Erdnahes Objekt

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Erdnahe Objekte (engl. Near-Earth object; NEO), auch Erdbahnkreuzer, sind Asteroiden, Kometen und große Meteoroiden, die bei ihrem Umlauf um die Sonne die Erdbahn kreuzen und deshalb eine Kollisionsgefahr bergen. Um dieser Gefahr begegnen zu können, sind genaue Kenntnisse über solche Objekte notwendig.

Berechnete Bahn des Asteroiden 2011 MD kurz vor Erdannäherung

Klassifikation erdnaher Objekte[Bearbeiten]

Nach Art und Größe unterteilt man die Erdbahnkreuzer in:[1]

Meteoroiden sind größer als der interplanetare Staub, aber kleiner als Asteroiden, wobei es aber weder von der Größe noch von der Zusammensetzung her eine eindeutige und einheitliche Grenze zwischen den beiden Objektarten gibt.

Die Asteroiden und Meteoroiden zählen zusammen mit den Kometen zu den Kleinkörpern des Sonnensystems.

Himmelsüberwachung[Bearbeiten]

Radaraufnahme des Einschlagkraters Aorounga im Tschad

Nach dem Einschlag des Kometen Shoemaker-Levy 9 1994 auf Jupiter erhielt die NASA 1998 vom amerikanischen Kongress den Auftrag, 90 % derjenigen Erdbahnkreuzer zu katalogisieren, die mehr als 1 km Durchmesser besitzen[2]. Dies soll durch spezielle Programme zur Himmelsüberwachung, wie z.B. LINEAR, LONEOS, NEAT, CSS, CINEOS, Spacewatch oder ADAS, erreicht werden.[3] Der Einschlag eines Asteroiden oder Kometen dieser Größenordnung könnte ein Areal der Größe Frankreichs zerstören[2] und hätte auch globale Auswirkungen.[4] Im Jahr 2005 wurde der Auftrag an die NASA dahingehend erweitert, bis zum Jahr 2020 Instrumente und Suchprogramme zu schaffen, die es ermöglichen, Erdnahe Objekte von einer Größe über 140 m zu entdecken.[5] Objekte dieser Größenordnung könnten beim Einschlag z. B. die Washington DC-Region zerstören.[2]

Mehr als 10000 erdnahe Objekte (Stand:Ende 2013) sind bislang identifiziert und katalogisiert.Mehr als 5000 haben einen Durchmesser von 100m, einige wenige bis zu mehreren km, (1036) Ganymed ist das bislang größte erdnahe Objekt mit einem Durchmesser von etwa 31 km.Jedes Jahr werden von den Überwachungsprogrammen mehrere hundert entdeckt.[6][7] Forscher gehen davon aus, das mehr als 80% der Objekte mit Durchmessern bis zu 300m noch unentdeckt sind.[8]

Risikoabschätzung[Bearbeiten]

Es gibt zwei Einteilungen zur Klassifizierung des Einschlagsrisikos:

Turiner Skala[Bearbeiten]

2003 wurde für die beiden erdnahen Asteroiden 2003 QQ47 und 1997 XR2 ein Risiko größer Null festgestellt, beide sind in die Gefahrenstufe 1 eingeordnet. Nach genauen Bahnmessungen im Jahr 2005 wurde dem Objekt (99942) Apophis (2004 MN4) als erstem eine Risikostufe größer als 1 zugewiesen, kurzfristig war der Asteroid sogar in die Stufe 4 eingeordnet worden. Zwischen Februar und Mai 2006 wurde 2004 VD17 auf der Turiner Skala mit 2 eingestuft, er war damit erst der zweite Asteroid, der einen Wert von über 1 auf der Turiner Skala erreichte.

Palermoskala[Bearbeiten]

Bisher ist ein erdnahes Objekt mit einem Risiko größer Null bekannt; für (29075) 1950 DA wird eine enge Begegnung im Jahr 2880 vorhergesagt. Sollte es zu einem Einschlag dieses Objekts kommen, könnte ein Massensterben die Folge sein, bei dem die meisten Lebensformen auf der Erde ausgelöscht würden. Für (99942) Apophis erreichte 2005 die Risikobewertung des Einschlags auf der Palermo-Skala für kurze Zeit den Wert 1,80.

Annäherungen[Bearbeiten]

  • Das Objekt mit dem bisher knappsten Vorbeiflug, in 6.500 km Abstand, ist 2004 FU162 mit etwa 6 m Durchmesser. Er konnte am 31. März 2004 für 44 Minuten durch LINEAR beobachtet werden und wurde durch die Erde um 20° abgelenkt.
  • Am 27. Juni 2011 erfolgte durch 2011 MD die zweitgrößte Annäherung an die Erde mit einem Abstand von rund 12.000 km. Der Asteroid hat einen Durchmesser von etwa 10 m, wurde fünf Tage zuvor durch LINEAR entdeckt und konnte nach dem Vorbeiflug noch sechs Tage lang beobachtet werden.
  • Am 8. November 2011 passierte der etwa 400 m große Asteroid (308635) 2005 YU55 die Erde in etwa 0,85-facher Monddistanz, 325.000 km, und erreichte dabei eine scheinbare Helligkeit von 11 mag, sodass er mit Instrumenten ab 80 mm Öffnung beobachtet werden konnte.
  • Am 15. Februar 2013 passierte der etwa 46 m große (367943) Duende die Erde in einer Entfernung von etwa 29.000 km.
  • Am 13. April 2029 wird der 270 m große (99942) Apophis die Erde in einer Entfernung von ca. 30.000 km passieren.

Erster Einschlag[Bearbeiten]

  • Am 6. Oktober 2008 wurde das erste Objekt im All entdeckt, das etwa 20 Stunden später mit der Erde kollidierte. Es war der 4 m große Asteroid 2008 TC3.

Liste potentiell gefährlicher Objekte[Bearbeiten]

Bezeichnung größte Annäherung
Monddistanzen km
7482 (1994 PC1) 0,005966988 2294
(1998 FW4) 0,010080437 3875
37638 (1993 VB) 0,017828967 6853
(2002 EY2) 0,030332494 11660
(2003 EE16) 0,049877584 19173
(2001 VK5) 0,054504037 20951
(1998 SC15) 0,056665098 21782
(2001 EC) 0,076372277 29358
(1997 XR2) 0,078531003 30187
137108 (1999 AN10) 0,094539511 36341
(2000 QK130) 0,099837672 38378
99942 Apophis (2004 MN4) 0,105483750 40548
(2006 SU49) 0,114382901 43969
(2001 XU) 0,196846856 75668
(2003 GG21) 0,241523183 92842
(2005 LW3) 0,245039334 94193
143487 (2003 CR20) 0,253009925 97257
(1999 JU3) 0,267567218 102853
35396 (1997 XF11) 0,291597298 112090
(2002 CU11) 0,341506404 131275
90416 (2003 YK118) 0,341603697 131312
(2000 EH26) 0,379825639 146005
(2003 QC10) 0,394575571 151675
(2000 EK26) 0,422109349 162259
(2000 TU28) 0,425312218 163490
141495 (2002 EZ11) 0,462579137 177815
(2004 GU9) 0,474406013 182362
85640 (1998 OX4) 0,484831878 186369
89959 (2002 NT7) 0,497230834 191136
Bezeichnung größte Annäherung
Monddistanzen km
(2002 JZ8) 0,525465117 201989
85236 (1993 KH) 0,537066275 206448
(2000 KA) 0,543028360 208740
(2005 GY8) 0,551103637 211844
144898 (2004 VD17) 0,580155178 223012
(2003 KO2) 0,589440774 226581
(1998 MZ) 0,600792863 230945
(2002 SZ) 0,635187707 244166
(1999 VP11) 0,639997848 246015
2201 Oljato (1947 XC) 0,643165692 247233
(1997 GL3) 0,680343102 261524
(2006 FX) 0,681214843 261859
(2006 KV86) 0,684390470 263080
(2002 SQ41) 0,696649325 267792
89958 (2002 LY45) 0,714169759 274527
(2001 WN5) 0,723809500 278232
(2002 NY40) 0,739948380 284436
101869 (1999 MM) 0,748467311 287711
(2003 WY25) 0,755242761 290315
(2001 QJ96) 0,761263220 292630
(2004 XP14) 0,822826023 316294
(2003 MK4) 0,840513799 323094
(2003 MH4) 0,847359300 325725
85713 (1998 SS49) 0,850044573 326757
(1999 RM45) 0,871810851 335124
(1999 DB7) 0,893514862 343467
(2004 FU4) 0,938390054 360717
(2005 SE71) 0,984105854 378290
(2002 SY50) 0,986736643 379302

Sonstiges[Bearbeiten]

Viele erdnahe Objekte enthalten Metalle in hoher Konzentration, wie z. B. Platin und Metalle der Seltenen Erden, die in Zukunft für die Rohstoffgewinnung von Bedeutung sein könnten.[9][10] Um diese Ressourcen in Zukunft abzubauen, gibt es theoretische Überlegungen für Asteroid Mining.

Ethische Gesichtspunkte hinsichtlich eines Schutzes vor Einschlägen erdnaher Objekte betreffen die bevölkerungspolitischen Aspekte. Eine erfolgreiche Abwehr vor terroristischen Raketenangriffen bietet Hunderttausenden von Menschen eine Überlebenschance. Die Verhinderung eines Einschlags eines erdnahen Objektes, zum Beispiel im Pazifik, der einen Tsunami auslösen und so Millionen von Menschen allein in Kalifornien das Leben kosten könnte, würde dagegen wesentlich mehr Menschenleben retten. Andererseits sterben pro Jahr circa eine Million Menschen an Malaria und fünf Menschen durch Haiattacken, während bisher die Zahl der Menschen, die nachweislich durch Asteroiden getötet worden sind, bei Null liegt.[2]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Donald K. Yeomans: Near-earth objects - finding them before they find us. Princeton Univ. Press, Princeton 2013, ISBN 978-0-691-14929-5
  • Andrea Milani: Near earth objects, our celestial neighbors - opportunity and risk. Cambridge Univ. Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-86345-2
  • John L. Remo: Near-earth objects - the United Nations international conference. New York Acad. of Sciences, New York 1997, ISBN 1-57331-041-7
  • Dale P. Cruikshank (et al.): Determining the Physical Properties of Near-Earth Objects., 2007 Planetary Defense Conference, März 2007, George Washington University, [1], ( pdf, 9 Seiten, abgerufen 10. Oktober 2009; 315 kB)
  • Space Mission Priorities for Near-Earth Object Risk Assessment and Reduction ESA Near-Earth Object Mission Advisory Panel, 2004 ( pdf, 63S., abgerufen 12.Oktober 2009)
  • National Research Council: Near-Earth Object Surveys and Hazard Mitigation Strategies - Interim Report Executive Summary 08/2009., ISBN 978-0-309-14361-5. [2]( pdf, abgerufen 13. August 2009; 378 kB)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. NEO GROUPS neo.jpl.nasa.gov (abgerufen am 2. September 2010)
  2. a b c d Friend, Tad; Vermin of the Sky. The New Yorker, 28 Februar 2011; pp 22-29,.
  3. ASIAGO DLR ASTEROID SURVEY (ADAS) jpl.nasa.gov, abgerufen am 16. Juli 2011
  4. Speech by Gen. Simon Worden: "Military Perspectives on the Near-Earth Object (NEO) Threat"spaceref.com, abgerufen am 19. Juli 2011
  5. The Threat to Earth from Asteroids & Comets pan-starrs.ifa.hawaii.edu, abgerufen am 26. Juli 2011
  6. NEAR-EARTH ASTEROID DISCOVERY STATISTICS neo.jpl.nasa.gov
  7. Ten Thousandth Near-Earth Object Unearthed in Space jpl.nasa.gov, abgerufen am 4. April 2014
  8. Viorel Badescu: Asteroids - prospective energy and material resources. Springer, Berlin 2013, ISBN 978-3-642-39243-6., S.94
  9. NEAR-EARTH OBJECTS AS FUTURE RESOURCES neo.jpl.nasa.gov; Part III: Near-Earth Objects - Resources of Near-Earth Space nss.org; The Role of Near-Earth Asteroids in Long-Term Platinum Supply nss.org, (pdf; 73 kB), abgerufen am 1. März 2011
  10. John S. Lewis: Mining the sky - untold riches from the asteroids, comets, and planets. Addison-Wesley, Reading 1997, ISBN 0-201-32819-4