Unterrichtsprinzipien

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unterrichtsprinzipien (auch: Didaktische Prinzipien) sind allgemeine Vorgaben zur Gestaltung von Erziehung und Unterricht.

Eine Vielzahl verschiedener, teils gegenläufiger Erläuterungen und Meinungen über die wichtigsten Prinzipien weist unterschiedlichste Reichweiten und Geltungsbereiche auf. Kritiker mahnen terminologische Unschärfen und ideologische Überfrachtung an. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus werden sie gelegentlich als zu praxisbezogen kritisiert und geraten in den Verdacht zu starker Reglementierung bzw. Normierung des Unterrichts.

Unterrichtsprinzipien werden deshalb oft rein formal auf Auswahl, Strukturierung und Gestaltung von Lerninhalten bezogen. Nicht als Vorschriften, sondern als Richtlinien für pädagogisch-didaktische Entscheidungen betrachtet, skizzieren sie eine wünschenswerte Ausrichtung. Ihre Gültigkeit ist allgemein und betrifft sämtliche Erziehungsbereiche und Schulfächer, alle Altersstufen und Schularten.

Bisweilen haben sie einen gewissen polemischen Charakter: Sie werden als Fingerzeig auf Mängel benutzt, z. B. das Prinzip der Aktivierung als Kritik am „verkopften“ (zu sehr vom Intellekt beherrschten) Unterricht.

Grundlegende Prinzipien nach Comenius[Bearbeiten]

Schon 1657 formulierte Comenius erste Prinzipien für den didaktischen Umgang mit Heranwachsenden.

  • Tätigkeit sollte durch eigenes Tun erlernt werden
  • Lernen mit Tat und Beispiel ist besser als Lernen mit Vorschrift
  • Festigung des Erlernten durch weitere Übung
  • Verweilen beim Gegenstand, bis dieser gänzlich begriffen ist
  • Lehren durch sinnliche und natürliche Veranschaulichung.

Aktuell gültige Unterrichtsprinzipien[Bearbeiten]

Prinzip der Motivierung[Bearbeiten]

Motivierung im Unterricht heißt das Wecken und die Berücksichtigung von Lern- und Leistungsbedürfnissen der Schüler. Motivation ist ein „summarisches Konstrukt“ aller das Verhalten beeinflussenden Faktoren, die sich zumeist als Bedürfnisse manifestieren. Unterschieden werden kann hier zwischen Bedürfnissen des Verlangens (Appetenz) und des Vermeidens (Aversion).

Prinzip der Veranschaulichung[Bearbeiten]

Veranschaulichung heißt, den Unterrichtsstoff so darzubieten, dass die Schüler ihn mit Hilfe ihrer Sinnesorgane und entsprechend ihrer Auffassungsgabe umfassend und zutreffend erkennen können. Eine Anschauung liegt dann vor, wenn das Erkannte in seinen Details in sich schlüssig und als Ganzes widerspruchsfrei den Vorerfahrungen zugeordnet werden kann. Vor allem junge Kinder sind auf Veranschaulichung angewiesen, denn sie steigert Lerneffektivität und Gedächtnishaftung.

In der Reformpädagogik wurde Veranschaulichung von vielen Seiten gefordert. Rousseau sprach von der „Erfahrung an den Dingen“, während Pestalozzi die „Anschauung als Bildungskraft“ einforderte.

Prinzip der Aktivierung[Bearbeiten]

Aktivierung heißt, den Schüler anregen und ihm die Möglichkeit geben, im tätigen Umgang mit den Dingen Lernerfahrungen zu sammeln. Durch das Prinzip der Aktivierung wird versucht, beim Schüler Selbsttätigkeit (aus eigenem Anlass auf ein Ziel hin mit freigewählten Mitteln und sozialem Bezug) zu bewirken. Oft wird hierbei gefordert, dass der Lehrer oder Erzieher offensichtliche Fehlversuche nicht vorzeitig beendet, sondern dem Schüler die Möglichkeit gibt, aus eigenem Handeln zu lernen.

Im Mittelpunkt der pädagogischen und didaktischen Bemühungen stand die Aktivierung zum Beispiel bei John Dewey („Learning by Doing“) und Georg Kerschensteiner („Der Ursprung allen Denkens liegt im praktischen Tun“).

Prinzip der Differenzierung[Bearbeiten]

Differenzierung bedeutet die Auflösung des heterogenen Klassenverbandes zugunsten homogener Gruppen in Bezug auf die Leistungsfähigkeit oder Interessen der Schüler. Differenzierung geht im Extremfall bis zur „Passung“ oder „Individualisierung“. Man hofft hierdurch, den einzelnen Schüler besser bei seinem derzeitigen Entwicklungsstand abholen zu können.

Die Differenzierung hat eine lange schulische Geschichte. So boten schon Schulen des griechischen Altertums verschiedene Bereiche an, denen man sich nach eigenen Fähigkeiten zuwenden konnte. Im Mittelalter rückte man unabhängig vom Alter nach Prüfung der Kenntnisse in bestimmte Abteilungen vor. Während Comenius dem entgegen für die Bildung von Jahrgangsklassen eintrat, setzte sich in der Reformpädagogik unter anderem Maria Montessori für individualisierende Verfahren mit dem Ziel der „Selbstbildung“ ein.

Unterschieden werden können die innere Differenzierung bzw. die Binnendifferenzierung (innerhalb des Klassenverbands Differenzierung bezüglich Schwierigkeitsgrad, Art des Lernangebots, Zusatzangebote,...) und die äußere Differenzierung, welche interschulisch die Differenzierung durch Schulart oder intraschulisch die jeweilige Schulstruktur bezeichnet.

Prinzip der Erfolgsbestätigung[Bearbeiten]

Die Erfolgsbestätigung ist ein wichtiger Bestandteil des Lehrens und Lernens. Die Erkenntnisse der Lernpsychologie zeigen, dass der Lernerfolg erheblich von den emotionalen, besonders aber den sachlich differenzierten Rückmeldungen bestimmt wird. Dem Lernenden werden Rückmeldungen über den Erfolg oder Misserfolg seiner Lernprozesse vermittelt, um weitere Lernerfolge anzubahnen. Diese sollten nach der Unterrichtslehre möglichst substantiiert, konkret und sachbezogen sein und sich nicht in Superlativen und Allgemeinplätzen wie („toll“, „Spitze“, „WOW“ etc. ) der Lehrkraft erschöpfen.[1]

Die Erfolgsbestätigung hat vor allem die Funktion, Auskunft über den aktuellen Lernstand zu geben, den weiteren Lernprozess zu bestimmen und die Lernbereitschaft zu erhalten bzw. zu verbessern. Hierzu dienen in erster Linie die sachlichen Auskünfte. Aber auch die subjektiven Einflussmaßnahmen wie die gerechte Verteilung von Lob und Tadel bestimmen Arbeitsklima und Lernwillen.[2]

Prinzip der Erfolgssicherung[Bearbeiten]

Der Lernerfolg soll über eine längere Zeit erhalten bleiben und das erworbene Wissen und Können gegen Vergessen und Verfall abgesichert werden. Hierzu dienen methodische Maßnahmen wie das Wiederholen, Üben, Trainieren, Anwenden des Erlernten in der Praxis und der Transfer auf andere Bereiche („Prinzip der Festigung“).

Zur einer effektiven Erfolgssicherung gehört jedoch auch eine möglichst objektive Bestandsaufnahme des Lernerfolgs, die sich an den Zielvorgaben messen lassen muss.[3] Nur wenn sichergestellt ist, dass die ersten Zielvorgaben auch tatsächlich erreicht sind, kann das weitere didaktische Vorgehen sinnvoll geplant werden.[4]

Prinzip der Schülerorientierung[Bearbeiten]

Dieses Prinzip bezeichnet die Berücksichtigung der Individualität und Anerkennung der Personalität des Schülers in allen Bereichen des Unterrichts. Das betrifft die Form des Umgangs, die gegenseitige Achtung der Würde sowie die offene und vertrauende Partnerschaft.

Sabine Ragaller unterscheidet für den Grundschulbereich drei Aspekte der Kindorientierung:

  • Die Wesensmerkmale des Grundschulkindes, sein Kindsein, ernst nehmen
  • Die Individualität (Biografie, Interessen, Bedürfnisse,...) jedes Kindes anerkennen
  • Die gegenwärtige Lebenssituation der Kinder (Veränderte Kindheit, Lebens- und Interessenswelt heutiger Kinder) berücksichtigen

Schülerorientierung hängt eng mit dem Prinzip der Differenzierung zusammen. Die gegenseitige Anerkennung der Person und der personalen Würde ist Kennzeichen des „demokratischen Unterrichts“. Gefordert wird das gemeinsame Besprechen von Planung, Gestaltung des Unterrichts sowie das Verhalten der Beteiligten im Rahmen einer Meta-Kommunikation.

Prinzip der Ganzheit[Bearbeiten]

Ganzheit oder Ganzheitlichkeit bedeutet im Gegensatz zum zufälligen Nebeneinander oder zur additiven Anhäufung eine urtümliche Geschlossenheit, aus der sich die Bedeutung der integrierten Bereiche ableitet und die sich durch einen unauflösbaren Wirkzusammenhang („Das Ganze ist immer mehr als die Summe seiner Teile“) auszeichnet.

Bereits Pestalozzi forderte in seiner Idee der Elementarbildung die Beteiligung von „Kopf, Herz und Hand“, also die nicht isolierte Tätigkeit im kognitiven, emotionalen und praktischen Bereich.

Prinzip der Strukturierung[Bearbeiten]

Eine Struktur ist ein innerer Zusammenhang eines Gebiets, bei dem sich Teilbereiche abzeichnen, die aber aufeinander bezogen sind. Mittels dieser Bezogenheit lässt sich das Gebiet oft nach bestimmten Kriterien hierarchisch ordnen (z. B. bei der Lernstrukturanalyse als Methode der Inhaltsstrukturierung oder beim (trivialen) Prinzip Anfang, Mitte, Ende als Methode der Ablaufstrukturierung). Neben diesem inneren Zusammenhang zeichnet sich eine Struktur dadurch aus, dass die Strukturiertheit den Unterschied einer Realität von anderen Gegebenheiten involviert.

Dieses Prinzip hat eine Ähnlichkeit mit dem Unterrichtsprinzip der Ganzheit. Jedoch werden hier andere Schwerpunkte gesetzt: Das Prinzip der Strukturierung bezieht sich mehr auf die Auswahl der Inhalte und auf die Methodengestaltung.

Bekannt ist dieses Prinzip auch unter der Bezeichnung „Prinzip der kleinen Schritte“.

Fachdidaktische Unterrichtsprinzipien[Bearbeiten]

Im differenzierten Kanon der Unterrichtsfächer gibt es weitere spezielle fachdidaktische Unterrichtsprinzipien: z. B. die Problemorientierung, die Multiperspektivität, Wissenschaftsorientierung.

Internationale Diskussion[Bearbeiten]

In den USA gehören die „Nine Events of Instruction“ von Robert Gagné zu den bekanntesten Ansätzen zur Unterrichtsplanung.

Literatur[Bearbeiten]

  • H. J. Apel, W. Sacher (Hrsg.): Studienbuch Schulpädagogik, Bad Heilbrunn, 2005, ISBN 3-7815-1364-5.
  • Hans Glöckel: Vom Unterricht. Lehrbuch der Allgemeinen Didaktik. 4. Auflage. Bad Heilbrunn/Obb. 2003. ISBN 978-3-7815-1254-2
  • G. Gonschorek, S. Schneider: Einführung in die Schulpädagogik und die Unterrichtsplanung, Donauwörth, 2005, ISBN 3-4030-3216-7.
  • Herbert Gudjons: Didaktik zum Anfassen, Bad Heilbrunn, 2003, ISBN 3-7815-1269-X.
  • W. Jank, Hilbert Meyer: Didaktische Modelle, Frankfurt, 2002, ISBN 3-5892-1566-6.
  • H. Kiper, H. Meyer, W. Topsch: Einführung in die Schulpädagogik, Cornelsen, Berlin, 2002, ISBN 3-5892-1657-3.
  • Edmund Kösel: Didaktische Prinzipien und Postulate, in: Die Modellierung von Lernwelten, Bd. I. Die Theorie der Subjektiven Didaktik, 4. Aufl. Bahlingen 2002 ISBN 3-8311-3224-0
  • H. Schröder: Lernen - Lehren - Unterricht, München, 2002, ISBN 3-4862-5973-3.
  • A.M. Strathmann, K.J. Klauer: Lernverlaufsdiagnostik: Ein Ansatz zur längerfristigen Lernfortschrittsmessung. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 42 (2010) Seiten 111-122
  • Siegbert Warwitz, Anita Rudolf: Die Objektivierung von Erfolgskontrollen. In: Dies.: Projektunterricht. Didaktische Grundlagen und Modelle. Verlag Hofmann, Schorndorf 1977, Seiten 24 – 27. ISBN 3-7780-9161-1
  • Siegbert A. Warwitz: Lernziele und Lernkontrollen, In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln, Baltmannsweiler, Schneider-Verlag, 6. Auflage 2009. Seiten 23 und 26-28. ISBN 978-3-8340-0563-2
  • Werner Wiater: Unterrichtsprinzipien, Donauwörth, 2001, ISBN 3-4030-3617-0.
  • Benedikt Wisniewski: "Von Prinzipien guten Unterrichts", in: B. Wisniewski & A. Vogel: Schule auf Abwegen - Mythen, Irrtümer und Aberglaube in der Pädagogik, Schneider Verlag, Baltmannsweiler, 2013, ISBN 978-3834012562

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. A.M. Strathmann, K.J. Klauer: Lernverlaufsdiagnostik: Ein Ansatz zur längerfristigen Lernfortschrittsmessung. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 42 (2010) Seiten 111-122
  2. Hans Glöckel: Vom Unterricht. Lehrbuch der Allgemeinen Didaktik. 4. Auflage. Bad Heilbrunn/Obb. 2003
  3. Siegbert A. Warwitz: Lernziele und Lernkontrollen, In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln, Baltmannsweiler, Schneider-Verlag, 6. Auflage 2009. Seiten 23 und 26-28
  4. Siegbert Warwitz, Anita Rudolf: Die Objektivierung von Erfolgskontrollen. In: Dies.: Projektunterricht. Didaktische Grundlagen und Modelle. Verlag Hofmann, Schorndorf 1977, Seiten 24 – 27