Turkmenen

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Die Turkmenen (turkmen. Türkmenler) sind ein Turkvolk in Zentralasien. Sie bilden die Titularnation der unabhängigen Republik Turkmenistan, wo sie heute rund 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Turkmenen sind bis heute stark in zahlreiche Stämme gegliedert. In der Steppe leben sie meist nomadisch und in den Städten sind sie sesshaft.

Der Namen der Turkmenen gehört zu den wenigen überlieferten und gegenwärtig verwendeten Volksbezeichnungen eines Turkvolks, die bereits vor der Zeit des Mongolischen Reiches in Gebrauch waren.[1] Allerdings ist der Name Türkmen seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart eine Sammelbezeichnung für diverse Angehörige von Turkvölkern, die im Iran, in Afghanistan, im Irak, in der Türkei, in Syrien, in Jordanien, im Mittleren Osten und in Zentralasien leben. Die in den mittelalterlichen Quellen vor der Mongolenzeit erwähnten Turkmenen, ebenso wie diejenigen, die heute in den Ländern des Mittleren Osten als Turkmenen bezeichnet werden, sind mit den Turkmenen Turkmenistans und der angrenzenden Gebiete zwar verwandt, aber nicht identisch. Die heutigen Turkmenen Turkmenistans gehen vermutlich auf oghusische Stämme zurück, die im 11. Jahrhundert in ihrer alten Heimat am Unterlauf des Syr-Darya und am Aralsee verblieben waren und sich erst nach der Eroberung durch die Mongolen islamisierten und in der Folge ihre heutigen Wohnsitze einnahmen, während die in der Türkei und den Ländern des Mittleren Ostens als Turkmenen bezeichneten Gruppen auf die Oghusen zurückgehen, die bereits im 11. Jahrhundert den Islam angenommen hatten und unter den Seldschuken sich in Anatolien und den Ländern des Mittleren Ostens niedergelassen hatten und nicht turkmenisch, sondern Dialekte des Türkischen bzw. Aserbaidschanischen sprechen.[2] [3]

Namensvarianten[Bearbeiten]

Die Turkmenen werden auch als Türkmenen oder in Russland als Truchmenen (russisch Трухмены/Truchmeny) bezeichnet. Eine deutsche und englische Altbezeichnung für die Turkmenen lautet Turkomanen bzw. Turkcomen.[4]

Turkomanen[Bearbeiten]

Mit dem Begriff Turkomanen bezeichnet man heute überwiegend die turkstämmigen Bewohner des Iraks, Libanons, Syriens, weiten Teilen des Iran und Russlands. Die Anzahl der als „Turkomanen“ bezeichneten Turkmenen ist in den betreffenden Ländern bis heute stark umstritten. Die meisten Turkomanen sprechen einen aserbaidschanischen Dialekt.

Anzahl und Siedlungsgebiet[Bearbeiten]

Turkmenischer Teppich im typischen Muster des Tekke-Stammes

Zu den Turkmenen rechnen sich rund 7,6 Millionen Menschen. 4 Millionen Turkmenen leben vor allem in der nach ihnen benannten Republik Turkmenistan. Als Minderheiten sind sie auch im Nordirak (220.000,[5] vor allem in den Gouvernements Ninawa, Arbil, Kirkuk, Salah ad-Din und Diyala), Nordost-Iran (2,3 Millionen, vor allem in den Provinzen Golestan, Nord-Chorasan und Razavi-Chorasan), in Nordwest-Afghanistan (589.000 in den Provinzen Faryab und Baglan), Usbekistan (169.000), Pakistan (60.000), Russland (33.000) und Tadschikistan (27.000) ansässig. Eine große turkmenische Minderheit ist auch in Nordsyrien (139.000) und eine kleine in Jordanien (6.100). Rund 150.000 Turkmenen leben im anatolischen Teil der Türkei, vor allem in der Provinz Gaziantep in den Landkreisen Oğuzeli, Nizip und Karkamış sowie in der Provinz Şanlıurfa in den Landkreisen Birecik und Halfeti. Diese Gegend wird Barak Ovası (dt. Barak-Tal) genannt und die Turkmenen werden dort als Barak Türkmenleri bezeichnet.[6] Des Weiteren gibt es eine große turkmenische Gemeinde in der Provinz Çorum in den Dörfern zwischen den Landkreisen Iskilip und Çorum. Im türkischen Sprachgebrauch wird die Gegend Dedesli Ovası (dt. Dedesli-Tal) genannt.

Hinsichtlich der Feststellung der Volkszugehörigkeit kommt, wie bereits eingangs erwähnt, bei den Turkmenen außerhalb Turkmenistans und Afghanistans erschwerend hinzu, dass die Turkmenen des Iran, Irak und Syriens sowie Jordaniens einer anderen Sprachgruppe angehören. So werden die Turkmenen Syriens, des Iraks und des Iran überwiegend der aserbaidschanischen und die Turkmenen Jordaniens der türkischen Sprachgruppe zugerechnet. Im Falle der Türkei ist zusätzlich verwirrend, dass es dort neben den traditionell als Türkmen bezeichneten Gruppen, die ethnisch Türken sind und mit den Bewohnern Turkmenistans, abgesehen davon, dass es sich in beiden Fällen um Angehörige des oghusischen Zweigs der Turkvölker handelt, nur den Namen gemein haben, es dort auch Aussiedler und Flüchtlinge aus der vormaligen Sowjetrepublik Turkmenistan sowie aus Afghanistan gibt.

Religion[Bearbeiten]

Turkmenen sind überwiegend sunnitische Muslime, wobei es aber auch große schiitische Gemeinden gibt. Die Turkmenen in der Türkei sind Sunniten und Aleviten etwa im gleichen Verhältnis.

Namensherkunft[Bearbeiten]

Es gibt viele Theorien für den Ursprung des Namens:

  • Der Name Türkmen kommt aus den iranischen Sprachen (persisch ‏ترکمنTurk-mânand) und bedeutete ursprünglich „den Türken ähnlich“. Diese Bezeichnung wurde auch von den Arabern (arabisch ‏التركمان‎) bezeichnete ab dem 10. Jahrhundert die muslimischen Türken Asiens (Seldschuken). Moderne Studien lehnen diese populäre persische Etymologie allerdings ab.[7]
  • Eine weitere verbreitete These ist, dass der Name Türkmen aus dem Türkischen stammt und für die muslimischen Türken verwendet wurde. Der Name soll sich aus „Türk“ (Türke) und „iman“ (Glaube) gebildet haben.
  • Eine andere Variante der Namensgebung ist, dass der Name „Türkmen“ vom Nomen Türk (Türke) und dem Suffix men (-schaft) zusammengesetzt wurde. Dann wären die heutigen Turkmenen mit: „die Türkenschaft“ zu übersetzen.

Erstmals erscheint der Name in Form von trwkkmn in einem sogdischen Brief aus dem 8. Jahrhundert. Falls dieses Wort in diesem Brief nicht „Übersetzer“ (trkwmn) bedeutet, wäre es die erstmalige Referenz auf dieses Ethnonym. Das chinesische Geschichtswerk T’ung-tien (um 801) schreibt über die T’e-chü-meng in Sogdien, was ein weiterer Verweis auf die Turkmenen sein kann. Erst später bezeichnete Türkmen ausschließlich jene Oghusen, die zum Islam übergetreten waren.[8]

Geschichte[Bearbeiten]

Die einst vollnomadischen Turkmenen bildeten sich etwa im 10. Jahrhundert aus. Ab dem 11. Jahrhundert eroberten die oghusischen Turkmenen Persien und Teile Anatoliens. Sie bildeten das Großreich der Seldschuken.

Im 15. Jahrhundert gründeten die turkmenischen Stammesverbände der Akkoyunlu und der Karakoyunlu sowohl ein sunnitisch und als auch ein schiitisch geprägtes Nomadenreich.

Die Turkmenen in Zentralasien (Turkestan) standen als autonome Nomaden lange unter der Oberherrschaft Persiens, bevor sie im 13. Jahrhundert durch den Mongolenherrscher Dschingis Khan unterworfen wurden. Nach dessen Tod (1227) zerbrach das Mongolenreich rasch und im Siedlungsraum der Turkmenen entstanden persisch-geprägte Nachfolgereiche der Erben Dschingis Khans. Die Khanate der Dschingiskhaniden gerieten erneut unter dem Einfluss Persiens und wurde erst mit der russischen Eroberung im 19. Jahrhundert abgelöst.

Zwischen 1881 und 1885 wurden die Turkmenen von Russland unterworfen. So sollen 1881 bei der Schlacht um den Göktepe rund 14.500 Turkmenen den Tod gefunden haben.[9] Die Überlebenden zogen sich auf persisches und afghanisches Gebiet zurück. Mit Abschluss der russischen Eroberung Turkestans war das Gebiet aber noch nicht befriedet. Vor allem die Turkmenen leisteten bis Mitte des 20. Jahrhunderts Widerstand, zahlreiche Aufstände konnten nur durch die moderne Bewaffnung der Kolonisten niedergeschlagen werden.[10]

Nach der Zerschlagung Turkestans wurde 1918 auf dem Gebiet der Turkmenen die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Turkestan gebildet, und die neue Sowjetführung versuchte, die Stammestraditionen der Turkmenen zu brechen. So wurden die Beyler, die turkmenische Oberschicht, auf Befehl Josef Stalins als sogenannte Kulaken (Wucherer) ermordet. 1935 wurde der turkmenische Widerstand endgültig gebrochen.[11] Aber alle Versuche der Sowjetführung, die turkmenischen Stämme zu einer Nation zu formen, schlugen fehl: Die Turkmenen fühlten sich weiterhin vor allem den Stämmen wie der Tekke, Ersary, Alili usw. zugehörig. Anstelle der staatlich verordneten „turkmenische Hochsprache“ wurden von den Turkmenen weiterhin Dialekte verwendet. Auch weigerten sich die Turkmenen, Russisch zu lernen. Nach eigenen Angaben beherrschten bis 1989 nur etwa 27,8 Prozent der Turkmenen diese Sprache.[12]

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion (1941) kollaborierten ca. 180.000 Turkmenen mit den Deutschen.[4]

Mit dem beginnenden Zerfall der UdSSR begann ab 1989 in Turkmenistan die Rückbesinnung auf Traditionen und eine eigene Geschichte. So räumte die turkmenische Sowjetführung mit der Legende auf, die Turkmenen hätten sich freiwillig der russischen Herrschaft unterstellt.

Am 22. August 1990 erklärte sich die turkmenische Führung für souverän und rief am 27. Oktober 1991 die Unabhängigkeit aus. Seit dem Untergang der UdSSR gehören die Turkmenen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten an.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Reichl: Türkmenische Märchen: mit Übersetzung, Glossar und Anmerkungen; Materialia Turcica, 4; Bochum: Studienverlag Brockmeyer, 1982; ISBN 3-88339-265-0
  • Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon GUS; Beck’sche Reihe; München: Beck, 1992; ISBN 3-406-35173-5
  • Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht. Nationalitäten und Religionen in der UdSSR; Frankfurt/Main: Eichborn, 1990; ISBN 3-8218-1132-3
  • Monika Sattrasai, Monika Baumüller, Eckhard Schuster: Die Völker der Erde. Menschen, Kulturen, Lebenswelten; Faszination Erde; München: Kunth, 2006; ISBN 978-3-936368-24-6
  • Carter Vaugn Findley: The Turks in World History; Oxford: Oxford University Press 2005; ISBN 0-19-517726-6
  • Heinz-Gerhard Zimpel: Lexikon der Weltbevölkerung. Geografie – Kultur – Gesellschaft; Hamburg: Nikol, 2000; ISBN 3-933203-84-8
  • Helmut Glück (Hrsg.): Metzler-Lexikon Sprache. 4. Auflage; Verlag J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar, 2010, ISBN 3-476-02335-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Turkmenen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. W. Barthold, Art. Turkmenen in: Enzyklopaedie des Islam, Bd. 4, S-Z, Leiden/Leipzig 1934
  2. Gerhard Doerfer/Wolfram Hesche, Chorasantürkisch, Wiesbaden 1993, S. 4
  3. Milan Adamovic, Die alten Oghusen in: Materialia Turcica, Bd. 7/8, Bochum 1983, S. 45
  4. a b Heinz-Gerhard Zimpel: Lexikon der Weltbevölkerung; S. 557
  5. The Turkomans of Iraq as A Factor in Turkish Foreign Policy: Socio-Political and Demographic Perspectives (PDF; 301 kB)
  6. Barak Nedir (Türkisch)
  7. Artikel Türkmen in: Encyclopaedia of Islam, Band 10; Leiden: Brill, 2000; ISBN 9004112111; S. 682
  8. Peter B. Golden: An Introduction to the History of the Turkic Peoples: Ethnogenesis and State-Formation in Medieval and Early Modern Eurasia and the Middle East; S. 212f.
  9. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht; S. 187
  10. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht; S. 169,187
  11. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht; S. 169
  12. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht; S. 189