Institutioneller Rassismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als institutioneller Rassismus (auch: struktureller Rassismus) werden Rassismen bezeichnet, die von Institutionen der Gesellschaft, von ihren Gesetzen, Normen und internen Logik ausgehen, unabhängig davon inwiefern Akteure innerhalb der Institutionen absichtsvoll handeln oder nicht[1]. Er kann als ein Gegensatz zum personellen Rassismus verstanden werden, der sich beispielsweise im alltäglichem Rassismus und im Rechtsextremismus in Vorurteilen oder Gewalt ausdrückt.

Institutionellen Rassismus erfahren Menschen durch Ausgrenzung, Benachteiligung oder Herabsetzung in gesellschaftlich relevanten Einrichtungen wie beispielsweise:

  • bei der politische Beteiligung (Wahlrecht, Fehlende Repräsentanz in politischen Einrichtungen)
  • im Bildungssystem
  • auf dem Arbeitsmarkt
  • auf dem Wohnungsmarkt
  • als Opfer von Racial Profiling[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Der Begriff wurde erstmals 1967 von Stokely Carmichael und Charles V. Hamilton in "Black Power" verwendet, einem grundlegenden Werk der Schwarzenbewegung. Da dieser Form von Rassismus nicht unbedingt ein Rassebegriff zugrunde liegt, kann hierbei oft auch von einem Rassismus ohne Rassen gesprochen werden. Die Psychologin Ute Osterkamp stellt fest, „dass rassistische Denk- und Handlungsweisen nicht Sache der persönlichen Einstellungen von Individuen, sondern in der Organisation des gesellschaftlichen Miteinanders verortet sind, welche die Angehörigen der eigenen Gruppe systematisch gegenüber den Nicht-Dazugehörigen privilegieren."[2]

Studien[Bearbeiten]

In ihrer Untersuchung über institutionelle Diskriminierung haben Mechthild Gomolla und Frank-Olaf Radtke festgestellt, dass schlechtere Deutschkenntnisse von Migrantenkindern in Deutschland häufiger dazu führen, dass diese unangemessen in Sonderschulen eingewiesen werden, eine Schulform die in der Regel schlechtere Voraussetzungen für das spätere Leben schafft. Auch bei der Schullaufbahnempfehlung (also die Grundlage für den Übergang in die Sekundarschule) werden sie aufgrund der institutionellen Logik tendenziell schlechter gestellt.[3]

Intersektionelle Unterschiede[Bearbeiten]

Laut Cátia Candeias zeigten sich Unterschiede, wenn die Überschneidungen (Fachbegriff: Intersektionen) von Rassismus und Geschlecht betrachte. Männer erführen eher eine Institutionalisierte Diskriminierung, Frauen eher eine interpersonelle Diskriminierung.[4]

Institutioneller Rassismus in der BRD[Bearbeiten]

2009 besuchte Githu Muigai, der UN-Sonderberichterstatter zu Rassismus, Deutschland und bemängelte Defizite im Kampf gegen den Alltagsrassismus in Politik und Gesellschaft. So werde in Deutschland immer noch Rassismus mit Rechtsextremismus gleichgesetzt und damit nicht ausreichend wahrgenommen. Hier seien ähnliche Mängel wirksam wie beim institutionellen Rassismus in Deutschland: „Polizei, Behörden und Gerichte müssen noch einiges tun“.[5] Als einen Schritt in die richtige Richtung bezeichnete der UN-Sonderberichterstatter die Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). Das Gesetz sei jedoch noch reformbedürftig.[5] Muigai forderte auch eine bessere personelle Ausstattung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.[5] Kritisiert wurde auch die geringe Präsenz von People of Colour im öffentlichen Leben der Republik und ihre geringe politische Teilhabe.[5] Ein ausführlicher Bericht wurde im Februar 2010 vorgestellt.[6] Mit Muigai besuchte nach 14 Jahren zum ersten Mal wieder ein UN-Sonderberichterstatter zu Rassismus die BRD.[5]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • M. Gomolla, F.-O. Radtke: Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule, Opladen: Leske + Budrich, 2002, ISBN 3-8100-1987-9.
  • Mechthild Gomolla: Schulentwicklung in der Einwanderungsgesellschaft. Strategien gegen Diskriminierung in England, Deutschland und in der Schweiz Waxmann Verlag, Münster 2005. ISBN 3-8309-1520-9
  • Ute Osterkamp: Rassismus als Selbstentmächtigung, Hamburg: Argument, 1996.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b ZAG - antirassistische Zeitschrift, Berlin, ISSN: 2192-6719, Nr.61, Juli 2012: Sebastian Friedrich und Johanna Mohrfeldt Alltägliche Ausnahmefälle - Zu Institutionellem Rassismus bei der Polizei und der Praxis des „Racial Profiling“ via URL, abgerufen am 5. September 2012
  2. U. Osterkamp: Rassismus als Selbstentmächtigung, Hamburg: Argument, 1996, S.201
  3. M. Gomolla, F.-O. Radtke: Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule, Opladen: Leske + Budrich, 2002, S.270ff
  4. Cátia Candeias: Institutionelle Diskriminierung: Die rechtliche Stellung der Migrantinnen (PDF)
  5. a b c d e UN kritisiert Alltagsrassismus. Von Sabine am Orde. taz 1. Juli 2009 [1]
  6. Githu Muigai: Report of the Special Rapporteur on contemporary forms of racism, racial discrimination, xenophobia and related intolerance (PDF; 155 kB), 22. Februar 2010, Zugriff am 24. Februar 2011