Hadschi Bektasch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hadschi Bektasch Wali (osmanisch/persisch ‏حاجی بکتاش ولیḤādschī Baktāsch Walī, türkische Schreibweise: Hacı Bektaş Veli) war ein muslimischer Mystiker (Sufi) aus Chorasan, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Anatolien lebte und wirkte. Wali oder Veli ist nicht Teil des Eigennamens, sondern ein islamischer Ehrentitel mit der Bedeutung „Freund (Allahs)“. Nach ihm ist die Bektaschi-Tariqa (Bektaschi-Derwisch-Orden) benannt, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von ihm selbst gegründet wurde.

Über sein Leben ist nicht viel bekannt. Es gilt zwar als gesichert, dass eine Person mit diesem Namen existiert hat und bedeutenden Einfluss auf die Bevölkerung Anatoliens hatte. Alles weitere fällt jedoch größtenteils in den Bereich der Legende. Das Mausoleum von Hadschi Bektaschi Veli befindet sich in Hacibektas in der Türkei und ist ein Wallfahrtsort für Aleviten.

Die Hauptquelle für das Leben Hadschi Bektaschs ist die Walāyat-Nāma des türkischen Gelehrten Uzun Firdewsi[1] aus dem späten 15. Jahrhundert.

Das Üçler Çeşmesi im Hadschi-Bektasch-Wali-Mausoleum

Herkunft[Bearbeiten]

Hadschi Bektasch wurde in Nischapur im Westen Chorasans (heute Iran) geboren. Nach der Walāyat-Nāma war er der Sohn eines gewissen Sayyid Muhammad bin Musā und, so wird behauptet, ein Urenkel des Imam Mūsā al-Kāẓim, des 7. Imams der Imamiten. Jedoch ist das ein ganz offensichtlicher Fehler des Autors, denn seine Angabe ist, zeitlich betrachtet, unmöglich. Ebenfalls ist es durch andere Quellen nicht nachweisbar, ob er tatsächlich aus Nischapur stammte. Die Bezeichnung „Khorasan erenleri“ (türk. „die Heiligen Chorasans“) war bei den turkmenischen Nomaden Anatoliens ein allgemeiner Ehrentitel für viele Mystiker und religiöse Gelehrten, denn das ostpersische Chorasan war damals ein Zentrum der islamischen Blütezeit. Anders betrachtet ist die Bezeichnung aber auch gleichzeitig ein Indiz dafür, dass Hadschi Baktāsch wohl tatsächlich aus Chorasan stammte. Laut der Encyclopædia Iranica ist es sehr wahrscheinlich, dass Hadschi Bektasch vor der mongolischen Invasion nach Westen in das Reich der Rum-Seldschuken, welches sich zu einer Fluchtstätte für iranische Gelehrten und Heilige entwickelt hatte, geflohen ist und deshalb iranischer Abstammung war.[2] (siehe auch: Rumi, Attar)

Der Legende nach war er zum Zeitpunkt seiner Flucht nach Anatolien ein vierzigjähriger Derwisch der Yesevi-Tariqa und der khalifa (Stellvertreter) Ahmad Yasawis, des Begründers des Ordens. Aber auch diese Behauptung ist zeitlich betrachtet unmöglich und ist eher als eine spätere Innovation aufzufassen, welche die beiden Heiligen zusammenführen soll.

Glaubhafter ist hingegen die Annahme, dass Hadschi Bektasch zu den Qalandari-Sufis Bābā Rassul-Allāh Eliyās Chorāsānīs (1240 hingerichtet) gehörte. Diese Annahme wird durch frühe Chronographen der Mevlevi-Derwische indirekt bestätigt, die ihn als einen anti-orthodoxen Mystiker mit gnostischer Illumination“[3] beschrieben, welcher „die Scharia vollkommen ablehnte“ - Eigenschaften, die für ostpersische Qalandari-Mystiker jener Zeit sehr typisch waren.[4][5].

Geschichte[Bearbeiten]

Hadschi Bektasch ließ sich in Sulucakarahöyük (heute Hacıbektaş, Provinz Nevşehir) nieder, möglicherweise aus dem Grund, weil es dort zur damaligen Zeit wenig Tekkes gab. Sulucakarahöyük war ein entlegener Ort, weit entfernt von den Zentren Anatoliens, wo das politische Geschehen und ein reger Handel stattfanden.

Schon bald nach seiner Ankunft verbreitete sich sein Ruf als spiritueller Führer. Gesinnungsleute halfen ihm, seine Lehre zu systematisieren. Ein Kloster wurde gebaut und zahlreiche Schüler - hauptsächlich aus den turkmenischen Nomadenstämmen - sammelten sich um ihn. Wanderne Derwische trugen seine Lehre in Dörfer und Städte. Einer der bekanntesten unter ihnen war der dichtende Derwisch des Bektaschi-Tariqa, Yunus Emre (gest. ca. 1321), der die Lehren von Hadschi Baktāsch in unzähligen Gedichten festhielt. Ein anderer, nicht weniger bekannte Schüler war der persische Dichter und Wanderprediger Schams-e Tabrizi, der als Lehrer und Gefährte von Dschalal ad-Din Rumi diesen zu seinen mystischen Gedichten inspirierte.

Lehre und Werke[Bearbeiten]

Das einzige Werk, das glaubhaft auf Hadschi Bektasch selbst zurückgeführt werden kann, ist das Maqālāt, im Türkischen auch als Küçük Vilayetnâme bekannt. Es wurde auf Arabisch veröffentlicht.[2]

Der türkische Gelehrte Firdewsi sammelte die verschiedenen Erzählungen über Hadschi Bektasch und schrieb die Biografie Walāyat-Nāma.

Seine Gedanken waren zu seiner Zeit revolutionär und faszinierten Menschen verschiedener Glaubensrichtungen.

Philosophie[Bearbeiten]

Auf Hadschi Bektasch Veli gehen Hunderte von Aussprüchen zurück, die seine Philosophie erläutern und von Aleviten bzw. Bektaschis überliefert werden:

  1. Das Universum ist die sichtbare Gestalt Gottes
  2. Rituelle Gebete machen keinen Menschen besser
  3. Die Taten zählen, nicht die Worte
  4. Betet nicht mit den Knien, sondern mit dem Herzen
  5. Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch
  6. Glücklich ist, wer die Gedankenfinsternis erhellt
  7. Ermögliche den Frauen eine gute Bildung
  8. Es gibt kein Gegeneinander von Gott und Mensch, sondern ein Miteinander in tiefer Verbundenheit
  9. Rost glüht nicht von selbst, sondern durch das Feuer
  10. Der Verstand sitzt im Kopf, nicht in der Krone
  11. Was Du suchst, findest Du in Dir selbst, nicht in Jerusalem, nicht in Mekka

Mausoleum und Wallfahrtsort[Bearbeiten]

Das Mausoleum von Haci Bektasch Veli befindet sich in der Provinz Nevşehir in der Türkei und ist ein Wallfahrtsort für Aleviten. Am 16. August jedes Jahres pilgern Aleviten in den nach ihm benannten Ort Hacıbektaş etwa 45 km nördlich von Nevşehir.[6]

Einfluss[Bearbeiten]

Auch heute noch nennen sich die Aleviten (die eine schiitisch beeinflusste Glaubensrichtung darstellen und neben anderen Imamen insbesondere Ali, den Vetter und Schwiegersohn Mohammeds verehren) „Aleviten-Bektaschiten“.

Belege[Bearbeiten]

  1. A. Gölpinarli, ed., 1958, ff. xix-xxv
  2. a b H. Algar, „Khorāsanian Sufī Hāji Bektāŝ“, Encyclopædia Iranica, S. 117f., Online Edition
  3. Aflākī, 1953, I, S. 381-82
  4. Elvân Çelebi, ed., 1984, S. 17
  5. Erünsal/Ocak, „Hacı Bektaş Veli“, Introduction, xli-xlv
  6. http://www.hacibektas.com/index.php?id=kultur_ve_sanat

Weblinks[Bearbeiten]