Inuit

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Inuk 1995 (Territorium Nunavut, Kanada)
Cape Dorset, Inuit-Siedlung in Nunavut

Als Inuit bezeichnen sich die indigenen Volksgruppen, die im arktischen Zentral- und Nordostkanada sowie auf Grönland leben. Die Bezeichnung Eskimo wird als Oberbegriff benutzt, der auch die entfernter verwandten arktischen Volksgruppen der Yupik und der Aleuten umfasst. Inuit ist deshalb kein Ersatz für den Terminus Eskimo und ist auch nicht im Wortschatz aller um den Nordpol lebenden Volksgruppen enthalten.

Die Sprache der Inuit ist Inuktitut (Nordostkanada und Grönland) und Inuinnaqtun (arktisches Zentralkanada).

Begriffsgeschichte

Inuit ist Inuktitut und bedeutet ‚Menschen‘; die Einzahl lautet Inuk (Mensch), zwei Menschen (Dual) sind Inuuk. Die Bezeichnung Eskimo ist eine ursprünglich von den Ayisiniwok und Algonkin verwendete Sammelbezeichnung für die mit ihnen nicht verwandten Völker im nördlichen Polargebiet. Das Wort soll sich nach Auffassung von Ives Goddard (*1941) Linguisten an der Smithsonian Institution etymologisch aus dem Ayisiniwok-Wort aayaskimeew = ‚Schneeschuhmacher‘ (englisch: snowshoe netters) herleiten.[1] Da der Begriff Eskimo keine Eigen- sondern eine Fremdbezeichnung ist, wird er teilweise als abwertend empfunden [2], und es gibt daher Bestrebungen, diese Bezeichnung generell durch Inuit zu ersetzen. Die Verwendung des Begriffs Eskimo ist rückläufig, Inuit jedoch kein Synonym. Daher hat sich Inuit als alternative Vokabel im nordwestlichen Kanada, in Alaska und auf der Tschuktschen-Halbinsel bislang nicht durchgesetzt: Die dort lebenden Volksgruppen haben die Vokabel nicht in ihrem Wortschatz; sie bezeichnen sich zwar ebenfalls als ‚Mensch(en)‘, doch je nach Sprachgruppe mit den Wörtern Inupiat, Sugpiaq und Yupik. Die Inupiat z. B. sehen sich nach wie vor als Eskimo(s) an und halten das keineswegs für herabsetzend. Bei den im mittleren Norden und im Nordosten Kanadas lebenden Inuit sind die Auffassungen in dieser Frage dagegen unterschiedlich: Während die einen die Bezeichnung Eskimo als politisch inkorrekt einstufen und sich ausschließlich als ‚Mensch(en)‘ (Inuk/Inuit) bezeichnet sehen möchten, nennt sich die in Inuit-Besitz befindliche, international durch den Vertrieb von Inuit-Kunst bekannte Kooperative von Cape Dorset im Territorium Nunavut seit ihrer Gründung unverändert West Baffin Eskimo Cooperative (WBEC).

Herkunft der Inuit

Die Herkunft der Vorfahren der Inuit ist nicht genau bekannt. Bei Inuit-Kleinkindern tritt (wie bei Indianer-Kindern) häufig der Mongolenfleck auf, was durchaus auf eine Verwandtschaft mit heutigen altaischen Völkern hindeuten kann.

Als sicher gilt heute, dass Paläo-Eskimo etwa 3000 v. Chr. (lange nach der letzten, etwa 10000 v. Chr. endenden Eiszeit) von Asien aus über die Beringstraße nach Alaska (Nordamerika) einwanderten. Sie sind nach einhelliger archäologischer Auffassung mindestens 12.000 Jahre später als die ersten paläoindianischen Gruppen auf den amerikanischen Kontinent gelangt.

Gegen 2500 v. Chr. (das Klima der Arktis war damals wärmer als heute) wanderte ein Teil der Paläo-Eskimo von Alaska bis nach Grönland. In dieser Zeit entwickelte sich die Prä-Dorset-Kultur (mit den Independence-Kulturen I und II sowie der Saqqaq-Kultur). Später – etwa 500 v. Chr. bis 1000 n. Chr. – folgte dann die Dorset-Kultur (benannt nach der heutigen Südbaffin-Siedlung Cape Dorset, in deren Nähe archäologische Fundstücke entdeckt wurden).

Parallel dazu entwickelte sich 2000 v. Chr. bis 1000 n. Chr. im durch pazifischen Einfluss wärmeren Alaska die Neo-Eskimo-Kultur.

Etwa 1000 n. Chr. erfolgte bei wärmerem Klima als heute eine neuerliche Wanderung von Alaska-Eskimo über Nordkanada bis Grönland. Dabei handelte es sich um Träger der Neo-Eskimo-Kultur, welche weiter entwickelt und den Dorset-Eskimo in vielen Bereichen deutlich überlegen waren. In verhältnismäßig kurzer Zeit wurde die Dorset-Kultur verdrängt, teilweise vermischten sie sich vermutlich. Die neu entstandene Kultur wird nach Fundstücken nahe der nordgrönländischen Siedlung Thule als Thule-Kultur bezeichnet; die Zeitspanne der Thule-Kultur umfasst etwa 800 Jahre (1000 bis etwa 1800, also bis gegen Ende der von etwa 1550 bis 1850 dauernden Kleinen Eiszeit). Die Thule-Eskimo sind die direkten Vorfahren der heutigen Inuit. Zeitlich bestehen fließende Übergänge: Der Zeitraum von 1500 bis 1900 wird als Inuit-Frühgeschichte aufgefasst; als Historische Periode der Inuit bezeichnet man die Zeit seit 1800.

Traditionelle Lebensweise

Die Inuit-Kultur ist bis heute eine relativ einheitliche Jagdkultur, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem auf dem Jagen von Meeressäugern (Robben, Walrosse, Wale, Eisbären), aber auch von Landtieren (Karibus) basierte. Wichtigste Jagdwaffe war die Harpune, doch wandten die Inuit und ihnen verwandte Völkerschaften auch Pfeil und Bogen an. Außer der Jagd betrieben sie Fischfang und sammelten Früchte. Ihre nomadische Lebensweise war durch das Verfolgen jagdbarer Tiere begründet; in Zeiten ausreichender Jagdwildvorkommen lebten sie ortsfest.

Zur Fortbewegung auf dem Wasser nutzten sie den Kajak oder den vielsitzigen Umiak (Frauenboot); auf dem Land und dem Meereseis diente ihnen im Winter der von Schlittenhunden gezogene Qamutik (Schlitten) als Transportmittel. Im Sommer wurden die Hunde als Tragetiere benutzt.

Inupiat-Familie (1917)

Die meisten Inuit lebten als Familiengruppen in Camps – während des Winters im Qarmaq (Plural: Qarmait), einer Behausung, die je nach Region und verfügbarem Material aus Stein, Gras- und Erdsoden, niedrigem Gestrüpp, gelegentlichem Treibholz und Walknochen erbaut und mit Schnee abgedichtet wurden. Schneehäuser (Iglus) dienten in der Regel nicht als permanente Winterunterkünfte, sondern wurden auf Reisen angelegt. Im Sommer lebte man im luftdurchlässigeren Zelt, das aus Fellen mit Walknochenstangen errichtet wurde. Elemente polarer Kultur waren im Übrigen u. a. das Langhaus und die mit Öl aus dem Speck von Meeressäugern betriebene Serpentin-Öllampe (Qulliq).

Kulturelle Umwälzungen

Über das Zusammentreffen der Inuit-Kultur mit der Kultur der Weißen wird im Zusammenhang mit der zunehmenden Emanzipation der Inuit viel geschrieben, und das durchaus nicht immer frei von Ideologie. Häufig werden geschichtliche Zusammenhänge auch verkürzt dargestellt, um etwa ein einzelnes Faktum hervorzuheben, worunter zwangsläufig die Gesamtschau leidet.

Zwei junge Inuit-Mütter im Amauti (Frauen-Parka mit Kapuze), Pond Inlet 1995
Mutter im Amauti mit Kinderwagen, Cape Dorset 2002

Seit dem 2. Weltkrieg unterliegt die Inuit-Kultur starken Umwälzungen: Das Nomadenleben ist seit Ende der 1960er Jahre vorbei, und die Inuit bewohnen nun im Süden Kanadas vorgefertigte Siedlungshäuser.

Inuit-Familie zu Hause, Pond Inlet 1995
Robbenjäger nahe Cape Dorset (1999)

Schlittenhunde (anders als in Nord-Grönland heute in Nunavut eher ein Luxus) wurden durch Schneemobile, Kajak und Umiak durch fabrikgefertigte Kanus mit Außenbordmotoren abgelöst, und Sommerreisen werden nicht mehr zu Fuß, sondern mit dem ATV (All-Terrain Vehicle, Quad) unternommen. Die Jagd auf Grönlandwale findet aufgrund internationaler Schutzmaßnahmen nur noch sporadisch nach strengen staatlichen, auf einer Übereinkunft beruhenden Regeln zur Aufrechterhaltung von Tradition statt (Nunavut: fünf Grönlandwale innerhalb von zehn Jahren). Traditioneller Handel mit Robben- und Fuchsfellen sowie mit Handarbeiten aus Walross- und Narwal-Elfenbein sind infolge Boykotts durch viele Staaten (aus Tierschutzgründen) praktisch zum Erliegen gekommen. Durch die Etablierung der Grönländischen Kajakmeisterschaften werden seit 1986 die traditionellen Techniken zur Herstellung und Nutzung von Kajaks – nun zu sportlichen Zwecken – gepflegt, sowie die Seilgymnastik der Inuit.

Dafür sind jedoch seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre Inuit-Kunst und Inuit-Kunsthandwerk wichtige Quellen der Wertschöpfung geworden. Serpentin- und Marmorskulpturen, Kunstgrafik, Wandbehänge und -teppiche, Schmuck, Keramiken und Puppen geben heute einer großen Zahl von Inuit-Künstlern und -Künstlerinnen aller Generationen neben Jagen und Fischen eine wesentliche Lebensgrundlage.

Camp von Inuit-Jägern auf dem Meereseis (Pond Inlet 1995)

Eine positive Entwicklung sowohl auf wirtschaftlichem wie auf kulturellem Gebiet erhoffen sich die Inuit im Nordosten Kanadas von der Bildung des Territoriums Nunavut, das seit 1. April 1999 besteht und von den Inuit selbst verwaltet wird; da es sich um ein Territorium und nicht um eine Provinz handelt, sind die rechtlichen Kompetenzen der Regierung Nunavuts allerdings eingeschränkt, und die Abhängigkeit von der Bundesregierung ist hoch. Besonderer Wert wird hier auf die Pflege von Inuit-Kultur und -Tradition gelegt.

Daneben gibt es auch staatenübergreifende Bewegungen, welche die Kultur der Inuit bewahren und ihre politischen Forderungen koordinieren sollen, z. B. das Inuit Circumpolar Council (ICC). Als sehr bedeutsames Problem wird die globale Erwärmung angesehen, die nicht nur das traditionelle Leben der Inuit wesentlich zu verändern scheint, sondern auch Tier- und Pflanzenwelt stark beeinflusst. Die Regierung des Territoriums Nunavut, allen voran Premierminister Paul Okalik, zeigt daher essentielles Interesse daran, wie sich das Kyoto-Protokoll weiterentwickeln und seine Ziele erreichen wird.

Siehe auch

Literatur

  • Bryan & Cherry Alexander: Eskimo – Jäger des hohen Nordens. Belser, Stuttgart 1993. ISBN 3-7630-2210-4
  • Kai Birket-Smith: Die Eskimos. Orell Füssli, Zürich 1948.
  • Fred Bruemmer: Mein Leben mit den Inuit. Frederking & Thaler, München 1995. ISBN 3-89405-350-X
  • Ernest Burch Jr., Werner Forman: The Eskimos. University of Oklahoma Press, Norman 1988, Macdonald/Orbis, London 1988. ISBN 0-8061-2126-2
  • Brian M. Fagan: Ancient North America. London and New York, Thames and Hudson Ltd, 1991, ISBN 0-500-27606-4 (auch deutsch: Das frühe Nordamerika – Archäologie eines Kontinents, übersetzt von Wolfgang Müller, Verlag C. H. Beck München 1993, ISBN 3-406-37245-7)
  • Richard Harrington: The Inuit – Life as it was. Hurtig, Edmonton 1981. ISBN 0-88830-205-3
  • Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Im Schatten der Sonne – Zeitgenössische Kunst der Indianer & Eskimos in Kanada. Edition Cantz, Stuttgart 1988. ISBN 3-89322-014-3
  • Hartmut Krech (Hrsg.): Autobiografie eines Eskimo-Mannes. In: IndianerLeben. Indianische Frauen und Männer erzählen ihr Leben. Norderstedt: Books on Demand 2009. ISBN 978-3-8391-1047-8
  • David Morrison, Georges-Hébert Germain: Eskimo – Geschichte, Kultur und Leben in der Arktis. Frederking & Thaler, München 1996. ISBN 3-89405-360-7
  • Ansgar Walk: Im Land der Inuit – Arktisches Tagebuch. Pendragon, Bielefeld 2002. ISBN 3-934872-21-2
  • Ansgar Walk: Kenojuak – Lebensgeschichte einer bedeutenden Inuit-Künstlerin. Pendragon, Bielefeld 2003. ISBN 3-934872-51-4

Weblinks

 Wiktionary: Inuit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Inuit – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen

  1. Ives Goddard: Handbook of North American Indians, Smithsonian Institution, Washington DC 1984, vol. 5, S. 5–7
  2. Lyle Campbell: American Indian Languages: The Historical Linguistics of Native America Oxford University Press, New York 1997, S. 394