Kloster Visoki Dečani

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Visoki Dečani*
UNESCO-Welterbe
UNESCO-Welterbe-Emblem

Im Klosterhof (2014)
Staatsgebiet: KosovoKosovo Kosovo/SerbienSerbien Serbien
Typ: Kultur
Kriterien: ii, iii, iv
Referenz-Nr.: 724
Region: ª Europa
Geschichte der Einschreibung
Einschreibung: 2006  (Sitzung 30)

* Der Name ist auf der Welterbe-Liste aufgeführt.
ª Die Region ist von der UNESCO klassifiziert.

42.54700220.266235Koordinaten: 42° 32′ 49″ N, 20° 15′ 58″ O Das Kloster Visoki Dečani (kurz Dečani) ist ein mittelalterliches serbisch-orthodoxes Kloster im Kosovo, das von Serbien als Teil seines Staatsgebietes betrachtet wird. Angelehnt an den Stil der apulischen Gotik gehört es zu den Spätwerken der Raška-Schule. Es ist Grablage von König Stefan Uroš III. Dečanski und bedeutendes Wallfahrtszentrum. Der Sarg des Königs ist im Hauptschiff vor der Ikonostase. Die Christus Pantokrator geweihte Kirche birgt das einzige aus dem Mittelalter vollständig erhaltene Freskenensemble der Byzantinischen Kunst. Die Kirche wurde in den letzten Lebensjahren von Stephan Dečanski begonnen und von seinem Sohn Stefan Dušan fertiggestellt.

Lage[Bearbeiten]

Das Kloster liegt oberhalb des Ortes Dečani, 17 km südlich von Peć am Ausgang des Dečanski potok im östlichen Prokletije in Kosovo.

Geschichte[Bearbeiten]

Entstehung[Bearbeiten]

Dieses Kloster ist das größte Gebäude des mittelalterlichen Serbien und wurde in den Jahren 1328–1335 vom Kotoraner Franziskaner Fra Vita als Grablege für Stefan Uroš III. Dečanski errichtet.

Durch die Heiligsprechung von Stċefan Uroš III. Dečanski und die dort zur Zeit von Stefan Lazarević im frühen 15. Jahrhundert vom bedeutenden bulgarischen Schriftsteller Grigorij Camblak (1402–1409 Iguman des Klosters) verfassten Hagiographie des Königs Stefan Dečanski, erlangte es schnell große Bedeutung als Wallfahrtsort.

Kosovo-Konflikt[Bearbeiten]

Bis zu den Spannungen im Kosovo-Konflikt soll es sowohl für orthodoxe Serben, als auch für muslimische Albaner und katholische Roma aus der Stadt und Umgebung alte Tradition gewesen sein in das Kloster zu kommen, insbesondere in Erwartung einer wundertätigen Heilkraft der Reliquien.[1]

Im April und Mai 1998 drang die UÇK, die als albanische Rebellenorganisation am 4. Januar 1998 verkündet hatte, als bewaffnete Kraft der Albaner bis zur Vereinigung des Kosovo mit Albanien zu kämpfen,[2] in einer Offensive bis in den Zentralkosovo vor, brachte immer größere Gebiete des Kosovo unter ihre Kontrolle und kontrollierte die wichtigsten Verkehrswege zwischen Priština (alban.: Prishtina), Peć (alban.: Peja oder Pejëe) und Montenegro.[3][4] Nach Angabe des Abtes des Klosters Dečani, Sava Janjić, sollen die Kosovo-Albaner die Serben in den das Kloster benachbarten Dörfern vertrieben und die Umgebung „ethnisch gesäubert“ haben. Als die UÇK Ende Mai und Anfang Juni die Verbindungsstraßen von Dečani nach Peć und Gjakova besetzt habe, eroberten serbische Einheiten die Stadt Dečani, die sie als ein Depot für Waffenschmuggel aus Albanien bezeichneten.[5] Bei der serbisch-jugoslawische Gegenoffensive ab 24. Mai mit dem Ziel, die UÇK zu zerschlagen, die von der UÇK „befreiten Gebiete“ mit den wichtigsten Kommunikationsverbindungen und Versorgungslinien zurückzuerobern und die Grenzregion zu Albanien zu kontrollieren,[3][4] wurden zahlreiche serbische Polizisten und bis zu 100 Kosovo-Albaner getötet. Tausende Bewohner flohen in benachbarte Regionen. Letztendlich resultierte die Entwicklung in der Militärintervention der NATO 1999.[6]

Öffentliche Präsentation und Politik der Klosterführung ab 1998[Bearbeiten]

Der seit 1992 im Kloster Dečani tätige Erzmönch Sava Janjić (Vater Sava), zugleich Sekretär des Bischofs der Diözese von Raška und Prizren, Artemije (Artemije Radosavljević),[1][7] trat aus dem zeitweise von der Außenwelt durch die Sicherheitslage abgeschnittenen Kloster per E-Mail international mit der Öffentlichkeit in Verbindung[8] und schuf sowie betreute ab 1997 eine umfangreiche und professionell gestaltete Internetpräsenz des Klosters, zu einer Zeit als die zivilen, polizeilichen und militärischen Behörden im Kosovo über keinen Internetanschluß verfügten.[8][7] Sava Janjić, der Anglistik studiert hatte,[1] verfügte über damals in dieser Region ungewöhnlich gute Englischkenntnisse,[8] erlangte über die Internetdomäne des Klosters http://www.decani.yunet.com 1998 internationale Popularität und wurde von internationalen Journalisten oft als „Cyber-Monk“ (Cyber-Mönch) tituliert.[7][1] In ebenfalls unüblicher Weise wurde Sava Janjić als Abt des Klosters mit einer serbische Abordnung vor den Konferenzen von Rambouillet von Slobodan Milošević zu von Milan Panić aus den USA vermittelten Verhandlungen in Den Haag geschickt.[8][7] Radosavljević und Janjić sollen schon frühzeitig, wie der Vorsitzende der Serbischen Widerstandsbewegung im Kosovo, Momčilo Trajković, gemäßigte Kosovo-Serben und Kosovo-Albaner zum Dialog aufgerufen haben.[1][7][5] Radosavljević und Trajković sprachen sich gegen Repressionen der serbischen Polizei und gegen kosovo-albanische Terrorüberfälle aus.[1]

Mehrmals dementierte Janjić auf elektronischem Kommunikationsweg Nachrichten, die das Kloster diskreditieren sollten. So als das Informationszentrum der kosovo-albanischen und von Ibrahim Rugova geführten LDK gemeldet hatte, dass das Kloster nach Angaben der UÇK-Guerilla serbischen Paramilitärs Unterschlupf gewährt habe.[7][1] Oder als die kosovo-albanische Zeitung Koha Ditore behauptete, der serbische Nationalistenführer Vojislav Šešelj habe sich im Kloster mit Mönchen getroffen.[7]

Janjić war Sprecher des Nationalen Rats Serbiens für den Kosovo und Mitglied im provisorischen Verwaltungsrat des Kosovo.[9]

Sava Janjić (links im Bild) präsentiert Joe Biden Fresken des Klosters Dečani

Diskussionen löste der Besuch des US-Vizepräsidenten Joe Biden aus. Während Sava Janjic die Hoffnung äußerte, der Besuch werde helfen, das serbisch-orthodoxe Kulturerbe im Kosovo zu bewahren und den serbischen Menschen im Kosovo helfen, verurteilte die Diözese von Raška und Prizren die Form des Besuchs in scharfer Form. Der US-Vizepräsident habe den Kosovo als einen unabhängigen Staat besucht, um „eine gewaltsame Sezession serbischen Territoriums durch albanische Terroristen zu bestätigen, die nicht für ihre unzähligen Verbrechen an serbischen Menschen, an serbischem Eigentum und an serbischem weltlichen und religiösen Kulturgut bestraft worden“ seien. Das Kloster sei durch den Besuch ein Symbol gegen die Interessen Serbiens geworden, wobei von Seiten der Diözese ein Vergleich mit Camp Bondsteel als US-amerikanische Basis im Kosovo formuliert wurde.[10][11]

Architektur und Kunst[Bearbeiten]

Die Kirche ist eine fünfschiffige Basilika mit einem dreischiffigen Exonarthex. Die hohen Säulen und das in Serbien nur in Dečani verwendete Kreuzgewölbe und die gotischen Fenster verraten einen starken westlichen Einfluss. Am Haupteingang der Kirche sowie im Narthex-Portal und den Säulenkapitellen befinden sich hervorragende Arbeiten der Steinmetzkunst, unter anderem die sitzende Figur des Christus Pantokrator, Löwenköpfe der Kapitelle und Löwenskulpturen am Narthex-Portal. Die Fresken, zwischen 1335 und 1350 vollendet, gehören zu den bedeutendsten Beispielen der Palaiologischen Renaissance. Sie wurde von Meistern der Malschule von Ohrid gefertigt. Die Bildfülle und behandelten theologischen Szenen bestechen durch die figurenreiche und farblich akzentuierte Darstellung. Bedeutend sind unter anderem die Herrscherporträts sowie der Stammbaum der Nemanjidendynastie.

Die künstlerische Bedeutung des Klosters ist die komplette Ausgestaltung der Kirche mit Fresken. Aufgrund dieser Bedeutung wurde dem König Stefan Uroš III. Dečanski im Nachhinein der Namenszusatz „Dečanski“ gegeben. Heute ist das Kloster das Zentrum des Kultes um den Heiligen Stefan Uroš III. Dečanski. Sein Sohn König Stefan Uroš IV. Dušan (regierte 1336–1356) hat das Kloster im Namen seines Vaters fertiggestellt.

Die Kirche ist vollständig mit Fresken ausgeschmückt. Sie sind das besterhaltene Ensemble der Freskomalerei Südosteuropas im Mittelalter. Die Schatzkammer birgt wertvolle Ikonen des 14.–16. Jahrhunderts und Werke kirchlichen Kunsthandwerks. Das Grab des Heiligen Stefan Uroš III. Dečanski ist eine wichtige orthodoxe Kultstätte. Der Sarkophag aus geschnitztem Holz steht auf einem Marmorsockel, den Pilger auf dem Boden kriechend umrunden.

Die Fresken im Inneren der Kirche (1335–1350) knüpfen an byzantinische Vorbilder an (siehe: Serbisch-byzantinischer Stil). Der schmiedeeiserne Leuchter (Choros) ist ein Hauptwerk der Metallverarbeitung der mittelalterlichen Kunst. Links neben der Ikonostase befindet sich der Holz-Sarkophag von Stefan Uroš III. Dečanski.

Weltkulturerbe und Sicherheitslage[Bearbeiten]

2004 wurde das Kloster von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Wegen der rechtlich unklaren Situation des Kosovo und der schwierigen Sicherheitslage wurde es gleichzeitig auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes eingetragen.[12]

Das Kloster, in dem während des Kosovo-Krieges Serben, Kosovo-Albaner und Roma Zuflucht gefunden haben sollen,[9][13] soll seit der Ankunft der KFOR im Kosovo 1999 vier mal Ziel von Mörserattacken geworden sein (sechs Granaten im Februar 2000, neun im Juni 2000, sieben am 17. März 2004 und eine weitere am 30. März 2007).[14][15][16] Insgesamt soll es in den vergangenen Jahren (Stand: 2008) „rund ein Dutzend Mal Ziel von Übergriffen albanischer Extremisten“ gewesen sein.[17] Der mächtigen Außenmauer[17] und intensiven Bewachung im Zuständigkeitsbereich italienischer KFOR-Soldaten wird zugeschrieben, dass es im Gegensatz zu vielen anderen christlich-orthodoxen Sakralstätten im Kosovo weitgehend unversehrt geblieben ist.[18] Die Stadt Dečani gilt als Hochburg der Anhänger des im Kosovokrieg für diese Region zuständigen UÇK-Führers[19][20][17] Ramush Haradinaj,[9][13] der 2008 und 2012 vom ICTY aus Mangel an Beweisen von der Anklage als Kriegsverbrecher freigesprochen wurde,[21] aber vom Bundesnachrichtendienst (BND) als eine der Schlüsselfiguren zwischen Politik und organisierter Kriminalität eingestuft wird,[9][22] und seiner Partei, der AAK.[20] Die Mönche des Klosters besorgen ihre Einkäufe nicht in der Stadt, sondern fahren einmal jährlich in KFOR-Geleit nach Montenegro oder Serbien (Stand: 2007).[9][13] Nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo sollen den Mönchen des Klosters von der Stadt Dečani 25 Hektar Land abgesprochen worden sein, das sie zur Nahrungserzeugung bewirtschaften. Die UN-Mission soll der Stadtbehörde Grundbuchfälschung vorgeworfen und das Grundstück den Mönchen zuerkannt haben, was von den Stadtpolitikern in Dečani ignoriert worden sei.[17]

Literatur[Bearbeiten]

  • Bratislav Pantelić: The Architecture of Dečani and the Role of Archbishop Danilo II. Spätantike – Frühes Christentum – Byzanz, Kunst im ersten Jahrtausend. Reihe B: Studien und Perspektiven, Bd. 9, Reichert Verlag, Wiesbaden 2002.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Visoki Dečani – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g Matthias Rüb: Kosovo – Ursachen und Folgen eines Krieges in Europa. DTV, München, November 1999, ISBN 3-423-36175-1, S. 93–95.
  2. Heinz Loquai: Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg: die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6681-8, S. 45, 170.
  3. a b Wolfgang Petritsch, Robert Pichler: Kosovo – Kosova – Der lange Weg zum Frieden. Wieser, Klagenfurt u. a. 2004, ISBN 3-85129-430-0, S. 220f.
  4. a b Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 279f.
  5. a b Verraeter an der nationalen Sache? - Aus der serbischen Kirche werden Stimmen gegen den Krieg im Kosovo laut, Der Überblick – Zeitschrift für ökumenische Begegnung und internationale Zusammenarbeit, Heft 3/1998, von Klaus Wilkens, S. 40, archiviert von der Internetfassung der Christlich-Islamischen Gesellschaft e.V. am 12. Februar 2013.
  6. Wolfgang Petritsch, Karl Kaser, Robert Pichler: Kosovo – Kosova: Mythen, Daten, Fakten. 2. Auflage. Wieser, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-304-5, S. 221ff
  7. a b c d e f g Der gute Mensch von Decani – Wie sich ein serbisch-orthodoxer Mönch in der fast völlig zerstörten Stadt für Kosovo-Albaner einsetzt, Berliner Zeitung, 28. Juli 1998, von Thomas Schmid, archiviert vom Original am 12. Februar 2013.
  8. a b c d Wolfgang Kaufmann: Die Beobachter. Books on Demand, Norderstedt 2004, ISBN 3-8334-1200-3, S. 151–154.
  9. a b c d e Kampf um den Status – Die Herren des Kosovo, Der Tagesspiegel, 24. Juli 2007, von Ingrid Müller, archiviert vom Original am 12. Februar 2013.
  10. Biden visit to Kosovo monastery splits Serbian Orthodox Church (englisch). Reuters Edition U. S., 22. Mai 2009, von Adam Tanner, archiviert vom Original am 12. Februar 2013.
  11. SPC overrules bishop’s decision (englisch). B92, 20. Mai 2009, archiviert vom Original am 12. Februar 2013.
  12. World Heritage Committee puts Medieval Monuments in Kosovo on Danger List and extends site in Andorra, ending this year’s inscriptions, UNESCO, Mitteilung, 13. Juli 2006, archiviert vom Original am 6. Juni 2013.
  13. a b c Orthodoxe Mönche fürchten Unabhängigkeit, Die Welt, 15. August 2007, von Nina Mareen Spranz, archiviert vom Original am 12. Februar 2013.
  14. Kosovo Albanians Attack Decani Monastery, De-Construct.net, 30. März 2007, archiviert vom Original am 10. Februar 2013.
  15. UNESCO world heritage site targeted by extremists again – Decani Monastery area hit by a mortar-grenade, no injuries or damage, KIM Info-service, KiM Info Newsletter, 30. März 2007, archiviert vom Original am 10. Februar 2013.
  16. Kosovo monastery Visoki Decani blocked, Tanjug, 8. Februar 2013, zuletzt abgerufen am 10. Februar 2013.
  17. a b c d [Kosovo: Schwerer Stand für serbische Mönche], Deutsche Welle, 23. Oktober 2008, von Filip Slavkovic, (Permalink: http://dw.de/p/FfSI), archiviert vom Original am 12. Februar 2013.
  18. La Guerra Infinita – Kosovo Nove Anni Dopo (italienisch, TV-Dokumentation). Rai Tre, von Riccardo Iacona, unter Mitarbeit von Francesca Barzini, ausgestrahlt auf Rai Tre am 19. September 2008. Auf bekannten Videoportalen verfügbar (auch mit englischen und serbischen Untertiteln, letzter Abruf am 9. Februar 2013).
  19. Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 437.
  20. a b Wolfgang Petritsch, Robert Pichler: Kosovo – Kosova – Der lange Weg zum Frieden. Wieser, Klagenfurt u. a. 2004, ISBN 3-85129-430-0, S. 304.
  21. Haradinaj, Balaj, and Brahimaj Acquitted on Retrial, ICTY, Pressemitteilung, 29. November 2012, archiviert vom Original am 12. Februar 2013.
  22. Vier Jahre nach dem Kosovokrieg – der Solana-Staat zerfällt, Le Monde diplomatique, Nr. 6980, 14. Februar 2003, Seite 10–11, 287 Dokumentation, von Jean-Arnault Dérens (deutsch von: Christian Hansen), archiviert vom Original am 13. Februar 2013.