Experte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Näheres ist auf der Diskussionsseite angegeben. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.

Experte, von lateinisch expertus ‚erprobt‘, (auch Fachmann/Fachfrau, Pl. Fachleute , Fach- oder Sachkundiger, Spezialist) ist ein Schlagwort und bezeichnet als solches eine Person, die über überdurchschnittlich umfangreiches Wissen auf einem Fachgebiet oder mehreren bestimmten Sacherschließungen oder über spezielle Fähigkeiten verfügt oder der diese Eigenschaften zugeschrieben werden.

Neben dem theoretischen Wissen kann eine kompetente Anwendung desselben, also praktisches Handlungswissen, für einen Experten kennzeichnend sein. Voraussetzung ist dazu das Erreichen der dritten Stufe der Entwicklung des Experten nach Glaser (1996, siehe unten).

Rechtlicher Kontext: Fach- und Sachkundiger, Befähigte Person[Bearbeiten]

Die Bezeichnung Experte ist rechtlich nicht geschützt. Es gibt keine öffentliche Anerkennung eines Experten und daher auch keine Erlaubnisprüfungen, die zum Führen eines Titels Experte befähigen. Im Gegensatz zum öffentlich bestellten Sachverständigen kann eine objektive Qualität der so bezeichneten oder selbst ernannten Experten aus der Bezeichnung nicht abgeleitet werden. Als Experten werden beispielsweise häufig Forscher, Wissenschaftler oder Sachverständige bezeichnet.

Im rechtlichen Bereich werden die Begriffe Sach- bzw. Fachkundiger verwendet, im Patentrecht definiert der Durchschnittsfachmann (engl.: Person having ordinary skill in the art) die Schwelle zur erfinderischen Tätigkeit und die erforderliche Offenbarung zur Nacharbeitbarkeit.

Sozialer Kontext[Bearbeiten]

In der Politik werden häufig die Mitglieder der Fachausschüsse in der Tagespresse als Experten bezeichnet, ohne dass ihnen irgendeine zugehörige fachliche Ausbildung eigen wäre. Die Benennung von Experten ist Bestandteil der sozialen Mobilisierung in der Politik, insbesondere der Emanzipation des einzelnen Politikers gegenüber den Interessengruppen, die seiner Partei nahestehen, und gegenüber den politischen Gegnern, die gegensätzliche Positionen vertreten.

In öffentlichen Medien sind Bezeichnungen wie ARD-Dopingexperte[1] oder ZDF-Wetterexperte[2] ohne besondere Legitimation üblich.

Expertenwissen[Bearbeiten]

In der Kognitionswissenschaft und Psychologie bezeichnet Expertenwissen oder Expertise eine außergewöhnliche Problemlösefähigkeit oder Leistung (Performance) in einem bestimmten Bereich, die auf umfassende Erfahrung zurückgeht.

Schlüsseleigenschaften von Experten sind (nach Chi, Glaser und Farr 1988):

  1. Sie erkennen große Bedeutungszusammenhänge.
  2. Sie arbeiten schneller und machen weniger Fehler.
  3. Sie haben ein besseres Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis.
  4. Sie achten mehr auf Strukturen als auf oberflächliche Eigenschaften.
  5. Sie verwenden viel Zeit auf qualitative Analysen.
  6. Sie können ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen richtig beurteilen.
  7. All das gilt nur in ihrem jeweiligen Fachgebiet.

Expertenwissen eignet sich die Person in der Regel durch eine Ausbildung oder ein Studium an, es kann jedoch auch durch Forschung oder autodidaktisch erworben werden. Eine Bescheinigung, dass eine Person über das Fachwissen verfügt, erfolgt in der Regel durch Übergabe einer Urkunde, das durch eine staatliche bzw. staatlich anerkannte oder allgemein anerkannte Prüfung bestätigt wird. Da das Fachwissen auch öffentlich in Büchern, Internet und sonstige Quellen zu bekommen ist, kann sich dies eine Person im Eigenstudium aneignen, wird aber nicht zugleich als Fachmann oder Fachfrau anerkannt (siehe auch Befähigungsnachweis).

Die Expertiseforschung untersucht die Art und den Erwerb problemrelevanten, bereichsspezifischen Wissens. Hierzu wird meistens das Problemlöseverhalten von Experten und Novizen verglichen. Novizen sind im Gegensatz zu Experten Personen, denen die entsprechende Übung im betreffenden Inhaltsbereich fehlt. Untersuchte Wissensgebiete sind unter anderem Computerprogrammierung, Physik, Musik, Sport und Medizin.

Großen Einfluss hat die Expertiseforschung auf die Entwicklung so genannter Expertensysteme in der Informatik (Künstliche Intelligenz).

Ein gesellschaftliches System, in dem Experten die Entscheidungsbefugnis haben, nennt man spaßhaft auch „Expertokratie“.

Vom Laien zum Experten[Bearbeiten]

Glaser (1996) unterscheidet drei Stadien auf dem Weg vom Laien zum Experten[3]

  1. Unterstützung von Außen (external support): Eltern, Lehrer, Trainer usw. stellen Lernumgebung, didaktische Methoden und Inhalte.
  2. Übergangsphase (transitional stage): Äußere Hilfe wird immer seltener benötigt; die Kriterien für Expertentum werden entdeckt.
  3. Selbstständig organisiertes Lernen (self-regulatory stage): Der angehende Experte ist auf keine äußere Hilfe mehr angewiesen.

Ebenfalls drei Stufen unterscheiden Schumacher und Czerwinski (1992)[4]:

  1. „Vortheoretische Stufe“: Beim ersten Kontakt mit einem neuen Stoffgebiet versucht man, anhand eigener oberflächlicher Arbeitsmethodik und der vordergründigen Eigenschaften des Themas im Gedächtnis Vergleichbares zu finden, um die neuen Informationen sinnvoll einordnen zu können.
  2. „Empirische Stufe“: Bei der Auseinandersetzung mit dem neuen Stoff wird versucht, durch Analogiebildung, Induktion, Abstraktion usw. ein erstes Verständnis für (tiefere) strukturelle Eigenschaften und Kausalzusammenhänge zu gewinnen.
  3. „Expertenstufe“: Abstraktionen über mehrere Fachgebiete hinweg werden erschlossen und erlauben dadurch den Lerntransfer des neuen Wissens.

Kritikfähigkeit[Bearbeiten]

Der werdende Experte hat einen substantiellen Bedarf an präventiver Psychohygiene[5], deren Anwendung den Ratgeber im Prozess des Mentorings[6] bedarf. Vor ersten Lernerfolgen ist keine Verbreitung neuen Wissens möglich. Der Experte wird vorerst in der Scientific Community oder der Political Community nicht ernst genommen und nimmt seine Umgebung nur eingeschränkt wahr[7][8]. Der werdende Experte sucht seine Zuhörer im politischen Journalismus[9] und seinen Parlamentsausschüssen. Nach ersten Lernerfolgen ist der Experte nicht mehr ausschließlich mit dem eigenen Lernprozess befasst und nimmt nun erstmals sachliche Kritik[10] an den eigenen Abstraktionen wahr und übt erstmals Selbstkritik[11].

Intermediate Effect[Bearbeiten]

Lesgold (1984) fand bei einer Untersuchung an Röntgenärzten mit unterschiedlichem Ausbildungsstand einen „intermediate effect“: Anfänger beurteilten die Röntgenbilder häufiger korrekter als Ärzte mit etwas Erfahrung.[12]. Fortgeschrittene haben mehr Detailwissen als Anfänger, dieses Wissen ist aber noch nicht ausreichend organisiert. Sie beginnen, die Regeln zu erkennen, aber nicht deren Ausnahmen. Eltern von Teenagern ist der intermediate effect ebenfalls wohlbekannt. Auch beim Spracherwerb von Kindern gibt es eine Phase der „Überregulierung“: zunächst ahmen sie nur nach und liegen damit häufig richtig, dann entdecken sie syntaktische Regeln und können diese nun falsch anwenden.

Wissenschaftsgeschichte[Bearbeiten]

In den „harten” Wissenschaften sind heute Methoden wie wiederholbare Experimente und in sich widerspruchsfreie Argumentationen die Mittel zum Beweis oder zur Falsifikation von wissenschaftlichen Theorien.

Aus Geschichte und Gegenwart sind Menschen bekannt, die von der Mehrheitsmeinung eines Fachgebietes abweichende Ansichten vertraten oder vertreten. Je nach gesellschaftlichen Gegebenheiten (Meinungsfreiheit, Unterdrückung, Toleranz Andersdenkender, Gleichberechtigung) konnten diese Menschen ihre Ansichten vielfach zuesrt anonym oder pseudonym veröffentlichen. Im Abendland stand das Dogma der christlichen Kirche teilweise neuen Erkenntnissen (Heliozentrisches Weltbild) entgegen; Andersdenkende wurden dann als Ketzer oder Hexen betrachtet.

Kritik[Bearbeiten]

Generell ist nicht jeder Mensch, der eine gegebenenfalls vom allgemeinen sozialen Konsens abweichende Ansicht nachhaltig vertritt, als Experte anzusehen.

Die inflationäre Verwendung des Titels in trivialen Zusammenhängen oder auch die empfundene plötzliche mediale Omnipräsenz bei Ereignissen, die außergewöhnliches öffentliches Interesse auf sich ziehen (beispielsweise Katastrophen) bewirkt jedoch beim Rezipienten ungewollt Skepsis und Zweifel an der postulierten Kompetenz des 'Experten'.[13]

Jeder kritische Leser oder Zuhörer wird eine Aussage eines Experten zuerst an Berichten über dessen Eigeninteressen spiegeln und sich erst dann mit dem sachlichen Gehalt befassen.

Wirkung von Experten[Bearbeiten]

Aufgrund der offiziellen oder institutionellen Anerkennung als Experte vertreten diese in der Regel die Ansichten ihrer eigenen Interessengruppe, oder benutzen zumindest von einer Fachmehrheit anerkannte Methoden und Regeln. Personen, die im gleichen Fachgebiet abweichende Ansichten vertreten, werden nicht in entscheidende Gremien anderer Inreressenlage berufen. So werden Konflikte innerhalb der Fachwelt zunächst nicht öffentlich (siehe auch Deutungshoheit, Lehrmeinung). Jeder Experte wird angreifbar, sobald er den Zielen persönlicher Eitelkeit folgt und den Pfad der angemessenen Selbstdarstellung verlässt[14].

Literatur[Bearbeiten]

  • M.T.H. Chi, R. Glaser & M.J. Farr (Hrsg.): The nature of expertise. Lawrence Erlbaum Associates, Hillsdale, NJ 1988
  • K. Anders Ericsson, Neil Charness, Paul Feltovich & Robert R. Hoffman (Eds.): Cambridge handbook on expertise and expert performance. Cambridge University Press, Cambridge, UK 2006. ISBN 0-521-60081-2
  • Harald A. Mieg: The social psychology of expertise. Lawrence Erlbaum Associates, Mahwah, NJ 2001. ISBN 0-8058-3750-7
  • Müsseler, J. & Prinz, W. (2002). Allgemeine Psychologie. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag. ISBN 3-8274-1128-9
  • Anderson, J. R. (2001). Kognitive Psychologie. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag. ISBN 3-8274-1024-X
  • Grob, Heinz Lothar, Holling, Heinz, Bensberg, Frank: Personalisierung von EUS für Entscheidungsprozesse von Experten, Arbeitsbericht Computergestütztes Controlling, Münster 2008.
  • Hagemann, N., Tietjens, M. & Strauß, B. (Hrsg.). (2007). Psychologie der sportlichen Höchstleistung: Grundlagen und Anwendungen der Expertiseforschung im Sport. Göttingen: Hogrefe. ISBN 3-8017-2033-0

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Experte in einem Interview mit der TAZ
  2. Video Tiersch: Frühling ist nicht in Sicht in der ZDFmediathek, abgerufen am 26. Januar 2014 (offline)
  3. R. Glaser: Changing the agency for learning: Acquiring expert performance, in K. A. Ericsson (Ed.) The road to excellence. Mahwah, New Jersey 1996
  4. R. M. Schumacher & M. P. Czerwinski: Mental models and the acquisition of expert knowledge, in R. R. Hoffman (Ed.) The psychology of expertise. Springer-Verlag New York 1992
  5. A MIND THAT FOUND ITSELF
  6. Learners And A Facilitator
  7. Wahrnehmungsdistanz
  8. Kritikfähigkeit
  9. Politischer Journalismus: Amerikanisierung
  10. Fehlende Selbstkritik der Wirtschaftsexperten
  11. Kritikresistent
  12. A. M. Lesgold et. al. Expertise in a complex skill, in: M.T.H. Chi et al. (Eds.): The nature of expertise. Hillsdale, New Jersey 1988
  13. Harald Martenstein über den Traumjob Terrorismusexperte - Glosse. ZEITmagazin, 12. Mai 2011, Nr. 20, abgerufen von ZEITonline am 11. Juli 2013.
  14. Politiker schönen ihre Lebensläufe

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Experte – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Fachmann – Zitate

Siehe auch[Bearbeiten]