Heilige Vorhaut

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Guido Reni: Beschneidung Jesu

Die heilige Vorhaut (lateinisch: sanctum praeputium) galt als christliche Reliquie, bei der es sich um die Vorhaut Jesu von Nazaret handeln sollte. Da ein zentraler Inhalt des christlichen Glaubens die Himmelfahrt Jesu Christi ist, sollen von seinem Körper nur die Bestandteile übrig geblieben sein, die er zu jenem Zeitpunkt nicht mehr hatte. Ausgehend von dem Gedanken, dass die Beschneidung Jesu im Tempel durchgeführt wurde, beanspruchten im Mittelalter mehrere europäische Kirchen, im Besitz dieser heilkräftigen Reliquie zu sein.

Beschneidung[Bearbeiten]

Friedrich Herlin: Beschneidung Jesu

Seit dem Frühmittelalter wurde zum Gedenken an die Beschneidung Jesu acht Tage nach seiner Geburt, von der in Lk 2,21 EU berichtet wird („Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.“), am 1. Januar das Fest der Beschneidung des Herrn (Circumcisio Domini) gefeiert. Das Festgeheimnis geriet jedoch im Zuge der lateinischen Liturgiereform in den Hintergrund. Heute feiert die römisch-katholische Kirche am Oktavtag der Weihnacht das Hochfest der Gottesmutter Maria. Durch Papst Benedikt XVI. wurde jedoch seit 14. September 2007 auch das ältere Kalendarium (für die außerordentliche Form des Römischen Ritus) wieder in rechtsverbindliche Geltung gesetzt, was die Feier der lateinischen Liturgie nach den während des letzten Konzils geltenden und heute wieder geltenden Büchern betrifft.

Geschichte[Bearbeiten]

Kirche Santissimo Nome di Gesù (Heiligster Name Jesu) in Calcata

Die Reliquie der heiligen Vorhaut soll Papst Leo III. von Karl dem Großen anlässlich seiner Kaiserkrönung am 25. Dezember 800 in Rom geschenkt worden sein. Karl wiederum soll sie von einem Engel oder von der Kaiserin Irene von Byzanz bekommen haben. Die heilige Vorhaut wurde zusammen mit anderen Reliquien in der Kapelle Sancta Sanctorum im Lateran aufbewahrt.

Der Legende nach soll die Reliquie beim Sacco di Roma 1527 von einem beteiligten deutschen Söldner gestohlen worden sein, der wiederum auf dem Rückzug nördlich von Rom von Graf Anguillara festgenommen und in der Burg von Calcata festgesetzt wurde. Der Soldat soll das Reliquiar in seiner Zelle versteckt haben, wo es erst 30 Jahre später wiedergefunden und seither in der Pfarrkirche des Ortes aufbewahrt wurde. 1584 gewährte Papst Sixtus V. einen Ablass für das Pilgern nach Calcata. Die heilige Vorhaut wurde regelmäßig bis 1983 bei Prozessionen öffentlich gezeigt. 1983 verschwand sie jedoch unter ungeklärten Umständen.[1] Der Versuch des britischen Fernsehjournalisten Miles Kington im Jahr 1997, die heilige Vorhaut zu finden, endete erfolglos.

Auch die Abtei Charroux führte den Besitz der Reliquie auf Karl den Großen zurück. Papst Innozenz III. weigerte sich jedoch, deren Authentizität anzuerkennen.

Eine Reliquie der heiligen Vorhaut tauchte im Jahr 1112 in Antwerpen auf. Nach einem feierlichen Einzug in die Frauenkirche, wo man eigens eine Kapelle errichtete, sah der Bischof von Cambrai drei Blutstropfen von ihr fallen. Diese Reliquie blieb, bis sie beim Bildersturm von 1566 verschwand.

Katharina von Valois bat im Jahr 1421 ihren Mann, König Heinrich V. von England, ihr diese Reliquie zu verschaffen, da deren süßer Duft eine gute Geburt garantieren würde. Die Reliquie wurde in der Abteikirche von Coulombs niedergelegt und verschwand dort während der Französischen Revolution.

Auch das Kloster Andechs beanspruchte im Mittelalter, im Besitz der heiligen Vorhaut zu sein.

Bedeutung[Bearbeiten]

Nach Darstellung von G. W. Foote und J. M. Wheeler, Crimes of Christianity (1887), soll der griechische Gelehrte und Kurator der Vatikanischen Bibliothek, Leo Allatius († 1661), in einer Schrift De Praeputio Domini Nostri Jesu Christi Diatriba („Vortrag über die Vorhaut unseres Herrn Jesus Christus“) spekuliert haben, dass die Heilige Vorhaut mit Jesus zum Himmel empor stieg und sich in einen der Saturnringe verwandelte.[2] Diese Ringe waren erst im Jahre 1610 mittels eines der ersten Teleskope entdeckt worden.

Der Tag der Beschneidung (circumcision), also der 1. Januar, gab den Anlass für einen der sieben möglichen Jahresanfänge nach der christlichen Zeitrechnung (Circumcisionsstil).

Kult[Bearbeiten]

Auch dieser Körperteil Jesu wurde zum Gegenstand transzendenter Verehrung. Im 13. Jahrhundert berichtete ein Bauernmädchen aus Plambach, die Mystikerin Agnes Blannbekin, sie hätte beim Kosten der Eucharistie das Empfinden von Christi Vorhaut in ihrem Munde verspürt. Die diesbezüglichen Aufzeichnungen ihres Seelsorgers ("Vita et Revelationes"), 1731 von dem Benediktiner Bernhard Pez veröffentlicht, wurden auf Betreiben der Jesuiten eingezogen.[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Otto Clemen: Eine seltsame Christusreliquie. In: Archiv für Kulturgeschichte 7 (1909), S. 137–144, wieder in: Otto Clemen, Kleine Schriften zur Reformationsgeschichte (1897–1944), hrsg. von Ernst Koch, Böhlau, Köln, S. 193ff, ISBN 3-412-08289-9.
  • Alphons Victor Müller: Die hochheilige Vorhaut Christi im Kult und in der Theologie der Papstkirche. Schwetschke, Berlin 1907
  • Marc Shell: The Holy Foreskin; or, Money, Relics, and Judeo-Christianity. In: Jonathan Boyarin / Daniel Boyarin (Hrsg.): Jews and Other Differences: The New Jewish Cultural Studies, University of Minnesota Press, Minneapolis 1997, wieder in Marc Shell, Art & Money, University of Chicago Press, Chicago 1995, S. 30ff.
  •  Johan J. Mattelaer, Robert A. Schipper, Sakti Das: The Circumcision of Jesus Christ. In: The Journal of Urology. 178, 2007, S. 31–34, doi:10.1016/j.juro.2007.03.016.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Beschneidung Jesu – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.sueddeutsche.de/medien/arte-doku-suche-nach-der-heiligen-vorhaut-o-mutter-kirche-1.2098214
  2. G. W. Foote, J. M. Wheeler: Crimes of Christianity (Version vom 22. April 2005 im Internet Archive); 1887: „It should be added that at least one Catholic writer has devoted a treatise to the Savior’s foreskin, asserting that it ascended, like Jesus himself, and expanded into one of the rings of Saturn.“
  3. Agnes Blannbekin im Personenlexikon des Landesmuseums Niederösterreich