Sexuelle Revolution

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Der Begriff sexuelle Revolution bezeichnet den historischen Wandel der öffentlichen Sexualmoral im Sinne einer Enttabuisierung sexueller Themen, einer zunehmenden Toleranz und Akzeptanz von sexuellen Bedürfnissen der Geschlechter sowie ihrer sexuellen Orientierungen, unabhängig von einer institutionell oder religiös legitimierten Form. Er bezieht sich auf Bewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts .

Geschichtliches: Einflüsse aus Philosophie, Literatur, Medizin und Psychologie[Bearbeiten]

Charles Fourier[Bearbeiten]

Frühe Gedanken zur Schaffung neuer Organisationsformen des Zusammenlebens stammen von dem Frühsozialisten Charles Fourier (1772–1837). Er schloss die Freie Liebe ausdrücklich in seine Utopie einer gemeinschaftlichen Lebens- und Arbeitsform ein. Die „sexuelle Revolution“ der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts berief sich zwar nicht explizit auf Fourier, entdeckte den Projekteur der Phalanstères v.a. innerhalb der Kommunebewegung dennoch als einen ihrer Vorläufer.[1]

Romane[Bearbeiten]

Gustave Flaubert veröffentlichte 1856/57 den Roman Madame Bovary. Flaubert wurde von der Zensurbehörde wegen „Verstoßes gegen die guten Sitten“ angeklagt; unter anderem wurde ihm „Verherrlichung des Ehebruchs“ vorgeworfen. In einem Prozess wurde er freigesprochen. 1857 erschien die vollständige Romanausgabe in Buchform.[2]

Leo Tolstoi schrieb in den 1870er Jahren den Roman Anna Karenina. Er handelt von Ehe und Moral in der adligen russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die verheiratete Anna hat eine Liebesaffäre mit dem Grafen Wronskij; diese führt zum Bruch der Ehe. Am Ende begeht Anna Suizid.

Theodor Fontane veröffentlichte Mitte der 1890er Jahre den Roman Effi Briest. Effi heiratet als siebzehnjähriges Mädchen auf Zureden ihrer Mutter den mehr als doppelt so alten Baron von Innstetten. Dieser behandelt Effi wie ein Kind und vernachlässigt sie. Vereinsamt in dieser Ehe, geht Effi eine flüchtige Liebschaft mit einem Offizier ein. Innstetten entdeckt Jahre später Liebesbriefe und ist außerstande, Effi zu verzeihen. Zwanghaft einem überholten Ehrenkodex verhaftet, tötet er in einem Duell den verflossenen Liebhaber und lässt sich scheiden. Effi ist fortan gesellschaftlich geächtet. Sogar ihre Eltern verstoßen sie; erst drei Jahre später nehmen sie die inzwischen todkranke Effi wieder auf.

Sigmund Freud versus Otto Gross[Bearbeiten]

Sigmund Freud (er gilt als einer der Väter der Psychoanalyse) schuf um 1900 das Modell der psychosexuellen Entwicklung im Kindesalter. Die Psychoanalyse trug dazu bei, dass das Thema Sexualität ent-tabuisiert wurde und ein Gegenstand von Wissenschaft und Forschung wurde. Freud sah in der Unterdrückung der Sexualität den wichtigsten pathogenen Faktor für neurotische Entwicklungen. Freud sprach sich (anders als sein Schüler Otto Gross) nicht für eine schrankenlose Entfaltung der Sexualität aus, sondern für eine ggfs. situationsabhängige (nicht-pathogene) Hemmung (Sublimierung). Den Ursprung kultureller und sozialer Errungenschaften sah er in sublimierter Sexualität.[3]

Sigmund Freud versus Wilhelm Reich[Bearbeiten]

Der Ausdruck sexuelle Revolution – und dessen Kernbedeutung – geht auf Wilhelm Reichs 1945 veröffentlichtes Werk The Sexual Revolution (deutsch 1966, erstmals jedoch 1936 unter dem Titel Die Sexualität im Kulturkampf) zurück. Reich kritisiert darin die aus seiner Sicht bigotte und verlogene Sexualmoral seiner Zeit. Nach Reichs Auffassung bringen Doppelmoral und Unterdrückung der vitalen sexuellen Triebe Persönlichkeitsdeformationen mit sich und führen so zu Frustration und Aggression. Diese werden jedoch verdrängt und hätten die Tendenz, sich ein Ventil in der Lust an Herrschaft und Unterwerfung zu schaffen.

Des Weiteren lähme die Unterdrückung der Sexualität die kreativen Potenziale der einzelnen Personen und stütze so ein kapitalistisches System, in dem die Einzelnen strukturbedingt ihrer Unterdrückung nichts oder wenig entgegensetzen könnten.

Nach Reichs Auffassung brächte eine Befreiung der Sexualität eine friedliche Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen mit sich: Menschen, die in befriedigenden Zusammenhängen lebten, ließen sich nicht oder nur schwer in Herrschaftsstrukturen einbinden oder für gewaltsame Aktionen mobilisieren.[4]

Die Kinsey-Reports[Bearbeiten]

Einen wichtigen Einfluss im Vorfeld der sexuellen Revolution – insbesondere im Hinblick auf die Enttabuisierung sexueller Themen – stellten die beiden Bücher des US-Zoologen und -Sexualforschers Alfred Kinsey dar: Das sexuelle Verhalten des Mannes (1955, engl. orig. 1948) und Das sexuelle Verhalten der Frau (1954, engl. orig. 1953). Seine Forschungsergebnisse sorgten für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Herbert Marcuse[Bearbeiten]

Während Wilhelm Reich 1957 bereits gestorben war und somit die weitere Entwicklung nicht mehr erlebte, konnte Herbert Marcuse (1898–1979), der eine Zeit lang zur kritischen Theorie um Adorno und Horkheimer gezählt wurde, noch persönlich Einfluss auf die Vorgänge der sexuellen Revolution nehmen. Sein Buch Triebstruktur und Gesellschaft (1957) erstmals als Eros and Civilization. A Philosophical Inquiry into Freud 1955 auf Englisch erschienen war, errang nun mit einem Jahrzehnt Verzögerung großen Einfluss, vor allem aber seine spätere These von der repressiven Entsublimierung, die er in seinem Buch Der eindimensionale Mensch entwickelte.[5]

Die „Pille“[Bearbeiten]

Ein wesentlicher Faktor in der praktischen Umsetzung des weltanschaulichen Wandels war der pharmakologische Durchbruch auf dem Gebiet der Kontrazeptiva durch die Entwicklung der Antibabypille, umgangssprachlich „die Pille” genannt. Diese kam 1960 in den USA und 1961 in Westdeutschland auf den Markt. Erstmals konnten durch hormonelle Empfängnisverhütung mit hoher Reliabilität die Faktoren Sexualität – präziser: vollzogener Geschlechtsverkehr in heterosexuellen Begegnungen – und Empfängnis voneinander getrennt werden. Dieser Umstand, so wird angenommen, hatte für beide Geschlechter gleichermaßen Konsequenzen: So konnte sich bei vielen Frauen im gebärfähigen Alter ein in dieser Hinsicht angstfreieres sexuelles Verhalten entwickeln, und bei Männern analog die Angst vor ungewollten Verbindlichkeiten und finanziellen Verpflichtungen reduzieren.

Die „sexuelle Revolution“ im Rahmen der Studentenbewegung von „1968“[Bearbeiten]

Forderungen nach sexuellen Freiheiten stießen in weiten Teilen der 68er-Bewegung auf großes Interesse und Experimentierfreude: Einerseits wollte man sich von der „bigotten Prüderie“ der 1950er-Jahre befreien, andererseits war die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung durch sexuelle Befreiung vorhanden. Hinzu kam die Furcht vor der Kontinuität autoritärer Strukturen, wie sie Wilhelm Reich in Massenpsychologie des Faschismus (1933), Erich Fromm in Escape from Freedom (1941) und Theodor W. Adorno et al. in The Authoritarian Personality (1950) thematisiert hatten.

Dazu trug auch die Auseinandersetzung der 68er mit der Zeit des Nationalsozialismus bei: Durch die Unterdrückung von vitalen Trieben sahen viele 68er den Menschen in seiner Persönlichkeit deformiert. Dies galt als Ursache für die Bereitschaft, anderen Menschen so Entsetzliches anzutun wie im sogenannten Dritten Reich geschehen.

Die neuen sexuellen Freiheiten – zusätzlich befördert durch die zeitgleiche Marktreife der Antibabypille – wurden häufig vehement und mit viel Rückhalt in kirchlich-konservativen Kreisen bekämpft, führten aber gesellschaftlich sehr viel weiter als andere politische Forderungen der 68er-Bewegung (Flower-Power-Bewegung). Insbesondere nötigten sie in der Bundesrepublik Deutschland die Kultusministerkonferenz zu der Verabschiedung der "Empfehlungen zur Sexualerziehung in den Schulen", die den Lehrerinnen und Lehrern ein höheres Maß an Rechtssicherheit bei der Vermittlung von sexuellen Themen geben sollten. Aus der 68er-Bewegung rekrutierten sich auch die ersten Vertreter der zweiten deutschen Schwulenbewegung, innerhalb derer – in Westdeutschland anders als in anderen westlichen Ländern – gerade der Widerspruch zwischen politisch-allgemeinen und persönlich-individuellen Freiheiten zu großen Meinungsverschiedenheiten führte, die im so genannten Tuntenstreit kulminierten.

Aus den Reihen feministischer Aktivistinnen wurden unterschiedliche Stimmen laut. Militante Feministinnen deklarierten die sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau als wesentlichen Faktor in der Unterdrückung der Frau und sahen die Penetration, also das Eindringen des Penis in die Vagina der Frau, als deren symbolhaften Ausdruck. Dementsprechend wurde ein radikaler männerloser Lebensstil propagiert, in dem lesbische Liebesbeziehungen im Ideal der Gleichberechtigung vorherrschten.

Folgen und Kritik[Bearbeiten]

Die Sexwelle in den 1970er Jahren[Bearbeiten]

Die sexualwissenschaftlich und links-libertär propagierte Befreiung der sexuellen Bedürfnisse war mit der Erwartung verbunden, dadurch Mensch und Gesellschaft umfassend und grundlegend verändern zu können. Jedoch folgte über die Liberalisierung der diesbezüglichen Gesetze zwischen Mitte der 1960er und Mitte der 1970er Jahre die sogenannte „Sexwelle“ in den Medien. Diese wurde von den Befürwortern der sexuellen Revolution kritisiert, insofern sie die unbefreite Sexualität lediglich vermarkte und das ursprüngliche Ziel, die „charakterliche Selbststeuerung des Menschen“ im Sinne Reichs, völlig aus den Augen verliere. Annette Miersch kam in ihrer Untersuchung des Schulmädchen-Reports[6] zu dem Ergebnis: „Eine sexuelle Revolution im gesellschaftstheoretischen Sinne ihrer geistigen ,Großväter‘ hat in der BRD nicht stattgefunden – weder damals noch irgendwann später. Stattdessen wurde unter gleichem Namen ein Medienhype entfesselt.“[7] Allerdings kam es seit den späten 1960er Jahren bei einer Minderheit zur Etablierung alternativer Lebensformen, bei denen auch neue Weisen des sexuellen Miteinanders erprobt wurden.

Folgen für die Prostitution[Bearbeiten]

Das im Zusammenhang mit der sexuellen Revolution gewachsene Angebot an kostenlosem und unverbindlichem Sex führte zu einem dramatischen Rückgang der Zahl der Prostituierten und einem starken Preisverfall ihrer Dienste. Anfang des 20. Jahrhunderts bot laut einer Erhebung des Department of Justice jede fünfzigste Frau in den USA zwischen 20 und 30 Jahren sexuelle Dienste für Geld an. Eine in einem Bordell tätige Prostituierte konnte auf ein Jahreseinkommen von in heutigen Geldwert umgerechnet 76.000 US-Dollar pro Jahr kommen. Um 2009 verdiente eine Straßenprostituierte in Chicago durchschnittlich etwa 18.000 US-Dollar.[8]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Günter Amendt: Zur sexualpolitischen Entwicklung nach der antiautoritären Schüler- und Studen-tenbewegung. In: Hans-Jochen Gamm/Friedrich Koch (Hrsg.):Bilanz der Sexualpädagogik. Frankfurt und New York 1977, Seite 17-38.
  • Ulrike Heider: Vögeln ist schön. Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt, Rotbuch Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-86789-196-7
  • Annette Miersch: Schulmädchen-Report. Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre. Bertz + Fischer, Berlin 2003.
  • Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution. 1936 (Neuauflage 1966).
  • Wilhelm Reich: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. 1932 (erweiterte und revidierte Auflage 1972).
  • Wilhelm Reich: Der sexuelle Kampf der Jugend. 1932.
  • Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus. 1927 (psychoanalytisches Fachbuch, erweiterte und revidierte Auflage unter dem Titel Genitalität 1982).
  • Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus. 1969 (wissenschaftliche Autobiographie, zuerst englisch 1942).
  • Reimut Reiche: Sexualität und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung. Berlin 1968.
  • Shulamith Firestone: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. 1970.
  • Friedrich Koch: Sexualität und Erziehung. Zwischen Tabu, repressiver Entsublimierung und Emanzipation. In: Jahrbuch für Pädagogik 2008:1968 und die neue Restauration. Frankfurt/M. 2009, Seite 117 ff.
  • Gay Talese: Du sollst begehren – Auf den Spuren der sexuellen Revolution. Berlin 2007 (engl. Orig. 1980)
  • Dagmar Herzog: Die Politisierung der Lust. Berlin 2005
  • Barbara Eder/Felix Wemheuer (Hg.): Die Linke und der Sex. Klassische Texte zum wichtigsten Thema, Promedia Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-85371-327-3
  • Volkmar Sigusch: Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit. Frankfurt/M. und New York, Campus-Verlag 2011, ISBN 978-3-593-39430-5
  • Karla Verlinden: "Sexualität und Beziehungen bei den »68ern«. Erinnerungen ehemaliger Protagonisten und Protagonistinnen". Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-2974-3

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Charles Fourier: Aus der Neuen Liebeswelt. Texte, ausgewählt und eingeleitet von Daniel Guérin, Westberlin: Klaus Wagenbach 1977
  2. www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de (PDF-Datei; 27 kB)
  3. Vgl. Kap. Sigmund Freud in: Bernd A. Laska: Otto Gross zwischen Max Stirner und Wilhelm Reich. Aus: Raimund Dehmlow, Gottfried Heuer (Hrsg.): 3. Internationaler Otto-Gross-Kongress, Ludwig-Maximilians-Universität, München. LiteraturWissenschaft.de, Marburg 2003, S. 125–162.
  4. Bernd A. Laska: Sigmund Freud contra Wilhelm Reich Auszug aus Bernd A. Laska: Wilhelm Reich, in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek: Rowohlt 1981 (6. Aufl. 2008), mit Ergänzungen}
  5. Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch, Neuwied: Verlag Hermann Luchterhand 1967 (engl. orig. 1964), S. 76–102
  6. Annette Miersch: Schulmädchen-Report. Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre. Bertz, Berlin 2003.
  7. Annette Miersch: Schulmädchen-Report. Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre. Bertz, Berlin 2003, S. 205.
  8. Steven Levitt, Stephen J. Dubner: Superfreakonomics. Harper Collins, New York 2009.