Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

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Laurence Sterne, Gemälde von Joshua Reynolds (1760)

Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman (englisch The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman; kurz Tristram Shandy) ist ein zwischen 1759 und 1767 erschienener Roman des englischen Schriftstellers Laurence Sterne (1713–1768).

Geschichte[Bearbeiten]

Sterne hatte lange als Landpfarrer in Yorkshire gearbeitet, ohne literarisch tätig zu sein. Er verfasste den Roman gegen Ende seines Lebens, zwischen 1759 und 1766. Tristram Shandy erschien in neun Bänden, die nacheinander veröffentlicht wurden. Die ersten zwei Bände verlegte Sterne selbst. Nach deren Erfolg übernahm der Londoner Verlag Dodsley die Herausgabe der nächsten zwei Bände. Die übrigen Bände wurden von Becket & Dehont in London veröffentlicht. Die erste deutsche Übersetzung erschien bereits 1769.

Aufbau[Bearbeiten]

Der Roman besteht aus neun Bänden mit jeweils rund 40 Kapiteln. Einige der Kapitel enthalten Unterkapitel mit eigenen Überschriften, während andere Kapitel bewusst ausgelassen sind oder nur aus einer Zeile bestehen. Einige Kapitel sind rund 25 Seiten lang. Im neunten Band werden das 18. und 19. Kapitel zunächst ausgelassen und dann nach dem 25. Kapitel eingefügt. Die Typografie zeichnet sich durch Besonderheiten wie geschwärzte oder marmorierte Seiten, eingefügte krakelige Linien und Auslassungen in Form von langen Sternchen-Reihen aus.

Inhalt und Stil[Bearbeiten]

Das Buch handelt nur in geringem Maß von der Person des Ich-Erzählers Tristram Shandy, dessen Geburt erst am Ende des 3. Bandes beschrieben wird. Hauptpersonen sind vielmehr sein Vater Walter Shandy und sein Onkel Toby. Weitere häufig auftretende Personen sind der Korporal Trim, der Pastor Yorick und der Arzt Dr. Slop. Der Roman spielt zwischen den Jahren 1689 (dem Eintritt Trims in die Armee) und 1766 (der Gegenwart beim Schreiben des neunten Bandes).[1]

Beide Shandy-Brüder, Walter und Toby, zeichnen sich durch stereotype Verhaltensmuster aus. Der Landwirt und frühere Kaufmann Walter Shandy nimmt die Wechselfälle des Lebens philosophisch. Als sein älterer Sohn stirbt, trauert er nicht, sondern ergeht sich in philosophischen Betrachtungen. Auch die Ereignisse um Tristrams Geburt und Kindheit – die bei der Geburt eingedrückte Nase, die missglückte Namensgebung und die unbeabsichtigte Beschneidung, zum Anlass für ausführliche Erörterungen. „Er hat für nichts eine praktische Lösung, aber für alles eine Hypothese parat“.[2] Unter anderem verfasste er die nach Tristram benannte Enzyklopädie Tristrapaedia, die aber unvollendet blieb. Toby Shandy, genannt „Onkel Toby“, ist ein ehemaliger Offizier, der im Schambereich verwundet wurde und aus dem Dienst ausscheiden musste. Sein Denken ist den Kriegserlebnissen verhaftet. Mit seinem treuen Begleiter Trim, ebenfalls ein Kriegsveteran, baut er Festungsanlagen nach und spielt vergangene und aktuelle Kriegsgeschehnisse nach. Mit seiner einfältigen, aber herzlichen Denkungsart unterscheidet sich Onkel Toby von seinem Bruder. Beide geben aber Anlass zu zahlreichen Anzüglichkeiten im Text.

Zwei Erzählsequenzen stehen neben vielen anderen Themen: die Geschehnisse rund um Tristrams Geburt sowie das Steckenpferd Onkel Tobys und sein Werben um die Witwe Wadman.[1] Der siebte Band steht außerhalb der übrigen Handlung und behandelt eine Reise Tristrams nach Frankreich und Italien.

Schon der Titel ist als Parodie lesbar, nämlich auf das Werk über Leben und Lehren berühmter Philosophen des griechischen Schriftstellers Diogenes Laertios. Verzichtet wird im Roman sowohl auf die chronologische Szenenfolge, die zu dieser Zeit weitgehend üblich war, als auch auf eine stringente Handlungsführung. Stattdessen werden abschweifende Assoziationen verfolgt und zugelassen und somit formale Innovationen der Avantgarde des 20. Jahrhunderts wie etwa den Bewusstseinsstrom vorweggenommen. In einer Umbruchszeit der Schriftstellerei, die mit der Industrialisierung und der Auflösung der poetischen Maßstäbe der französischen Klassik einhergeht, erscheint der Roman als Satire auf neue, sich erst entwickelnde Genres wie den Entwicklungsroman und die Autobiografie.

Der Roman arbeitet mit der Verschränkung unterschiedlicher Zeitebenen. So wird im 21. Kapitel des ersten Bandes ein Satz von Onkel Toby begonnen, der erst im sechsten Kapitel des zweiten Bandes fortgesetzt wird. Ein wesentlicher Teil der erzählten Zeit spielt vor der Geburt Tristrams und behandelt etwa die Problematik der Taufe des Kindes im Mutterleib (bei schwierigen und gefährlichen Geburten), die Auswirkung von Namen auf das Leben ihres Trägers und die geburtshelferischen Fähigkeiten der Hebamme beziehungsweise des Arztes. Ein weiterer Teil behandelt ein Steckenpferd des Vaters, die Nasenforschung, sowie die Notwendigkeit von Steckenpferden überhaupt. Der neunte Band des Romans spielt zeitlich vor dem ersten Band.

“… the machinery of my work is of a species by itself; two contrary motions are introduced into it, and reconcile, which were thought to be at variance with each other. In a word, my work is digressive and it is progressive, too,– and at the same time.”

„[Dieser Kunstgriff] macht die Maschinerie meines Werkes zu einer ganz eigentümlichen; sie erhält dadurch zwei entgegengesetzte Bewegungen, die sich doch wieder vereinigen, während man hätte glauben sollen, daß sie einander stören würden. Mit einem Wort, mein Werk schweift ab und kommt doch vorwärts – und zwar zu gleicher Zeit.“

Tristram Shandy, Band I, Kapitel 22[3]

Der Roman reflektiert sowohl seine eigene Wirkung auf den Leser als auch die Schreibmotivation und die Situation des Schreibenden. Darin ist er zugleich ein Vorreiter der später von August Wilhelm Schlegel als romantische Ironie bezeichneten Schreibweise. In seinem Werk Die Romantische Schule (geschrieben 1832/33) hebt auch Heinrich Heine diesen Roman als brillant und innovativ hervor.

Aus diesen Gründen gilt Tristram Shandy als Vorläufer der sogenannten experimentellen Literatur, in der das, was erzählt wird, mit der Art und Weise, wie erzählt wird, gleichberechtigt ist.

Illustrationen zum Roman von Henry William Bunbury (London, 1773)[Bearbeiten]

Rezeption[Bearbeiten]

  • „Gern hätte ich Sterne fünf Jahre meines Lebens abgetreten, […] und hätt ich auch gewiß gewußt, daß mein ganzer Überrest nur acht oder zehn betrüge, mit der Bedingung, daß er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten, oder Predigten oder Reisen.“ (Gotthold Ephraim Lessing)[4]
  • „Wo ist der Mann von Verstand und Geschmack […] [,] der nicht lieber alle seine übrigen Bücher und seinen Mantel und Kragen im Notfall dazu, verkaufen wollte, um dies in seiner Art einzige, dies mit allen seines Verfassers Wunderlichkeiten und Unarten dennoch unschätzbare Buch […] anzuschaffen.“ (Christoph Martin Wieland)
  • „Yorik-Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat: wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön, sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.“ (Johann Wolfgang Goethe)[5] Goethe erwähnte Sterne in seinem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre.
  • „Der freieste Schriftsteller aller Zeiten.“ (Friedrich Nietzsche)[6]
  • „Humoristische Großartigkeit“ (Thomas Mann)[7]
  • „Auch heute noch, nachdem er sich 200 Jahre in der Lesewelt befindet, gilt von Laurence Sternes ‚The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman‘ das Urteil, daß es zu den 10 größten Büchern gehöre, die bisher in englischer Sprache geschrieben worden sind.“ (Arno Schmidt)
  • Tristram Shandy wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Den Essay über den Roman verfasste Rudolf Walter Leonhardt.
  • Robert K. Merton nannte in Anlehnung an diesen Roman sein Werk On the Shoulders of Giants im Untertitel A Shandean Postscript.

Verfilmung[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Band 1 & 2: Ann Ward, York 1759
  • Band 3 & 4: Dodsley, London 1761
  • Band 5 & 6: Becket & Dehont, London 1762
  • Band 7 & 8: Becket & Dehont, London 1765
  • Band 9: Becket & Dehont, London 1767
  • The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman. Drei Bände (inklusive Kommentarband). Herausgegeben von Melvyn und Joan New. University Presses of Florida, Gainesville 1978–84; Penguin Classics, 2003, ISBN 0-14-143977-7
Deutsch
Hörbücher

Literatur[Bearbeiten]

  • Helmut Draxler (Hrsg.): Shandyismus. Autorschaft als Genre. Merz & Solitude, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-937982-17-5 (Katalog zur Ausstellung in der Secession Wien und dem Kunsthaus Dresden)
  • Alexander Huber: Auflösung der Konzepte des Paratexts: Laurence Sternes „Tristram Shandy“ (1759-67). In: Paratexte in der englischen Erzählprosa des 18. Jahrhunderts. Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München, 1997, S. 77–98 (PDF; Kapitel 5)
  • Wolfgang Iser: Laurence Sternes „Tristram Shandy“. inszenierte Subjektivität. Fink, München 1987, ISBN 3-8252-1474-5
  • Christian Schuldt: Selbstbeobachtung und die Evolution des Kunstsystems. Literaturwissenschaftliche Analysen zu Laurence Sternes „Tristram Shandy“ und den frühen Romanen Flann O’Briens. Transcript, Bielefeld 2005, ISBN 3-89942-402-6
  • Horst Strittmatter: The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman. In: Kindlers neues Literatur-Lexikon. Band 15. S. 968ff.
  • James A. Work: Laurence Sternes „Tristam Shandy“. In: Willi Erzgräber (Hrsg.): Interpretationen Band 7 – Englische Literatur von Thomas Morus bis Laurence Sterne. Fischer, Frankfurt a. M. et al. 1970, S. 317–342.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Norbert Kohl: Die Struktur des Tristram Shandy. In: Laurence Sterne: Tristram Shandy. Insel, Frankfurt 1982, ISBN 3-458-32321-X, S. 695
  2. Norbert Kohl: Die Struktur des Tristram Shandy. In: Laurence Sterne: Tristram Shandy. Insel, Frankfurt 1982, ISBN 3-458-32321-X, S. 706
  3. Laurence Sterne: Tristram Shandy. Insel, Frankfurt 1982, ISBN 3-458-32321-X, S. 83 (deutsch), S. 698 (englisch)
  4. Zitate zum Buch bei galiani.de, abgerufen am 27. Februar 2012
  5. Wilhelm Robert Richard, Lawrence Marsden Price: Laurence Sterne and Goethe. University of California Press, Berkeley, ohne ISBN, S. 33, online
  6. Friedrich Nietzsche über Sternes Roman: Der freieste Schriftsteller aller Zeiten, abgerufen am 26. Februar 2012
  7. Wolfram Mauser, Joachim Pfeiffer (Hrsg.): Lachen. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, ISBN 3-8260-3319-1, S. 204, online