren Mädchenschule Berlins.[1][2][3][4][5][6]

Die ledige Frau engagierte sich stark sozial und gesellschaftlich u. a. in der Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost. Die vom evangelischen Pfarrer Friedrich Siegmund-Schultze gegründete Organisation setzte sich für benachteiligte Jugendliche ein, vor allem für junge Frauen. Abegg pflegte auch zahlreiche Kontakte zu ebenfalls demokratisch gesinnten Menschen und war während der Weimarer Republik Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei.[1]

1933 wehrte sich Elisabeth Abegg mit anderen Lehrerinnen und älteren Schülerinnen gegen die nationalsozialistischen Eingriffe am Luisen-Oberlyzeum und die Diskriminierung jüdischer Schülerinnen. 1935 wurde sie wegen der Verweigerung des Führereids als „politisch unzuverlässig" eingestuft und ans Rückert-Gymnasium in Schöneberg strafversetzt. Seit Mitte der 1930er Jahre hielt sie Verbindung zur linksliberalen Robinsohn-Strassmann-Gruppe. 1938 verhörte sie die Gestapo wegen der Unterstützung eines widerständigen Theologen. Aufgrund Denunzierung ihrer kriegskritischen und völkerverständigenden Bemerkungen im Unterricht wurde die Lehrerin 1941 zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Etwa zu dieser Zeit trat sie nach einigen Jahren des Mitwirkens in der Religionsgemeinschaft den Quäkern bei.[1][2][5][6]

Gleich ab 1933 unterstützte Elisabeth Abegg mit ihren Vertrauten von den Nazis Verfolgte. Zur eigentlichen Initialzündung wurde aber die Deportation von Anna Hirschberg im Juli 1942. Ihre Freundin traute sich nicht zu illegal zu leben, lehnte den angebotenen Beistand ab und wurde 1944 im KZ Auschwitz ermordet. Bestärkt wurde Abeggs Wille zumindest Einzelne zu retten durch das Hören englischer Rundfunksendungen im Haus von Richard Linde, dem Vater einer rebellischen Schülerin. Dadurch erfuhr sie von den Verbrechen in den besetzten Gebieten. Späteren eigenen Erinnerungen nach nahmen sie und ihre behinderte Schwester Julie insgesamt zwölf Personen in der Tempelhofer Dreieinhalbzimmer-Wohnung auf, in der auch ihre Mutter lebte. Einige illegal lebenden Kinder erhielten hier Schulunterricht.[1][2][6]

Die Schwestern versteckten hauptsächlich jüdische Menschen. Die Kindergärtnerin Liselotte Pereles und dessen Pflegetochter Susanne Manasse überedete sie im Februar 1943 vor der drohenden Deportation unterzutauchen. Für die Flucht von Jizchak Schwersenz in die Schweiz verkaufte Elisabeth Abegg ihren eigenen Schmuck. Aber auch politisch Verfolgten, wie Ernst von Harnack, boten beide Unterkunft, Verpflegung, Kleidung, Geld und gefälschte Papiere. Zum Helferkreis gehörten u. a. die ehemalige Kollegin Elisabeth Schmitz, die früheren Schülerinnen Lydia Forsström und Hildegard Arnold-Knies sowie deren Tante Christine Engler, Bertha Becker – eine nichtjüdische Verwandte Manasses – der o. g. Richard Linde sowie Quäkerfreunde. Kontakte außerhalb Berlins bestanden etwa zur Familie Bunke in Ostpreußen und der Schneiderin Margrit Dobbeck im Elsass. Zusammen unterstützten sie schätzungsweise 80 Menschen, die meisten überlebten. Obwohl ihr Wirken unter den Augen der Nachbarn stattfand und einige von ihnen aktive Nazis waren, wurden die Hilfeleistungen von Elisabeth Abegg weder entdeckt noch verraten.[1][2][6]

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb sie bis zur regulären Pensionierung wieder als Lehrerin tätig, trat in die SPD und engagierte sich in der Berliner Quäkerbewegung. In letzterem Rahmen gehörte sie zu den deutschen Mitgründern des Nachbarschaftsheims Mittelhof e. V. in Berlin-Zehlendorf. Die 1947 auf Initiative us-amerikanischer Quäker aufgebaute Einrichtung sollte einen sozial-kulturellen Beitrag zur Demokratisierung Deutschlands leisten.[1]

Ehrungen[Bearbeiten]

Elisabeth Abegg wurde wegen ihrer Hilfe für Verfolgte des Nazi-Regimes mehrfach ausgezeichnet: u. a. 1957 mit dem Bundesverdienstkreuz und am 23. Mai 1967 als Gerechte unter den Völkern. Am 9. November 1991 wurde an ihrem Wohnhaus am Tempelhofer Damm 56 in Berlin-Tempelhof eine Gedenktafel enthüllt. Im Stadtteil Moabit wurde am 20. Dezember 2004 eine Straße nach ihr benannt.[1][2][5][6]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Elisabeth Abegg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g Elisabeth Abegg (geb. 1882 – gest. 1974). In: Gedenkstätte Stille Helden. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, abgerufen am 17. Februar 2014.
  2. a b c d e Johannes Tuchel (Redakteur): Netzwerk der Hilfe. In: Gedenkstätte Stille Helden – Widerstand gegen die Judenverfolgung 1933–1945. 2. Auflage. Gedenkstätte Stille Helden in der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 2009, ISBN 978-3-926082-36-7 (Hardcover), S. 13–14. Digitale Ausgabe in: Gedenkstätte Stille Helden, URL: Netzwerk der Hilfe.
  3. Abegg, Friedrich. In: Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Deutsche Nationalbibliothek, abgerufen am 18. Februar 2014.
  4. Die Politik Mailands in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts. In: Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Deutsche Nationalbibliothek, abgerufen am 18. Februar 2014.
  5. a b c Kauperts: Elisabeth-Abegg-Straße
  6. a b c d e Sara Bender, Jakob Borut, Daniel Fraenkel, Israel Gutman (Hrsg.): Elisabeth Abegg. In: Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher. Yad Vashem und Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89244-900-3, S. unbekannt. Digitale Ausgabe in: Yad Vashem, URL: Elisabeth Abegg.