Iwan Bloch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Iwan Bloch
Das Sexualleben unserer Zeit, 1907

Iwan Bloch, Pseudonym Eugen Dühren, (* 8. April 1872 in Delmenhorst; † 19. November 1922 in Berlin) war ein deutscher Arzt und Sexualforscher.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Bloch entstammte einer jüdischen Familie, besuchte das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover und studierte später Medizin in Bonn, Heidelberg, Berlin und Würzburg, wo er 1896 promoviert wurde. Nach einer klinischen Tätigkeit in Berlin eröffnete er in Charlottenburg eine Praxis als Dermatologe und Spezialist für Sexualleiden. Sein Forschungsansatz lag in der Verbindung von Kultur- und Medizingeschichte.

Bloch hat 1907 in der Monografie Das Sexualleben unserer Zeit den Begriff der Sexualwissenschaft eingeführt. In der Vorrede zu diesem Buch definiert er die Sexualwissenschaft als fächerübergreifend arbeitende Disziplin. Bloch schreibt, „daß eine rein medizinische Auffassung des Geschlechtslebens, obgleich sie immer den Kern der Sexualwissenschaft bilden wird, nicht ausreiche, um den vielseitigen Beziehungen des Sexuellen zu allen Gebieten des menschlichen Lebens gerecht zu werden. Um die ganze Bedeutung der Liebe für das individuelle und soziale Leben und für die kulturelle Entwicklung der Menschheit zu würdigen, muß sie eingereiht werden in die Wissenschaft vom Menschen überhaupt, in der und zu der sich alle anderen Wissenschaften vereinen, die allgemeine Biologie, die Anthropologie und Völkerkunde, die Philosophie und Psychologie, die Medizin, die Geschichte der Literatur und diejenige der Kultur in ihrem ganzen Umfange.“ (Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen Kultur)

Bloch schrieb, auch unter Pseudonymen (Eugen Dühren, Albert Hagen, Veriphantor, Gerhard von Welsenburg), sittengeschichtliche und sexualwissenschaftliche Werke.

Seine letzte Ruhe fand er auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee im Feld A4.

Schriften (in Auswahl)[Bearbeiten]

Monographien[Bearbeiten]

  • Anthropological Studies on the Strange Sexual Practices of All Races and All Ages. 2001, Reprint der englischen Ausgabe von 1933
  • Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia sexualis Vorrede Albert Eulenburg. Dohrn, Dresden 1902; Kessinger, Whitefish (Montana) 2010 ISBN 978-1-160-04450-9
  • Englische Sittengeschichte (früher: Das Geschlechtsleben in England) (2 Bände, 1912, als Dühren)
  • Der Fetischismus (1903, als Veriphantor)
  • Irrungen menschlicher Liebe (o.J., als Veriphantor)
  • Der Marquis de Sade und seine Zeit. Ein Beitrag zur Cultur- und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer Beziehung auf die Lehre von der Psychopathia Sexualis 1900, als Dühren. -1. Aufl. Barsdorf, Berlin 1900; Max von Harrwitz, Berlin 1904; 5. Aufl. Barsdorf, Berlin 1915 (Reihe: Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtslebens Bd. 1.). Inges. 7 Aufl. zu Lebzeiten. Zuletzt 1978: Heyne, München ISBN 3-453-50124-1
    • in Engl. (Auszüge): Marquis de Sade. His life and his works Übers. James Bruce. Castle/Book Sales, New York 1948 (128 S.). Weitere Übers. ins Frz. und Span.
  • Neue Forschungen über den Marquis de Sade und seine Zeit. Mit besonderer Berücksichtigung der Sexualphilosophie de Sade's auf Grund des neuentdeckten Original-Manuskriptes seines Hauptwerkes (als Dühren); Nachdruck 1965; wieder VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2007
  • Die Prostitution (Band 1, 1912; 2. Band posthum 1925)
  • Rétif-Bibliothek. Verzeichnis der französischen und deutschen Ausgaben und Schriften von und über Nicolas Edme Restif de la Bretonne (1906, u. d. Pseudonym Eugen Dühren)
  • Rétif de la Bretonne. Der Mensch, der Schriftsteller, der Reformator (1906, gleiches Pseud.)
  • Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen Kultur (1907, das grundlegende Werk erlebte in der Folgezeit mehrere Auflagen.)
  • Die sexuelle Osphresiologie (1906, als Albert Hagen)
  • Der Ursprung der Syphilis. Eine medizinische und kulturgeschichtliche Untersuchung (1901)
  • Das Versehen der Frauen in Vergangenheit und Gegenwart und die Anschauungen der Aerzte, Naturforscher und Philosophen darüber (1899, als Gerhard von Welsenburg)
  • Projekt Gutenberg-DE: Bibliothek der Sexualwissenschaft 36 Klassiker als Faksimile auf DVD. Hille & Partner ISBN 978-3-86511-524-9
  • Die Praxis der Hautkrankheiten. Unna's Lehren für Studierende und Ärzte, Berlin/Wien 1908

Aufsätze[Bearbeiten]

  • Über den Chirurg Ido Wolff (1615-1695) in: Oldenburger Jahrbuch 1898
  • Die Individualisierung der Liebe In: Mutterschutz. Zeitschrift zur Reform der Sexuellen Ethik, Heft 7, 1906, S. 274-282 (die Zeitschrift „Mutterschutz“ wurde von der Feministin und Sexualreformerin Helene Stöcker herausgegeben)
  • Die primitiven Wurzeln der Prostitution In: Zeitschrift für Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, XII. Band, 1912, Seite 143-160
  • Über die Freudsche Lehre In: Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Band III (April 1916 bis März 1917) S. 57-63 (ursprünglich ein Vortrag Blochs in der Sitzung der „Ärztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft“ in Berlin am 17. März 1916)

Herausgabe von Büchern[Bearbeiten]

  • Reihe „Sexualpsychologische Bibliothek“
    • Alexandre de Tilly: Die Memoiren des Grafen von Tilly. Berlin: Marcus 1909. (Bd. 1-2)
    • Constancio Bernaldo de Quiros u. José María Llanas Aguilaniedo: Verbrechertum und Prostitution in Madrid. Berlin: Marcus 1909. (Bd. 3)
    • Tresmin-Trémolières: Yoshiwara. Die Liebesstadt der Japaner. Berlin: Marcus 1910. (Bd. 4)
    • Camille Granier: Das verbrecherische Weib. Berlin: Marcus 1910. (Bd. 5)
    • Maurice Talmeyr: Das Ende einer Gesellschaft. Berlin: Marcus 1910. (Bd. 6)
  • Karl Gutzkow: Arabella. Eine Toilettenphantasie. Neu hrsg. u. mit einer Einleitung versehen von Iwan Bloch. Berlin-Wilmersdorf: Alfred Richard Meyer-Verlag [1920]

Herausgabe von Zeitschriften[Bearbeiten]

  • Zeitschrift für Sexualwissenschaft (begründet von Albert Eulenburg und Iwan Bloch, fortgeführt von Max Marcuse; später unter dem Titel „Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik“)

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Büsing: Ido Wolff und seine Sippe. Ein berühmter Wundarzt des 17. Jahrhunderts aus Oldenburg in: ders.: Glück, Heil und Segen angewünschet. Familiengeschichtliche und heimatkundliche Beiträge aus dem Oldenburgishen. Heinz Holzberg, Oldenburg 1988, ISBN 3-87358-305-4, S. 43-51 (Rezension: Gerold Schmidt in Oldenburgische Familienkunde, Jg. 30, Heft 4/1988, S. 766 f.)
  • Günther Grau: Iwan Bloch. Hautarzt - Medizinhistoriker - Sexualforscher. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-938485-41-5.
  • Erwin J. Haeberle: Iwan Bloch (1872 - 1922) In: „Meinetwegen ist die Welt erschaffen“. Das intellektuelle Vermächtnis des deutschsprachigen Judentums. 58 Portraits. Campus, Frankfurt am Main 1997, S. 165–172
  • Volkmar Sigusch: Geschichte der Sexualwissenschaft, Campus, Frankfurt am Mai und New York 2008, ISBN 978-3-593-38575-4, S. 52-80, 285-307 und 597-599
  • Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung, Frankfurt/M., New York: Campus 2009, ISBN 978-3-593-39049-9, S. 52–61
  • Albert Wiedmann: Bloch, Iwan. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 2, Duncker & Humblot, Berlin 1955, ISBN 3-428-00183-4, S. 307 (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten]