Eugène Borel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Eugène Borel

Eugène Borel (* 17. Juni 1835 in Neuchâtel; † 14. Juni 1892 in Bern) war ein Schweizer Politiker und Jurist. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Staatsanwalt war er auf Gemeinde- und Kantonsebene politisch aktiv. Acht Jahre lang gehörte er der Regierung des Kantons Neuenburg und dem Ständerat an. 1872 wurde er als Vertreter der liberal-radikalen Fraktion (der heutigen FDP) in den Bundesrat gewählt, dem er bis 1875 angehörte. Borel war 1874 Mitbegründer des Weltpostvereins und bis zu seinem Tod dessen Direktor.

Biografie[Bearbeiten]

Kantonspolitik[Bearbeiten]

Borel wurde als Sohn des Waisenhausdirektors François-Victor Borel geboren und war der Enkel von Abraham Louis Fauche, der die Confessions von Jean-Jacques Rousseau publiziert hatte. Er besuchte das humanistische Gymnasium in Neuchâtel, anschliessend studierte er Rechtswissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Nach einem Anwaltspraktikum wurde er bereits im Alter von 21 Jahren zum Staatsanwalt ernannt. Eine seiner ersten Aufgaben war es, die führenden royalistischen Konterrevolutionäre zu verhören (siehe Neuenburgerhandel).

Ab 1857 gehörte Borel der Legislative der Stadt Neuchâtel an, ab 1864 dem Stadtrat. Nachdem er 1862 in das Kantonsparlament, den Grand Conseil, gewählt worden war, folgte 1865 die Wahl in die Kantonsregierung, den Conseil d’État. Als Staatsrat war er zunächst für das Neuenburger Militär zuständig, ab 1870 für das Justizwesen. Er ging rigoros gegen Amtsmissbrauch im Instruktorenkorps vor und liess drei neue, grundlegende Gesetze ausarbeiten: das Notariatsgesetz, das Gesetz über die Gerichtsorganisation und die Zivilprozessordnung.

Bundespolitik[Bearbeiten]

Erste Erfahrungen auf nationaler Ebene sammelte Borel 1860 als Bundesauditor und Übersetzer im Nationalrat. 1865 wurde er in den Ständerat gewählt, den er 1869 präsidierte. 1870 ernannte ihn das Bundesgericht zum Untersuchungsrichter für die Westschweiz. In der Auseinandersetzung um die Bundesverfassung war Borel Wortführer der Anhänger einer Totalrevision.

Nachdem die neue Verfassung im Mai 1872 durch das Volk äusserst knapp abgelehnt worden war, errangen die Befürworter der Revision bei den darauf folgenden Nationalratswahlen einen deutlichen Wahlsieg. Bei der Bundesratswahl am 7. Dezember 1872 bezwang Borel den Amtshinhaber Jean-Jacques Challet-Venel, der sich gegen die Revision ausgesprochen hatte. Im zweiten Wahlgang erhielt Borel 90 von 168 abgegebenen Stimmen, Challet-Venel nur 73. Von seinem Vorgänger übernahm Borel das Post- und Telegraphendepartement.

Borel widmete sich intensiv der Gründung einer internationalen Postunion. Am 9. Oktober 1874 gründeten schliesslich 22 Staaten an der internationalen Postkonferenz in Bern die Allgemeine Postunion. Der Bundesrat ernannte Borel daraufhin zum ersten Direktor der neuen Organisation. Am 3. Juni 1875 erklärte er seinen Rücktritt aus dem Bundesrat. Zwei Wochen später nahm die Bundesversammlung sein Rücktrittsgesuch an, bat ihn jedoch einstimmig, noch bis Ende Jahr im Amt zu verbleiben.

Weitere Tätigkeiten[Bearbeiten]

Ab 1876 widmete sich Borel seiner Tätigkeit als Direktor der Postunion, die 1878 in Weltpostverein umbenannt wurde und unter seiner Leitung ihre Mitgliederzahl verdoppelte. Mehrmals organisierte er internationale Postkongresse: 1878 in Paris, 1885 in Lissabon und 1891 in Wien. Daneben war er auch als Militärrichter tätig: Er war Grossrichter der dritten Armeedivision, Präsident des Kassationshofes und Oberauditor. 1889 entsandte ihn der Bundesrat in den Kanton Tessin, wo seit den letzten Wahlen bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen der konservativen Regierung und der freisinnigen Gemeindebehörden herrschte. Mit der Unterstützung von Zürcher Truppen konnte er für kurze Zeit wieder Ruhe und Ordnung herstellen.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Jean-Pierre Jelmini: Eugène Borel. In: Urs Altermatt (Hrsg.): Die Schweizer Bundesräte. Ein biographisches Lexikon. 2. Auflage. Artemis Verlag, Zürich/München 1991, ISBN 3-7608-0702-X, S. 198–201.

Weblinks[Bearbeiten]


Vorgänger Amt Nachfolger
Direktor des Internationalen Büros des Weltpostvereins
1874–1892
Edmund Höhn
Jean-Jacques Challet-Venel Mitglied im Schweizer Bundesrat
1873–1875
Bernhard Hammer