Elmar Altvater

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Elmar Altvater auf einer Ringvorlesung an der Freien Universität Berlin zum Thema „Solidarität und globalisierte Konkurrenz“

Elmar Altvater (* 24. August 1938 in Kamen) ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Autor und emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Nach der Emeritierung am 30. September 2004 ist Altvater in Forschung und Lehre am Institut weiterhin aktiv. Außerdem ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, und er war im Jahr 2006 Vorsitzender des Ständigen Volkstribunals gegen europäische transnationale Unternehmen.

Leben[Bearbeiten]

Nach dem Abitur 1959 am neusprachlichen Gymnasium in Kamen studierte Altvater bis 1963 an der Ludwig-Maximilians-Universität München Ökonomie und Soziologie und wurde 1968 mit seiner Arbeit über Gesellschaftliche Produktion und ökonomische Rationalität: externe Effekte und zentrale Planung im Wirtschaftssystem des Sozialismus promoviert. Von 1968 bis 1970 war er Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Altvater wechselte danach an das Otto-Suhr-Institut (OSI) für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Hier erhielt er 1971 eine Professur für Politische Ökonomie. Altvater engagierte sich am OSI in der „Sozialistischen Assistentenzelle“, einer Denkzentrale der 68er-Bewegung in Berlin.

Im Jahre 1970 gründete er mit anderen die PROKLA Probleme des Klassenkampfs – Zeitschrift für politische Ökonomie und sozialistische Politik , später Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, bei der er bis 2008 Redaktionsmitglied war.

Altvater trug wesentlich zur Entwicklung einer marxistisch geprägten politökonomischen Theorie bei. Er war als SDS-Mitglied in der 68er-Bewegung aktiv und einer der theoretischen Köpfe des Sozialistischen Büros in Offenbach.

Neben Fragen der Entwicklungstheorie, der Verschuldung sowie der Regulierung von Märkten beschäftigt er sich auch ausgiebig mit den Auswirkungen kapitalistischer Ökonomien auf die Umwelt. Altvater ist ein renommierter Kritiker der „politischen Ökonomie“ und Autor zahlreicher globalisierungs- und kapitalismuskritischer Schriften. Ein globalisierungskritisches Standardwerk ist sein Buch Grenzen der Globalisierung (1996), das er mit seiner Lebensgefährtin Birgit Mahnkopf schrieb.

Elmar Altvater auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2007 in Köln

Parallel zu seiner akademischen Tätigkeit war Altvater auch immer wieder gesellschaftspolitisch aktiv. Er war Gründungsmitglied der Grünen, ging jedoch nach dem Kosovo-Krieg zunehmend auf Distanz.

Elmar Altvater war Mitglied der Enquête-Kommission Globalisierung der Weltwirtschaft – Herausforderungen und Antworten (1999–2002) des Deutschen Bundestages. Heute wirbt er für attac (Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat) und das Weltsozialforum. Wenige Tage vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 trat Altvater der Linken bei. Altvater ist Gründungsmitglied des Instituts Solidarische Moderne.[1]

Werk[Bearbeiten]

Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen

Den Anlass für sein im Jahr 2005 erschienenes Buch Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen bildeten eine von dem mexikanischen Soziologen Pablo González Casanova im Jahr 2004 in Gang gesetzte Diskussion über das „Ende des Kapitalismus“ und die 2005 aufkommende sogenannte „Heuschreckendebatte“ in Deutschland. Altvater will in diesem Werk nicht nur eine „radikale Kapitalismuskritik“ üben, sondern – entgegen Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ – „über den Kapitalismus hinaus“ denken und Alternativen zu ihm entwickeln.[2]

Der Autor übernimmt von Fernand Braudel die Grundannahme, dass der Kapitalismus „nicht durch einen ‚endogenen‘ Verfall zugrunde gehen könne, sondern nur durch einen „äußeren Stoß von extremer Heftigkeit im Verein mit einer glaubwürdigen Alternative“ .[3] Altvater konstatiert die aktuellen Krisenerscheinungen des weltweiten Kapitalismus: Anwachsen des „Heers der Armen“, trotz eines „immens steigenden Reichtums der Reichen in der Welt“; zunehmende Knappheit der fossilen Energieträger; Zerstörung der Natur und „Abbau sozialer Standards“.[4] Die Frage nach Alternativen sei daher an der Tagesordnung. Eine wirkliche Veränderung sei aber nicht möglich ohne Veränderung der aktuellen Machtstrukturen. Diese beruhten im Kapitalismus auf dem Privateigentum, das die „Formen der Aneignung und Enteignung, im ökonomischen wie im sozialen kulturellen, ökologischen Sinn“ legitimiere.[5] Altvater fordert dagegen eine „solare und solidarische Gesellschaft“, wozu es an vielen Orten bereits Ansätze gebe.[6] Dies würde „das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“, bedeuten. Bei seiner Fortsetzung drohe hingegen ein „Imperium der Barbarei“, dessen Anfänge bereits jetzt erkennbar seien.

Medien[Bearbeiten]

Altvater veröffentlicht regelmäßig in der Wochenzeitung der Freitag und dem Magazin marx21.

Schriften[Bearbeiten]

  • 1969: Die Weltwährungskrise. Übersetzungen: japanisch, schwedisch.
  • 1969: Gesellschaftliche Produktion und ökonomische Rationalität – Externe Effekte und zentrale Planung im Wirtschaftssystem des Sozialismus.
  • 1971 (zusammen mit Freerk Huisken (Hrsg.)): Materialien zur Politischen Ökonomie des Ausbildungssektors. Erlangen, ISBN 3-920531-08-6.
  • 1979 (zusammen mit Jürgen Hoffmann und Willi Semmler): Vom Wirtschaftswunder zur Wirtschaftskrise. Berlin (West).
  • 1983 (zusammen mit Kurt Hübner und Michael Stanger): Alternative Wirtschaftspolitik jenseits des Keynesianismus – Wirtschaftspolitische Optionen der Gewerkschaften in Westeuropa. ISBN 3-531-11620-7.
  • 1987: Sachzwang Weltmarkt. Verschuldungskrise, blockierte Industrialisierung, ökologische Gefährdung – der Fall Brasilien.
  • 1991: Die Zukunft des Marktes. Ein Essay über die Regulation von Geld und Natur nach dem Scheitern des „real existierenden Sozialismus“. Münster. ISBN 3-924550-68-9
  • 1992: Der Preis des Wohlstands oder Umweltplünderung und neue Welt(un)ordnung. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster. ISBN 3-924550-72-7
  • 1994: Tschernobyl und Sonnenbrand oder: Vom Sinn physikalischer Kategorien in den Sozialwissenschaften. Replik auf die Kritik von Wolfgang Hein. In: Peripherie, Nr. 54, S. 101–112.
  • 1996: (mit Birgit Mahnkopf): Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. Münster, ISBN 978-3-929586-75-6, 4. völlig überarb. und erweiterte Auflage 1999, 7. Auflage 2007.
  • 1997 (mit Frigga Haug, Oskar Negt u. a.): Turbokapitalismus. Gesellschaft im Übergang ins 21. Jahrhundert. VSA-Verlag Hamburg.
  • 1999 (mit Rolf Hecker, Michael Heinrich, Petra Schaper-Rinkel) Kapital.doc – Das Kapital (Bd. I) von Marx in Schaubildern mit Kommentaren. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1999.
  • 2002 (mit Birgit Mahnkopf): Globalisierung der Unsicherheit – Arbeit im Schatten, schmutziges Geld und informelle Politik. Münster, ISBN 978-3-89691-513-9.
  • 2005: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Münster, ISBN 978-3-89691-627-3, 6. Auflage 2009.
  • 2007 (mit Birgit Mahnkopf): Konkurrenz für das Empire – Die Zukunft der Europäischen Union in der globalisierten Welt. Münster, ISBN 978-3-89691-652-5.
  • 2009 (von Raul Zelik): Die Vermessung der Utopie – Mythen des Kapitalismus und die kommende Gesellschaft, Raul Zelik im Gespräch mit Elmar Altvater. ISBN 978-3-936738-62-9, veröffentlicht unter der Creative Commons (PDF; 549 kB).
  • 2009: Elmar Altvater (u. a.): Privatisierung und Korruption: Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise. Hamburg 2009, ISBN 978-3-939594-02-4.
  • 2010: Der große Krach: oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2010, ISBN 978-3-89691-785-0.
  • 2012: Marx neu entdecken. Das hellblaue Bändchen zur Einführung in die Kritik der Politischen Ökonomie. VSA Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-89965-499-8.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Institut Solidarische Moderne: Gründungsmitglieder
  2. S. 10
  3. S. 13. Altvater zitiert Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts. Aufbruch zur Weltwirtschaft. 1986, S. 702.
  4. S. 13f.
  5. S. 19
  6. S. 14