Kohtla-Järve

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Kohtla-Järve
Wappen
Wappen
Flagge
Flagge
Staat: Estland Estland
Kreis: Ida-Virumaa lipp.svg Ida-Viru
Gegründet: 1946 (Stadtrechte)
Koordinaten: 59° 24′ N, 27° 16′ O59.39833333333327.273055555556Koordinaten: 59° 24′ N, 27° 16′ O
Fläche: 54,02 km²
 
Einwohner: 43.817 (1. Januar 2012)
Bevölkerungsdichte: 811 Einwohner je km²
Zeitzone: EET (UTC+2)
 
Gemeindeart: Stadt
Gliederung: sechs Stadtteile
Bürgermeister: Jevgeni Solovjov

(Keskerakond)

Postanschrift: Keskallee 19
30395 Kohtla-Järve
Webpräsenz:
Karte von Estland, Position von Kohtla-Järve hervorgehoben

Kohtla-Järve ist eine Industriestadt im Nordosten der Republik Estland. Ihre Geschichte ist eng mit dem Abbau des Ölschiefers seit den 1920er Jahren verbunden. Sie ist die viertgrößte Stadt des Landes.

Lage und Einwohnerschaft[Bearbeiten]

Kohtla-Järve liegt im Kreis Ida-Viru (Ida-Viru maakond), unweit der estnischen Ostseeküste. Kohtla-Järve hat 43.817 Einwohner (Stand 1. Januar 2012).

Die Einwohnerzahl der Stadt ist nach Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit 1991 stark zurückgegangen. Sie hat sich verglichen mit Ende der 1970er Jahre halbiert. Dies erklärt sich einerseits durch die Ausgliederung der wieder selbständigen Städte Jõhvi, Püssi und Kiviõli. Andererseits hat der Zusammenbruch der sowjetischen Schwerindustrie negative wirtschaftliche Folgen hinterlassen. Viele ehemals sowjetische Unternehmen wurden unrentabel und mussten schließen. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch. Die demographische Entwicklung ist wie in allen Städten des Landeskreises weiter negativ.

Die slawischsprachige Bevölkerung macht etwa achtzig Prozent aus. Bei der Volkszählung im Jahr 2000 bezeichneten sich 68,9 % als Russen, 17,8 % als Esten, 4,5 % als Weißrussen und 2,3 % als Ukrainer. Die meisten Familien wurden nach dem Zweiten Weltkrieg als Industriearbeiter aus anderen Teilen der Sowjetunion nach Kohtla-Järve geholt.

Einwohnerentwicklung

Jahr 1959 1979 1989 1994 1998 2000 2004 2007 2010 2012
Einwohner 56.000 87.472 62.059 56.600 52.611 47.679 46.346 45.399 44.492 43.817

Territoriale Gliederung[Bearbeiten]

Die Stadtteile Kohtla-Järves
Kohtla-Järve (rot) im Kreis Ida-Viru (beige)

Eine Besonderheit Kohtla-Järves stellt die territoriale Zersplitterung des Stadtgebiets dar. In Ost-West-Richtung liegen die Stadtteile vierzig Kilometer auseinander. Der Doppelname der Stadt leitet sich von Dörfern Kohtla und Järve ab.

Die Stadt besteht aus sechs unverbundenen Stadtteilen. Dies erklärt sich aus der Gründung der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg, als mehrere Ortschaften zur sozialistischen Industrie- und Arbeiterstadt Kohtla-Järve zusammengeschlossen wurden. Nach Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit wurden in den 1990er Jahren einzelne Teile Kohtla-Järves als eigenständige kommunale Gebietskörperschaften wieder ausgegliedert.

Die sechs Stadtteile Kohtla-Järves sind Ahtme (auf nebenstehender Karte Nr. 1), Järve (Nr. 2), Kukruse (Nr. 3), Oru (Nr. 4), Sompa (Nr. 5) und Viivikonna (Nr. 6). Ahtme und Järve sind mit jeweils etwa 17.000 Einwohnern mit Abstand die beiden bevölkerungsreichsten Stadtteile (Stand 31. Dezember 2011).

Im Stadtteil Järve, der durch seine sozialistische Architektur geprägt ist, liegt der Sitz der Stadtverwaltung.

Geschichte[Bearbeiten]

Stadtansicht
Rathaus
Das Kulturhaus aus sowjetischer Zeit
Ehrenmal der Arbeiter
Ehemaliges Bergarbeiterhaus
1966 errichtetes Denkmal zum 50. Jahrestag des Ölschieferabbaus
Das 1938 errichtete Schulgebäude
Russisch-orthodoxe Kirche

Die erste Erwähnung der Orte Järve (Jeraius) und Kukruse (Kuckerus) sowie des heute nicht mehr existierenden Dorfes Tõrvasküla (Terauscula) erfolgte im Jahr 1241. Sie sind im Liber Census Daniae, einem dänischen Steuerverzeichnis, aufgeführt. Auch das Dorf Sompa (Soenpa) ist relativ alt; es wurde 1420 erstmals urkundlich erwähnt. Für das 15. Jahrhundert sind die Güter von Kohtla (Kochtel), Sompa (Sompäh) und Järve (Türpsal) belegt.[1]

Eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung der Region spielte der Ölschiefer. Er ist mit einem Gesamtvorkommen von geschätzten sechs Milliarden Tonnen der wichtigste Bodenschatz Estlands.[2]

Brennschiefer wurde bereits in den 1870er Jahren erstmals bei Kukruse lokalisiert und in geringem Umfang gefördert. In der Umgebung wurden dann unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit reichhaltigere Vorkommen entdeckt und abgebaut. 1916/17 nahm ein Probeabbau seinen Betrieb auf.

1922 wurde die Aktiengesellschaft AS Riiklik Põlevkivitööstus gegründet. 1924 wurde die erste Fabrik zur Schieferverarbeitung errichtet; zwei weitere folgten 1936 und 1938. Eine Raffinerie wurde 1931 in Betrieb genommen. Gleichzeitig entstand die Arbeitersiedlung Kohtla-Järve; ihr Gebiet wird heute „die Altstadt“ (Vanalinn) genannt. In den 30er Jahren wurden weitere Siedlungen wie Käva, Vaheküla und Pavandu dem Ort angeschlossen. Zur selben Zeit entstanden in Kohtla-Järve ein Zementwerk und eine Bitumenfabrik.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen die sowjetischen Behörden auf dem durch die schweren Kämpfe stark verwüsteten Gebiet die Schaffung einer größeren Industriestadt nach sozialistischen Vorbild. In Kohtla-Järve entstand ein großes Chemiekombinat. Hinzu kamen Ölschiefer verarbeitende Betriebe. Mit Ölschiefer wurden auch die Heizkraftwerke von Kohtla-Järve und Ahtme betrieben. Hinzu kamen Kombinate zur Herstellung von Baumaterialien. Ölschiefer wurde am Rande der Stadt abgebaut, in Kukruse auch unter Tage. Die günstige Lage an der Eisenbahnstrecke zwischen Tallinn und Leningrad und die Nähe zum Hafen Sillamäe begünstigten die industrielle Entwicklung.

Am 15. Juni 1946 bekam Kohtla-Järve die Stadtrechte zugesprochen. In den Folgejahren erfolgten zahlreiche Eingemeindungen. So wurden 1949 die Dörfer Kohtla und Kukruse der Stadt zugeschlagen, 1960 Jõhvi, Ahtme und Sompa und 1964 schließlich Kiviõli, Oru, Viivikonna und Püssi. Nach der Gemeindereform hatte Kohtla-Järve rund 90.000 Einwohner. Nach Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit 1991 erhielten einige der eingemeindeten Orte ihre kommunale Selbständigkeit zurück.

Kriegsgefangenenlager[Bearbeiten]

In Kohtla-Järve und im 1960 eingemeindeten Ahtme bestanden die Kriegsgefangenenlager 135, Achtme, und 289, Kohtla Järve, für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs.[3] Die sowjetischen Behörden nutzten ihre Arbeitskraft für den Abbau des Ölschiefers und den Aufbau der Stadt.

Wirtschaft heute[Bearbeiten]

Kohtla-Järve ist weiterhin ein Zentrum des Abbaus und der Verarbeitung von Ölschiefer in Estland, auch wenn die Intensität dieses umweltbelastenden Industriezweigs stark abgenommen hat. Estland hat den Ausstoß von Ruß, Asche, Stickoxiden und Schwefeldioxid in der Stadt inzwischen weitgehend in den Griff bekommen.

Weitere Industriezweige der Stadt sind Fabriken zur Herstellung von Torfbriketts, Baustoffen und Möbeln, außerdem Metallverarbeitung sowie Leicht- und Nahrungsmittelindustrie. In Ahtme gibt es mit AS Virulane eine große Textilfabrik, die zur Baltika-Gruppe gehört. In Ahtme steht ein Eletrizitätskraftwerk. 95 % der elektrischen Energie der Republik Estland werden heute noch mittels Ölschiefer gewonnen.[4]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Die Stadt ist relativ jung. Sie entstand nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs am Rande der Ölschiefer-Abbaugebiete. Erhalten ist aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg die 1938 gebaute orthodoxe „Kirche der Verklärung des Herrn[5] und die ebenfalls Ende der 1930er Jahre errichtete Grundschule. Beide Gebäude sind im Stil des Funktionalismus projektiert.

Mit der sowjetischen Besetzung Estlands nahm die sozialistische Stadtplanung das Heft in die Hand. Am 4. Oktober 1952 wurde das „Kulturhaus der Bergarbeiter“ im stalinistischen Stil eingeweiht.

Kohtla-Järve besitzt seit 2007 in Kukruse ein Ölschiefermuseum, das ausführlich über die Verwendung von Ölschiefer und den Abbau in der Region informiert. Ausgestellt sind auch Werkzeuge und Schutzkleidung der Bergarbeiter.

Im Stadtteil Kohtla liegt das Bergbaumuseum der Stadt (Kaevanduspark). Die Besucher können acht Meter unter die Erde in einen 1,5 Kilometer langen historischen Stollen gelangen, der 2001 stillgelegt wurde. Dort transportiert ein unterirdischer Zug die Touristen durch den Stollen. Sie können mit einem 23 Kilo schweren historischen Bohrer selbst Hand an das Gestein anlegen.

1966 wurde zum 50. Jubiläum des Ölschieferabbaus ein Denkmal eingeweiht. Es zeigt eine Lore.

Sport[Bearbeiten]

Der Fußballverein FC Lootus Kohtla-Järve spielt in der Esiliiga, der zweiten estnischen Spielklasse.

Partnerschaften[Bearbeiten]

Töchter und Söhne[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.eestigiid.ee/?CatID=49
  2. Thea Karin: Estland. Kulturelle und landschaftliche Vielfalt in einem historischen Grenzland zwischen Ost und West. Köln 1994 (= DuMont Kunst- und Landschaftsführer) ISBN 3-7701-2614-9, S. 139
  3. Erich Maschke (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962-1977.
  4. http://www.kohtla-jarve.ee/index.php?area=3
  5. http://register.muinas.ee/?menuID=monument&action=view&id=13888