Kombinat Mikroelektronik Erfurt

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Skulptur „Hand mit Chip“ vor dem Eingang des „Funkwerks“, Stammwerk des Kombinat Mikroelektronik Erfurt
Halbleiterproduktion
Mitglieder einer Fachgruppe des Neuen Forums besuchen Produktionsstätten in Erfurt 1989
Die Kleincomputerreihe KC85/2-4) wurde im Kombinat vom VEB Mikroelektronik „Wilhelm Pieck“ Mühlhausen als Konsumgut hergestellt.
Taschenrechner „Konkret 100“: Produziert im Kombinat Mikroelektronik Erfurt.
Lerncomputer LC80

Der VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt (KME) war ein Kombinat Volkseigener Betriebe in der DDR, das 1978 nach Auflösung der VVB Bauelemente und Vakuumtechnik (BuV) gegründet wurde. Stammbetrieb des Kombinats war das Funkwerk Erfurt (FWE), das 1983 in VEB Mikroelektronik „Karl Marx“ (MME) umbenannt wurde. Die Gründung des Kombinats war ein Resultat des am 23./24. Juni 1977 vom ZK der SED gefassten Beschlusses „Zur weiteren Verwirklichung der Beschlüsse des IX. Parteitages der SED auf dem Gebiet der Elektrotechnik und Elektronik“.

Das Kombinat Mikroelektronik Erfurt bildete zusammen mit dem VEB Kombinat Robotron Dresden und dem Kombinat VEB Carl Zeiss Jena die industrielle Basis des Hochtechnologieprogramms der DDR im Bereich Elektronik.

Der erste Generaldirektor Heinz Wedler leitete das Kombinat bis zu dessen Auflösung nach der Wende in der DDR. Das Stammwerk des Kombinates wurde 1990 zur ERMIC GmbH, der Rest des Kombinates wurde in eine Treuhand-Holding (PTC-electronic-AG) überführt. Diese sollte die Privatisierung bzw. Abwicklung der einzelnen Kombinatsbetriebe realisieren. Einige erfolgreiche Unternehmensausgründungen aus dieser Zeit existieren noch heute. So wurde 1992 die Thesys Gesellschaft für Mikroelektronik mbH mit ca. 500 Mitarbeitern gegründet, welche sich hauptsächlich auf die Produktion von ASICs konzentrierte. Im selben Jahr wurde auch die X-FAB Gesellschaft zur Fertigung von Wafern mbH als ein Teil der Firma Melexis N.V. gegründet, die sich mit ca. 150 Mitarbeitern auf die Produktion von diversen CMOS-basierten integrierten Schaltungen spezialisierte. 1999 wurde Thesys durch die belgische Holding-Gesellschaft ELEX N.V., zu der auch die Melexis-Gruppe und damit auch die X-FAB gehört, übernommen und unter neuem Namen X-FAB Semiconductor Foundries GmbH zusammengeführt.

Bedeutung[Bearbeiten]

Der Schwerpunkt des Kombinats Mikroelektronik Erfurt lag innerhalb des Technologieprogrammes vor allem in der Halbleiterfertigung. Im Rahmen des RGW war das Kombinat somit auch führend an der Entwicklung/Produktion von Mikroprozessoren, Einchip-Mikrorechnern und komplexen Speicherschaltkreisen beteiligt. Im Kombinat waren zuletzt 60.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Zur industriellen Halbleiterfertigung entstanden drei moderne Chipfabriken (Geodaten50.95021388888911.08535) am Standort Erfurt:

  • ESO I: Baubeginn 1981, Fertigstellung 1984
  • ESO II: Fertigstellung 1988
  • Die Inbetriebnahme von ESO III fiel 1989/1990 in die Wendezeit der DDR

Das Werk ESO III war für die Massenproduktion von Schaltkreisen mit Strukturbreiten von 1–1,2 µm vorgesehen: Technologieniveau 5 (VLSI), 32-Bit-Prozessor (U80701), 1-Mbit- bis 4-Mbit-DRAM („Megabitchips“). Die Waferproduktion von ESO III wurde im Jahr 1990 bereits „unter der Treuhand“ und somit während der beginnenden Auflösung des Kombinates aufgenommen.

Durch den westlichen CoCom-Technologieboykott waren die Mitglieder des RGW vom Markt für westliche Hochtechnologie abgeschnitten und somit gezwungen, alle modernen Technologien vollständig innerhalb der eigenen Volkswirtschaften zu entwickeln. Obwohl in der DDR das Embargo teilweise umgangen werden konnte und dem Bereich Mikroelektronik ab Ende der siebziger Jahre überdurchschnittliche finanzielle, personelle und materielle Mittel zugeführt wurden, war es der DDR-Volkswirtschaft mit dem Kombinat Mikroelektronik Erfurt letztlich nicht möglich, den Entwicklungsabstand zu den weltweit führenden Halbleiterherstellern von durchschnittlich ein bis zwei Bauteilgenerationen aufzuheben.

Am Standort Erfurt wurde 1977 der erste Mikroprozessor (U808, entsprach Intel 8008) der DDR entwickelt. Hier wurden die meisten CPUs der DDR produziert. So wurde auch die in der DDR sehr verbreitete 8-Bit-CPU U880 (unlizenzierter Zilog-Z80-Nachbau, beispielsweise im PC 1715 oder in den Kleincomputern KC 85/2-4) ab 1980 in Erfurt hergestellt.

1985 begann man, den Zilog Z8000 unter der Bezeichnung MME U8000 nachzuentwickeln. Diese 16Bit-CPU wurde beispielsweise im P8000 vom VEB Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow verbaut. In den 16-Bit-PCs von Robotron, A 7150 und EC 1834, wurden hingegen sowjetische CPUs К1810ВМ86 (Intel 8086) eingesetzt.

1986 begann die Entwicklung des Intel-80286-Nachbaus U80601, der 1989 in die Produktion ging und im EC 1835 zum Einsatz kommen sollte.

Die im August 1989 als Funktionsmuster präsentierte und für die Massenproduktion in Erfurt vorgesehene 32-Bit-CPU U80701 (für den MicroVAX-II-Nachbau RVS K 1820) wurde jedoch nach dem Ende der DDR nicht mehr in die Produktion im neuesten Werk ESO III überführt.

Liste der VEB des Kombinats[Bearbeiten]

Kombinatsadresse: 5010 Erfurt, Juri-Gagarin-Ring 154 (Geodaten50.98384166666711.031708333333)

  • VEB Mikroelektronik „Karl-Marx“ Erfurt (Rudolfstraße 47), Stammwerk (MME), früher Funkwerk Erfurt (FWE)
entwickelte und produzierte unipolare Schaltkreise
entwickelte und produzierte bipolare und unipolare Schaltkreise sowie mit dem BSS 01 die einzige Spielekonsole der DDR
  • VEB Mikroelektronik „Anna Seghers“ Neuhaus am Rennweg (Thomas-Mann-Straße 2), früher Röhrenwerk Neuhaus am Rennweg (RWN)
entwickelte und produzierte Transistoren
Import Sonderbauelemente, Applikationen, Bauelementestrategie
entwickelte und produzierte Schaltkreise auf Basis GateArray- und Standardzellentechnologie sowie technologische Spezialausrüstungen
Hersteller von Röntgenröhren
  • VEB Mikroelektronik „Karl Liebknecht“ Stahnsdorf (Ruhlsdorfer Weg)
entwickelte und produzierte Leistungselektronik
  • VEB Mikroelektronik „Robert Harnau“ Großräschen (Karl-Liebknecht-Straße 1), früher Gleichrichterwerk Großräschen
entwickelte und produzierte Dioden
entwickelte und produzierte optoelektronische Bauelemente
  • VEB Mikroelektronik „Wilhelm Pieck“ Mühlhausen (Eisenacher Straße 40)
produzierte Taschenrechner, darunter den Schultaschenrechner SR1 und die Kleincomputer KC 85/2-4, außerdem Halbleiterdioden und Reed-Kontakte.
  • VEB Uhrenwerke Ruhla, einschließlich Festkörperschaltkreis-Produktion und Maschinenfabrik (heute MAHO)
  • VEB Uhrenwerk Glashütte
  • VEB Uhrenwerk Weimar
  • VEB Plastverarbeitung Eisenach
diese bildeten den „Leitbereich Uhren“
Hersteller von Gehäusen für Transistoren, Dioden und Schaltkreise
Hersteller von Produktionsanlagen für Bauelemente der Elektronik
1986 in das Kombinat Carl Zeiss Jena eingegliedert.
  • VEB Hochvakuum Dresden
dieser Betrieb war auf Beschichtungs- und Bedampfungsanlagen spezialisiert
1986 in das Kombinat Carl Zeiss Jena eingegliedert.
Hersteller von Einkristallen für die Mikroelektronik

Literatur[Bearbeiten]

  •  Peter Salomon: Die Geschichte der Mikroelektronik-Halbleiterindustrie in der DDR. Funk-Verlag Hein, Dessau 2003, ISBN 3-936124-31-0.
  •  Friedrich Naumann, Gabriele Schade (Hrsg.): Informatik in der DDR – eine Bilanz. Gesellschaft für Informatik, Bonn 2006, ISBN 978-3-88579-420-2.
  •  Reinhardt Balzk, Jürgen Leibiger (Hrsg.): Industriegeschichte der Stadt Dresden 1945–1990: Beiträge zum 800. Stadtjubiläum. GNN-Verlag, Schkeuditz 2007, ISBN 978-3-89819-257-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kombinat Mikroelektronik Erfurt – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

50.97937511.036702777778Koordinaten: 50° 58′ 45,8″ N, 11° 2′ 12,1″ O