Kamashastra

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Wort Kamashastra bezieht sich in der indischen Literatur auf Lehrwerke über Erotik. Texte des Kamashastra gehören zur Tradition von Arbeiten z. B. über

Inhalt[Bearbeiten]

Eine schöne junge Frau als Liebhaberin aller Kreaturen

Während beispielsweise Arthashastra Könige und Minister über das Regieren anweist oder Dharmashastra persönliche Gewohnheiten, soziale und familiäre Bindungen, Fasten und Feste, religiöse Rituale, Gerechtigkeit und Moral und sogar die Regeln der persönlichen Hygiene und Essenszubereitung bestimmt, gibt Kamashastra dem Bürger (nāgarika) Anleitungen wie man sexuelle Beziehungen und sexuelles Vergnügen und Erfüllung erreicht. Im Hinduismus haben Religion, irdischer Besitz und Seelenheil den gleichen Stellenwert. Das Fehlen oder Vernachlässigen einer dieser Komponenten macht das menschliche Leben unvollständig. Vernachlässigt man beispielsweise die Erotik, wird die menschliche Gesellschaft leiden. Die Kamashastra-Werke behandeln die Erotik umfassend. Zum Beispiel werden Menschen in Bezug auf ihre sexuelle Neigungen und Fähigkeiten kategorisiert, beschrieben welche Klasse von Männern und Frauen kompatibel sind und daher befriedigende sexuelle Beziehungen eingehen können. Es werden unter anderem Sexualpraktiken, Arten des Sex, die Verführung, Erregung, Gestik, Berührungen, das Küssen, Vorspiel, Kurtisanen, medizinischen Behandlung für gesunden Sex, Empfängnis oder Ansprüche an das Schlafzimmer behandelt. Einige Werke wie das Kamasutra, Ratishastra oder Ratiramana gehen auch auf sozialen Themen der Liebe wie etwa das Eheleben ein.

Etymologie[Bearbeiten]

Im Sanskrit hat Kama (काम kāma) die allgemeine Bedeutung von Wunsch, Verlangen und Absicht in Bezug auf Vergnügen und (sexuelle) Liebe oder einem Liebes-Gefühl von Verbundenheit. Als Name bezieht sich das Wort auf Kama, dem hinduistischen Gott der Liebe. Shastra (शास्त्र śāstra) bezeichnet ganz allgemein eine Schrift, Lehre, Lehrbuch oder Anweisung.[1][2][3]

Kāvya Poesie[Bearbeiten]

Das Wort Sutra (सूत्र sūtra) bedeutet „Faden“ oder „Kette“ und bezeichnet einen Lehrtext in Versform. Ein Sutra ist kurz und einprägsam und damit für die mündlichen Überlieferung geeignet. Die Aussagen sind oft so komprimiert, dass es einen Interpretationsraum gibt, in dem sich der Sinn der Information nicht unmittelbar erschließt. Kommentare zu einem Werk helfen daher die Originalarbeit zu interpretieren und zu verstehen. Abschriften von Texten galten wegen möglicher, sinnentfremdender Fehler bei der Reproduktion als unsicheres Verfahren für die Weitergabe von Wissen.[4]

Legende[Bearbeiten]

Der Legende und Mythen nach sammelte Nandi (auch Nandikeshvara) der heilige Stier und Türhüter Shivas Informationen über sexuelle Praktiken. Er beobachtete Shiva und seine Frau Parvati 1000 Jahre bei ihren Liebesspielen und schrieb alles in ein Buch mit 1000 Kapiteln fest. Im 2. Jahrhundert v. Chr. soll Auddalaka Shvetaketu, Sohn von Uddalaka Aruni dieses Werk auf 500 Kapitel komprimiert und zusammengefasst haben. Unter dem Namen Babhravya Pancala (auch Vabhravya Pancala) soll ein Gelehrter (Acârya) und seine Schüler diese 500 Kapitel in 150 Kapitel und sieben Abschnitte, Sadharana (Allgemein), Samprayogika (Sex, Liebeskunst), Kanyasamprayuktaka (Vereinigung mit Jungfrauen, Werbung), Bharyadhikarika (von den Pflichten einer Frau, Ehe), Paraarika (von außerehelichen Beziehungen mit verheirateten Frauen), Vaisika (von Kurtisanen) und Oupanisadika (geheime Hilfsmittel) enzyklopädidiert haben. Diese sieben Themen sollen anschließend von den Autoren Carayana (Sadharana), Suvarnanabha (Samprayogika), Ghotakamukha Kanyasamprayuktaka (Kanyasamprayuktaka), Gonardiya (Bharyadhikarika), Gonikaputra (Paradarika) und Kucumara (Oupanisadika) in sieben unabhängigen Werken behandelt worden sein. Der Autor Dattaka soll das sechste Thema Vaisika auf eine Anfrage von Kurtisanen der Stadt Pataliputra behandelt haben. Diese Werke sind nicht überliefert.[5][6]

Kamashastra Werke[Bearbeiten]

Das älteste überlieferte Kamashastra-Werk in der indischen Tradition von Sex, Liebe und den damit verwandten sozialen Themen ist das Kamasutra von Vatsyayana. In diesem Buch werden die sieben Themen des Babhravya Pancala behandelt. Nach Vatsyayana wurden Kamashastra-Werke von weitere Autoren geschrieben. Einige dieser Werke kommentieren das Kamasutra, während andere Texte neue Werke über die Erotik sind, die von nachfolgenden Autoren ebenfalls kommentiert wurden. Kommentare zum Kamasutra sind z. B. das Jayamangala oder das Kuttanimata. Neue Werke sind z. B. das Ratirahasya oder das Ananga Ranga. Kommentare zum Ratirahasya sind z. B. das Panchashayaka, das Ratiratnapradipika oder das Ananga Ranga.[7][8][9] Einige dieser Werke sind als Palmblatt-Manuskripte z. B. in der Bibliothek der Universität von Dhaka sowie dem Orientalischen Forschungsinstitut Mysore erhalten und einige wurden teilweise oder vollständig in andere Sprachen übersetzt und publiziert.


Literatur[Bearbeiten]

  •  Narendra Nath Bhattacharyya: History of Indian Erotic Literature. Munshiram Manoharlal Publishers Pvt. Ltd., 1975, ISBN 81-215-0307-8.
  •  Dalvir Singh Chauhan: Ratikallolini. Krishnadas Prachyavidya Granthamala; 16, Chaukhambha Sanskrit Series Office, 2004, ISBN 81-7080164-8.
  •  Gendün Chöpel, Richard Reschika: Die tibetische Liebeskunst: Eros, Ekstase und spirituelle Heilung. Nietsch, 2006, ISBN 978-3-934647-97-8.
  •  Wendy Doniger O'Flaherty: Siva: The Erotic Ascetic. Oxford University Press, 1981, ISBN 978-0-19-520250-2.
  •  Wendy Doniger, Sudhir Kakar: Vatsyayana Kamasutra. Oxford University Press, 2009, ISBN 978-0-19-953916-1.
  •  V. K. Hampiholi: Kamashastra in Classical Sanskrit Literature. South Asia Books, 1988, ISBN 978-81-2020197-2.
  •  Mahadev N. Joshi, B.S. Hebbali: Manasollasa and Ayurveda. Sharada Publishing House, Delhi 2004, ISBN 81-85616-97-3.
  •  Sushil Kumar De: Ancient Indian Erotics and Erotic Literature. Firma KLM, Calcutta 1969, ISBN 978-0-85655-407-0.
  •  W. S. Merwin, Moussaieff Masson: Sanskrit Love Poetry. Journal of the American Oriental Society, Nr. 3, Vol. 100, 1980, S. 314-319.
  •  Dhundhraj Shastri: Kamakunjalata (A collection of old and rare works of Kama Sastra). Chowkhamba Sanskrit Series Office, 2003, ISBN 81-7080-116-8.
  •  Ajaya Mitra Shastri: India as seen in the Kuttani-Mata of Damodaragupta. Banarsidass Publ., 1996, ISBN 978-81-2081336-6.
  •  Dr. Kamath, Suryanath U.: A concise history of Karnataka: from pre-historic times to the present. Jupiter books, Bangalore 2002, ISBN 81-215-0307-8.
  •  Leo M. Pruden: Abhidharma Kosa Bhasyam, 4 Vols. Asian Humanities Press, Fremont, California 1990, ISBN 0-89581-913-9.
  •  Leo M. Pruden: Karmasiddhiprakarana: The Treatise on Action by Vasubandhu. Asian Humanities Press, 2001, ISBN 978-0-89581-908-6.
  •  Radhavallabh Tripathi: Kamasutra Of Vatsyayana. Pratibha Prakashan, 2005, ISBN 81-7702101-X.
  •  Ram Kumar Rai: Encyclopedia of Indian Erotics. Prachya Prakashan, 2005.
  •  Richard Schmidt: Beiträge zur Indischen Erotik. Das Liebesleben des Sanskritvolkes. Hermann Barsdorf Verlag, Berlin 1922.
  •  Richard Schmidt: Liebe und Ehe im alten und modernen Indien. (Vorder- Hinter- und Niederländisch-Indien). Hermann Barsdorf Verlag, Berlin 1902.
  •  P. Thomas: Kama Kalpa or the Hindu Ritual of Love. Stosius Inc/Advent Books Division, 1981, ISBN 978-0-86590-031-8.
  •  Ruth Vanita: Queering India: Same-Sex Love and Eroticism in Indian Culture and Society. Routledge, 2001, ISBN 978-0-415-92950-9.
  •  Pavan K. Varma; Sandhya Mulchandani: Love and Lust (An Anthology of Erotic Literature from Ancient and Medieval India). Harper Collins Publishers, 2004, ISBN 81-7223-549-6.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Arthur A. Macdonell: A Practical Sanskrit Dictionary. Nataraj Books, 2006, ISBN 978-1-881338-56-7, S. 65 (Sanskrit, Englisch).
  2. A Practical Sanskrit Dictionary. Digital South Asia Library. 1929. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  3. Indica et Buddhica Dictionary. Indica et Buddhica Lexika. 2005. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  4.  Pinkney Dane: Kama Sutra. Die Kunst der Liebe.. Knesebeck, 2002, ISBN 978-3-89660-132-2.
  5.  Radhavallabh Tripathi: Kamasutra Of Vatsyayana. Pratibha Prakashan, 2005, ISBN 81-7702101-X (Sanskrit Text, English Translation and Notes).
  6.  Swami Sivapriyananda, Prauḍhadevarāya: South Indian Treatise on the Kamasastra: The Rati-ratna-pradipika of Praudha-Devaraja Maharaja. Abhinav Publications, 2000, ISBN 978-81-7017388-5, S. 9–17.
  7.  Moriz Winternitz: Geschichte der indischen Literatur. 3: Die Kunstdichtung, die wissenschaftliche Literatur, neuindische Literatur, Koehler, Stuttgart 1920, S. 536-541.
  8. Kāmasūtra: Leitfaden der Liebeskunst. Alois Payer. 13. März 2007. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  9. Introduction to the History of Sex Manuals by Kamashastra. kamashastra.com. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  10. a b c d e f g h i j  Richard Schmidt: Beiträge zur Indischen Erotik. Das Liebesleben des Sanskritvolkes. Hermann Barsdorf, Berlin 1922, S. 25–80.
  11.  Alex Comfort: The Illustrated Koka Shastra: Erotic Indian Writings, Based on the „Kama Sutra“. Simon & Schuster, 1997, ISBN 978-0-684-83981-3, S. 52.
  12. The Rasacandrika. Open Library. Abgerufen am 22. Mai 2009.
  13. Ratirahasyatika. Catalogue of Sanskrit Manuscripts at Saraswati Mahal Library, Tanjavur. Abgerufen am 22. Mai 2009.
  14.  Citradhara, Trilokanatha Jha: Srngarasarini. Darabhaṅgānagayāṃ, 1965 (cf. worldcat).
  15. a b  Wendy Doniger, Sudhir Kakar: Vatsyayana Kamasutra. Oxford University Press, 2009, ISBN 978-0-19-953916-1, S. xlvi.
  16. a b c  B. A. Bauer: Encyclopaedic Study of Women and Love. Anmol Publications Pvt Ltd, 2002, ISBN 978-81-2610260-0, S. 340.
  17. a b c d e f g h  Dhundhraj Shastri: Kamakunjalata (A collection of old and rare works of Kama Sastra). Chowkhamba Sanskrit Series Office, 2003, ISBN 81-7080-116-8.
  18. Jyotsna Kamat: Janavashya of Kallarasa. Kamat. 7. April 2009. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  19. svikarana sutra (PDF; 67 kB) Indira Gandi National Centre for the Arts. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  20. a b Introduction to the History of Sex Manuals by Kamashastra. kamashastra.com. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  21.  Ram Kumar Rai: Encyclopedia of Indian Erotics. Prachya Prakashan, 2005.
  22.  Ajaya Mitra Shastri: India as seen in the Kuttani-Mata of Damodaragupta. Banarsidass Publ., 1996, ISBN 978-81-2081336-6.
  23. K.L. Kamat: Mansollasa of Somadeva. Kamat. 7. April 2009. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  24. Jyotsna Kamat: A Brief Note on Manasollasa. Kamat. 7. April 2009. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  25. a b  Narendra Nath Bhattacharyya: History of Indian Erotic Literature. Munshiram Manoharlal Publishers Pvt. Ltd., 1975, ISBN 81-215-0307-8.
  26. paururavasa manasija sutra (PDF; 72 kB) Indira Gandi National Centre for the Arts. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  27.  Satya Vrata Tripathi: Mysteries of Love: Maratha Miniatures of the Rasamanjari. National Museum, Janpath, 2001, ISBN 81-85832-13-7.
  28.  Dalvir Singh Chauhan: Ratikallolini. Krishnadas Prachyavidya Granthamala; 16, Chaukhambha Sanskrit Series Office, 2004, ISBN 81-7080164-8.
  29. Ratirahasyavyakhya. Catalogue of Sanskrit Manuscripts at Saraswati Mahal Library, Tanjavur. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  30.  Rati-Sastram. The Greatest work on Hindu system of sexual science translated into English with original Sanscrit text: compiled from various old Sanscrit manuscripts. Calcutta: Sircar, 1908 (Book, Microfiche, English, 2d ed, worldcat.org).
  31. The Samayamâtrikâ. Open Library. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  32. Ratirahasyavyakhya. Catalogue of Sanskrit Manuscripts at Saraswati Mahal Library, Tanjavur. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  33. a b Kamashastra. Banglapedia. Abgerufen am 2. Dezember 2013.
  34. Kamasutra. Deutsches Fachbuch. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  35. Indian Love Treatises. India Times. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  36. The Book of Love. Times Online. 19. Oktober 2007. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  37. Srngaramanjari of Saint Akbar Shah. Open Library. Abgerufen am 22. Mai 2009.