Arnulf Rainer

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Arnulf Rainer - Sternsucher, 1994, ein Film von Herbert Brödl

Arnulf Rainer (* 8. Dezember 1929 in Baden bei Wien) ist ein zeitgenössischer österreichischer Maler. Bekannt sind seine Übermalungen.

Leben[Bearbeiten]

Rainer besuchte von 1940 bis 1944 die Nationalpolitische Erziehungsanstalt in Traiskirchen. Er verließ die Schule, weil er von einem Kunsterzieher gezwungen wurde, nach der Natur zu zeichnen.

1947 sah er zum ersten Mal internationale zeitgenössische Kunst bei einer Ausstellung des British Council in Klagenfurt (Paul Nash, Francis Bacon, Stanley Spencer, Henry Moore). Auf Wunsch seiner Eltern studierte er ab 1947 an der Bundesgewerbeschule in Villach Hochbau und machte 1949 den Abschluss. Im gleichen Jahr wurde er an der Akademie für angewandte Kunst in Wien aufgenommen, die er wegen einer künstlerischen Kontroverse mit dem Assistenten Korunka bereits nach einem Tag wieder verließ. Kurz darauf bewarb er sich an der Wiener Akademie für bildende Künste, verließ aber auch diese Klasse drei Tage nach bestandener Aufnahmeprüfung, da seine Arbeiten als entartet bezeichnet wurden.

Zusammen mit Ernst Fuchs, Anton Lehmden, Arik Brauer, Wolfgang Hollegha, Markus Prachensky und Josef Mikl gründete er 1950 die Hundsgruppe, mit der er 1951 zum ersten (und einzigen) Mal ausstellte. Die Ausstellung fand in den Räumen der Wiener Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst statt. Im Sommer 1951 besuchte er zusammen mit Maria Lassnig André Breton in Paris. Im Februar 1952 präsentierte Rainer seine Arbeiten in der Galerie Kleinmayr in Klagenfurt. Im März desselben Jahres erhielt er eine Einzelausstellung in der Zimmergalerie Franck in Frankfurt am Main, die heute als eine der ersten Manifestationen des Informel in Mitteleuropa gilt. Im dazu veröffentlichten Katalog wurden Rainers Textmanifeste „Malerei um die Malerei zu verlassen“ und „Das Eine gegen das Andere“ abgedruckt.

1953 lernte er in Wien den katholischen Priester Monsignore Otto Mauer kennen, der ein Jahr später die Galerie nächst St. Stephan gründete, mit der er die österreichische Avantgarde entscheidend förderte. Im November 1955 eröffnete Mauer Rainers erste Einzelausstellung in der Galerie St. Stephan. Wolfgang Hollegha, Markus Prachensky, Josef Mikl und Arnulf Rainer gründeten 1956 die Malergruppe „Galerie St. Stephan“ unter der Leitung von Otto Mauer.

In den Jahren 1953 bis 1959 lebte er zurückgezogen in einer möbellosen, verlassenen Villa seiner Eltern in Gainfarn bei Bad Vöslau, 25 Kilometer südlich von Wien. Dort begann er die Werkgruppe der Reduktionen, die als Vorstufe seiner weltberühmten Übermalungen gilt. Im September 1959 gründete er mit Ernst Fuchs und Friedensreich Hundertwasser das „Pintorarium“ als „Creatorium zur Einäscherung der Akademie“. Das Pintorarium blieb bis 1968 bestehen.

1961 wurde Arnulf Rainer in Wolfsburg wegen der öffentlichen Übermalung eines prämierten Bildes gerichtlich verurteilt. Ab 1963 arbeitete Rainer in verschiedenen Studios in Berlin (West), München und Köln. 1966 erhielt er den österreichischen Staatspreis für Graphik. 1967 bezog er ein großes Atelier in der Mariahilfer Straße in Wien. Ein Jahr später fand im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien seine erste Retrospektive statt.

Rainer sollte 1974 der Kunstpreis der Stadt Wien verliehen werden, da er aber die Teilnahme an der Übergabe-Zeremonie verweigerte, wurde ihm der Preis wieder aberkannt. 1977 nahm er an der documenta 6 teil, ein Jahr später vertrat er Österreich bei der Biennale von Venedig. Im November 1978 erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis „in Würdigung seines Schaffens auf dem Gebiete der bildenden Kunst“. 1980 erwarb Rainer seine Ateliers in Oberösterreich und Bayern. 1981 erhielt er eine Professur an der Akademie der bildenden Künste in Wien und wurde Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Seit 1978 ist er Mitglied des Österreichischen Kunstsenates. 1995 ließ er sich auf eigenen Wunsch emeritieren, nachdem Unbekannte in seinem Atelier in der Akademie mehrere seiner Bilder schwarz übermalten und auf einem das Statement „UND DA BESCHLOSS ER AKTIONIST ZU SEIN“ hinterließen.[1][2][3]

Anlässlich seines 70. Geburtstages organisierte das Stedelijk Museum in Amsterdam und das Kunstforum in Wien eine große Retrospektive. Seit 2002 widmet die Pinakothek der Moderne in München Rainer einen eigenen Raum, in dem einige seiner Werke permanent gezeigt werden. Im darauf folgenden Jahr erhielt Rainer, nach Georg Baselitz und Sigmar Polke, den Rhenus-Kunstpreis für sein Gesamtwerk. 2004 wurde Rainer Ehrendoktor der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und 2006 wurde ihm das Ehrendoktorat der Theologie der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz verliehen, als erster nicht spanischer Künstler erhielt er 2006 den Aragón-Goya Preis für sein Lebenswerk und seine künstlerische Verwandtschaft zu Francisco de Goya.

Im September 2009 wurde in Baden bei Wien das Arnulf Rainer Museum eröffnet.

Den größten Teil des Jahres lebt und arbeitet Arnulf Rainer in Enzenkirchen. Einen Teil eines Bauernhofes hat er zu einem Atelier für seine Arbeit umgebaut. Im Winter arbeitet er auf Teneriffa.

Rainer war Mitglied der Lord Jim Loge.[4]

Werk[Bearbeiten]

Kruzifikation über dem Altar der Petrikirche in Lübeck

Nach anfänglicher Hinwendung zum Surrealismus näherte sich Rainer Tachismus und Informel an. Seit Beginn der 1950er Jahre übermalt er eigene und fremde Bilder sowie Fotos. Hierbei sind besonders Fotoübermalungen von Selbstportraits bekannt geworden, die als Face Farces bezeichnet werden. Seine ersten Übermalungen von fremden Bildern beging er aus Materialmangel. 1958 bis 1963 stellten ihm Sam Francis, Georges Mathieu, Emilio Vedova, Victor Vasarely und viele andere Künstler Arbeiten zum Übermalen zur Verfügung.

Ab Mitte der 70er Jahre wandte er sich einer gestischen Fuß- und Fingermalerei zu. Zur selben Zeit entstanden, inspiriert von anderen Künstlern, zahlreiche Serien von „Kunst über Kunst“: Rainer überarbeitete Fotos nach Gustave Doré, Zanetti, Leonardo da Vinci, Franz Xaver Messerschmidt und anderen. Der Hiroshima-Zyklus, eine Serie von Zeichnungen und Fotos der zerstörten Stadt, wurde ab 1982 in siebzehn europäischen Städten gezeigt. In seinem Spätwerk beschäftigt sich Rainer intensiv mit der Fotografie, zuerst um Vorlagen für seine Überarbeitungen zu haben, später werden sie dann nicht mehr übermalt und sind eigenständige Arbeiten.

Werkauswahl

  • Pimpanelle, Flora-Übermalung (Privatbesitz Dombret)
  • Berg mit Sonne, Übermalung (Privatbesitz Gorka)
  • Ohne Titel, Übermalung (Privatbesitz Gorka)
  • Vertikale, Mischtechnik (Ölkreise, Ölfarbe, Fixationsbesprühung), 73,5 x 105 cm, 1963 (Eigentum der Artothek des Bundes, Dauerleihgabe im Belvedere Wien)
  • O. T., Kruzifikation, Öl auf Holz mit Corpus, 214 x 123 cm, 1980/83 Petrikirche in Lübeck
  • Hirndrei (Privatbesitz Gorka)
  • Projekt Herrenhelm (Privatbesitz Gorka)
  • Bergärschchen (Privatbesitz Dombret)
  • Jugendbildnis van Gogh (Kunstmuseum Walter)
  • Übermalung (Museum Frieder Burda)
  • Platanenkreuz, 1990

Ausstellungen[Bearbeiten]

  • 1997: Kunsthalle Krems
  • 1999: Bank Austria Kunstforum, Wien
  • 2000: Stedelijk Museum, Amsterdam
  • 2003: Museo Correr, Venedig
  • 2004: Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg
  • 2006: Museo de Zaragoza
  • 2006: Museum für angewandte Kunst (MAK), Wien
  • 2007: Deichtorhallen, Hamburg - Arnulf Rainer / Dieter Roth: Misch- und Trennkunst. Gemeinschaftsarbeiten und Einzelwerke, 1968-2005
  • 2007: MAK Center for Art and Architecture, Los Angeles→
  • 2008: Belvedere, Wien
  • 2008: Museum Moderner Kunst Kärnten, Klagenfurt
  • 2009: Musée d'Art Moderne de Saint-Etienne
  • 2009: Kunstlocatie Würth, 's-Hertogenbosch
  • 2009: Galerie Ulysses, Wien
  • 2009: Galerie am Stein, Schärding
  • 2009: "Aller Anfang ist schwer" Arnulf Rainer Museum, Baden bei Wien
  • 2010: Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Innsbruck
  • 2010: Arnulf Rainer. Der Übermaler. Pinakothek der Moderne in der Alten Pinakothek, München
  • 2010: Puppetry (Puppentheater), Galerie Karl Pfefferle, München
  • 2010: "Kreuz - Es ist das Kreuz, das den Sinn ergeben könnte" Arnulf Rainer Museum, Baden bei Wien
  • 2010: "Visages" Arnulf Rainer Museum, Baden bei Wien
  • 2014: Damien Hirst/Arnulf Rainer: Durcheinander/Commotion., Arnulf Rainer Museum, Baden bei Wien[5]
  • 2014/2015: Arnulf Rainer. Retrospektive.[6], Albertina, Wien

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2000; ISBN 3-7757-0853-7
  • Wieland Schmied: GegenwartEwigkeit. Spuren des Transzendenten in der Kunst unserer Zeit, Martin-Gropius-Bau, Berlin 7. April bis 24. Juni 1990, Edition Cantz, Stuttgart 1990; ISBN 3-89322-179-4
  • Carl Aigner (Hrsg.): Arnulf Rainer: Abgrundtiefe – Perspektiefe, Brandstätter, Wien u. a. 1997; ISBN 3-901261-05-2
  • Otto Breicha (Hrsg.): Arnulf Rainer: Hirndrang. Selbstkommentare und andere Texte zu Werk und Person, Verlag Galerie Welz, Salzburg 1980; ISBN 3-85349-076-X
  • Otmar Rychlik (Hrsg.): Raineriana: Aufsätze zum Werk von Arnulf Rainer, Böhlau Verlag, Wien u. a. 1989; ISBN 3-205-05259-5
  • Jutta Schütt: Arnulf Rainer, Überarbeitungen, Reimer Verlag, Berlin, 1994; ISBN 3-496-01123-8
  • Andrea Madesta (Hrsg.): Arnulf Rainer. Museum Moderner Kunst Kärnten, 28.11.2008-15.02.2009, Snoeck Verlag, Köln 2009; ISBN 978-3-936859-20-1
  • Andreas Hoffer (Hrsg.): St. Stephan: Wolfgang Hollegha, Josef Mikl, Markus Prachensky, Arnulf Rainer. Galerie im Schömerhaus Klosterneuburg, Edition Sammlung Essl, Klosterneuburg 2004; ISBN 3-902001-16-X
  • Bayerische Staatsgemäldesammlungen (Hrsg.): Arnulf Rainer. Der Übermaler, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010 H; ISBN 978-3-7757-2747-1
  • Corinna Thierolf (Hrsg.): Arnulf Rainer. Schriften. Selbstzeugnisse und ausgewählte Schriften, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010; ISBN 978-3-7757-2746-4
  • Christina Natlacen: Arnulf Rainer und die Fotografie. Inszenierte Gesichter, ausdrucksstarke Posen, Imhof: Petersberg 2009; ISBN 978-3-86568-227-7
  • Ernst-Gerhard Güse: Arnulf Rainer. Malerei 1980 - 1990. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1990, ISBN 3-7757-0312-8
  • Schenkung Wolfgang Kermer: Bestandskatalog. Hrsg. von der Städtischen Galerie Neunkirchen, Neunkirchen 2011 ISBN 978-3-941715-07-3

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Arnulf Rainer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Kultur & Medien. In: Oberösterreichische Nachrichten. 6. Mai 2009, S. 21.
  2.  Harald Fricke: Kunst im Nebel der Subversion. Viel Spekulationen und Verschwörungstheorien: Lutz Dammbeck begibt sich mit seinem Film "Das Meisterspiel" auf die Fährte gescheiterter Existenzen im zeitgenössischen Kunstbetrieb. In: die tageszeitung. 11. Februar 1999, ISSN 0931-9085, S. 20 („[...] die 27 Gemälde des Wiener Akademieprofessors Arnulf Rainer, die 1994 von Unbekannten in seinem Atelier schwarz übermalt wurden. Am Tatort blieb nur ein Statement zurück: "Und da beschloß er, Aktionist zu sein."“ Anm.: Im Original in Blockbuchstaben und ohne Satzzeichen.).
  3.  Markus Wailand: Moderne von rechts. In: Falter. Nr. 8/99, 24. Februar 1999, ISSN 9004-6544, S. 71.
  4. Programmheft Wirsindwoanders #2. European Art Festival Hamburg 02.-28.10.2007. Abgerufen am 24. April 2013 (PDF; 2,7 MB).
  5. Mitteilung zur Ausstellung, abgerufen am 5. September 2014.
  6. Mitteilung zur Ausstellung, abgerufen am 5. September 2014.