Hans Otto Theater

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Stammhaus des Hans Otto Theaters vom Tiefen See her

Hans Otto Theater ist der Name des Theaters in Potsdam. Es wird in der Rechtsform einer GmbH geführt. Seit September 2006 spielt sein Ensemble im Neuen Theater, welches als Sitz des Hauses synonym unter Hans Otto Theater verstanden wird und auf dem Gelände der Schiffbauergasse am Ufer des Tiefen Sees liegt. Eine weitere Spielstätte des Theaters ist die benachbarte historische Reithalle. Außerdem tritt es regelmäßig im Schlosstheater im Neuen Palais auf.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Schauspieler Hans Otto,
porträtiert von Peter Kern
Das alte Hans Otto Theater in der Zimmerstraße

Das Dem Vergnügen der Einwohner gewidmete Königliche Schauspielhaus wurde 1795 unter König Friedrich Wilhelm II., dem Nachfolger von Friedrich II. (Preußen), am Stadtkanal eröffnet. Das Haus, im Volksmund „Kanaloper“ genannt, bot Platz für 700 Gäste. Es fungierte zunächst als Spielstätte des Königlichen Nationaltheaters in Berlin, verfügte über kein eigenes Ensemble und stand unter der künstlerischen Leitung der Berliner Generaldirektion. Zum Programm gehörten Schauspiele, Opern und Ballette – sämtlich Gastspiele aus Berlin. Da die Potsdamer Garnison rund ein Drittel der Einwohner stellte, machte neben bürgerlichem Publikum die Militärkaste einen großen Teil der Zuschauerschaft aus. Seit 1846 wurde das Haus von privaten Pächtern und Direktoren mit eigenen Ensembles betrieben. Man zeigte Schauspiele und Opern, dazu Lustspiele und viel Triviales. Die Unternehmungen standen wirtschaftlich auf wackligen Füßen; mehrfach wurde das Haus vorübergehend ganz geschlossen. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges stellte man auf Vaterländisches um. Nach der Novemberrevolution 1918 übernahm der Staat das Theater, um es 1919 einem ehemaligen Offizier, Kurt Pehlemann, als Pächter, Oberspielleiter und Schauspieler zu übergeben. Pehlemann führte gängige deutsche Klassiker, Unterhaltung und Deutsch-Nationales auf. 1924 wurde das Theater in die "Potsdamer Schauspielhaus GmbH" umgewandelt; Pehlemann wurde Intendant. Wenig später wurde das Haus mit öffentlichem Geld und Spenden renoviert und auf 650 Plätze verkleinert. Zur Wiedereröffnung 1929 gab man Schillers Kabale und Liebe. Nach 1933 wurde das Repertoire umgestellt: Neben wenig Klassik spielte man leichte Kost und nationalsozialistische Dramatik. Am 25. April 1945 brannte das Theater nach schwerem Artilleriebeschuss nieder. Die Ruine wurde 1966 gesprengt. An ihrer Stelle erhebt sich heute ein Wohnhochhaus.

1946 wurde das Brandenburgische Landestheater gegründet und fand seine Spielstätte zunächst im barocken Schlosstheater des Neuen Palais'. Für die Eröffnungsinszenierung wurde Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang Goethe ausgewählt. Ein neuer provisorischer Spielort wurde am 16. Oktober 1949 mit Goethes Faust I in der ehemaligen Gaststätte, Gesellschaftshaus und Konzertgarten „Zum alten Fritz“ in der Zimmerstraße eröffnet. 1952 erhielt das Theater den Namen „Hans Otto Theater“ nach dem Schauspieler Hans Otto, der im November 1933 als Kommunist und Gewerkschafter von den Nationalsozialisten verhaftet, gefoltert und ermordet wurde.

Ein 1968 beschlossener Wiederaufbau des Potsdamer Stadtzentrums samt Stadthalle und Theater – die Eröffnung war für 1974 geplant – verzögerte sich. 1985 wurde erneut ein Theaterbau geplant; das von Günter Franke, einem der Architekten des Berliner Fernsehturms, geplante Haus sollte 1993 zur 1000-Jahr-Feier Potsdams übergeben werden. Noch vor dem Mauerfall wurde 1989 der Grundstein gelegt. Der bereits fertiggestellte Rohbau wurde jedoch 1991 nach einem Beschluss des Stadtrats abgerissen. An seiner Stelle wurde im Januar 2014 die Replik des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Potsdamer Stadtschlosses als neuer Sitz des Landtages Brandenburg eröffnet. Die altgediente Spielstätte in der Zimmerstraße wurde etwa zeitgleich wegen baulicher Mängel geschlossen. Ersatzspielstätten fanden sich einstweilen in der Schiffbauergasse und in der Heinrich-Mann-Allee. Am Alten Markt wurde ein provisorisches Theaterhaus errichtet, das zunächst für fünf Jahre als zentraler Spielort dienen sollte und vom Potsdamer Publikum alsbald den Spitznamen „Blechbüchse“ erhielt.

Die „Blechbüchse“
Spielstätte des Hans Otto Theaters von 1992 bis 2006

An der Schiffbauergasse (an der Berliner Straße) wurde 1998 eine Spielstätte für Kinder- und Jugendtheater eingerichtet. 1999 folgte die Entscheidung, den lang erwarteten Theaterneubau der Landeshauptstadt Potsdam auf dem neu zu erschließenden Kultur- und Gewerbeareal Schiffbauergasse zu errichten. Im April 2003 wurde der erste Spatenstich gesetzt; im Oktober 2003 erfolgte die Grundsteinlegung. Zur Überbrückung der Bauphase bis zur Inbetriebnahme des Neuen Theaters lud der damalige Intendant des Hans Otto Theaters, Uwe Eric Laufenberg (2004–2009) zwei Spielzeiten lang seine Zuschauer unter dem Motto »unterwegs« an diverse, z. T. exotische, Ausweichspielorte in der Stadt, wie zum Beispiel in das Orangerieschloss im Park Sanssouci, in den Pavillon auf der Freundschaftsinsel, in das Palais Lichtenau oder die Französische Kirche. Auch in der "Blechbüchse" wurde weiterhin gespielt – sie war bis zu ihrer endgültigen Schließung im Juni 2006 vierzehn Jahre lang Hauptspielstätte des Hans Otto Theaters. Am Wochenende vom 22. bis 24. September 2006, zwei Jahre nach dem Richtfest im September 2004, wurde der Neubau des Hans Otto Theaters, das Neue Theater, feierlich eröffnet.

Kurze Zusammenfassung zur Geschichte des Theaters seit 1946:

  • ab 1946 "Landestheater der Mark Brandenburg" im Neuen Palais
  • ab 1947 "Brandenburgisches Landestheater"
  • ab Oktober 1949 in der ehemaligen Gaststätte, Gesellschaftshaus und Konzertgarten „Zum alten Fritz“ in der Zimmerstraße
  • seit Okt. 1952 "Hans Otto Theater"
  • 1953 Anschluss des Reisetheaters "Landesbühne Brandenburg" als Tournee-Ensemble an das Hans Otto Theater
  • 1991 bis 2006 im provisorischen Theaterhaus am Alten Markt („Blechbüchse“)
  • seit Sept. 2006 im Neuen Theater an der Schiffbauergasse

Intendanten seit 1946:

Spielstätten[Bearbeiten]

Neben gelegentlichen Gastauftritten führt das Hans Otto Theater in seinen drei regelmäßigen Spielstätten, dem Neuen Theater als Stammhaus, der Reithalle und dem Schlosstheater im Neuen Palais auf.[1][2]

Neues Theater[Bearbeiten]

Neues Theater, Hauptspielstätte des Hans Otto Theaters

Das Stammhaus und Hauptspielstätte des Hans Otto Theaters wurde von 2003 bis 2006 auf dem Kultur- und Gewerbestandort Schiffbauergasse (Hausnummer 11)[2] errichtet. Bauherren des 26,5 Mio. Euro teuren Projekts waren die Stadt Potsdam und die Landesentwicklungsgesellschaft Brandenburg. Der Dokumentarfilm von Klaus Wunder „Theater ohne Ende zum glücklichen Ende – Theaterbau in Potsdam“ zeigt das wechselvolle Ringen um ein neues Theater von 1988 bis 2006.

Architektur[Bearbeiten]

Sicht von der Havel auf das Neue Theater

Der Architekt und Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm entwarf ein fünfgeschossiges Theatergebäude mit schalenförmigen, auskragenden Dächern. Beton, Glas und Stahl sind die vorherrschenden Materialien. Ein denkmalgeschützter Gasometer wurde in den Baukörper integriert. Auf der Seite des Tiefen Sees grenzt eine ebenfalls denkmalgeschützte frühere Zichorienmühle an den Theaterbau an; sie beherbergt heute ein Restaurant.

Oberes Foyer und Bühnensaal haben Glasfensterfronten, die den Blick über die Havel zum Schlosspark Babelsberg freigeben. Für die abendlichen Theatervorstellungen kann der Saal vollständig abgedunkelt werden. Der Saal bietet Platz für maximal 485 Zuschauer. Unter den Zuschauerreihen sind 50 Hubpodien angeordnet, mit denen das Auditorium flexibel abgesenkt und angehoben werden kann. Die Hinterbühne lässt sich zum gerundeten Innenraum des Gasometers öffnen. Ein Orchestergraben ertüchtigt die Bühne auch für Musiktheatervorstellungen.[3]

Die konkrete Ausgestaltung des Entwurfs und die Bauausführung erfolgten durch Paul Böhm, den Sohn Gottfried Böhms. Das neue Hans Otto Theater wurde am 22. September 2006 offiziell eröffnet.[4] Im Rahmen eines Festakts wurde unter Anwesenheit von Bundespräsident Horst Köhler und des brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung des neuen Theaterstandorts für die Stadt Potsdam gewürdigt und auf die erhoffte Signalwirkung für die Neuen Bundesländer hingewiesen. Die Eröffnung fand in ganz Deutschland ein breites Medienecho. Am Wochenende vom 22. bis zum 24. September standen fünf Premieren auf dem Spielplan, darunter zwei Uraufführungen, eine deutschsprachige Erstaufführung sowie Lessings Nathan der Weise. In der 2015 erschienenen Filmdokumentation „Die Böhms – Architektur einer Familie“ von Maurizius Staerkle-Drux nimmt der Neubau des Neuen Theaters einen wichtigen Platz ein.

Reithalle[Bearbeiten]

Die Reithalle befindet sich in der Potsdamer Schiffbauergasse 16, zwei Fußminuten vom Haupthaus entfernt.[2]

In der Reithalle A werden hauptsächlich Produktionen des Kinder- und Jugendtheaters aufgeführt.

Die Reithalle B dient den Theaterproben.

Schlosstheater im Neuen Palais[Bearbeiten]

Theatersaal im Neuen Palais, barocke Spielstätte in Park Sanssouci
Hauptartikel: Neues Palais

Das Schlosstheater befindet sich direkt im Neuen Palais in der Straße Am Neuen Palais 1 am Westrand des Parks von Sanssouci.

Repertoire und Ensemble[Bearbeiten]

Intendanz[Bearbeiten]

Seit der Spielzeit 2009/2010 ist Tobias Wellemeyer Intendant des Hans Otto Theaters. Der ausgebildete Theaterwissenschaftler und Regisseur war von 1989 bis 2001 Hausregisseur am Staatsschauspiel Dresden, Gastinszenierungen führten ihn nach Bonn und Mainz. Von 2001 bis 2004 war er Intendant der Freien Kammerspiele Magdeburg, bis er 2004 als Generalintendant in die Gesamtverantwortung für ein neu zu schaffendes Theater Magdeburg berufen wurde, das aus der Fusion der Freien Kammerspiele Magdeburg und des damaligen Theaters der Landeshauptstadt Magdeburg hervorging. Bis 2009 führte er die Geschicke des Magdeburger Dreispartenhauses mit den Spielstätten Oper Magdeburg und Schauspiel Magdeburg und realisierte zahlreiche Inszenierungen im Schauspiel und im Musiktheater als Regisseur. 2009 wurde er mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet. Tobias Wellemeyer ist Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste Bensheim.

Repertoire[Bearbeiten]

Das Repertoire des Hans Otto Theaters umfasst Schauspiel und Kinder- und Jugendtheater. Als Koproduzent beteiligt sich das Hans Otto Theater an der jährlichen Neuinszenierung einer Opernaufführung im Rahmen der Potsdamer Winteroper. Innerhalb des Theater- und Konzertverbundes des Landes Brandenburg zeigt das Hans Otto Theater seine Aufführungen in den Städten Frankfurt (Oder) (Kleist-Forum) und Brandenburg an der Havel (Theater Brandenburg). Vom Staatstheater Cottbus kommen Musiktheaterinszenierungen zu Gastspielen in das Hans Otto Theater.

Schauspiel[Bearbeiten]

Das Schauspiel-Ensemble des Hans Otto Theaters besteht gegenwärtig aus 25 festengagierten Schauspielerinnen und Schauspielern. Als Regisseure zu Gast sind oder waren seit 2009 (in alphabetischer Reihenfolge) Clemens Bechtel, Stephan Beer, Ingo Berk, Philippe Besson, Matthias Brenner, Aurelina Bücher, Barbara Bürk, Bruno Cathomas, Markus Dietz, Andreas Dresen, Tina Engel, Marita Erxleben, Fabian Gerhardt, Yvonne Groneberg, Sascha Hawemann, Jens Heuwinkel, Jutta Hoffmann, Katharina Holler, Julia Hölscher, Peter Kube, Kerstin Kusch, Lukas Langhoff, Marc Lunghuß, Nina Mattenklotz, Alexander Nerlich, Isabel Osthues, Stefan Otteni, Elias Perrig, Remo Philipp, Nico Rabenald, Andreas Rehschuh, Alexander Riemenschneider, Niklas Ritter, Michael Talke, Wulf Twiehaus, Ulrich Wiggers, Sebastian Wirnitzer, Peter Zimmermann.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 2008: Friedrich-Luft-Preis für die Uraufführungsproduktion Staats-Sicherheiten unter der Regie von Clemens Bechtel

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hans Otto Theater – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lageplan der Theaterspiestätten, Homepage des Theaters, www.hansottotheater.de, 24. August 2013
  2. a b c Lageplan mit Hausnummern, Homepage des Kultur- und Gewerbestandorts Schiffbauergasse, www.schiffbauergasse.de, 24. August 2013
  3. Theater findet Stadt, Der Tagesspiegel, 6. Juli 2014
  4. Theater: Dem strengen Kasten wachsen kühne Flügel, Theatereröffnung in Potsdam, www.zeit.de, 13. September 2010

52.40305555555613.075277777778Koordinaten: 52° 24′ 11″ N, 13° 4′ 31″ O