Kaufhaus Jonaß

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Kaufhaus Jonaß
heute Soho House Berlin
Ehemaliges Kaufhaus Jonaß in Berlin (2011)

Ehemaliges Kaufhaus Jonaß in Berlin (2011)

Daten
Ort Berlin
Architekt Georg Bauer und
Siegfried Friedländer
Bauherr Hermann Golluber und Hugo Halle
Baujahr 1928; Totalumbau 2010/11
Koordinaten 52° 31′ 39″ N, 13° 24′ 56″ O52.527513.415555555556Koordinaten: 52° 31′ 39″ N, 13° 24′ 56″ O

Das ehemalige Kaufhaus Jonaß (auch Jonass geschrieben) in Berlin wurde 1929 als erstes Kreditkaufhaus eingeweiht. Nach der Enteignung der jüdischen Eigentümer während der Herrschaft der Nationalsozialisten diente das Gebäude der Hitlerjugend (HJ) und später der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) als Zentrale. In dem denkmalgeschützten Haus eröffnete im Mai 2010 das Soho House Berlin, ein exklusives Club-Hotel.

Lage[Bearbeiten]

Das Gebäude am Rande des Kollwitzkiezes befindet sich im Bezirk Pankow, Ortsteil Prenzlauer Berg in der Torstraße 1 an der Ecke zur Prenzlauer Allee. Weil die Straße mehrfach umbenannt wurde, lautete die Anschrift zunächst Lothringer Straße 1, von 1951 bis 1994 Wilhelm-Pieck-Straße 1.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung als Uhrenhandlung 1889[Bearbeiten]

Werbung für den Kaufschein (um 1930)

Die 1889 gegründete Jonass & Co., GmbH[1] war eine große Versandhandlung für Uhren und hatte nach dem Ersten Weltkrieg ihr Stammgeschäft im Haus der Berliner Geschäftsstelle von Telefunken (Gesellschaft für drahtlose Telegraphie) in der Belle-Alliance-Straße 7–10[2] (heute Mehringdamm 32/34). Der Inhaber von Jonass & Co., Kaufmann Hermann Golluber, hatte Anfang der 1920er Jahre die Immobilie des 1828 errichteten Exerzierhauses des Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 an der Lothringer Straße 1–7[3] erworben und ließ dort in den Jahren 1928/29 zusammen mit seinem Geschäftspartner Hugo Halle das neue Gebäude für das Kredit-Warenhaus Jonaß & Co. AG von den Architekten Gustav Bauer und Siegfried Friedländer errichten. Der wuchtige Komplex im Stil der Neuen Sachlichkeit wurde in der Ende der 1920er Jahre aufkommenden Skelettbauweise ausgeführt. Die ersten zwei Etagen sind mit Naturstein verkleidet, darüber schließen sich ein fünfgeschossiger Putzbau und ein Dachgeschoss an, in dem über einige Jahre ein Dachrestaurant betrieben wurde. Vor allem die Bevölkerung aus dem nahe gelegenen Scheunenviertel nutzte die Möglichkeit, in dem Kreditwarenhaus mit über 15.000 m² Nutzfläche auch gegen Teilzahlung einzukaufen. Mit dem Kaufschein hatten Kunden die Möglichkeit, nach Anzahlung eines Viertels des Warenwertes den Rest in vier Monatsraten abzuzahlen.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Das Gebäude als Sitz der Reichsjugendführung
Kaufhaus Jonaß am Alexanderplatz, 1936

Nach der Machtergreifung 1933 nahmen die beiden jüdischen Teilhaber der KGaA (& Co. AG) zwei „deutschblütige" Angestellte in die Geschäftsführung auf, um einer „Arisierung“ zu entgehen. Golluber und Haller wurden jedoch aus dem Geschäft gedrängt. Golluber floh 1939 in die USA, wo er wenig später starb.

Ab 1934 erfolgte der Warenverkauf von Jonaß & Co. in neuen Räumlichkeiten am Berliner Alexanderplatz in dem von Peter Behrens geplanten Alexanderhaus (Alexanderplatz 2). Die neuen Besitzer schlossen das Kaufhaus an der Lothringer Straße und vermieteten es an die NSDAP, die es als Verwaltung der Reichsjugendführung nutzte. In dem Gebäude residierte die Reichszentrale mit dem Reichsjugendführer Arthur Axmann an der Spitze. 1942 kaufte die NSDAP das Haus Lothringer Straße 1.

Nach Aufgabe der Räumlichkeiten am Alexanderplatz kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zog die Firma für kurze Zeit noch einmal in die Lothringer Straße zurück. Im Mai 1945 wurde das Unternehmen nach Enteignung durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland aufgelöst.

Nachkriegszeit: Haus der SPD, der SED und des Instituts für Marxismus-Leninismus[Bearbeiten]

Haus des Zentralkomitees der SED (1951)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude Sitz des Zentralausschusses der SPD. Nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED diente das Haus als Sitz des Zentralkomitees (ZK) der SED und erhielt den Namen Haus der Einheit. Bis zum Umzug in das ZK-Gebäude am Werderschen Markt war es das Machtzentrum der DDR in Gestalt des Politbüros der SED unter seinem General-, später Ersten Sekretär Walter Ulbricht. Während der Unruhen am 17. Juni 1953 umringten wütende Arbeiter besonders das Haus der Einheit und das Haus der Ministerien und griffen sie an.

Von 1959 bis 1990 befand sich im Haus das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (IML), das aus dem Geschichtsinstitut beim ZK der SED hervorgegangen war und zu dem auch das historische Archiv der KPD und das Zentrale Parteiarchiv der SED gehörten. Das IML beschäftigte sich mit der Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und deren historisch-philosophischen Klassikern. Zahlreiche Publikationen sind zu den Forschungsergebnissen erschienen. Von hier aus bereitete das IML Ende der 1960er Jahre die große deutschsprachige Marx-Engels-Gesamtausgabe vor.

Gedenktafel für Wilhelm Pieck, von Gerhard Thieme gestaltet. Diese wurde nach der Sanierung entfernt.

Das Arbeitszimmer von Wilhelm Pieck in der dritten Etage mit zahlreichen Regalen, Büchern und Utensilien ist als Gedenkzimmer erhalten. Selbst als Präsident bewahrte der gelernte Tischler Wilhelm Pieck in seinem Schreibtisch einen Hammer, einen Zollstock, einen Bohrer, eine Kneifzange und anderes Werkzeug auf. In Piecks Sekretariat fanden Urkunden, Broschüren und Bücher zur Berliner Ehrenbürgerschaft Piecks ihren Platz. Zwei in den Jahren 1976 und 1988 angebrachte Tafeln am Haupteingang des Gebäudes erinnerten an die beiden ersten SED-Vorsitzenden Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl.

Nach der Wende[Bearbeiten]

Nach der Wende wurden die Institutionen aufgelöst und die Dokumente in das Bundesarchiv überführt. Die Immobilie stand ab 1995 leer, im Jahr 1996 erhielt eine jüdische Erbengemeinschaft sie zurück. Pläne zur Nutzung als Hotel, als Verwaltungssitz einer Berliner Wohnungsbaugenossenschaft oder als Bürogebäude fanden keine Interessenten, deshalb boten die Erben den Komplex weltweit zum Kauf.[4]

Soho House Berlin[Bearbeiten]

Gläserne Stele mit der Geschichte des Gebäudes

2007 erwarb die deutsch-britische Investorengruppe Cresco Capital den Baukomplex für neun Millionen Euro.[5] Das Berliner Büro JSK[6] lieferte im Auftrag der neuen Eigentümer die Pläne für die denkmalgerechte Sanierung und einen Umbau in eine Dependance des britischen Privatclubs Soho House. Für rund 30 Millionen Euro entstand das im Mai 2010 eröffnete Soho House Berlin mit kombinierten Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für Künstler, Journalisten, Regisseure und Manager aus dem Medienbereich.[7] Entgegen einer ursprünglichen Ankündigung sind weder das Arbeitszimmer von Wilhelm Pieck noch die Räume für Konferenzen, Wellness und Gastronomie der Öffentlichkeit zugänglich.[8][9] Die Gedenktafeln wurden entfernt.

Auf dem Bürgersteig vor dem Eingang dokumentieren Fotos und viersprachige Kurztexte auf einer von Rainer Eppelmann am 5. Juni 2008 enthüllten gläsernen Stele die Geschichte des Gebäudes. Unter dem Titel Haus der Einheit ist sie Teil eines Gesamtprojekts des Senats zur Sichtbarmachung von Berliner Geschichtsorten.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kaufhaus Jonaß und Haus der Einheit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Versandhauskatalog 1920/1921 der Jonass & Co., GmbH In: ebay, abgerufen am 23. August 2011
  2. Jonaß & Co A.G. In: Berliner Adreßbuch, 1929, Teil I, S. 1525.
  3. Lothringer Straße 1–7. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1900, Teil III, S. 371.
  4. Ein „städtebauliches Juwel“ wird verkauft. In: Berliner Zeitung, 20. April 2001
  5. Engländer kaufen frühere SED-Zentrale. In: Der Tagesspiegel, 19. April 2007
  6. Website JSK-Architekten
  7. Jenni Zylka: Eröffnung Club Soho House Berlin. München-Frisuren und Disco-Romper. Spiegel Online, 1. Mai 2010
  8. Stefan Strauss: Ein Zimmer DDR – Wo früher die SED regierte, zieht der Klub Soho House mit Swimmingpool, Lounge und Sauna ein. In: Berliner Zeitung, 16. Mai 2008
  9. Stephan Lebert: Das geheime Wohnzimmer. In: Die Zeit Nr. 34/2010