Djebel Irhoud

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Djebel Irhoud (auch: Jebel Irhoud, Jebel Ighoud) ist eine archäologische und paläoanthropologische Höhlenfundstelle in Marokko. Die 1960 beim Abbau von Baryt entdeckte Karst-Höhle[1] befindet sich in der Nähe von Sidi Mokhtar, rund 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch und 55 km südöstlich von Safi.

Funde[Bearbeiten]

Bereits 1961 wurde in der Höhle im Verlauf der Ausgrabungen von Émile Ennouchi ein weitgehend erhaltener homininer Schädel eines Erwachsenen entdeckt (Irhoud 1), zwei Jahre später folgte die Bergung einer Schädeldecke (Irhoud 2); beide Funde wurden zunächst als nordafrikanischer Neandertaler interpretiert,[2] da die in Jebel Irhoud gefundenen Steinwerkzeuge überwiegend Merkmale der Levalloistechnik zeigen, die mit den Neandertalern verbunden wird.

1968 folgte die Bergung des Fossils Irhoud 3, des Unterkiefers eines Kindes mit gut erhaltener Bezahnung. Vier weitere, weniger aussagekräftige hominine Fossilien wurden in den folgenden Jahren geborgen, darunter der Oberarmknochen eines Kindes (Irhoud 4).[3]

1981 ergab eine detaillierte Analyse des jugendlichen Unterkiefers Irhoud 3 jedoch, dass die homininen Fossilien zu frühen anatomisch modernen Menschen gehören und möglicherweise deren früheste Vertreter im Maghreb waren.[4] Sie sind daher möglicherweise Vorläufer der mit der Kultur des Atérien verbundenen, wesentlich jüngeren homininen Fossilien von der Fundstelle Dar es Soltane II an der Atlantikküste nahe Rabat; besonders der Schädel Dar es Soltane 5 weist ähnliche Merkmale wie die Schädel Irhoud 1 und 2 auf.[5]

Die Datierungsmethoden, die in den 1960er-Jahren zur Verfügung standen, erbrachten zunächst keine sicheren Ergebnisse für die homininen Knochen; von Pferdezähnen aus vergleichbarer Fundposition wurde 1991 ein Alter von rund 100.000 abgeleitet.[1] Erst die ab 2004 begonnenen Studien einer Arbeitsgruppe um Jean-Jacques Hublin erbrachten schließlich 2007 als gesichert geltenden Befund ein Alter von 160.000 ± 16.000 Jahren.[6]

Diese 2007 vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie mit dem Synchrotron durchgeführten Untersuchungen an einem Unterkieferzahn des Fossils Irhoud 3 gaben auch Aufschlüsse zur Lebensgeschichte eines Kindes der frühen anatomisch modernen Menschen. Die Ergebnisse lassen auf eine lange Kindheit schließen – die damit einhergehende Entwicklung des Gehirns sowie ein gleichzeitig erfolgender Sozialisationsprozess dürfte folglich beim frühesten Homo sapiens von entscheidender Bedeutung gewesen sein.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jean-Jacques Hublin: Northwestern African Middle Pleistocene hominids and their bearing on the emergence of Homo sapiens. In: Lawrence Barham, Kate Kate Robson-Brown: Africa and Asia in the Middle Pleistocene. Western Academic & Specialist Press Ltd, Bristol 2001, S. 110–114. ISBN 978-0953541843, Volltext (PDF; 2,4 MB)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Jean-Jacques Hublin: Recent Human Evolution in Nordthwestern Africa. In: Philosophical Transactions of the Royal Society of London. Series B, Biological Sciences, Band 337, Nr. 1280, 1992, S. 185–191, doi:10.1098/rstb.1992.0096, Volltext (PDF; 1,4 MB)
  2. Émile Ennouchi: Un crâne d’Homme ancien au Jebel Irhoud (Maroc). In: Comptes Rendus de l’Académie des Sciences, Band 254, 1962, S. 4330–4332
    Émile Ennouchi: Un neandertalien: L’Homme du Jebel Irhoud (Maroc). In: Anthropologie, Band 66, 1962, S. 279–299
    Émile Ennouchi: Les néandertaliens du Jebel Irhoud (Maroc). In: Comptes Rendus de l’Académie des Sciences, Band 256, 1963, S. 2459–2460.
  3. Émile Ennouchi: Présence d’un enfant néandertalien au Jebel Irhoud (Maroc). In: Annales de Paleontologie (Vertebres), Band 55, 1969, S. 251–265.
  4. Jean-Jacques Hublin und Anne-Marie Tillier: The Mousterian juvenile mandible from Irhoud (Morocco): A phylogenetic interpretation. In: Chris Stringer (Hrsg.): Aspects of Human Evolution. Symposia of the Society for the Study of Human Biology, Band 21, Taylor & Francis, London 1981, S. 167–185, Volltext (PDF; 5,3 MB) mit zahlreichen Abbildungen
  5. André Debénath: Découverte de restes humains probablement atériens à Dar es Soltane (Maroc). In: Comptes Rendus de l’Académie des Sciences, Band 281, 1975, S. 875–876.
  6. a b Tanya M. Smith et al.: Earliest evidence of modern human life history in North African early Homo sapiens. In: PNAS, Band 104, Nr. 15, 2007, S. 6128–6133, doi:10.1073/pnas.0700747104.

31.854980555556-8.8725055555556Koordinaten: 31° 51′ 18″ N, 8° 52′ 21″ W