Hagenbund

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Katalog-Illustration Herbst 1904
von Joseph Urban

Der Hagenbund (1900–1938) war eine Künstlervereinigung in Wien. Während der Zwischenkriegszeit stellte sie eine der fortschrittlichsten Künstlervereinigungen in Österreich dar.

Vereinsgeschichte[Bearbeiten]

Gründung und Anfänge um 1900[Bearbeiten]

Die Vereinigung wurde am 3. Februar 1900 als Künstlerbund Hagen – ähnlich wie drei Jahre zuvor die Wiener Secession – von jüngeren und mit den Gepflogenheiten der Gesellschaft bildender Künstler Österreichs unzufriedenen Künstlern gegründet. Der Namen geht dabei nicht auf die Figur aus der Nibelungensage, sondern auf den Besitzer des Gasthauses Zum Blauen Freihaus namens Josef Haagen zurück. Bis November des Jahres 1900 verblieb der Hagenbund noch im Rahmen des Künstlerhauses, gewissermaßen als Club mit selbständigem Ausstellungsrecht innerhalb der Vereinigung. Gründungsmitglieder waren u. a. Eduard Ameseder, Alexander Demetrius Goltz, Heinrich Lefler, Maximilian Suppantschitsch und Joseph Urban. 1901 folgten Ausstellungen in der damals renommierten Wiener Galerie Miethke und in München. Zu Beginn des Jahres 1902 wurde die erste Ausstellung im eigenen Haus eröffnet, einem Teil einer etwa 1870 errichteten Markthalle in der Zedlitzgasse in der Wiener Innenstadt, die vom Architekten Joseph Urban adaptiert und im Sinne des Jugendstils geschmückt wurde. Heute befindet sich an diesem Ort ein Umspannwerk der Wiener Elektrizitätswerke.

Mitglieder und Gäste bis 1912[Bearbeiten]

In den ersten Jahren des Bestehens stand der Hagenbund künstlerisch noch im Schatten der Sezession, die um 1900 die Avantgarde darstellte. Der Verein vertrat im Vergleich zum Secessionsstil eine eher „gemäßigte Moderne“, hob sich aber deutlich vom konservativen Wiener Künstlerhaus ab. Fast revolutionär hingegen war vom Beginn an die tolerante und liberale Auffassung der Künstler. Es wurde weder von den eigenen Mitgliedern noch von den Gästen eine bestimmte künstlerische oder politische Auffassung verlangt.

Mitglieder:

Zu den in der Anfangszeit im Hagenbund gastierenden Künstlervereinigungen zählten:

Auch den radikaleren jüngeren Strömungen wurde die Möglichkeit geboten sich an Ausstellungen des Hagenbundes zu beteiligen. So konnten u. a. Oskar Kokoschka, Franz Wiegele und Anton Faistauer im Rahmen der Ausstellung des Sonderbundes 1911 bzw. Egon Schiele bei der Frühjahrsausstellung 1912 ausstellen. Das Echo in den Printmedien zeigt gut welche Reaktionen die dort gezeigten Werke, vor allem die des jungen Kokoschka, hervorriefen.

„Um eines Trumphes sicher zu sein, luden die Jüngsten Oskar Kokoschka zu Gaste. Er kam und füllte zwei Säle mit seinen aus einer Brühe von molkigem Eiter, Blutgerinnsel und salbig verdickten Schweiß gezogenen Lemuren. Das lange Zeit verborgen gewesene Binnenleben der Seele ist von Oskar Kokoschka entdeckt![1]

„Der eigentliche Klimt-Töter ist Oskar Kokoschka, dem zwei Säle eingeräumt wurden, wahre Folterkammern des Auges.[2]

Die Delogierung durch die Stadt Wien[Bearbeiten]

Die Reaktion öffentlicher Funktionäre führte dazu, dass die Gemeinde Wien den Mietvertrag 1913 nicht mehr verlängerte und der Verein obdachlos wurde. Eine Rolle soll dabei auch der Thronfolger Franz Ferdinand gespielt haben, der bekanntermaßen der modernen Kunst ablehnend gegenüberstand. Bis zur Wiedereröffnung der „Zedlitzhalle“ im Jahre 1920 gastierte der Hagenbund wieder im Wiener Künstlerhaus und in der Wiener Sezession, aber auch in Prag und in anderen Ländern außerhalb des neuen Österreich.

Der Hagenbund in der Zwischenkriegszeit[Bearbeiten]

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Hagenbund zahlreiche Neubeitritte zu verzeichnen.

Mitglieder waren unter anderem Carry Hauser, Otto Rudolf Schatz, Georg Ehrlich, Georg Mayer-Marton und Georg Philipp Wörlen.

In der Zwischenkriegszeit war der Hagenbund sicherlich eine der fortschrittlichsten Künstlervereinigungen Österreichs. Er erwies sich in der Folge auch als Plattform der Avantgarde. Kubismus und Neue Sachlichkeit prägten das Ausstellungsprogramm. So hoch auch das künstlerische Niveau war, so schlecht war es um die finanzielle Seite bestellt. So wie andere Künstlervereinigungen kämpfte auch der Hagenbund mit wirtschaftlichen Problemen und man versuchte, durch Theateraufführungen, Dichterlesungen (z.B. Theodor Csokor) und Tanzvorführungen (z.B. Grete Wiesenthal oder Gertrud Bodenwieser) die Kasse etwas aufzufüllen. Es gab sogar die Möglichkeit, Werke der Künstler im Tauschwege zu erwerben.

In den 1930ern traten nochmals eine Reihe von neuen Künstlern dem Hagenbund bei, darunter Friedrich Aduatz, Karl Gunsam, Ferdinand Stransky, Heinz Steiner, Heribert Potuznik.

Ende des Hagenbundes[Bearbeiten]

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen war auch das Ende des Hagenbundes besiegelt und noch im Frühjahr 1938 wurde der Hagenbund aus politischen, rassischen und künstlerischen Gründen aufgelöst. Viele der Mitglieder mussten Österreich verlassen, weil sie rassisch nicht den nunmehrigen Machthabern entsprachen z.B. Georg Merkel, Georg Mayer Marton, Georg Ehrlich, Viktor Tischler und Albert Reuss, andere wie Carry Hauser und Franz Lerch verließen das Land, weil sie unter der neuen Herrschaft nicht leben konnten oder wollten. Von den in Österreich verbliebenen Künstlern erhielten einige aus politischen Gründen (wie etwa Heinz Steiner) andere weil deren Kunst als entartet galt (wie im Fall von Otto Rudolf Schatz) Ausstellungsverbot. Anderen Mitgliedern des Hagenbundes, die Österreich nicht verlassen hatten oder aber nicht weit genug geflüchtet waren (z.B. Fritz Schwarz-Waldegg, Robert Kohl) wurden in Konzentrationslagern ermordet.

Der Neue Hagenbund nach 1945[Bearbeiten]

1947 wurde von einigen Künstlern der Versuch gestartet, den Hagenbund wiederzuerwecken, indem man den Neuen Hagenbund gründete. Von den seinerzeitigen Mitgliedern konnte jedoch nur Carry Hauser für kurze Zeit gewonnen werden, die anderen in Österreich lebenden ehemaligen Mitglieder gehörten inzwischen schon entweder der Wiener Secession, oder derGesellschaft bildender Künstler Österreichs oder dem Kreis an, der Versuch musste also fehlschlagen. Der Verein veranstaltete etwa bis 1960 Ausstellungen und war danach nur noch ein letztes Mal zwischen 1982 und 1984 aktiv.

Weitere Mitglieder und Gäste[Bearbeiten]

Ordentliche Mitglieder[Bearbeiten]

Außerordentliche Mitglieder[Bearbeiten]

Korrespondierende Mitglieder[Bearbeiten]

Gäste[Bearbeiten]

Wissenschaftliche Aufarbeitung[Bearbeiten]

Wien Museum[Bearbeiten]

Das Historische Museum der Stadt Wien begann mit der Ausstellung im Jahr 1975 die eigentliche wissenschaftliche Aufarbeitung der Vereinsgeschichte. Beruhend auf einer ersten Studie 1972 in den Mitteilungen der Österreichischen Galerie versuchte man erstmals die mit dem Hagenbund verbundenen Geschehnisse (Ausstellungen) und Personen (Aussteller) zu rekonstruieren. Grundlage für diese Rekonstruktion waren die vorhandenen Kataloge, Plakate, Rezensionen und das biographische Material über die Künstler.

Österreichische Galerie Belvedere[Bearbeiten]

Mit der Ausstellung Die Verlorene Moderne. Der Künstlerbund Hagen 1900–1938 setzt sich die Erforschung der Geschichte des Hagenbundes 1993 fort. Ziel der Ausstellung war es die Künstlervereinigung Hagenbund, deren Aktivitäten, deren Leistungen und deren Stellung in der österreichischen Kunstgeschichte einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Neben einer Neubearbeitung der Vereinsgeschichte wurden bei dieser Gelegenheit auch erstmals im Katalog Einzelthemen wie Exil, Plakatkunst oder Architektur aufgegriffen.

Verein der Freunde und der Wissenschaftlichen Erforschung des Hagenbundes[Bearbeiten]

Der Verein hat sich die Erforschung und die Aufarbeitung der Geschichte des Hagenbundes als Ziel gesetzt. Im Vordergrund stehen dabei das Sammeln von Ausstellungskatalogen, Zeitungsartikeln, Zeitschriftenartikeln und biographische Materialien zu einzelnen Künstlern. Darüber hinaus ist man auch bestrebt Werke von Hagenbund-Mitgliedern zu dokumentieren und zu sammeln. Die aus diesen Tätigkeiten gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Organisation von Ausstellungen, das Verfassen von Katalogbeiträgen und die Publikation von Monographien.

Institutionelle Forschung[Bearbeiten]

Seit der Wiederentdeckung des Hagenbundes für die Forschung wurden verschiedene Projekte und Arbeiten zu einzelnen Hagenbundkünstlern wie z.B. Georg Ehrlich (Sonderausstellung Wien Museum 1976), Georg Merkel (Dissertation Uni Wien 1982), Carry Hauser (Dissertation Uni Wien 1990) oder Fritz Schwarz-Waldegg (Jüdisches Museum Wien 2009) begonnen. Durch die in diesem Zusammenhang aufgefundenen und wissenschaftlich bearbeiteten Tagebücher, Notizbücher, Korrespondenzen und anderen Archivalien aus den verstreuten Nachlässen, bekommt man sukzessive auch ein besseres Verständnis für die vereinsinternen Abläufe des Hagenbundes.

Seit April 2013 läuft ein durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördertes Forschungsprojekt mit dem Titel „Hagenbund – Ein internationales Künstlernetzwerk in Wien“. Bei diesem Projekt werden aus einer soziologisch kulturwissenschaftlichen Perspektive einerseits das Phänomen der internationalen Vernetzung des Hagenbundes und andererseits die Rezeption der Ausstellungen in den Tageszeitungen untersucht.

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert Waissenberger, Hagenbund 1900–1938. Geschichte der Wiener Künstlervereinigung, in: Mitteilungen der Österreichischen Galerie Belvedere, 16. Jg., 1972, S. 54–130.
  • Hagenbund, hrsg. v. Robert Waissenberger, Ausst.-Kat. Historisches Museum der Stadt Wien, Wien 18. September–30. November 1975 (40. Sonderausstellung des Historisches Museum der Stadt Wien, Karlsplatz)
  • Antonia Hoerschelmann: Tendenzen in der österreichischen Malerei zwischen 1918 und 1938 und ihre Relationen zur europäischen Kunst des 20. Jahrhunderts, (Diss. phil.) Wien 1989
  • Die Verlorene Moderne. Der Künstlerbund Hagen 1900–1938, hrsg. v. Tobias G. Natter, Ausst. Kat. Österreichische Galerie Belvedere, Wien 7. Mai–26. Oktober 1993 (Wechselausstellung der Österreichischen Galerie, 172) dnb
  • Matthias Boeckl (Red.), Moderne Tradition. Künstler des Hagenbundes und ihre tschechischen Gäste; Werke aus acht Privatsammlungen, Ausst.-Kat. Verein der Freunde und der Wissenschaftlichen Erforschung des Hagenbundes, Bratislava 2. Juli–2. August 2002
  • Matthias Boeck/Dietrich Kraft, Otto Rudolf Schatz. 1900–1961, hrsg. v. Verein der Freunde und der Wissenschaftlichen Erforschung des Hagenbundes, Weitra 2010
  • Wladimir Aichelburg: Das Wiener Künstlerhaus 1861–2001. Bd. 1: Die Künstlergenossenschaft und ihre Rivalen Secession und Hagenbund. Wien 2003. Österreichischer Kunst und Kulturverlag Wien, ISBN 3-85437-189-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Arthur Roessler, „Hagenbund“, in: Arbeiter-Zeitung, 4. Februar 1911, S. 1–2
  2. Arno Friedmann, Kokoschka und einige andere, in: Wiener Abendpost, Nr. 37, 15. Februar 1911, S. 1–2

Weblinks[Bearbeiten]