Lager Friedland

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Unterkünfte im Lager Friedland

Das Lager Friedland ist ein Grenzdurchgangslager in der niedersächsischen Gemeinde Friedland im Landkreis Göttingen. Zuerst wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg für vertriebene Deutsche aus den ehemals deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland genutzt. Das Lager wurde von der britischen Besatzungsmacht auf dem Gelände der nach Friedland ausgelagerten landwirtschaftlichen Versuchsanstalt der Universität Göttingen errichtet und am 20. September 1945 in Betrieb genommen.[1][2]

Anfänge[Bearbeiten]

Heimkehrer im Lager Friedland, 1955
Lagerbaracken, 1958

Das Lager bestand aus ehemaligen Stallgebäuden sowie Baracken und Nissenhütten. Die Lage Friedlands am Grenzpunkt der Britischen Besatzungszone (Niedersachsen), der Amerikanischen Besatzungszone (Hessen) und der Sowjetischen Besatzungszone (Thüringen) sowie an der wichtigen Bahnstrecke zwischen Hannover und Kassel (Bahnstrecke Bebra–Göttingen) prädestinierten den Standort für ein Flüchtlingslager. Zu Beginn kamen Tausende Angehörige der Wehrmacht am Tag. Sie erhielten den sogenannten D2-Schein als Dokument ihrer Entlassung aus dem Militärdienst,[3] ihren Wehrsold und ein Entlassungsgeld,[4] außerdem durch die Caritas Zivilkleidung aus Spenden.[5]

Es war geplant, dass Flüchtlinge möglichst nur 24 Stunden bleiben sollten; sie wurden ärztlich untersucht und desinfiziert.[6] Für den Ausbau des Lagers wurde Baumaterial beschlagnahmt und Kriegsgefangene herangezogen.[7] Das Lager bekam einen Stacheldrahtzaun und an den Eingängen Schlagbäume; Besucher brauchten Passierscheine.[8] Man hatte drei Arten von Baracken: Für Mütter mit Kleinkindern, für Männer und für Frauen.[9] Zum Leiter des Lagers wurde bald ein ehemaliger deutscher Offizier bestellt.[10] Die Flüchtlinge hatten Anspruch auf die Rationen der deutschen Zivilbevölkerung.[11] Die Ankunft von Kindergruppen stellten eine besonders schwierige Situation für die Angestellten dar; man versuchte, die Angehörigen ausfindig zu machen und organisierte in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) begleitete Reisen; später wurde es üblich, die Angehörigen telegrafisch zu benachrichtigen, dass sie ihre Kinder abholen sollten.[12] Es gab spezielle Suchdienstsendungen im Radio und Plakate wurden aufgehängt.

Im November 1945 nahm eine Stelle des Deutschen Caritasverbandes ihre Arbeit in Friedland auf.[13] Auch die britische Heilsarmee und der YMCA waren vertreten.[14] 1957 wurde der Verein Friedlandhilfe gegründet, um eben jenen bei der Wiedereingliederung zu helfen;[15] die Hilfsorganisation stand unter der langjährigen Leitung von Johanne Büchting und warb rund 100 Millionen DM an Spenden ein.

Flüchtlingsherkunft[Bearbeiten]

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zunächst Hunderttausende Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft in Friedland empfangen. Wegen der großen Zahl wurde vorübergehend eine Außenstelle in Dassel eingerichtet. Nach einer Moskau-Reise des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer konnten 1955 die letzten Kriegsgefangen aus der Sowjetunion zurückkehren. Zum Empfang der Heimkehrer wurde als "Choral von Friedland" das Kirchenlied Nun danket alle Gott gesungen.

Später wurde das Lager als Übergangslager für Übersiedler aus der DDR genutzt, heute vor allem als Aufnahmelager für Spätaussiedler. Seit Oktober 2002 (nach anderen Angaben seit 2001 bzw. 2000[16]) ist das Lager Friedland die einzige Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler in Deutschland.

Darüber hinaus wurden auch Menschen aus weiteren Ländern aufgenommen:[16][2] 1956 kamen nach dem ungarischen Volksaufstand Flüchtlinge aus Ungarn, 1973 kamen Verfolgte des Pinochet-Regimes aus Chile, 1978 waren es vor allem Boatpeople aus Vietnam,[17] 1984 Tamilen aus Sri Lanka und 1990 Flüchtlinge aus Albanien. Ende März 2009 landeten die ersten 122 von insgesamt 2500 Flüchtlingen aus dem Irak mit einem Sonderflugzeug aus Damaskus in Hannover und wurden ins Durchgangslager Friedland gebracht. Fast alle gehören der christlichen Minderheit an, die im Irak verfolgt wird.[18] Im Jahr 2013 kamen in Folge des syrischen Bürgerkrieges die ersten von 5000 Kontingentflüchtlingen aus Syrien an.[19]

Das Lager Friedland heute[Bearbeiten]

20 Jahre Friedlandhilfe: deutsche Briefmarke von 1978

Im Jahr 2009 hat das Lager noch eine Kapazität von 1000 Betten. Es sind ungefähr 100 Mitarbeiter beschäftigt. In Friedland erhalten die Aufgenommenen halbjährliche Integrationskurse, bevor sie in die ihnen zugewiesenen Bundesländer weiterreisen.[16] Zuständig für das Grenzdurchgangslager Friedland ist die Landesaufnahmebehörde Niedersachsen (LAB-NI).

Der Bundesnachrichtendienst (BND) und das Bundesamt für Verfassungsschutz unterhalten in Friedland eigene Dienststellen. Mitarbeiter des BND befragen Flüchtlinge regelmäßig über die Umstände ihrer Flucht und die Situation in ihren Herkunftsländern.[20] Die Befragungen wurden gleich nach Kriegsende begonnen; man fragte Soldaten nach den Namen noch festgehaltener Kameraden.[21]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dagmar Kleineke: Entstehung und Entwicklung des Lagers Friedland 1945–1955. Dissertationsschrift Universität Göttingen, Göttingen 1992, 281 (II) S.
  • Jürgen Gückel: 60 Jahre Lager Friedland. Zeitzeugen berichten. (Erweiterter Sonderdruck der Serie 60 Jahre Lager Friedland, die 2005 im Göttinger Tageblatt erschienen ist.) Göttinger Tageblatt, Göttingen 2005, 96 S.
  • Wilhelm Tomm: Bewegte Jahre, erzählte Geschichte. Evangelische Diakonie im Grenzdurchgangslager Friedland 1945–1985. Herausgegeben von der Inneren Mission und dem Evangelischen Hilfswerk im Grenzdurchgangslager Friedland e. V. 2. Auflage. Bremer, Friedland 2005, 322 S., ISBN 3-9803783-5-7
  • Autorenkollektiv: Grenzdurchgangslager Friedland. 1945–2000. Niedersächsisches Innenministerium, Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Hannover 2001, 23 S.
  • Jürgen Asch (Bearb.): Findbuch zum Auswahlbestand Nds. 386. Grenzdurchgangslager Friedland, acc. 67/85, 1951–1973. Veröffentlichungen der Niedersächsischen Archivverwaltung: Inventare und kleinere Schriften des Hauptstaatsarchivs in Hannover (Heft 3). Hahn, Hannover 1992, 431 (XVII) S.
  • Josef Reding: Friedland. Chronik der großen Heimkehr. Dieses Buch wurde geschrieben im Winter 1955/56 in der Baracke C3 des Lagers Friedland. Arena, Würzburg 1989, 214 S., ISBN 3-401-02510-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Lager Friedland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gemeinde Friedland: Grenzdurchgangslager
  2. a b Die Geschichte des Grenzdurchgangslagers auf der Homepage des Landes Niedersachsen
  3. Dagmar Kleineke: Entstehung und Entwicklung des Lagers Friedland 1945–1955. Dissertationsschrift Universität Göttingen, Göttingen 1992, hier S. 111.
  4. Kleineke 127
  5. Kleineke 132
  6. Kleineke 21.
  7. Kleineke 33
  8. Kleineke 35
  9. Kleineke 36
  10. Kleineke 43
  11. Kleineke 88
  12. Kleineke 91 f.
  13. Die Caritasstelle im Grenzdurchgangslager Friedland
  14. Kleineke 220
  15. Die Homepage des Verbandes Friedlandhilfe
  16. a b c Durchgangslager Friedland und Iraker finden in Deutschland Asyl in „Mainzer Rhein-Zeitung“, 20. März 2009, Seiten 2 und 4
  17. [1] 30 Jahre danach Boat People in Deutschland auf drk.de
  18. Der Tagesspiegel: Erste Iraker im Lager Friedland
  19. Gauck verspricht den syrischen Flüchtlingen Respekt welt.de vom 21. November 2013
  20. Deutsche Behörde horcht Asylbewerber aus sueddeutsche.de vom 19. November 2013
  21. Kleineke 142

51.4227777777789.9111111111111Koordinaten: 51° 25′ 22″ N, 9° 54′ 40″ O