Femdom

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Ein Femdom-Paar auf dem CSD 2006 in Köln

Femdom ist die gebräuchlichste Abkürzung für female domination (engl. für „weibliche Dominanz“) und bezeichnet unabhängig von der sexuellen Orientierung die Varianten des BDSM, in denen eine Frau die dominante Rolle einnimmt. Der Begriff Femdom kann auch die dominante Frau selbst bezeichnen. Im Gegensatz dazu nennt man die von Männern ausgeübte Dominanz oder den männlichen Dominanten Maledom (engl. male „Mann“ oder „männlich“). Möglicherweise ist der Begriff Ende der 1980er Jahre an der US-amerikanischen Ostküste entstanden.[1]

Varianten[Bearbeiten]

Innerhalb eines erotischen Rollenspiels oder einer definierten Beziehungsstruktur (vgl. EPE und TPE) unterwirft sich der Bottom innerhalb gewisser Zeiträume oder dauerhaft den Wünschen und der Kontrolle seiner aktiven Partnerin (Top). Diese Unterwerfung kann sich ausschließlich auf den sexuellen Bereich und die Wünsche der Top beziehen, es ist aber durchaus möglich, dass sich diese Kontrolle in andere Lebensbereiche erstreckt. Wie in allen Bereichen des BDSM liegt auch hier üblicherweise der Grundsatz der freiwilligen Unterwerfung (SSC oder RACK) zugrunde.

Im BDSM-Kontext wird die weibliche Top als Femdom, Domse oder Domme bezeichnet, auch, um sie von der professionellen Variante der weiblichen Dominanz, der Domina zu unterscheiden. Oft werden Anreden oder Titel verwendet, die das Machtgefälle zwischen Top und Bottom unterstreichen sollen, beispielsweise „Herrin“, „Mistress“ oder „Lady“, während der Bottom als „Sklave“, „Diener“ oder „Sub“ bezeichnet wird. Auch das Siezen der Top oder das Verwenden der 3. Person Singular ist verbreitet.

Female Supremacy[Bearbeiten]

Erstreckt sich die Kontrolle der Top über die sadomasochistischen Rollenspiele hinaus, wird diese Art des dauerhaft veränderten Rollenverständnisses als besondere Form des Femdom angesehen und als eigenständige Beziehungsform mit Female Supremacy, Female Superiority (engl., „weibliche Überlegenheit“) oder auch Female-led Relationship (engl., „weiblich dominierte Beziehung“) bezeichnet. Ein grundlegender Gedanke bei dieser Beziehungsart ist, die Umkehrung der patriarchalen Strukturen aufgrund einer angenommenen „natürlichen Überlegenheit der Frau“ innerhalb der Beziehung zu erreichen. Dabei ist es durchaus möglich, dass die klassischen sexuellen Praktiken des BDSM keinerlei Rolle spielen, sondern sich die Unterwerfung des Bottom im emotionalen und alltäglichen Bereich abspielt.

In Černá, Tschechien hat das Other World Kingdom (engl., „Königreich der anderen Welt“) eine solche Umkehrung der gesellschaftlichen Strukturen im Rahmen einer privaten Umgebung, einer Art Fantasierepublik beziehungsweise Mikronation erschaffen.[2]

Praktiken[Bearbeiten]

Beardsley: Der Club der Flagellanten in London, Frontispiz, 1895

Häufige Spielarten sind neben den im BDSM in allen Konstellationen verbreiteten Praktiken, zum Beispiel Bondage, Spanking oder Erziehungsspielen, insbesondere auch Facesitting, CBT, Trampling, Feminisierung und andere Bereiche des sexuellen Fetischismus. Insbesondere Reinigungsrituale wie zum Beispiel Bodenschrubben, Wäschewaschen oder Stiefelputzen durch den Mann werden oft praktiziert.[3]

Inzwischen gibt es neben den für alle Spielarten offenen Veranstaltungen in der BDSM-Szene auch reine Play-Partys für dominante Frauen und ihre Begleiter, Stammtische (beziehungsweise Ableger von pansexuellen Stammtischen) nur für Frauen oder dominante Frauen und auch Internetcommunities, die sich überwiegend oder ausschließlich mit den Themen der weiblichen Dominanz auseinandersetzen.

Vorkommen[Bearbeiten]

Zwei Studien in den 1990er Jahren legen nahe, dass innerhalb der BDSM-Szene zwischen 11 und 28 % der dort aktiven Frauen dominant bzw. sadistisch veranlagt sind.[4] Kunden von Dominas werden in den Massenmedien stereotypisch als unattraktive Entscheidungsträger im beruflichen Leben präsentiert.[5] Vermutlich sind sie jedoch durchschnittlich attraktive Personen aus unterschiedlichen Berufspositionen, die sich lediglich durch eine besonders ausgeprägte Phantasie auszeichnen.[5]

Feminismus und Femdom[Bearbeiten]

Anfang der 1980er Jahre begann im Laufe der zweiten Welle der Frauenbewegung die Diskussion innerhalb der unterschiedlich positionierten feministischen Gruppen über die weibliche Sexualmoral und insbesondere auch über die Beurteilung des Sadomasochismus zu eskalieren. Dies führte schließlich zu einer Polarisierung der Frauenbewegung und kennzeichnet den Beginn der „Third Wave“ (dritte Welle). Auf der einen Seite stehen die radikalen Feministinnen, die jedwede, auch die einvernehmliche Anwendung von sexueller Gewalt und deren Verbreitung in der Gesellschaft ablehnen (vgl. PorNO-Kampagne), auf der anderen Seite entwickelte sich der sexpositive Feminismus, der jede Art weiblicher Sexualität akzeptiert (vgl. Samois).

Innerhalb dieser und auch der in der dritten Welle geführten Diskussionen ist die Unterwerfung der Frau unter die sexuelle Dominanz des Mannes – je nach feministischer Position durch Gewalt, Rollenbild oder Einvernehmlichkeit – zentrales Thema der Auseinandersetzungen, während weibliche Dominanz und Sadismus kaum diskutiert oder bei radikalen Feministinnen wie Alice Schwarzer negiert wurden. Ein Zitat von Giesela Breiting aus PorNO. Opfer & Täter. Gegenwehr & Backlash. Verantwortung & Gesetz. beschreibt diese Ansicht: „Daß weibliche Gewaltphantasie gegenüber Männern erotisch bzw. sexuell intendiert sein soll … ist eine psychologische Unmöglichkeit“ und weiter „daß Frauen auf diese Weise sexuell erregt werden können, dürfte zudem kaum realistisch sein.“[6]

Gayle Rubin, eine der wichtigsten Vertreterinnen der sex-positiven BDSM-Diskussion im Feminismus fasst die Situation der Debatte in Thinking Sex: Notes for a Radical Theory of the Politics of Sexuality wie folgt zusammen: „… Es gab zwei Richtungen feministischen Gedankengutes zu dem Thema. Die eine kritisierte die Beschränkung des weiblichen Sexualverhaltens und verwies auf den hohen Preis für das sexuelle Aktivsein. Diese Tradition feministischer Gedanken zum Thema Sex forderte eine sexuelle Befreiung, die sowohl für Frauen als auch für Männer funktionieren sollte. Die zweite Richtung betrachtete die sexuelle Befreiung als inhärent bloße Ausweitung männlicher Vorrechte. In dieser Tradition schwingt der konservative antisexuelle Diskurs mit.“ [7]

Wiederholt wurde Kritik daran formuliert, dass die lesbischen Sadomasochistinnen die einzige Gruppe von Frauen sei, die von den Feministinnen nicht unterstützt wird, insbesondere der lesbische Teil der amerikanischen BDSM-Szene hat sich in dieser Diskussion eingebracht, beispielsweise in den Veröffentlichungen von Pat Califia in den USA. In späteren Jahren haben sich zunehmend auch heterosexuelle Frauen aus der sadomasochistischen Szene gegen die negative Beurteilung ihrer Sexualität gewandt, ein Beispiel dafür sind Bücher wie „Lust an der Unterwerfung. Frauen bekennen sich zum Masochismus“[8] von Sina-Aline Geißler aus Deutschland.[9]

Femdom in Kunst, Literatur und Film[Bearbeiten]

Bekannt für Verwendung von Femdom-Motiven in ihren Werken sind unter anderem Leopold Ritter von Sacher-Masoch mit dem wohl bekanntesten Roman zum Thema weiblicher Dominanz, Venus im Pelz. Bis heute vielfach neu aufgelegt und wiederholt indiziert wurden die autobiographischen Werke von Edith Cadivec,[10] die 1924 im Wiener Sadistenprozess verurteilt wurde. Marion Zimmer Bradley verwendet die Female Supremacy in Die Frauen von Isis,[11] Anne Rice verarbeitet sowohl Maledom als auch Femdom in hetero- und bisexueller Ausrichtung unter ihren Pseudonymen Anne Rampling mit Exit to Eden und A. N. Roquelaure mit der Dornröschen-Trilogie. 1993 beschreibt Terence Sellers ihre Erlebnisse aus einer sadistischen Sichtweise in Der korrekte Sadismus.[12]

Eines der wichtigsten Motive des Zeichners Eric Stanton ist die weibliche Dominanz, ebenso beschäftigen sich Sardax und „Eneg“ (Gene Bilbrew) mit dieser Thematik. Hata Dehli verarbeitet das Motiv im Stil der 1920er Jahre, während Bill Ward dominante Frauen stilistisch oft als Pinup darstellt. Andere, wie Namio Harukawa, haben sich überwiegend einzelnen Praktiken wie dem Facesitting verschrieben. Das Femdom-Thema wird von Fotografen vielfach aufgegriffen, oft kombiniert mit typisch weiblichen Accessoires und Rollenspiel- beziehungsweise Fetischequipment, beispielsweise Korsett, High Heels oder auch strengen Kostümen ähnlich einer Gouvernante.

Ein bekannter Film zu diesem Thema ist Die flambierte Frau mit Gudrun Landgrebe. In Verfolgt wurde mit Maren Kroymann eine außergewöhnliche Femdom-Geschichte verfilmt. In der Serie Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert sind die Betazoiden, denen die Schiffsberaterin Deanna Troi (Marina Sirtis) angehört, eine Rasse, in der die Frauen den Männern überlegen sind.

Musikstücke, die sich auf das Motiv Femdom beziehen, sind zum Beispiel Bitte, Bitte von den Ärzten, Schwarze Witwe von Eisbrecher oder auch I Wanna Be Your Slave von Demented Are Go!, in dem das gesamte Spektrum der Femdom genannt wird. Ebenso hat Madonna das Thema in der Bühnenshow ihrer Confessions-Tour verarbeitet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Christina Abernathy: Miss Abernathy’s Concise Slave Training Manual. Greenery Press, 1996, ISBN 0-9639763-9-7.
  • Lorelei: The Mistress Manual: The Good Girl’s Guide to Female Dominance. Greenery Press, 2000, ISBN 1-890159-19-0.
  • Claudia Varrin, Cynthia Lechan: The Art of Sensual Female Dominance: A Guide for Women. Citadel Press, 2000, ISBN 0-8065-2089-2.
  • Elise Sutton: Female Domination. LuLu Publications, 2003, ISBN 1-4116-0325-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Datenschlag – Papiertiger: Femdom
  2. Datenschlag – Papiertiger: Other World Kingdom
  3. Anne McClintock: Maid to Order: Commercial Fetishism and Gender Power. In: Social Text Band 37 (1), 1993. S. 87–116
  4. Eugene E. Levitt, Charles Moser, Karen Jamison: The Prevalence and Some Attributes of Females in the Sadomasochistic Subculture: A Second Report. In: Archives of Sexual Behavior. Band 4, 1994, S. 465–473, S. 469.
  5. a b Mistress L (2001): „A Faustian Bargain: Speaking out against the Media“, Feminist Review 67 (1): 145–150, S. 148.
  6. Giesela Breiting in: Alice Schwarzer (Hrsg.): PorNO. Opfer & Täter. Gegenwehr & Backlash. Verantwortung & Gesetz. Kiepenheuer and Witsch, 1994. Seiten 178 und 179
  7. Gayle Rubin: Sex denken. Anmerkungen zu einer radikalen Theorie der sexuellen Politik. In: Andreas Kraß (Hrsg.): Queer denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies). Suhrkamp, 2003, ISBN 3-518-12248-7. S. 31–79
  8. Sina-Aline Geißler: Lust an der Unterwerfung. Frauen bekennen sich zum Masochismus. Moewig, 2004, ISBN 3-8118-3897-0
  9. Thomas A. Wetzstein, Linda Steinmetz, Christa Reis, Roland Eckert: Sadomasochismus – Szenen und Rituale., Rowohlt, 1993, ISBN 3-499-19632-8.
  10. Edith Cadivec: „Eros, der Sinn meines Lebens“, Belleville, 2005, ISBN 3-923646-83-6
  11. Marion Zimmer Bradley: Die Frauen von Isis, Lübbe, ISBN 978-3-7857-0474-5
  12. Terence Sellers: Der korrekte Sadismus, Ikoo, 1993, ISBN 3-88677-912-2