Schia

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Schiiten)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Staaten mit einem islamischen Bevölkerungsanteil von mehr als 5 %
Grün: sunnitische Gebiete; Rot: schiitische Gebiete; Blau: Ibaditen (Oman)

Die Schia (arabisch ‏الشيعة‎, DMG aš-šīʿa ‚Anhängerschaft, Partei‘) ist die zweitgrößte Konfession des Islams. Heute wird der Begriff häufig in verallgemeinernder Weise für die Zwölfer-Schia verwendet, die die zahlenmäßig größte Gruppe innerhalb der Schia darstellt, allerdings umfasst die Schia noch zahlreiche andere Gruppierungen.

Der Begriff Schia steht verkürzt für den arabischen Ausdruck schīʿat ʿAlī (‏شيعة علي‎, DMG šīʿat ʿAlī ‚Partei Alis‘). Das hat seinen Grund darin, dass die Schiiten, also die Anhänger der Schia, ʿAlī ibn Abī Tālib, den Schwiegersohn und Vetter des Propheten Mohammed, als den von ihm designierten Nachfolger (Kalif) und Imam betrachten. Ihrem Glauben nach kann die Prophetennachfolge nur von einem Nachfahren Alis erfolgen, da dieser als einziger göttlich legitimiert sei. In den Jahrhunderten nach dem Tod des Propheten Mohammed haben sich innerhalb der Schia verschiedene Strömungen herausgebildet, die sich vor allem hinsichtlich ihrer Imamatslehre unterscheiden. Außerdem haben sich verschiedene schiitische Rechtsschulen herausgebildet.

Islamische Konfessionen und sunnitische Rechtsschulen

Heute stellen die Schiiten ca. 15 % der Muslime (Stand 2013, die Spanne in der Literatur reicht von 10 bis 25 %). Die Staaten, in denen die Schiiten die Mehrheit stellen oder eine einflussreiche Minderheit sind, werden manchmal unter dem Begriff Schiitischer Halbmond zusammengefasst.

Heutige Strömungen der Schia[Bearbeiten]

Überblick und Verbreitungsgebiet[Bearbeiten]

Zwölfer-Schiiten[Bearbeiten]

Hauptartikel: Zwölfer-Schia

Die größte schiitische Strömung stellen die Zwölfer-Schiiten, die einer Reihe von zwölf Imamen folgen. Sie leben hauptsächlich im Iran, Aserbaidschan, Irak, Bahrain, Libanon, Kuwait, Pakistan, Afghanistan, Saudi-Arabien, Syrien und in Indien. Wenn man die absolute Zahl betrachtet, leben im Iran und im Irak die meisten Schiiten. Dort ist die Ausgangssituation jedoch eine andere, weil es eine starke sunnitische Minderheit (u. a. viele der Kurden) und einige Christen gibt. In den anderen großen Ländern spielen Schiiten größtenteils eine untergeordnete Rolle im politischen Leben, da sie in der Minderheit sind (so in Pakistan, Indien, Saudi-Arabien, Afghanistan). Teilweise werden sie auch unterdrückt und dürfen ihre Religion nicht ausüben, weil von staatlicher oder gesellschaftlicher Seite Druck ausgeübt wird (z. B. in Saudi-Arabien). Im kleinen Libanon stellen die Zwölferschiiten etwa 30 % der Bevölkerung. Die Zwölfer-Schiiten werden auch als Imamiten bezeichnet, allerdings ist dieser Begriff unpräzise, weil er nach der klassischen islamischen Doxographie noch andere historische schiitische Gruppierungen umfasst.

Ismailiten[Bearbeiten]

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.
Hauptartikel: Ismailiten (Schia)

Die zweite Gruppe sind die Ismailiten, die einer Reihe von sieben Imamen folgen. Sie leben heute vor allem in Pakistan, Indien, Syrien und Afghanistan. Ihr bekanntestes Oberhaupt dürfte der Agha Chan sein, der allerdings nur den kleinen Teil der Nizari-Ismailiten repräsentiert. Sie sind sehr stark vom orientalisch-gnostischen Denken beeinflusst. In der Vergangenheit sind mehrere revolutionär-ismailitische Gruppen aufgetreten, wie zum Beispiel die Assassinen in der Levante oder die Fatimiden, wobei Letztere über 100 Jahre in Ägypten herrschten. Gegenwärtig spielen die Drusen eine wichtige politische Rolle im Nahostkonflikt.

Zaiditen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Zaiditen

Als dritte (und kleinste) Gruppe folgen die Zaiditen, die fünf Imamen folgen. Sie leben heute nur noch im nördlichen Jemen. Jedoch gibt es auch in Deutschland einzelne. Die Zaiditen sind in ihrer Heilslehre (aqīda oder kalām) der Schia (Imamat) zuzuordnen, haben jedoch in ihrer Rechtsmethodik (fiqh) ausgesprochen sunnitische Züge. Dies wird dadurch verständlich, dass sie den sechsten Imam Ja'far nicht anerkennen, der die schiitische Rechtsmethodik als erster begründet hat.

Aleviten[Bearbeiten]

Hauptartikel: Aleviten

Aleviten werden ihrem Ursprung nach den Schiiten zugeordnet, da auch bei ihnen die Verehrung der 12 Imame und insbesondere von ʿAlī (Aleviten < arab. ʿalawī) im religiösen Leben bekannt ist. Die Kerngebiete der Aleviten liegen in der Türkei und in den ehemals osmanisch beherrschten Balkangebieten. Der Anteil der Aleviten unter den Muslimen in der Türkei beträgt etwa 15 bis 20 Prozent. Da dort bei Volkszählungen innerhalb der Religionszugehörigkeit „Islam“ jedoch keine konfessionelle Differenzierung stattfindet, handelt es sich dabei lediglich um unsichere Schätzungen.[1] Heute sind Aleviten durch Emigration von Türken auch in Europa und Nordamerika verbreitet. In Deutschland liegt ihr Anteil unter den türkischstämmigen Muslimen bei rund 17 %.[2] Gemessen an der Gesamtzahl der in Deutschland lebenden Muslime sind dies etwa 13 %.[2]

Aleviten verehren den islamischen Heiligen Hadschi Bektasch Wali, von dem eine Anthologie und zahlreiche Anekdoten überliefert sind. Um ihn herum gründete sich der Derwisch-Orden der Bektaschi-Tariqa.

Alawiten oder Nusairier[Bearbeiten]

Hauptartikel: Alawiten

Die Alawiten, die auch Nusairier genannt werden, sind nicht zu verwechseln mit der größeren Gruppe der Aleviten. Die Alawiten leben vor allem in Syrien, daneben auch im Libanon, in Jordanien, in Israel sowie in der Provinz Hatay in der Türkei. Diese bilden in Syrien die politische und militärische Elite. Sie gehen auf Ibn Nusair zurück und entstammen einem Umfeld gnostischer Gruppierungen, dem auch die Ismailia entsprungen ist. Von zwölfer-schiitischer Seite werden sie als Übertreiber betrachtet.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten[Bearbeiten]

Unterscheidungsmerkmale der drei bzw. vier Gruppen sind in erster Linie die Anzahl der „anerkannten“ Imame und die Position, die diese im Heilsdenken einnehmen. So gibt es unter manchen Strömungen (Aleviten, Ismailiten) die Tendenz zur Vergöttlichung der Imame und teilweise zu einer Reinkarnationslehre (Drusen). Jedoch gibt es auch hier wieder regionale Unterschiede, die die Glaubensrealität kennzeichnen, und längst nicht alle Aleviten oder Ismailiten vergöttlichen die Imame. Die innermuslimische und -schiitische Diskussion wird über solche Fragen noch häufig polemisch ausgetragen. So werden die Aleviten von sunnitischen Gelehrten in der Regel nicht als Muslime anerkannt, weil ihnen kollektiv Vergöttlichung unterstellt wird.

Die Unterschiede zwischen den Gruppen sind übrigens nicht trennscharf, da sie von vielen regionalen Faktoren (Folklore, Grad der Urbanisierung usw.) abhängen. Zum Beispiel lassen sich die Aleviten auch als „türkische Zwölferschiiten“ beschreiben, die allerdings stark von ihren historischen Erfahrungen als konfessionelle Minderheit geprägt sind. Im Gegenzug sind die iranischen Zwölferschiiten von ihrer Mehrheitsposition geprägt, die seit der Safawiden-Periode (ab 1501) zu einem kontinuierlichen Zuwachs an politischem Einfluss geführt hat (vgl. auch Qajaren-Periode), der schließlich zur (revolutionären) Übernahme der politischen Herrschaft durch eine Gruppe iranischer Kleriker führte (Islamische Revolution im Iran 1979).

Eine allen Schiiten gemeinsame Besonderheit ist der Zusatz zum Gebetsruf: "Auf zum besten Tun!" (ḥaiya ʿalā ḫair al-ʿamal). Die Schiiten werfen dem zweiten Kalifen Umar ibn al-Chattab vor, diese ursprüngliche Formel willkürlich abgeschafft zu haben.[3]

Geschichte der Schia[Bearbeiten]

Nach Auffassung schiitischer Autoritäten wie al-Qummī, der vor 905 ein wichtiges doxographisches Werk verfasste, begann die Geschichte der Schia schon zu Lebzeiten des Propheten, als sich unter seinen Gefährten eine "Partei" (šīʿa) herausbildete, die ʿAlī zuneigte und ihm treu ergeben war. Zu dieser "Partei ʿAlīs" (šīʿat ʿAlī) gehörten nach al-Qummī die Prophetengefährten Miqdād ibn al-Aswad al-Kindī, Salmān al-Fārisī, Abū Dharr al-Ghifārī und ʿAmmār ibn Yāsir.[4]

Der Nachfolgestreit[Bearbeiten]

Eigentlicher Ausgangspunkt für die Geschichte der Schia war aber wohl der Nachfolgestreit nach dem Tode des Propheten Mohammed im Jahr 632 n. Chr, also die Auseinandersetzung über die Frage, wer nach Mohammeds Tod dessen legitimer Nachfolger sein sollte. Während sich die Mehrheit der Muslime darauf einigte, einen Nachfolger (ḫalīfa) zu benennen, der die politische und religiöse Führung der Muslime übernehmen, jedoch keine göttlich autorisierte Legitimität beanspruchen sollte, lehnte eine Minderheit der Muslime diese Entscheidung ab, in der Überzeugung, nur Gott selbst würde den rechtmäßigen Nachfolger auswählen (naṣṣ). Mit Bezug auf die Aussage Mohammeds am Ghadīr Chumm: „Wessen Herr ich bin, dessen Herr ist ʿAlī“, war sie der Ansicht, dass ʿAlī, der mit der Prophetentochter Fāṭima verheiratet war, der legitime Nachfolger sein müsse. Aus diesem Grund bezeichnete sich diese Gruppe als „Šīʿat ʿAlī“, wobei sie sich auf den Koranvers „Von seiner Partei (šīʿa) ist auch Abraham“ (Koran 37:83) bezog.

Nachfolger Mohammeds wurde jedoch nicht ʿAlī, sondern Abū Bakr. Er wurde zum Nachfolger proklamiert, während Ali und seine Familie noch mit der Bestattung des Propheten beschäftigt waren. Zu einer Konfrontation zwischen Abū Bakr, ʿUmar und der Prophetenfamilie führte wenig später der Streit um das von Juden bewirtschaftete Landgut des Propheten in Fadak im nördlichen Hidschaz. Als Fāṭima Ansprüche auf dieses Landgut geltend machte, hielten die beiden ihr entgegen, dass der Prophet sein gesamtes Eigentum als Sadaqa der Gemeinschaft der Muslime vermacht habe. Da Fātima keinen ausreichenden Beweis dafür vorbringen konnte, dass der Prophet ihr das Landgut schon zu Lebzeiten geschenkt habe, zog Abū Bakr es ein. Fātima brach daraufhin den Kontakt zu Abū Bakr vollständig ab. Sechs Monate später starb sie. Nach ihrem Tode leistete auch ʿAlī dem Kalifen den Treueeid. Damit war die Nachfolgefrage vorläufig geklärt.[5]

ʿAbdallāh ibn Sabaʾ[Bearbeiten]

Während des Kalifats von Uthman ibn Affan (644-656) kam es innerhalb des islamischen Reiches zu einer gesellschaftlichen Polarisierung. Gründe hierfür waren Nepotismus und die Selbstbereicherung der umayyadischen Verwandtschaft des Kalifen. Gegen die neu eingetretenen Umstände, Haltungen und Denkweisen in den aristokratischen Führungskreisen des Reiches bildete sich eine religiös-politische Oppositionsbewegung, die von verschiedenen Kreisen getragen wurde. In Ägypten rief in dieser Zeit ʿAbdallāh ibn Sabaʾ zum Sturz des Kalifen auf, mit dem Argument, dass allein ʿAlī die Führung der islamischen Gemeinschaft zustehe. Wie Saif ibn ʿUmar berichtet, zogen auf seine Initiative hin arabische Beschwerdeführer nach Medina und ermordeten ihn schließlich. Nach diesem Bericht war ʿAbdallāh ibn Sabaʾ der erste, der zur Parteinahme für ʿAlī aufrief und damit gewissermaßen die Schia begründete.[6] In der islamischen Doxographie wird von ʿAbdallāh ibn Sabaʾ berichtet, dass er ʿAlī selbst als eine göttliche Inkarnation betrachtete. ʿAlī soll ihn dafür verflucht haben.

Nach der Ermordung ʿUthmāns 656 wurde ʿAlī in der Moschee von Medina zum vierten Kalifen proklamiert. Nach schiitischer Auffassung kam mit ihm endlich der legitime Nachfolger Mohammeds an die Macht. ʿAlī wurde jedoch nicht allgemein anerkannt. Er musste sich aus Medina in den Irak zurückziehen, wo die Stadt Kufa seine Residenz wurde und wo er 661, beim Gebet in der Moschee, von einem Charidschiten mit einem Dolch getötet wurde.

Nachdem ʿAlī ermordet worden war, soll Ibn Sabaʾ behauptet haben, er sei nicht wirklich gestorben, sondern zum Himmel aufgefahren wie Jesus.[7] Auf ʿAbdallāh ibn Sabaʾ wird eine eigene extrem-schiitische Sekte zurückgeführt, die Sabaʾīya genannt wird. In einer murdschiʾitischen Quelle aus dem frühen 8. Jahrhundert wird berichtet, dass die Anhänger dieser Sekte behaupteten, der Prophet habe ihnen ein verborgenes Wissen mitgeteilt, das er den übrigen Muslimen vorenthalten habe. Neun Zehntel der Offenbarung seien davon betroffen.[8]

Die Schlacht bei Karbala[Bearbeiten]

Nach der Ermordung ʿAlīs wurde der Prophetengefährte Muʿāwiya der fünfte Kalif und damit zum Begründer der Umayyaden-Dynastie. Ḥasan, der älteste von ʿAlīs und Fāṭimas Söhnen, der von den Schiiten als der zweite Imam angesehen wurde, verzichtete auf eine Konfrontation mit Muʿāwiya, der aus schiitischer Sicht ein Usurpator war, und zog sich bis zu seinem Tode aus der Politik zurück. Als später Muʿāwiya 680 starb, nachdem er seinen Sohn Yazīd als Erben eingesetzt hatte, stieß dieser Schritt auf Ablehnung unter einigen Muslimen.

Dagegen erhob sich ʿAlīs und Fāṭimas zweiter Sohn, der dritte Imam Ḥusain. Im Jahr 680 führte Ḥusain seine Familie und seine Anhänger gegen die Armee des Kalifen Yazīd an, nachdem er von den Schiiten zu Kufa per Brief zu einem solchen Aufstand gebeten worden war. Ḥusain wurde, nachdem ihn die Schiiten aus Kufa im Stich gelassen hatten, bei Karbala in der irakischen Wüste von der Armee des umayyadischen Gouverneurs im Irak gestellt und am 10. Muharram 61/680 mit 72 Verbliebenen, darunter Frauen und Kinder, ermordet. Husseins Kopf wurde aufgespießt und als Warnung an andere Rebellen nach Damaskus gebracht. Schon kurz nach dem Ereignis bildete sich unter den Notabeln der arabischen Stämme von Kufa ein Kreis von Leuten, die ihre Mitschuld am Untergang al-Husains durch tätige Reue mit dem Schwert in der Hand sühnen wollten; sie sind als tawwābūn ("Büßer") bekannt geworden.[9]

Der Verrat an Ḥusain durch die kufischen Schiiten gilt den Schiiten bis heute als kollektive, historische Schuld. Yazīd als Symbol für das Böse und der Märtyrertod des Prophetenenkels Ḥusain wurden zu einem wichtigen Teil der schiitischen Gefühlswelt. Die Zwölfer-Schiiten gedenken der Schlacht von Kerbela am Aschura-Tag.

Der schiitische Aufstand des Muchtār und die Kaisānīya[Bearbeiten]

Nach dem Tod al-Husains kam es zu einer erneuten Aufspaltung der Muslime. In Mekka errichtete ʿAbdallāh ibn az-Zubair ein eigenes Kalifat. Als er Abgesandte nach Kufa schickte, um die Stadt in Besitz zu nehmen, leisteten die dortigen Schiiten Widerstand. Ihre Hoffnungen richteten sich seit 683 auf einen dritten Sohn ʿAlīs, Muhammad ibn al-Hanafīya. Seine Mutter war nicht die Prophetentochter Fātima, sondern eine andere Frau ʿAlīs aus dem Stamm der Hanīfa. Dieser Muhammad ibn al-Hanafīya lebte in Medina und hatte an dem, was in Kufa in seinem Namen geschah, keinerlei Anteil. Als sein selbsternannter Sachwalter trat im Irak al-Muchtār ibn Abī ʿUbaid auf. Er bezeichnete Muhammad ibn al-Hanafīya als den „Rechtgeleiteten“ (Mahdi) und erhob sich in dessen Namen im Oktober 685 gegen den von Ibn az-Zubair entsandten Statthalter Kufas. Obwohl al-Muchtār die Stadt in seine Gewalt bringen konnte, weigerte sich Muhammad ibn al-Hanafīya, nach Kufa zu kommen und das Erbe seines Vaters ʿAlī anzutreten. Über ein Jahr konnte sich al-Muchtār gegen die gegnerischen Kräfte behaupten, im April 687 beendeten jedoch ʿAbdallāh ibn az-Zubairs Truppen seine Herrschaft über Kufa. Nach dem Tod von Muhammad ibn al-Hanafīya verbreitete ein Klient al-Muchtārs mit dem Namen Kaisān, dass Muhammad ibn al-Hanafīya nicht gestorben sei, sondern sich versteckt in den Schluchten des Radwā-Berges aufhalte, dort von Tigern und Löwen bewacht werde und in naher Zukunft aus seinem Versteck hervortreten werde. Auf diesen Kaisān wird die schiitische Sekte der Kaisaniten zurückgeführt, die allerdings nicht lange bestanden hat.[10]

Die Schiiten im spätumayyadischen Staat[Bearbeiten]

Ab 723 wirkte Bukair ibn Māhān als Oberhaupt der kufischen Schiiten. Er beteiligte sich an der Daʿwa-Bewegung, die für die Ablösung der Umayyaden durch den Clan der Haschimiten kämpfte, dem auch die Aliden angehörten. Unter den kufischen Anhängern der Aliden gab es einige Persönlichkeiten, die das Imamat mystisch überhöhten und gnostische Vorstellungen vertraten. Zu ihnen gehörte zum Beispiel al-Mughīra ibn Saʿīd, der für sich sogar das Prophetentum in Anspruch nahm. Er behauptete auch, den „größten Gottesnamen“ (ism Allāh al-aʿẓam) zu kennen und damit Tote zum Leben erwecken zu können. 737 wurde er in Kufa von Hišāms irakischem Statthalter Chālid al-Qasrī auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sein extremes Schiitentum zeigte sich darin, dass er die beiden Kalifen Abū Bakr und ʿUmar zu Ungläubigen erklärte, weil sie ʿAlī nach dem Tode des Propheten davon abgehalten hatten, sein Kalifat anzutreten.[11]

Eine andere schiitische Gruppe dieser Zeit war die Butriyya, die auf einen gewissen Kathīr an-Nawwāʾ mit dem Beinamen al-Abtar zurückgeführt wird (st. 754). Die Butriten vertraten hinsichtlich der islamischen Frühgeschichte sehr gemäßigte Ansichten: ʿAlī hielten sie zwar nach dem Propheten für den besten (al-afḍal) aller Muslime, doch erkannten sie das Kalifat Abū Bakrs und ʿUmars als rechtmäßig an, da ʿAlī ihnen gehuldigt hatte. Ähnliche Ansichten vertrat der in Medina lebende Husainide Zaid ibn ʿAlī. Als er sich im Jahre 739 nach Kufa begab und die Schiiten zur Rebellion gegen die Umayyaden aufrief, kam es dort innerhalb der schiitischen Gemeinde zum Konflikt. Zaid konnte zwar zunächst mehrere Tausend Schiiten hinter sich versammeln, doch fielen die meisten von ihm wieder ab, als sie sahen, dass er nicht bereit war, die beiden ersten Kalifen zu schmähen. Zaids Aufstand gegen den Kalifen Hischām im Jahre 740 wurde zwar von einer anderen schiitischen Gruppe, den sogenannten Dschārūditen, unterstützt, doch reichte diese Unterstützung nicht aus, um ihm zum Sieg zu verhelfen. Zaid fiel in Kufa im Straßenkampf gegen die Truppen des Statthalters.

Eine dritte Gruppe von Schiiten scharte sich in Medina um die beiden Husainiden Muhammad al-Bāqir und Dschaʿfar as-Sādiq. Sie enthielten sich jeglicher politischer Betätigung und konzentrierten sich auf die Vermittlung religiöser Lehren.

Die Aufspaltung der Schia in Zaiditen, Imamiten und Ghulāt[Bearbeiten]

Die sich in der späten Umayyadenzeit abzeichnende Aufgliederung der Schiiten in verschiedene Untergruppen verfestigte sich in der frühen Abbasidenzeit. Hierbei bildeten sich drei Blöcke, denen wiederum verschiedene Untergruppen angehörten:

  • Die Butriten und die Dscharuditen verschmolzen zur Zaidiyya, die als politische Gruppierung für die Vorherrschaft der Aliden kämpfte und in der zweiten Hälfte eigene Imamat-Staaten in Iran und im Jemen errichtete. Hierbei meinten die Zaiditen, dass sowohl Hasans als auch Husains Nachkommen für das Imamat qualifiziert seien. Innerhalb der Zaidiyya setzte sich die butritische Auffassung durch, wonach das Imamat der beiden ersten Kalifen Abū Bakr und Umar ibn al-Chattab rechtmäßig war.
  • Eine andere Gruppe von Schiiten beschränkte das Imamat auf die husainidischen Aliden, verhielt sich auf politischer Ebene quietistisch, erkannte jedoch die drei ersten Kalifen Abū Bakr, ʿUmar und ʿUthmān ibn ʿAffān nicht an. In der islamischen Doxographie wird diese Gruppe als Imamiten beziehungsweise Rāfiditen bezeichnet. Aus dieser Traditionslinie sind später die Zwölfer-Schiiten hervorgegangen.
  • Eine dritte Gruppe schließlich folgte ebenfalls der husainidischen Imam-Linie, sprach diesen Imamen jedoch göttliche Eigenschaften zu. Die Schiiten dieser Gruppe werden in der islamischen Doxographie als Ghulāt ("Übertreiber") bezeichnet. Hierzu gehörte zum Beispiel der Kreis um den kufischen Stoffhändler Abū l-Chattāb, in dem Dschaʿfar as-Sādiq als eine Inkarnation Gottes verehrt wurde.[12] Aus dieser Traditionslinie sind später die Nusairier hervorgegangen.

Konzepte der schiitischen Lehre[Bearbeiten]

Es lassen sich drei Konzepte ausmachen, die untrennbar mit dem schiitischen Glauben verbunden sind: 1.) das Imamat bestimmter Nachkommen des Propheten, 2.) die Reinheit der Ahl al-bait, der „Familie des Propheten“, und 3.) die ʿIsma, die Unfehlbarkeit und Sündlosigkeit der Imame.

Die Hüterschaft des Imamats verspricht dem Gläubigen das Heil, denn ohne einen Imam, der das göttliche Licht vermittelt, kann die Schöpfung nicht existieren. Natürlich kann nur ein solcher Vermittler, der durch prophetisches Wort oder das Wort seines Vorgängers göttlich designiert ist, die Nachfolge des Propheten, die Nachfolge des Imams vor ihm, die Führerschaft der Muslime und der Menschheit, ja der gesamten Schöpfung übernehmen. Als Archetyp dieses soteriologischen Begriffes kann man Imam Mahdī sehen, ohne dessen Existenz die Schöpfung nicht denkbar sei. Der Glaube an das Imamat ist in der Schia tief verankert. Die Schiiten bezeichnen ʿAlī und seine Nachfolger als Imame. Die Imame gelten wie die Propheten als göttlich legitimiert, da sie durch das Wort des Propheten oder das Wort ihres unmittelbaren Vorgängers designiert wurden (naṣṣ). Dabei übernahmen die Propheten auch die Rolle von Imamen (vgl. Koran 2:124).

Die Reinheit der Familie des Propheten, der Ahl al-bait (Koran 33:33), gibt dem Gläubigen emotionale Vorbilder, zu denen er aufschauen kann. Nur sie sollen wirklich rein sein. Als Archetyp dieses emotionalen Begriffes kann man Fātima sehen, die das familiäre Element am konkretesten repräsentiert/verkörpert. Eine wichtige Grundlage für die schiitische Verehrung der Prophetenfamilie ist der "Hadith von den beiden Lasten" (ḥadīṯ aṯ-ṯaqalain). Demnach hat der Prophet vor seinem Tod gesagt: „Ich hinterlasse euch etwas, durch das ihr nie in die Irre gehen werdet, wenn ihr euch daran haltet: das Buch Gottes und meine nächsten Nachkommen, die Angehörigen meines Hauses (ahl baitī)."[13]

Die ʿIṣma („Geschütztheit“) der maʿṣumūn („Geschützten“) ist eine Notwendigkeit für die schiitische Erkenntnis, da von den maʿṣumūn alle Erkenntnis herzuleiten ist. Als Archetyp dieses epistemologischen Begriffes könnte man Imam Ǧaʿfar sehen, von dessen Wissen die Schiiten – zumindest quantitativ – am stärksten profitieren.

Schiitische Dynastien und Staaten in der Geschichte[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sean W Anthony: The caliph and the heretic: Ibn Sabaʾ and the origins of Shīʿism. Brill, Leiden [u. a.] 2012.
  • Rainer Brunner: Die Schia und die Koranfälschung. Würzburg 2001.
  • Wilfried Buchta: Schiiten. Kreuzlingen (u. a.) 2004.
  • Ashk Dahlén, Islamic Law, Epistemology and Modernity. Legal Philosophy in Contemporary Iran, New York, 2003.
  • Abdoldjavad Falaturi: Die Zwölfer-Schia aus der Sicht eines Schiiten. Probleme ihrer Untersuchung. In: Erwin Gräf (Hrsg.): Festschrift Werner Caskel zum siebzigsten Geburtstag, 5. März 1966. Gewidmet von Freunden und Schülern. Leiden 1968, S. 62–95
  • Monika Gronke: Geschichte Irans. Von der Islamisierung bis zur Gegenwart. München 2003.
  • Heinz Halm: Die islamische Gnosis. Die extreme Schia und die Alawiten. Zürich/München 1982.
  • Heinz Halm: Die Schia. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, ISBN 3-534-03136-9.
  • Heinz Halm: Der schiitische Islam. München 1994.
  • Heinz Halm: Die Schiiten. München 2005.
  • Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. München 1991.
  • Heinz Halm: Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten (973-1074). München 2003.
  • Sonja Haug, Stephanie Müssig, Anja Stichs: Muslimisches Leben in Deutschland. Im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.), Nürnberg 2009, ISBN 978-3-9812115-1-1
  • Cemal Karakas: Türkei: Islam und Laizismus zwischen Staats-, Politik- und Gesellschaftsinteressen. Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-937829-45-6 (Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (Hrsg.): HSFK-Report 1/2007)
  • Harald Löschner: Die dogmatischen Grundlagen des si'itischen Rechts. Eine Untersuchung zur modernen imamitischen Rechtsquellenlehre. Köln (u. a.) 1971.
  • Vali Nasr: The Shia Revival. How Conflicts Within Islam Will Shape the Future. Norton & Company, 2006.
  • Nader Purnaqcheband: Das Leiden der Imame aus der Sicht der Zwölferschia. In: Andreas Renz, Hansjörg Schmid, Jutta Sperber, Abdullah Takım (Hrsg.): Prüfung oder Preis der Freiheit? Leid und Leidbewältigung in Christentum und Islam. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2113-2 (Theologisches Forum Christentum – Islam), S. 140–155.
  • Stephan Rosiny: As-Sayyid Muhammad Husain Fadlallah: Im Zweifel für Mensch und Vernunft. In: Katajun Amirpur, Ludwig Ammann (Hrsg.): Der Islam am Wendepunkt Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion. Freiburg 2006, S. 100–108
  • Stephan Rosiny: The Tragedy of Fāṭima Al-Zahrā in the debate of two shiite theologians in Lebanon. In: The Twelver Shia in modern times. Leiden 2001, S. 207–219
  • Abdulaziz Sachedina: Al-Khums: The Fifth in the Imāmī Shīʿī legal system. In: Journal of Near Eastern Studies, 39, 1980, 4, S. 275–289
  • Muhammad Husain Tabataba'i: Die Schia im Islam. Übersetzt von Farsin Banki. Islamisches Zentrum Hamburg (IZH), 1996.
  • William F. Tucker: Mahdis and millenarians. Shi’ite extremists in early Muslim Iraq. Cambridge 2011.
  • François Zabbal: Bruderzwiste im Haus des Islam. In: Neue Zürcher Zeitung, 1. März 2007
  • Vali Nasr: When the Shiites Rise. In: Foreign Affairs, Juli/August 2006
  • Jason Burke: Are the Shias on the brink of taking over the Middle East? In: The Observer, 23. Juli 2006. tompaine.com, Ich will angreifen und töten. In: Die Welt, 22. Juli 2006

Weblinks[Bearbeiten]

Nachschlagewerke

 Wiktionary: Islam – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einrichtungen

Politisches

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karakas 2007, S. 5.
  2. a b Haug / Müssig / Stichs 2009, S. 98.
  3. Vgl. Halm 1988, 175.
  4. Vgl. Saʿd ibn ʿAbdallāh al-Ašʿarī al-Qummī: Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq. Ed. Muḥammad Ǧawād Maškūr. Maṭbaʿat-i Ḥaidarī, Teheran, 1963. S. 15.
  5. Wilferd Madelung: The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate. Cambridge 1997, S. 50–52.
  6. Vgl. das Buch von Anthony
  7. Vgl. Halm 1982, 33-43.
  8. Der Text ist wiedergegeben bei Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. 6 Bde. De Gruyter, Berlin 1991-97, Bd. V, S. 10.
  9. Vgl. Halm 1988, 21.
  10. Vgl. dazu Halm 1982, 43-84.
  11. Vgl. zu ihm Tucker 52-71.
  12. Vgl. dazu Halm 1982, 199-218.
  13. Zit. nach Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. 6 Bde. De Gruyter, Berlin, 1991-97. Bd. V, S. 55. Vgl. dort die Erklärungen auf S. 56.