Erika Fischer-Lichte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Erika Fischer-Lichte (* 25. Juni 1943 in Hamburg) ist eine deutsche Theaterwissenschaftlerin.

Leben[Bearbeiten]

Erika Fischer-Lichte studierte von 1963 bis 1970 Theaterwissenschaft, Slawistik, Germanistik, Philosophie, Psychologie und Pädagogik an der Freien Universität Berlin und an der Universität Hamburg. Fischer-Lichte promovierte 1972 im Fach Slawistik an der FU Berlin über den polnischen Dramatiker Juliusz Słowacki. 1973 wurde sie Professorin am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. 1986 übernahm Fischer-Lichte den Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth, und wurde 1991 Direktorin des Instituts für Theaterwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Seit 1996 ist Erika Fischer-Lichte als Professorin am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin tätig. In der Zeit von 1999 bis 2010 fungierte Fischer-Lichte als Sprecherin des DFG-Sonderforschungsbereichs 447 Kulturen des Performativen. Des Weiteren leitet Fischer-Lichte das Forschungsprojekt „Ästhetische Erfahrung als Schwellenerfahrung“ im Rahmen des Sonderforschungsbereichs Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste und ist Sprecherin des Internationalen Graduiertenkollegs Inter Art. Seit 2008 leitet sie zusammen mit Gabriele Brandstetter das internationale Forschungskolleg Verflechtungen von Theaterkulturen / Interweaving Performance Cultures.

Forschungstätigkeit[Bearbeiten]

Ein Schwerpunkt der Forschungstätigkeit von Fischer-Lichte ist die theoretische Grundlegung für eine Ästhetik des Performativen (2004). Diese Studie bietet eine historisch-theoretische Klärung des Begriffs Performanz in Kunst und Kunstwissenschaften.[1] Fischer-Lichte definiert darin das performative Kunstwerk als Ereignis, das als wesenhaft selbstreferentiell und wirklichkeitskonstituierend zu gelten hat. Damit ist gesagt, dass performative Kunst an den konkreten Augenblick ihrer Aufführung gebunden ist, dass sie erlebt und erfahren werden muss, sich einer abschließend erklärenden Deutung dagegen entzieht. Dadurch wird nach Fischer-Lichte auch den Zuschauern eine neue Position zugewiesen: von bloß Betrachtenden werden sie zu Handelnden, aus deren Interaktion mit den auftretenden Künstlerinnen und Künstlern das Kunstwerk erst seine konkrete, einmalige Verkörperung erhält. In einem Beitrag von 2013 greift Fischer-Lichte das Konzept der Erzeugung von Identität „durch stilisierte Wiederholung“ (Fischer-Lichte 2013, 177) auf.[2] Ansätze einer möglichen Grundlegung einer transformationsorientierten Theorie des Theaters sieht Fischer-Lichte sowohl in der Sprechakttheorie als auch in den Theorien Judith Butlers: Vollziehen auch Zuschauer performative Akte, wenn sie sich affizieren lassen, wenn sie durch ihre raumzeitliche Ko-Präsenz (mit den Schauspielern) eine Performance ermöglichen? Welche Rolle spielt die „Unterwerfung“ (der Zuschauer) unter die Illusionen der Aufführung? Vermag die Wahrnehmung (als performativer Akt) Identifikationen auszulösen? Eine "Ästhetik des Performativen" (Fischer-Lichte 2003, 97) erkennt Fischer-Lichte im aufführenden Theater begründet: Das Aufführen als solches lässt dem Zuschauer die Präsenz des Schauspielers widerfahren, platziert sich (als Atmosphäre) im Zwischen der Darstellung und der Schau (vgl. Fischer-Lichte 2003, 99f.).[3] Mit der Annahme der „Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit“ (Fischer-Lichte 2003, 106) der Widerfahrnisse, der Unmöglichkeit einer adäquaten konzeptuellen oder visuellen Dokumentation sei gleichsam anzuerkennen, dass ein Zugriff auf das Genre der Performance vermittels einer Verabschiedung der traditionellen Begriffe „der Produktion, der Rezeption und des Werkes“ (Fischer-Lichte 2003, 110) bedarf.

Erika Fischer-Lichte ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Academia Europaea sowie der Leopoldina (seit 2011), Vorsitzende des Kuratoriums der Studienstiftung des deutschen Volkes und Kommissionsvorsitzende des Europäischen Wissenschaftsrates für den Bereich "Cultures and Cultural Production".

Kritikpunkte[Bearbeiten]

Dirk Pilz referiert in einem Beitrag für die Berliner Zeitung 2010, dass Kritiker dem Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen und seiner Sprecherin einen „aufgeblasenen Begriffs- und Theorieapparat“ vorwerfen.[4] Pilz zitiert als Belege allerdings Stichworte, die nicht im Zusammenhang der Arbeit des Sonderforschungsbereiches geprägt wurden, sondern weit früher. So prägte den Begriff der "entwerkten Gemeinschaft" der französische Philosoph Jean-Luc Nancy im Jahr 1986. Der Begriff "TheatReales" ist in einem Aufsatz Hans-Thies Lehmanns von 1999 zu finden. Der Theaterwissenschaftler Ulf Heuner kritisiert in diesem Zusammenhang die undifferenzierte Beschwörung von Begriffen wie Transformation oder Entgrenzung und die inflationäre Veröffentlichungspraxis.[5]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

Autorin
Herausgeberin

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen, edition suhrkamp: Frankfurt am Main, 2004. ISBN 978-3-518-12373-7
  2. Erika Fischer-Lichte: „Die verwandelnde Kraft von Aufführungen. Von vorübergehenden zu nachhaltigen Transformationen“, in: —/ Hasselmann, K. (Hg.), Performing the Future. Die Zukunft der Performativitätsforschung, München: Wilhelm Fink Verlag 2013, 177-190.
  3. Erika Fischer-Lichte: „Theater als Modell für eine Ästhetik des Performativen“, in: Kertscher, J./ Mersch, D. (Hg.), Performativität und Praxis, München: Wilhelm Fink 2003, 97-111.
  4. Dirk Pilz: „Wir waren die Zukunft“, in: Berliner Zeitung, 8. Juli 2010.
  5. "Aus der Wissenschaft des Performativen ist wohl längst eine performative Wissenschaft geworden." Ulf Heuner: Wer herrscht im Theater und Fernsehen?, Berlin 2008, ISBN 978-3-938880-22-7, S. 49.
  6. Berliner Wissenschaftspreis 2010 geht an Professorin Erika Fischer-Lichte, in: Informationsdienst Wissenschaft vom 14. Oktober 2010, abgerufen am 27. Oktober 2010
  7. Deutscher Bühnenverein: DER FAUST 2011, aufgerufen am 31. Januar 2012