Flüchtlingslager Traiskirchen

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Die Gebäude des Lagers mit dem Schneeberg im Hintergrund

Das Flüchtlingslager Traiskirchen, umbenannt in "Betreuungsstelle Ost", ist als Bundesbetreuungsstelle für Asylwerber eine in Traiskirchen (Niederösterreich), ca. 20 km südlich von Wien, gelegene staatliche Einrichtung. Es befindet sich in der früheren Kadettenanstalt.

Geschichte[Bearbeiten]

Plan der Anlage (1903)

Im Oktober 1900 wurde auf einem 19 Hektar großen Grundstück mit dem Bau der k.u.k. Artilleriekadettenschule begonnen. Der Gesamtplan sah etwa 20 gemauerte Objekte vor, darunter: Eingangsgebäude (darin Wohnungen für verheiratete Unteroffiziere); dreistöckiges, von Alois Schumacher[1] geplantes Hauptgebäude (Front: 128 m, Höhe: 30 m) mit angebauter Marketenderei sowie einer Badeanstalt; Mannschaftswohngebäude; zwei von Josef Schmidt[1] (Stadtbaumeister von Baden bei Wien; 1838–1910) entworfene Offizierswohngebäude; Kapelle; Zögling-Maroden-Haus; Isolierpavillon; Desinfektionshaus; Schwimmschule; Reitschule; Stallungen sowie Stall-Nebengebäude; Festungsgeschütz-Halle; Geschützremise; Kegelbahn; Glashaus.

Die Anlage wurde am 14. Oktober 1903 fertiggestellt (Kollaudierung) und selben Tags von Feldbischof Coloman Belopotoczky (1845–1914) eingeweiht.[1] Des Weiteren waren zugegen: Reichskriegsminister Heinrich von Pitreich (1841–1920), General-Artillerie-Inspektor Alfred von Kropatschek (1838–1911), Generalinspektor der Militär-Erziehungs- und Bildungsanstalten Otto Morawetz von Klienfeld (1842–1909), Sektionschef im Reichskriegsministerium Moritz von Brunner (1839–1904), Inspektor der Festungsartillerie Moritz von Krziwanek (1852–?), Schulkommandant Major Eduard Haubner (1857–?), Kommandant der k.u.k. technischen Militärakademie Adolf Schneider (1845–1919), Generalmajor Alexander von Krobatin (1849–1933), Oberst Ludwig Elmayer (1850–1923), Bauleiter Oberstleutnant Joseph Fornasari (1854–?), Bezirkshauptmann Emil von Egger.[2]

Zur Verfügung standen im Ganzen 150 Plätze in den ersten Jahrgängen der beiden Artilleriekadettenschulen in Wien und Traiskirchen. Zur Aufnahmen gelangten Jünglinge im Alter von 14 bis 17 Jahren, welche vier Klassen einer Mittelschule mit mindestens gutem Erfolg absolviert hatten. Von ungenügenden Noten in Latein und Griechisch wurde abgesehen. Das Schulgeld betrug für Söhne der bewaffneten Macht 24 Kronen, für Söhne von Offizieren in der Reserve, im nichtaktiven Landwehr- und im Verhältnis außer Dienst, dann von Hof- und Zivilstaatsbeamten (Bediensteten) 160 Kronen, sonst 300 Kronen jährlich. Mittellose Aspiranten konnten bei stets sehr gutem Gesamterfolg für 24 Kronen die Anstalt besuchen. Ziel des Unterrichts war in vier Jahren einer der Oberrealschule gleichzuhaltenden wissenschaftlichen Ausbildung eine militärische Erziehung, welchen den Absolventen befähigt, als Kadett in die k.u.k. Artillerie einzutreten und als Offizier die höheren Militär-Fachbildungsanstalten zu besuchen. Gesuche um Aufnahme waren an das Kommando der Artilleriekadettenschule in Wien, X.,[Anm. 1] zu richten.[3]

Die Anstalt Traiskirchen konnte bis zu 340 Zöglinge unterbringen, die Nebengebäude 160 Personen Mannschaft, die Stallungen 110 Pferde (für den Reitunterricht).[4]

1916 erfolgte die Umwandlung der Kadettenschule in eine Artillerie-Akademie. Noch am 17. August 1918 kamen der erste Akademielehrgang und eine vorletzte Kadettenschulklasse zur Ausmusterung. Im November 1918 wurde die Artilleriekadettenschule aufgelöst und für den Zeitraum 1. Jänner bis 30. September 1919 in eine Staatsstiftungsrealschule umgewandelt; von 1. Oktober 1919 bis 31. August 1921 wurde daraus eine Staatserziehungsanstalt, ab September 1921 eine Bundeserziehungsanstalt für Knaben,[5] ein Institut, das in der Zeit der Ersten Republik in völlige Bedeutungslosigkeit herabsank.[6]

Am 13. März 1939 – dem allgemeinen Feiertag zur Erinnerung an die Befreiungstage im historischen Jahr 1938[7] wurde die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) Traiskirchen in Betrieb genommen.[8] Ähnlich wie bei den Adolf-Hitler-Schulen (AHS) und den SS-Junkerschulen handelte es sich um Eliteschulen zur Heranbildung des nationalsozialistischen Führernachwuchses. Prominentester Lehrer in dieser NSDAP-Schulungseinrichtung war der spätere SPÖ Innen- und Verteidigungsminister Otto Rösch (1917–1995)[9].

In der Besatzungszeit war in der ehemaligen Kadettenschule ein Lazarett und bis Herbst 1955 eine Kaserne der sowjetischen Armee (etwa 2000 sowjetische Panzertruppen)[5] untergebracht.

Die Gebäude wurden seit deren Übergabe am 31. August 1955 an den von 1945 bis 1960 amtierenden Bürgermeister von Traiskirchen, Johann Schuster, immer wieder als Flüchtlingslager verwendet. Bereits im Jahr 1956 diente das Lager als Auffangstation für ungarische Flüchtlinge, die auf Grund des Volksaufstandes in Ungarn ihr Land verließen; von den im November 1956 über die Grenze gekommenen 113.810 Personen befanden sich am 5. des Monats 6.000 im Lager Traiskirchen.[5] Diese erste Verwendung als Flüchtlingslager legte den Grundstein für den weiteren Ausbau der Anlage als Anlaufstelle für Flüchtlinge aus aller Welt.[10] Zur Renovierung der heruntergekommenen Gebäudesubstanz stellte das Bundesministerium für Inneres am 8. März 1957 einen Betrag von 20 Millionen Schilling (1,45 Millionen Euro) für die Renovierung zur Verfügung.

Auch nach dem Prager Frühling (1968) wurden hier tschechische und slowakische Flüchtlinge aufgenommen, ebenso in den 1970er und 1980er Jahren, als hier Flüchtlinge vor allem aus Osteuropa, aber auch aus Uganda, Chile, Iran, Irak, Vietnam, Aufnahme fanden. Unter den zahlreichen prominenten Flüchtlingen, die hier Erstaufnahme fanden, sind zu nennen: der spätere Staatsoperndirektor Ioan Holender[11] sowie der Journalist Paul Lendvai[12].

Im Mai 1990 wurde vom Bürgermeister von Traiskirchen verkündet, dass gemäß Zusage des Innenministers das Lager bis Jahresende bleibend geschlossen werden soll. Dieser Plan wurde jedoch verworfen, da während des Jahres 1990 nur wenige Flüchtlinge anderwärtig untergebracht werden konnten und ab Jänner 1991 mit einer Flüchtlingswelle aus der Sowjetunion zu rechnen war.[13]

Im Jahr 1993 wurde das Flüchtlingslager in Asylamt des Bundesministerium für Inneres umbenannt.[Anm. 2]

Problematik[Bearbeiten]

Das Flüchtlingslager in Traiskirchen ist immer wieder Gegenstand politischer und medialer Debatten in Österreich. So wird den unter beengten Verhältnissen lebenden Flüchtlingen[Anm. 3] immer wieder vorgeworfen, dass Drogenhandel und Eigentumsdelikte an der Tagesordnung seien und auch immer wieder Gewaltdelikte vorkämen.[14] Von der Gegenseite wird der Exekutive oftmals überhartes und teilweise rechtswidriges Verhalten z.B. bei Razzien vorgeworfen.

Im Jahr 2003 wurde unter Innenminister Ernst Strasser der Betrieb der durch bisher durch staatliche Stellen erfolgte, an das deutsche Unternehmen European Homecare ausgelagert.[15] Dieser (nicht unkritisiert gebliebene)[16] Vertrag wurde im Jahr 2010 wegen der schwachen Belegung des Lagers seitens des Unternehmens wieder gekündigt.[17]

Auf Betreiben der Wiener Lokalbahnen wurden im November 2005 in den Zügen der Badner Bahn, deren Station Traiskirchen Lokalbahn unweit des Lagers Traiskirchen liegt, im Hinblick auf erhöhte Sicherheit Polizeibeamte eingesetzt. Anlass dafür waren Befürchtungen, es könnte zwischen Flüchtlingen und anderen Fahrgästen zu Übergriffen kommen. – Auch diese Maßnahme führte zu politischen Diskussionen, da sie von einigen Seiten als unnötig und rassistisch motiviert betrachtet wird.

Bahn[18] sowie Bahnhof sind im Zusammenhang mit dem Flüchtlingslager immer wieder in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses geraten, international insbesondere im Juni 2012, als der im Irak seit 2006 gesuchte Neffe Saddam Husseins am Bahnhof von einer Zivilstreife aufgegriffen wurde.[19]

Literarische Darstellung[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Die Artilleriekadettenschule in Traiskirchen. Zur feierlichen Einweihung am 15. Oktober 1903. In: Danzer’s Armee-Zeitung, Nr. 42/1903 (VIII. Jahrgang), 15. Oktober 1903, S. 4–7. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/daz.
  • Günther Puchinger: Von der Kadettenschule zum Flüchtlingslager. Die k.u.k. Artillerie-Kadettenschule in Traiskirchen und ihre Verwendung nach dem Zusammenbruch der Monarchie. Eigenverlag der Stadtgemeinde, Traiskirchen 1991.
  • Wilhelm Soucek: Geschichte des Flüchtlingslagers Traiskirchen von 1956–1992. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 1994.
  • Rudolf Biegler, Franz Schögl: Festschrift zur Erinnerung an die Stadterhebung am 30. Juni 1927. Eigenverlag der Stadtgemeinde Traiskirchen, Traiskirchen 1997.
  • Günther Puchinger: Was wurde aus dem Flüchtlingslager Traiskirchen? Die Veränderungen im Bereich der ehemaligen Kadettenschule während der letzten zehn Jahre (1991 bis 2001). Eigenverlag der Stadtgemeinde Traiskirchen, Traiskirchen 2001.
  • Rudolf Biegler, Franz Schögl: Die Stadt Traiskirchen 2007. Festschrift zur Erinnerung an die Stadterhebung am 30. Juni 1927. Eigenverlag der Stadtgemeinde Traiskirchen, Traiskirchen 2007.
  • Daniela Peterka-Benton: Organisierte Schlepperkriminalität. Fragebogenuntersuchung über den Handel mit der Ware Mensch aus Sicht von geschleppten Personen aus der Russischen Föderation und dem ehemaligen Jugoslawien. Dissertation. Universität Wien, Wien 2008. – Volltext online (PDF; 893 kB).
  • Herbert Langthaler: „Das Lager.“ Die Erstaufnahmestelle Traiskirchen. In: Thomas Schmidinger (Hrsg.): „Vom selben Schlag …“ Migration und Integration im niederösterreichischen Industrieviertel. Verein Alltag-Verlag, Wiener Neustadt 2008, ISBN 978-3-902282-17-0, S. 125–132.
  • Marion Totter: Wie sehe ich den „Anderen“? Über die Fremdwahrnehmung von AfrikanerInnen in Traiskirchen. Eine qualitative und quantitative Analyse. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 2009. – Volltext online (PDF; 1,7 MB).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Kleine Chronik. (…) Die Einweihung der Artillerie-Kadettenschule in Traiskirchen. In: Neue Freie Presse, Abendblatt, Nr. 14056/1903, 14. Oktober 1903, S. 1, unten links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
  2. Einweihung der der Artillerie-Kadettenschule in Traiskirchen. In: Badener Zeitung, Nr. 83/1903 (XXIV. Jahrgang), 17. Oktober 1903, S. 3, oben links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/bzt.
  3. Aufnahme in die Artilleriekadettenschulen. In: Daniel Zeischka (Red.): Deutsche Wacht. 10. Mai 1903, Nr. 38/1903 (XXVIII. Jahrgang). Vereinsbuchdruckerei Celeja, Cilli 1903, ZDB-ID 1172359-2, S. 4 Mitte. – Text online (PDF).
  4. Die Artilleriekadettenschule in Traiskirchen, S. 5.
  5. a b c Peterka-Benton: Organisierte Schlepperkriminalität. S. 106.
  6. Oliver Kühschelm (Hrsg.), Ernst Langthaler (Hrsg.), Stefan Eminger (Hrsg.): Niederösterreich im 20. Jahrhundert. Band 3: Kultur. Böhlau, Wien (u.a.) 2008, ISBN 978-3-205-78247-6, S. 61, Text online.
  7. 13. März – allgemeiner Feiertag. In: Badener Zeitung, Nr. 20/1939 (LX. Jahrgang), 11. März 1939, S. 2, Kasten Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/bzt.
  8. Vier ostmärkische „Napolas“ eröffnet. Feierlicher Staatsakt im Theresianum vor Reichsminister Rust. In: Volks-Zeitung, Nr. 72/1939 (LXXXV. Jahrgang), 14. März 1939, S. 3, Mitte rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/ovz.
  9.  Armer Teufel. In: Der Spiegel. Nr. 24, 1970 (online).
  10. Soucek: Geschichte des Flüchtlingslagers Traiskirchen von 1956–1992, S. 49 ff. Aus: Peterka-Benton: Organisierte Schlepperkriminalität, S. 106 f.
  11. Niederösterreichische Nachrichten Ausgabe 02/2010
  12. Ruth Schöffl (Red.): Prominente Flüchtlinge. In: unhcr.at, abgerufen am 14. November 2012.
  13. Puchinger: Was wurde aus dem Flüchtlingslager Traiskirchen?, S. 198 ff. Aus: Peterka-Benton: Organisierte Schlepperkriminalität, S. 108 f.
  14. Niederösterreichische Landesregierung: LR Knotzer: Lokalaugenschein im Flüchtlingslager Traiskirchen ut.: Aufteilung in Privatquartiere wäre ein gangbarer Weg. In: ots.at, 29. November 2001, abgerufen am 15. November 2012.
  15. Flüchtlingslager Traiskirchen künftig in detuscher (sic!) Hand. European Homecare gewinnt Ausschreibungsverfahren. In: news.at, 26. Februar 2003, abgerufen am 23. November 2013.
  16. Privatisierung der Flüchtlingsbetreuung mit European Homecare. In: no-racism.net, 15. Mai 2004, abgerufen am 15. November 2012.
  17. Vertragslos in Traiskirchen: Firma kündigt Asylbetreuung in Standard vom 5. Juli 2010 abgerufen am 14. November 2012
  18. Tumult in der Badner. In: Arbeiter-Zeitung. Wien 18. Dezember 1979, S. 6, unten rechts.
  19. Neffe von Saddam Hussein in Traiskirchen gefasst. In: noe.orf.at, 22. Juni 2012, abgerufen am 28. Juni 2014.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Von 1872 bis 1905 war in dem zu jener Zeit zu Favoriten gehörenden Arsenal eine Artilleriekadettenschule untergebracht. – Richard Groner, Felix Czeike (Bearb.): Wien wie es war. Ein Nachschlagewerk für Freunde des alten und neuen Wien. Sechste, vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Molden, Wien (u.a.) 1966, S. 32.
  2. Dieser zumindest einer Politischen Korrektheit folgen wollenden Umbenennung wurde und wird sowohl in der Bevölkerung in und um Traiskirchen als auch vor allem in den Printmedien kaum Rechnung getragen: Der Euphemismus Asylamt vermochte den Begriff Lager Traiskirchen nicht zu ersetzen.
  3. 1990 wurde mit Erlass von Innenminister Franz Löschnak die Zahl der Lagerbewohner auf 1.000 beschränkt. – Siehe: Die Betreuungsstelle (MS Word; 65 kB). In: p2.iemar.tuwien.ac.at, abgerufen am 15. November 2012.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Traiskirchen (refugee camp) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.01527777777816.284166666667Koordinaten: 48° 0′ 55″ N, 16° 17′ 3″ O