Synchrotron

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Das Synchrotron (von synchron, "gleichzeitig") ist ein Typ von Teilchenbeschleunigern und gehört zu den Ringbeschleunigern. Geladene Elementarteilchen oder Ionen können darin auf sehr hohe (relativistische) Geschwindigkeiten beschleunigt werden, wodurch sie sehr hohe kinetische Energien erhalten. Synchrotrone wurden entwickelt, um über die mit Zyklotronen erreichbaren Energien hinauszukommen.

Eine Sonderform des Synchrotrons ist der Speicherring. Das Synchroton kann auch selbst, nachdem die Teilchen auf eine gewünschte Energie beschleunigt sind, als Speicherring betrieben werden. Auch eine Gesamtanlage aus einem Speicherring und einem getrennten Synchrotron zu dessen Füllung wird manchmal einfach als Synchrotron bezeichnet.

Elektronensynchrotron im australischen Clayton bei Melbourne

Geschichte[Bearbeiten]

Die grundlegenden Konzepte für das Synchrotron wurden unabhängig in Russland von Wladimir Iossifowitsch Weksler (1944 am Lebedew-Institut) und von Edwin McMillan (während des Zweiten Weltkriegs in Los Alamos) entwickelt. Das erste Elektronensynchrotron wurde 1945 von McMillan, das erste Protonensynchrotron 1952 von Mark Oliphant gebaut.

Prinzip und Aufbau[Bearbeiten]

Das Elektronen-Synchrotron SOLEIL in Frankreich. Im Inneren des Ringes der Vorbeschleuniger; in den äußeren tangentialen Armen wird die Synchrotronstrahlung beobachtet und genutzt

Ein Synchrotron besteht aus einzelnen Ablenkmagneten und dazwischen angebrachten Beschleunigungsstrecken, in denen die Teilchenbahn gerade ist. Die Teilchenbahn ist nicht spiralartig wie beim Zyklotron oder Betatron, sondern verläuft vom Beginn bis zum Ende des Beschleunigungsvorgangs als geschlossener Ring. Das Feld der Ablenkmagnete kann daher nicht wie das Magnetfeld im Zyklotron zeitlich konstant bleiben, sondern muss während der Beschleunigung jedes Teilchenpakets proportional zum anwachsenden Teilchen-Impuls erhöht werden. Zur Beschleunigung dienen hochfrequente elektrische Wechselfelder in Hohlraumresonatoren. Damit die Teilchen nicht durch Stöße mit Gasmolekülen verlorengehen, liegt die Bahn -- wie bei jedem Beschleuniger -- in einem Ringrohr, in dem Vakuum, genauer Ultrahochvakuum (UHV), herrscht.

Ein Synchrotron beschleunigt die Teilchen nicht „von Null an“, sondern wird immer von einem Vorbeschleuniger (Injektor) gespeist, der sie beispielsweise schon auf 20 oder 50 MeV bringt. Handelt es sich um leichte Teilchen wie Elektronen, treten sie dann schon mit nahezu Lichtgeschwindigkeit ins Synchrotron ein. Dort erhöhen sich, wie von der relativistischen Mechanik beschrieben, ihre Energie und ihr Impuls, aber praktisch nicht mehr die Geschwindigkeit; die Frequenz, mit der der Strom der Magneten moduliert wird, und die Phasenlage der Beschleunigungsstrecken zueinander können daher konstant sein. Bei schweren Teilchen wie Protonen nimmt dagegen auch im Synchrotron selbst die Geschwindigkeit noch erheblich zu. Hier muss daher während der Beschleunigung jedes Teilchenpakets außer dem Magnetfeld auch dessen Modulationsfrequenz allmählich erhöht werden, und ebenso muss die Synchronisation (Phasenverschiebung) der Hochfrequenzspannungen der einzelnen Resonatoren laufend angepasst werden.

Wegen dieser erheblichen technischen Unterschiede sind Synchrotrone immer speziell

  • entweder für Elektronen/Positronen
  • oder für Protonen (und eventuell noch schwerere Ionen) gebaut.

Verwendungen[Bearbeiten]

In Synchrotronen beschleunigte Ionen werden in der Regel zu Kollisions- oder Targetexperimenten der teilchenphysikalischen Grundlagenforschung verwendet, in einigen Fällen auch zu therapeutischen Zwecken. Dagegen verwendet man Elektronenspeicherringe heute (2013) hauptsächlich als Quellen von Synchrotronstrahlung; diesem Zweck dienen die meisten heute existierenden Synchrotronanlagen.

Erreichbare Energien[Bearbeiten]

Die Teilchenenergie E_\mathrm{max}, die in einem bestimmten Synchrotron erreicht werden kann, ist abhängig von der maximalen magnetischen Flussdichte B, vom Radius r des (hier vereinfachend als Kreis angenommenen) Rings und von den Teilcheneigenschaften. Für hohe Energien gilt näherungsweise:

E_\mathrm{max} \approx r \cdot q \cdot B \cdot c\,.

Dabei ist q die Ladung des beschleunigten Teilchens und c die Lichtgeschwindigkeit. In der Formel ist keine Abhängigkeit von der Masse des Teilchens ersichtlich; allerdings wurde die Geschwindigkeit und damit die Abgabe von Synchrotronstrahlung nicht beachtet. Leichtere Teilchen sind bei gleicher Energie schneller als schwerere Teilchen und strahlen daher stärker. Der Energieverlust durch diese Abstrahlung muss durch die elektrische Beschleunigung ausgeglichen werden.

Starke Fokussierung[Bearbeiten]

Die Teilchen führen während des Umlaufs unvermeidlich Schwingungen (sogenannte Betatronschwingung) um ihre Sollbahn aus. Die Amplitude dieser Schwingungen bestimmt die "Dicke" des Strahls, damit die nötige Breite der Magnetpolschuhe und so die Gesamtgröße und die Baukosten. Synchrotrone für Energien über etwa 10 GeV nutzen deshalb das Prinzip der starken Fokussierung: Die Ablenkmagnete haben abwechselnd nach beiden Seiten angeschrägte Polschuhe, so dass die Magnetfelder quer zur Teilchen-Flugrichtung Gradienten mit wechselnder Richtung haben. Dies ergibt eine Stabilisierung (Fokussierung) der Teilchenbahnen. Auf die Ablenkung eines Teilchens in der Querrichtung bezogen entspricht es anschaulich der Hintereinanderanordnung von Sammel- und Zerstreuungslinsen für Licht, mit einer Fokussierung als Nettoeffekt. Die Idee stammte von Ernest Courant, Livingston und Hartland Snyder in den USA (und unabhängig vorher von Nicholas Christofilos). Erst damit gelang am CERN (Proton Synchrotron, PS, 1960) und in Brookhaven (Alternating Gradient Synchrotron, AGS, 1960) der Bau von Protonen-Synchrotronen im 30-GeV-Bereich und etwa gleichzeitig von Elektronensynchrotronen mit etwa 6 GeV bei MIT und DESY. Die heute (2013) größte Synchrotronanlage Large Hadron Collider hat Protonen bis auf 4 TeV beschleunigt.

Statt mit wechselnden Gradienten der Ablenkmagnetfelder kann die starke Fokussierung auch außerhalb der Ablenkmagneten mit Quadrupollinsen erreicht werden.[1]

Elektronensynchrotron[Bearbeiten]

Weil der Strahlungsverlust bei relativistischen Geschwindigkeiten mit der vierten Potenz der Energie ansteigt (siehe Synchrotronstrahlung#Erzeugung), lassen sich Elektronen im Synchrotron nur bis ca. 10 GeV einigermaßen wirtschaftlich beschleunigen (wenn auch 1999 mit der Anlage LEP über 100 GeV erreicht wurden[2]). Noch schnellere Elektronen erzeugt man günstiger mit Linearbeschleunigern. Bei der heute fast ausschließlichen Verwendung von Elektronensynchrotrons als Strahlungsquelle werden Elektronenenergien bis zu etwa 6 GeV genutzt.

Beim Elektronensynchrotron erzeugt eine Glühkathoden-Elektronenquelle freie Elektronen, die dann über eine Gleichspannungs-Beschleunigungsstrecke in einen Linearbeschleuniger, ein Mikrotron oder sogar schon in einen ersten Synchrotron-Beschleunigungsring geleitet werden. In diesem werden die Elektronen auf ihre Endenergie beschleunigt und dann – im Fall einer Speicherringanlage – in einem Speicherring gespeichert, der bis zu einigen hundert Metern Umfang haben kann. Die Elektronen werden dort so lange gehalten, bis sie durch Kollisionen mit Restgasmolekülen unter die verwertbare Dichte verringert sind. Bei modernen Elektronensynchrotronen wie BESSY oder ESRF beträgt die Lebensdauer des Elektronenstroms im Speicherring einige Tage; allerdings werden in regelmäßigen Abständen Elektronen zugeführt, um einen dauerhaft ausreichenden Ringstrom bereitzustellen.

Synchrotronstrahlung[Bearbeiten]

An Elektronensynchrotronen wurde erstmals die intensive und breitbandige elektromagnetische Strahlung im Spektralbereich der Röntgen- und Ultraviolettstrahlung (Synchrotronstrahlung) nachgewiesen, die aufgrund der Ablenkung sehr schneller geladener Teilchen entsteht und den Teilchen dadurch kinetische Energie entzieht. Sie war 1949 von Julian Schwinger theoretisch beschrieben worden. Zunächst trat sie an Elektronensynchrotronen für die teilchenphysikalische Forschung störend in Erscheinung; ihre vorzügliche Eignung für Untersuchungen in anderen Bereichen der Physik sowie weiterer Naturwissenschaften, aber auch für industrielle und medizinische Anwendungen wurde erst nach und nach erkannt. Sie wird daher inzwischen gezielt produziert. Dazu werden nicht mehr die zur Führung des Teilchenstrahls benötigten Dipolmagneten genutzt, sondern zusätzlich eingebaute Vorrichtungen, die Undulatoren.

Einige Elektronen-Synchrotronanlagen[Bearbeiten]

Synchrotronanlagen für Ionen[Bearbeiten]

Blick in den Tunnel des derzeit (2013) energiestärksten Synchrotrons LHC bei Genf (Schweiz)

Die für Ionen erreichbare Energie ist in modernen Synchrotronen hauptsächlich nach der oben genannten Formel durch Radius und Magnetflussdichte gegeben. Da die in großen Magneten erreichbare Flussdichte auf einige Tesla beschränkt ist, müssen Synchrotrone für sehr hohe Energien zwangsläufig große Radien haben. Im Large Hadron Collider mit etwa 4,2 km Radius sind Protonen auf 4 TeV (Tera-Elektronenvolt), also 4000 GeV beschleunigt worden; Ausbau auf 6,5 TeV ist vorgesehen.

Einige Ionen-Synchrotronanlagen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

F. Hinterberger: Physik der Teilchenbeschleuniger und Ionenoptik. 2. Auflage, Springer 2008, ISBN 978-3-540-75281-3

H. Wiedemann: Particle Accelerator Physics. 3. Auflage, Springer 2007, ISBN 3540490434

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hinterberger (siehe Literaturliste) S. 62
  2. Hinterberger (s. Literaturliste) S. 47

Weblinks[Bearbeiten]