Friedrich Mauz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Friedrich Robert Mauz (* 1. Mai 1900 in Esslingen; † 7. Juli 1979 in Münster)[1] war ein deutscher Psychiater und Neurologe, zur Zeit des Nationalsozialismus T4-Gutachter sowie Professor für Psychiatrie und Neurologie an mehreren Universitäten.

Leben[Bearbeiten]

Mauz, Sohn eines Arztes, studierte an der Universität Tübingen Medizin.[2] Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er dem Tübinger Studentenbataillon an.[3] An der Psychiatrischen Universitätsklinik Tübingen legte er seinen Schwerpunkt auf eine psychiatrische Ausbildung bei Robert Gaupp. Zwischen 1922 und 1923 war er dort wissenschaftliche Hilfskraft und danach bis 1926 Assistenzarzt.[2] In seinem ersten wissenschaftlichen Beitrag befasste er sich mit dem Thema: Über Schizophrene mit pyknischem Körperbau: Ein Beitrag zur klinischen Diagnostik und Prognostik, der 1923 in der Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie erschien. Mit diesem Thema promovierte er an der Universität Tübingen 1926 auch zum Dr. med.. Mauz folgte 1926 seinem Mentor Ernst Kretschmer an die Universitätsnervenklinik nach Marburg, wo er ab 1927 als Oberarzt tätig war. Seine Habilitation erfolgte 1928 mit der Schrift Die Prognostik der endogenen Psychosen, einer Erweiterung der Konstitutionslehre, die 1930 publiziert wurde.[4].

Mauz gehört zu den wenigen deutschen Psychiatern, die sich bereits in den 1920er Jahren mit der Psychotherapie Schizophrener auseinander setzten. Er knüpfte dabei an die Konzeption Eugen Bleulers an, wie sie von Robert Gaupp und Ernst Kretschmer in Tübingen rezipiert wurde. In seiner Habilitation argumentierte Mauz, dass bei milde verlaufenden Schizophrenien psychotherapeutisch eingegriffen werden könne und bestimmte schizophrene Defekte nach einem akuten Schub nicht zuletzt „durch aktives psychotherapeutisches Vorgehen“ kompensiert werden könnten. Mauz beschäftigte sich zunächst allerdings nicht weiter mit der Psychotherapie Schizophrener. Er griff dieses Thema erst 1948 wieder auf, stieß dabei aber auf Ablehnung durch seine Fachkollegen.[5]

Ab 1928 lehrte er als Privatdozent an der Universität Marburg.[6]

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Mauz unterzeichnete das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler im November 1933, noch bevor er 1934 an der Universität Marburg zum außerplanmäßigen Professor berufen wurde. Zudem wurde er Richter am Erbgesundheitsobergericht in Kassel. Mauz, der bereits 1934 der SA als Scharführer angehörte, trat 1937 der NSDAP bei. Des Weiteren gehörte er dem NS-Lehrerbund (NSLB), dem Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund (NSDÄB) und dem Nationalsozialistischen Kulturbund an.[6] Vertretungsweise lehrte Mauz 1936 an der Universität Gießen und ab dem Wintersemester 1937/1938 an der Universität Kiel. Dort soll Mauz jedoch nicht als ordentlicher Professor übernommen worden sein, da man an seiner nationalsozialistischen Einstellung zweifelte. Hintergrund waren Erkenntnisse, dass der Pate seines Sohnes Halbjude und Sozialdemokrat war. Auch fachliche Gesichtspunkte spielten möglicherweise eine Rolle, da er die psychotherapeutische Behandlung bei Psychosen vertrat. Mauz kehrte schließlich 1938 an die Universitätsklinik Marburg zurück.[7]

Mauz wechselte 1939 als Direktor und außerordentlicher Professor an die Universitätsnervenklinik Königsberg wo er bis 1945 blieb. Ab 1941 war er an der Universität Königsberg ordentlicher Professor und während des Zweiten Weltkrieges Oberfeldarzt und Militärpsychiater des Wehrkreises I in Königsberg.[6] Vom 2. September 1940 bis wahrscheinlich zum 29. Januar 1941 war Mauz externer Gutachter der Aktion T4 und arbeitete an einem Euthanasiegesetz („Gesetz über Sterbehilfe bei unheilbar Kranken“) mit. Dieses Gesetz wurde im Oktober 1940 verabschiedet, erlangte aber keine Rechtsgültigkeit.[8]

Nach Kriegsende[Bearbeiten]

Bald nach Kriegsende wurde Mauz Direktor des Psychiatrischen Krankenhauses Ochsenzoll in Hamburg-Langenhorn.[9] In einem Vermerk der Gesundheitsbehörde hieß es: „Seine Einstellung in Hamburg bedeutet für uns wissenschaftlich und auch ärztlich einen großen Gewinn“.[10] Eine kritische Aufarbeitung der Geschichte dieser tief in das nationalsozialistische „Euthanasie“-Programm verstrickte Anstalt war von diesem Mann indes nicht zu erwarten.

Gegen Mauz wurde wegen seiner T4-Gutachtertätigkeit ermittelt, das Verfahren wurde aber am 24. Mai 1951 eingestellt. Mauz behauptete, die ihm zugesandten Meldebögen nicht bearbeitet und auch nicht an die Aktion-T4-Zentrale zurückgeschickt zu haben. Zumindest habe er in keinem Fall bei einem Patienten eine Euthanasieempfehlung ausgesprochen.[11] Mauz, der auch an einem Gutachtertreffen im Rahmen der Aktion T4 in Berlin teilgenommen hatte, sagte am 10. August 1960 vor der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main Folgendes aus:

„Dies war für mich der Anlaß […] Maßnahmen des damaligen Regimes, denen man gegenübergestellt wurde, nicht auszuweichen, sondern zu retten, was zu retten ist […] Nachdem ich nun wusste, was gespielt wurde, habe ich mich sofort nach meiner Rückkehr nach Königsberg intensiv dafür eingesetzt, der Aktion T4 entgegenzuwirken.“[12]

Tatsächlich war Mauz nach einem Gutachten der DGPPN jedenfalls in 25 Fällen als Gutachter direkt an der Tötung von Patienten beteiligt. Die Kommission unter Leitung von Volker Roelcke fand auch keine Hinweise darauf, dass Mauz – wie von ihm behauptet – nur widerstrebend mitarbeitete oder gar Verfahren verschleppte.[13]

Von 1953 bis zu seiner Emeritierung 1968 war Mauz Direktor der Universitätsnervenklinik in Münster und Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Er gestaltete die Klinik im Sinne seiner psychotherapeutischen Vorstellungen um. Mechanische Fixierungsmittel waren verboten, während Methoden wie Hypnose und Traumanalyse Anwendung fanden. Mauz stand den körperlichen Behandlungsmethoden wie Elektrokrampftherapie oder Insulinschocktherapie skeptisch gegenüber und warnte, die Einführung der Psychopharmaka könnten die psychotherapeutischen Ansätze zunichtemachen.[14]

Er war 1956 Mitglied im Ärztlichen Sachverständigenrat für Fragen der Kriegsopferversorgung des Bundesarbeitsministeriums.[6] Ab 1956 gehörte Mauz der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina an.[15] Die 1972 verliehene Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde, deren Präsident er 1957/58 gewesen war, wurde ihm 2011 offiziell wieder aberkannt.[3]

Mauz war Vater dreier Kinder, einem Sohn und zwei Töchtern. Sein Sohn Gerhard Mauz (1925–2003) war Gerichtsreporter bei der Zeitschrift Der Spiegel.[16]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Psychiatrische Schriften - Münster/Westfalen: Universitätsklinik für Psychiatrie, 1985, Nachdruck
  • Der Mensch unserer Zeit in ärztlicher Sicht - Köln: Dt. Ärzte-Verlag, 1956
  • Die Veranlagung zu Krampfanfällen - Leipzig: G. Thieme, 1937
  • Die Prognostik der endogenen Psychosen - Leipzig: G. Thieme, 1930
  • Über Schizophrene mit pyknischem Körperbau - Berlin: Springer, 1923

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-596-16048-0.
  • Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“; Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1983, ISBN 3-10-039303-1.
  • Ernst Klee: Was sie taten – Was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord . 12. Auflage, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-596-24364-5.
  • G. W. Schimmelpenning: Psychotherapie bei Schizophrenen in der deutschen Nachkriegszeit. In: Medizinhistorisches Journal 22 (1987), S. 369–381.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jürgen Peiffer: Hirnforschung in Deutschland 1849 bis 1974. Briefe zur Entwicklung von Psychiatrie und Neurowissenschaften sowie zum Einfluss des politischen Umfeldes auf Wissenschaftler, Springer, Berlin 2004, ISBN 3540406905, S. 1097
  2. a b Marion Grimm: Alfred Storch (1888-1962): Daseinsanalyse und anthroposophische Psychiatrie, Gießen 2004, Dissertation, S. 106 (pdf; 1,9 MB)
  3. a b Beschluss zur Aberkennung der Ehrenmitgliedschaften vom 24. November 2011 (PDF) auf den Webseiten der DGPPN, hier S. 1 f. und 4–6.
  4. Heinz Schott und Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen, München 2006, S. 535f.
  5. Schimmelpenning, Psychotherapie bei Schizophrenen, S. 372–376, zit. 375.
  6. a b c d Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945., Frankfurt am Main 2007, S. 396
  7. Hanns Hippius: Universitätskolloquien zur Schizophrenie, Steinkopff-Verlag, Darmstadt 2004, Band 2, ISBN 3-7985-1486-0, S. 195
  8. Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“; Frankfurt am Main, 1983, S. 227f., 241f.
  9. Hanns Hippius: Universitätskolloquien zur Schizophrenie, Steinkopff-Verlag, Darmstadt 2004, Band 2, ISBN 3-7985-1486-0, S. 195
  10. Peter von Rönn: Die Entwicklung der Anstalt Langenhorn... In: Klaus Böhme, Uwe Lohalm (Hrsg.): Wege in den Tod. Hamburg 1993, S. 118
  11. Ernst Klee: Was sie taten – Was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord , Frankfurt am Main 2004, S. 169
  12. Friedrich Mauz während einer Aussage vor der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main am 10. August 1960. Zitiert bei: Ernst Klee: Was sie taten – Was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord , Frankfurt am Main 2004, S. 169, 321 (Anmerkung 113)
  13. Michael Billig: Ex-Chefarzt Gehilfe beim Massenmord, in: Münstersche Zeitung vom 20. Dezember 2011, 1. Lokalseite
  14. Schimmelpenning, Psychotherapie bei Schizophrenen, S. 378–380.
  15. Mitgliedseintrag von Friedrich Mauz bei der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  16. Gisela Friedrichsen: Gerhard Mauz – 1925 bis 2003, in Der Spiegel, Ausgabe 34 vom 18. August 2003, S. 152.