Latrun

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31.83555555555634.980277777778Koordinaten: 31° 50′ 8″ N, 34° 58′ 49″ O

Der Ort Latrun (arabisch ‏اللطرون‎ al-Latrūn, DMG al-Laṭrūn, hebräisch לטרון) liegt etwa 15 km westlich von Jerusalem im Ajalon-Tal, das während der ganzen Geschichte stets von strategischer Bedeutung war. Der Ursprung des Namens ist nicht gesichert. Wahrscheinlich ist es eine Verfälschung von „Le toron des chevaliers“, einer Kreuzfahrerburg, deren Reste noch in der Nähe erkennbar sind.

Bei Latrun teilt sich die Straße, die von Tel Aviv kommt, in zwei Richtungen, die beide nach Jerusalem führen: die eine über Scha′ar haGai (heute die Hauptstrecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem), die andere verläuft nördlich davon über Beit Horon. Latrun befindet sich außerhalb der Grünen Linie, gehört also zum Westjordanland.

Geschichte[Bearbeiten]

Biblische Überlieferung[Bearbeiten]

Im Gebiet von Latrun (bei Beth Horon) soll im 13. Jahrhundert v. Chr. der Kampf Joshua Ben Nuns gegen fünf Amoriterkönige stattgefunden haben. Nach biblischer Überlieferung rief Joschua die Sonne an stillzustehen, um den Kampf noch am Freitag vor dem Sabbat siegreich zu Ende führen zu können. „Sonne, steh still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon. Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen, bis sich das Volk an seinen Feinden gerächt hatte.“ Jos 10,12-13 LUT.

Britische Mandatszeit[Bearbeiten]

Die ehemalige Polizeifestung Latrun
Zionistische Führer im Internierungslager Latrun 1946, darunter Scharet (2. von links) und Yosef (Mitte)

Ausgelöst durch den Arabischen Aufstand ab 1936, errichteten die Briten an mehreren strategisch wichtigen Stellen im Land Polizeistationen. Die festungsartigen Stationen, nach dem Entwickler der Bauart Tegart Forts genannt, waren stark gesicherte Komplexe mit Turm und zahlreichen Schießscharten. Der Standort in Latrun westlich des Klosters wurde wegen der erhöhten Lage an der strategisch wichtigen Straße von der Küste nach Jerusalem gewählt, die Polizeistation wurde 1943 errichtet.

Außer der Polizeistation errichteten die Briten in Latrun und der näheren Umgebung Internierungslager, in denen vorwiegend jüdische Widerstandskämpfer gegen die Mandatsmacht eingesperrt wurden. Zu den zahlreichen inhaftierten Zionisten gehörten unter anderem Mosche Scharet und Dov Yosef. Die Lager waren besonders nach der Operation Agatha vom 29. Juni 1946 stark überbelegt, was mit die Errichtung von Lagern auf Zypern für die Illegalen Einwanderer auslöste. Aufgrund dieser Geschehnisse erhielt das Schiff San Dimitrio, das am 19. Oktober 1946 mit 1275 illegalen Einwanderern an Bord von Frankreich abfuhr, den Hagana-Codenamen Latrun.

Unabhängigkeitskrieg[Bearbeiten]

Hauptartikel: Schlachten von Latrun
Panzermuseum Latrun: syrischer Panzer und Sturmgeschütz (deutsche Fabrikate), die von den Israelis erbeutet wurden
Panorama in der Gedenkstätte der Panzertruppe der israelischen Armee

Im Unabhängigkeitskrieg von 1948 fand hier einer der erbittertsten Kämpfe zwischen Israelis und Arabern um die Kontrolle der Straße zum belagerten Jerusalem statt. Beim Rückzug der britischen Armee am 14. Mai 1948 wurde diese Station der Arabischen Legion übergeben. Am Folgetag versuchten zwei israelische Bataillone vergeblich, die Station zu stürmen. Die Israelis verloren bei dieser „Ben Nun“ genannten Operation 74 Mann. Am 30. Mai 1948 unternahmen die Israelis mit der Operation „Ben Nun B“ einen weiteren Versuch die Station zu nehmen, trotz Artillerieunterstützung scheiterten sie aber an den Minenfeldern rund um die Station, wobei auf israelischer Seite 31 Mann fielen. Nach diesem zweiten Fehlschlag wurde eine alternative Route (südlich der Straße durch das Bab el Wad, dem „Tor zum Tal“, hebr.: Scha′ar haGai) nach Jerusalem ausgebaut, die als „Burma Road“ in die Geschichte Israels einging. In der Nacht zum 9. Juni 1948 erfolgte unter dem Kommando von David Marcus ein Angriff auf die Ostseite der Station („Operation Joram“), der wegen eines Orientierungsfehlers eines Kompaniechefs abermals scheiterte. 19 weitere israelische Soldaten fielen, als am 16. Juli 1948 zwei Palmach-Bataillone die Polizeistation ergebnislos angriffen. Am 18. Juli 1948 machten die Israelis einen letzten Versuch zur Eroberung der Station. Mit Unterstützung durch Artillerie und Panzerfahrzeuge rückten sie vor, doch Kommunikationsprobleme zwangen zum Abbruch des Angriffs. Es gab zwar keine Verluste an Menschenleben, aber bei Kriegsende war die Station immer noch in jordanischer Hand.

Sechstagekrieg[Bearbeiten]

Gemäß dem Waffenstillstandsabkommen von 1948 musste die Straße von Tel Aviv nach Jerusalem, die von der Station kontrolliert wurde, für den israelischen Verkehr geöffnet werden. Jordanien ignorierte das Abkommen insoweit jedoch und so musste bis zum Sechstagekrieg von 1967 ein Umweg über die Burma Road benutzt werden. Zwischen 1948 und 1967 war die Polizeistation von Latrun auch in einige Zwischenfälle verwickelt, die israelische Bauern daran hindern sollten, ihre Felder zu bearbeiten. Im Sechstagekrieg wurde die Station von der israelischen Harel-Brigade nach ausgiebiger Artillerievorbereitung erobert. Die Bewohner der Dörfer ʿImwās, Bait Nubā und Yālū wurden vertrieben, die Dörfer zerstört. Jahre später wurden auf deren Land die Siedlung Mewo Choron und der Kanadapark errichtet.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Gedenkstätte und Museum[Bearbeiten]

Seit 1982 befindet sich in der ehemaligen Polizeistation die Gedenkstätte der Panzertruppe der israelischen Armee Yad La'Shiryon. Im angegliederten Militärmuseum werden mehr als 200 Panzer und andere Militärfahrzeuge ausgestellt, außerdem informiert ein multimediales museumspädagogisches Konzept über die geschichtlichen Zusammenhänge. Ein Freilichttheater steht für zivile und militärische Veranstaltungen zur Verfügung.

Trappistenkloster[Bearbeiten]

Südlich des Panzermuseums befindet sich das 1890 von Trappisten gegründete Schweigekloster. Im Ersten Weltkrieg vertrieben die Türken die Mönche und zerstörten das Kloster. Die Mönche kehrten 1927 zurück und bauten das Kloster neu auf. Der Wiederaufbau wurde 1954 mit Errichtung des Glockenturmes abgeschlossen. Das Kloster stellt qualitativ hochwertige Weine und Olivenöle her, die auch im Klosterladen erworben werden können. Der Klostergarten beherbergt eine kleine Sammlung von archäologischen Funden aus der Gegend.

Jesus-Bruderschaft Gnadenthal[Bearbeiten]

Oberhalb des Trappistenklosters, am Hügel der alten Kreuzfahrerburg lebt eine kleine Gemeinschaft der Jesus-Bruderschaft.[1]

Gewölbe der Templerburg Latrun mit späteren Ergänzungen
Turmrest der Templerburg Latrun

Templerburgruine[Bearbeiten]

Oberhalb des Trappistenklosters liegen die Reste der Burganlage Toron des Chevaliers (lat. Toronum Militum). Sie war in der Mitte des 12. Jahrhunderts von dem kastilischen Adligen Rodrigo González de Lara gebaut und anschließend an den Templerorden (siehe Liste der Templerburgen) übergeben wurden.[2] Die Befestigung diente der Sicherung der Pilger- und Heerstraße von Jaffo nach Jerusalem. Saladin ließ die Burganlage zerstören. Der heutige Ortsname Latrun wird sowohl von der arabischen Form des Burgnamens el-Toron, als auch von Castellum Boni Latronis (Burg des guten Diebes) hergeleitet. Die Letztere Variante bezieht sich auf den reuigen Dieb, der neben Jesus am Kreuz starb (Lukas 23, 40–43).

Heute sind von der Burganlage neben einem Turmstumpf noch einige Mauer- und Gewölbereste sehr gut erkennbar. Das gesamte Areal ist aber von Schützengräben und Stellungen aus den Kriegen 1948/1967 durchzogen.

International Center for the Study of Bird Migration[Bearbeiten]

Vogelbeobachtungsradar in Latrun

In Latrun befindet sich das International Center for the Study of Bird Migration (Internationales Zentrum für Studien des Vogelzugs) mit einer Radar-Beobachtungsstation. Da sich Israel an der Nahtstelle dreier Kontinente befindet, ist es ein Knotenpunkt auf dem Weg der Zugvögel zwischen ihren Sommer- und Winterquartieren. Jährlich durchqueren bis zu einer Milliarde Vögel die Region, was eine erhebliche Gefahr für die Luftfahrt darstellt.[3] Über die Hälfte aller Flugunfälle wurden durch die Kollision mit Zugvögeln verursacht.

Auf Anregung des israelischen Ornithologen Yossi Leshem und mit Unterstützung der israelischen Luftwaffe wurde die Zugbewegung und -Verteilung der Vögel beobachtet und für eine Vorhersage ausgewertet. Ab 1983 wurde hierfür das Radar des Ben-Gurion-Flughafens verwendet. Da dieses Radar die Flughöhe der Vögel nicht erfassen konnte, wurde später in Latrun ein spezielles Radar zur Vogelbeobachtung installiert, das auch die Flughöhe auswertet. Ein weiteres Vogelbeobachtungsradar befindet sich im Negev.

Mittlerweile ist die Erfassung der Zugvögel weit ausgereift. Da auch die Nachbarländer von Israel durch den Vogelzug betroffen sind, gibt es eine zunehmende Zusammenarbeit und Erfahrungsaustausch, zunächst mit der Türkei und Jordanien. Internationale Zusammenarbeit besteht auch mit Deutschland, in diesem Rahmen wurde der Zug des Weißstorchs Prinzesschen auch von Latrun aus beobachtet. Auch mit palästinensischen Organisationen wie der Palestine Wildlife Society gibt es eine Zusammenarbeit. Ein Projekt israelischer, palästinensischer und jordanischer Schulen wurde durch die US-Regierung finanziert, kam jedoch nach Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 zum Erliegen.


Verweise[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Latrun – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJesus-Bruderschaft Gnadenthal: Latrun/Israel. Abgerufen am 2011–08-14.
  2. Chronica Adefonsi imperatoris, hrsg. von Glenn Edward Lipskey in: The Chronicle of Alfonso the Emperor. (1972), Buch I, §48, S. 78.
  3. http://www.newscientist.com/article/mg18424705.700